MFG – Das Magazin – Von der Sucht Theater spielen zu müssen


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St. Pöltens gute Seite

Von der Sucht Theater spielen zu müssen

Text Andreas Reichebner
Ausgabe 03/2013

Etwas Bleibendes, mit Wert, vor allem künstlerischem – das wollte vor mittlerweile 30 Jahren eine Gruppe blutjunger, aber nicht minder theaterbesessener Jugendlicher rund um einen ebenso bühneninfizierten Gymnasialprofessor schaffen. Das Erstaunliche dabei, dieser damals leicht blauäugig naive Kunstwille positionierte Theater Perpetuum im Laufe der Jahrzehnte zu einem unverrückbaren Monolith in der St. Pöltner Kulturszene und sorgt jährlich für spannende und qualitativ vortreffliche Produktionen.

Im Herbst 1983 stand die kulturelle Sonne der damals noch nicht Hauptstadt, mit wenigen Ausnahmen, überwiegend tief – so ließ sie, frei nach Karl Kraus, auch vermeintlich kulturellen Zwergen abseits der wenigen „stadtlichen“ Kulturinstitutionen lange Schatten werfen. „Damals hat´s ja nix gegeben“, formuliert es Perpetuum-Gründungsmitglied Fritz Humer, „zwei Fernsehprogramme …“ Angesteckt von der Theaterleidenschaft ihres Deutsch- und Geschichteprofessors Bernhard Paumann, der am Gymnasium seinem Hang zum Theater durch das Installieren von Schulspielgruppen nachging, nahmen Schüler der Oberstufe und ehemalige Absolventen beim internationalen Jugendtheater­festival in Bad Radkersburg teil. „Der Berger Joschi, der Buchmayer Max, der Gerhard Egger und ich haben beim Bernhard schon in der Schule gespielt, dann beim Bundesheer ist mir der Gedanke gekommen, ob wir nicht bei dieser Aufführung mithelfen könnten“, so Humer. Die Aufführung von Franz Hohlers „Der Zwerg und der Riese“ wurde ein Erfolg. Das lose Theaterteam, u. a. auch mit Susi (Troll) Steigenberger und Heidi Scheibelreiter-Leppich, hatte Lunte gerochen.

Auf zur Namensfindung

„Im September haben wir uns in Bernhards Wohnung in der Josefstraße getroffen, um einen Namen für unser Theaterprojekt zu finden. Lauter Blödsinn ist dabei herausgekommen“, erinnert sich Humer. Professor Paumann  seinerseits weiß von einer „b´soffenen G´schicht im damaligen Gasthaus Bierbrunnen in der Wiener Straße.“ Historische Unschärfe hin oder her, nach ausgiebiger Diskussions- und Ideenfindungsarbeit stand am Schluss der Name „Perpetuum“ fest. „Das hat sicher auch damit zu tun gehabt, weil wir auf längere Zeit kulturell etwas bewegen und miteinander arbeiten wollten“, sieht Paumann die Gründungsszenerie vor drei Jahrzehnten. „Ohne Bernhard wäre das nicht gegangen“, streut Humer seinem ehemaligen Professor historische Rosen. Enthusiastisch und hochmotiviert ging man an die erste Produktion „Totentanz“ von Alois Johannes Lippl heran. Als größte Schwierigkeit zeigte sich dabei das Fehlen geeigneter Bühnenräumlichkeiten. „Wir konnten zwar im Hippolythaus proben“, so Humer, „aber sonst mussten wir bei den Aufführungsorten improvisieren.“ Ein spielstättisches Vagabundieren war in den ersten Jahren angesagt, ein Theater in Bewegung – so wurde „Totentanz“ am 16. Dezember 1983 in der Kapelle des Alumnats St. Pölten gegeben. Immer wieder durfte man zwar aufs Hippolythaus zurückgreifen, man spielte aber auch an wahnwitzigen Orten wie den Dobelhofteich in Baden, wo man in experimenteller und anarchistischer Art und Weise Homers „Odysee“ dramatisierte. Die FABRIK, zu dieser Zeit Österreichs größte Disco war ebenso Spielstätte wie das Theater im Museum, die Bühne im Hof, der Südpark, die ehemalige Synagoge, das Gasthaus Koll, das Kulturhaus Wagram, das einstige C2-Kino und die Passage im Zentrum der Stadt, so im Sommer 2009 ein sagenhaft gelungener „macbeth“ gespielt wurde.

