MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Unterbelichtet

Text Christoph Wagner
Ausgabe 02/2006
Ich könnte dem schon etwas abgewinnen, in einem Postwagon zu reisen: quer durch die Prärie, der Zug fährt Schritttempo, die Füße baumeln im warmen Fahrtwind, im Eck der Tramperrucksack. Aber an einem frostigen Wintermorgen von St. Pölten nach Wien, unter den Schuhen ein zugiger Holzboden, der Arsch so lange auf eisigen Metallrohren geparkt, bis seine Backen für den Rest des Tages kalt und taub waren? Da verlieren Postwagons ihre Romantik.
Ich weiß gar nicht mehr, welche Stimmung in so einer „ÖBB-Situation“ adäquat ist. Ich habe schon jede Mischung aus verärgert, zynisch, explosiv und meditativ durch. Wirklich geholfen hat keine. Wenigstens hatte der Schaffner diesmal so viel Selbsterhaltungstrieb, die Leute im Postwagon nicht nach ihren Fahrkarten zu fragen. Ich hätte sonst für nichts garantieren können. Fahrpreis zurück verlangen? Bitte, man zahlt für´s Mitfahren. Ein bequemer Sitz ist nur eine Laune des Bahnfahrerschicksals an einem seiner besseren Tage. Wenn der Zug dann auch noch zirka pünktlich ist, zusätzlich die Heizung so funktioniert, dass der Wintermantel zwar abgelegt werden kann aber trotzdem keine Saunastimmung aufkommt, und als Draufgabe das Thrombosengefühl in den Beinen aus bleibt, weil es so etwas wie Fußfreiheit gibt, ja dann: scheint einem eh schon die Sonne aus dem Arsch vor lauter Glück.
Weil uns das Schicksal aber selten gut gesonnen ist, fordere ich alle Westbahnpendler auf:  Mails an mich! Sie werden gesammelt weitergeleitet bzw. veröffentlicht. Auch wenn es sonst nichts hilft, so glaubt mir eines: darüber schreiben macht es erträglicher.