Großer Aufwand
„Im Vergleich zu heute haben wir künstlerisch seinerzeit nicht so viel Aufwand betrieben“, weiß Humer um die unzähligen Stunden, die das Team nun für eine Produktion zu leisten hat.  Aber wir sind noch in den 80er-Jahren und es galt die Produktion „Marat/Sade“ zu besetzen. „Da hab ich die Schulspielgruppe mit Perpetuum zusammengespannt. Von diesen wollten dann einige weiter dabei bleiben, das hat sich so auf unkomplizierte Weise ergeben“, spricht Paumann über die zweite Phase „perpetuümlicher“ Entwicklung – dabei tauchten Namen wie Georg Wandl, Daniela (Panfy) Wandl oder Martin Freudenthaler auf. „Die Jungen wollten auf Augenhöhe mit den Alten spielen, da gab es nach dem Marat eine kurze Krise. Aber durch die natürliche Auslese sind nur Leute übriggeblieben, die Amateurtheater mit Anspruch machen wollten“, blickt Fritz Humer, der mit den Wandls jetzt so etwas wie die Nährzelle von Perpetuum darstellt, zurück. „Literatur, quer durch, in eine eigenständige, moderne Form bringen, das war auch meine Intention. Aus diesem gemeinsamen Wunsch hat sich in der Gruppe eine tiefe Freundschaft ergeben“, so Paumann. Da waren Unstimmigkeiten, wie sie sich nach der Eigenproduktion „Frankenstein“, einem körperorientierten, experimentellen Bewegungstheater, einschlichen, nur von kurzer Dauer. Paumann legte danach die hauptsächlich von ihm geleistete Regiearbeit zurück, läutete damit aber nach zehn Jahren eine entscheidende Phase in der künstlerischen Evolution der St. Pöltner Amateurtheatergruppe ein. Von nun an führten die Ensemblemitglieder abwechselnd selbst Regie. „Aber als Schauspieler wollte ich natürlich unbedingt dabei bleiben“, so Paumann, der Theaterspielen als „alten Sehnsuchts­traum“ definiert.

Verbindendes Element

Als verbindendes Element bei Theater Perpetuum etablierte sich eindeutig die Lust am Schauspiel. „Theater kann ich aus meinem Leben nicht streichen, das Spielen nicht missen“, spricht Humer, der im Alltag einen sehr zeitverschlingenden Job ausübt, auch für seine Theaterfreunde. „Ich bin kein Kabarettist, bevorzuge das Sprechtheater und das ist im Normalfall keine Einzelgeschichte, eher ein Konflikt zwischen handelnden Personen, und die habe ich hier gefunden.“ Auch wenn man sich über die Jahrzehnte unterschiedlich entwickelt, längst vom früheren gemeinsamen Urlaub Abstand genommen hat, „brauchen wir uns. Georg und ich etwa sind öfters unterschiedlicher Auffassung, aber als Künstler reiben wir uns positiv.“ Ohne Quotendruck zu agieren, findet Wandl „als einen Luxus. Theater Perpetuum bedeutet für mich, dass ich ohne Kompromisse das spielen kann, was ich gern am Theater machen will. Das hält auch unser Team zusammen. Wir müssen uns nicht verkaufen. Eigentlich ist es ja ein Hobby unter Beteiligung der Öffentlichkeit. Wenn dann noch Leute kommen und dafür bezahlen, ist das sehr schön.“ Über die Jahre stießen immer wieder theaterinteressierte Leute dazu. „Bernhard hat daneben experimentelle Geschichten gemacht, von diesen Gruppen sind immer wieder Jüngere, wie Alex Donhofer, Raffaela Ofner oder Matthias Buchinger zu uns gekommen. Viele, die einfach gern spielen, sind zu uns gestoßen, haben uns gefragt, so wie der Huber Heimo, die Denk Susi, Daniela Freudenthaler oder der Alex Kuchar, ob sie Rollen übernehmen können. Wenn passende Rollen da sind, gibt es das jetzt noch“, erklärt Humer. Sicher ein gewichtiger Grund, warum aus einer Schülergruppe über die Jahre eine aus dem St. Pöltner Kulturgeschehen kaum wegzudenkende und vor allem Bestand habende Kunstinstitution geworden ist. 46 Produktionen mit rund 350 Vorstellungen in St. Pölten und Umgebung, Gastspiele in ganz Österreich und in Deutschland zeugen davon.

Ständig Qualität gesteigert
„Wir haben dabei ständig unser Qualitätslevel erhöht, ein wichtiger Cut für die Gruppe war dabei The Black Rider, eine äußerst aufwändige Produktion, wahnsinnig teuer, für uns eine enorme mentale Belastung. Theater Perpetuum hat als erste freie Gruppe die Aufführungsrechte aus New York erhalten“, schildert Humer, der sich im Frühjahr 2000 oft mit dem gesamten Team die Frage stellte: „Wie soll das gehen?“ Aber es ging – die Geschichte von Robert Wilson, Tom Waits und William S. Burroughs wurde ein großer Erfolg. Danach war nichts mehr wie vorher. „Nie wieder wollten wir zurück auf ein niedrigeres Level, alles sollte ab da besser werden. Zugegeben, es ist uns nicht immer geglückt, aber wir haben unser Niveau entschieden angehoben.“ Dieses vortreffliche Niveau führte 2002 schließlich dazu, dass Theater Perpetuum von der Kulturverwaltung der Stadt St. Pölten mit dem ehemaligen Forum-Kino eine ideale Spielstätte zu Verfügung gestellt bekam. „Es ist zwar immer noch mehr oder weniger provisorisch, aber wir sind sehr froh, die Räumlichkeiten hier bespielen zu können“, so Humer und Wandl. Wie läuft das typische Prozedere einer Perpetuum-Produktion ab? „Nach einem abgespielten Stück kommt einmal die Erschöpfungsruhe, dann kommt eine neue Stückidee. Wir setzen uns zusammen, es wird demokratisch diskutiert und abgestimmt, in der Regel das Stück auch angenommen. Ein Regisseur wird bestimmt, trägt die künstlerische Produktion, da ist es dann vorbei mit der Demokratie. Thomas Gallhuber kümmert sich in Absprache mit dem Regisseur um das Bühnenbild und die technische Ausstattung, die administrativen Aufgaben werden auf die Gruppe aufgeteilt, Kostüme, Kleinkram, Buchhaltung, Förderansuchen, Presse usw.“ Dabei erwischt es meist die üblichen Verdächtigen. Nach dem Stück hört die Diktatur wieder auf und es beginnt alles von vorne.“ An einer Theaterproduktion hängen 2000 von ca. 15 Leuten geleistete Personenstunden dran, 30 Proben werden abgehalten und gespielt wird für Gottes Lohn. „Es gibt kein Geld, daher gibt es auch keinen Streit“, für Humer ein weiteres Element für die Dauerhaftigkeit des Theaterprojektes.

Als freie Gruppe definiert
Abseits des Begriffes Laientheater, „da stellt es mir die Haare auf, die Landjugend macht einen Schwank, der Lehrer, der Wirt und der Pfarrer auf der Bühne …“ ist auch die Bezeichnung Amateurtheater für Perpetuum nicht annähernd ausreichend, da passt freie Gruppe schon eher. „Freie Gruppe ist ein ehrenhafter Ausdruck, aber wir können mit Amateurtheater auch leben“, gibt sich Fritz Humer bescheiden. Von der professionellen Kulturszene wird man sehr wenig oder gar nicht wahrgenommen. „Natürlich würden wir uns freuen, wenn wir da mehr Aufmerksamkeit erhalten würden – der ehemalige Intendant des Festspielhauses Michael Birkmeyer hat einmal ein Stück zur Hälfte gesehen, die frühere Landestheaterchefin Isabella Suppanz zwei. Aber geärgert hat mich das vor 20 Jahren, jetzt sind mir die Reaktionen des Publikums, und wir haben ein denkendes und reflektierendes, wichtiger!“ Mit über 1000 Zuschauern Jahr für Jahr hat man in St. Pölten großen Stellenwert erlangt. Premieren sind in Windeseile ausverkauft. „Wir hätten damals als 18-, 19-Jährige nie zu hoffen gewagt, dass wir 30 Jahre später so großen Beifall erleben würden und noch gemeinsam Theater auf dieser Qualitätsstufe spielen. Was uns nach so vielen Jahren noch zusammenhält, ist, dass wir uns immer wieder neuen Herausforderungen stellen. Theater Perpetuum hat Eigenproduktionen, deutschsprachige Erstaufführungen und Uraufführungen gemacht, unsere neueste Produktion, der Mystery Thriller ,Sherlock Holmes und das Geheimnis des Illusionisten‘ ist ein Stück, das von Thomas Fröhlich extra für uns geschrieben wurde, erstmals auch mit externer Regie. Was können wir für uns noch anders machen? Der Anspruch immer besser zu werden, geht irgendwann nicht mehr.“ Nur reproduzieren, was ohnehin läuft, möchte Georg Wandl aber nicht. „Ich bin unruhig, wenn wir uns pro Stück nicht wenigstens in einem Aspekt weiterentwickeln. Auf die sichere Variante zu greifen, ist nichts für mich.“ Und so wird Perpetuum weiter seinen grandiosen Weg gehen. Wie sagt Paumann so trefflich über die Befindlichkeit bei jeder neuen Premiere: „Zittern musst wie ein „Lampeschwaf“, dann der Applaus und die Sucht fängt wieder von Neuem an.“


Stückografie 1983-2013
Totentanz (1983) • Kein Platz für Idioten (1984) • Ritter Unkenstein (1984) • Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Gruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade (1985) • Die Odysee (1986) • Die Ballade vom großen Makabren (1986) • Das Wunder von Wien (1987) • Die Fliegen (1987) • Der Rest ist Schweigen (1988) • Rip van Winkle (1988) • Das Lied vom Soldaten (1989) • Die Kurve • Das Möbel + der Schalter (1989) • Bernarda Albas Haus (1989) • Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter (1990) • Liebungen (1990) • Mit der Faust ins offene Messer (1990) • Sommer-Nacht-Traum (1991) • Michelangelos Känguruh (1991) • Frankenstein (1992) • Mitsommernachts-Sexkomödie (1993) • Aus dem Leben Hödlmosers (1994) • Kneiernzuck (1995) • Herz und Leber, Hund und Schwein (1996) • Fremde Federn. Lauter Lieder (1997) • Der Spitzel (1998) • Einen für unterwegs (1998) • Nach Moskau! B Mockby (1999)• The Black Rider (2000) • Kunst (2001) • Atemnot (2002) • Pogrom. Der Wirtschaftsthriller (2002) • Der Messias (2003) • Der Kontrabass (2004) • Dreck (2004) • In the kitchen (2004) • Hotel zu den zwei Welten (2005) • Frohes Fest (2005) • Elling (2006) • Jacobowsky und der Oberst (2006) • Der Beweis (2007) • Der Kuss der Spinnenfrau (2008) • In Memoriam George Tabori (2008) • Macbeth. Hexenfluchmörderwahn. Shakespearematerial (2009) • Perpetuum liest Weihnachten (2009) • Wir spielen ja hier keine Blockbuster (2010) • Worte.Stimmen. Das 20. Jahrhundert in Gedichten (2011) • Die Nervensäge (2012) • Sherlock Holmes und das Geheimnis des Illusionisten (2013).

30 Jahre Perpetuum

Theater Perpetuum spielt„Sherlock Holmes und das Geheimnis des Illusionisten“ – ein Kriminalstück in drei Akten von Thomas Fröhlich. Zu sehen bis 23. März 2013, jeweils am Freitag und Samstag, 20:00 Uhr, ehemaliges Forumkino, Kranzbichlerstraße 18, 3100 St. Pölten. Zum 30-jährigen Jubiläum ist ein Theater Perpetuum Buch erschienen. www.perpetuum.at