MFG – Das Magazin – Charly und die Katharsis


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St. Pöltens gute Seite

Charly und die Katharsis

Text Andreas Reichebner
Ausgabe 12/2012

Er zeigt sich für einen exquisiten Konzertzyklus verantwortlich, ist immer auf der Suche nach musikalischen Gefährten, lädt zeitgenössische Komponisten ein für ihn Stücke zu schreiben, fordert sich selbst immer wieder auf der Bühne heraus und bereist allein, zu zweit oder gemeinsam mit den Wiener Instrumentalsolisten alle Frauen und Herren Länder – und unterrichtet Schüler in Sachen Klavier – Karl „Charly“ Eichinger.

Eigentlich hätte Karl „Charly“ Eichingers musikalische Karriere schon kurz nach ihrem Beginn enden sollen. Vorgesehen (als der Älteste von fünf Geschwistern) für die Übernahme des elterlichen Bauernhofes in einem kleinen Dorf nebst Zwettl stand seine bäuerliche Laufbahn bereits in sein Lebensschicksal geschrieben. Doch es kam anders. „Charly“ entdeckte am Bischöflichen Seminar in Zwettl die Leidenschaft fürs Klavierspiel. „Ich war nicht sportlich, da habe ich halt das Klavier in meiner Freizeit gefunden“, erzählt Eichinger über seine Anfänge am Tasteninstrument. Mit unglaublicher Faszination und kindlicher Lust und Freude ging er an die Musikausübung heran.
Und dann die Tragödie in seiner Familie. Plötzlich und unerwartet soll er als 17-Jähriger den elterlichen Hof übernehmen, aber er entscheidet sich nach der Matura für seine Liebe zum Klavier. Eine Zeit, über die das Reden noch immer Schmerzen bereitet und von der er nicht mehr sprechen will.
Über die Musikschule Zwettl, das Konservatorium und die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Wien gelangt er zu jener Meisterschaft, die ihn nun auszeichnet. „In der Ausbildung gab es natürlich viele Mainstreams, wie Bach, Liszt oder Gershwin“, so Eichinger, der sich dieser bedient, aber auf seine Art. Da er auch Jazz studierte, verbindet er Jazz und Klassik immer wieder miteinander. „Jazz liegt mir sehr, die Expressivität der Musik, die rhythmische Vielfalt, da steckt viel Kraft und Virtuosität dahinter“, beschreibt Eichinger, der bei seinen CD-Produktionen aber auch einen gewissen Pragmatismus einsetzt. „Beethoven lässt man eher dem Buchbinder, Komponisten wie Mozart sind zigmal eingespielt, man muss schauen, was man machen kann.“ Seine letzte, bei Preiser Records, einem renommierten Label in Wien, herausgekommene CD „Im Cosmos der Romantik“ mit der St. Pöltner Sopranistin Elisabeth Linhart birgt Liszt und Wagner-Lieder. „Das ist natürlich auch ein Blick auf das kommende Wagner-Jahr“, formuliert Eichinger seine künstlerischen Intentionen nüchtern.
Seine große Liebe gehört aber den Komponisten der zweiten Wiener Schule wie Alban Berg. In seiner ersten Solo-CD „Klingende Menschenbilder“ beschäftigt er sich neben Liszt und Schumann mit dem herausragenden österreichischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Viele Ö1-Einsätze zeugen von der gelungenen Umsetzung seines musikalischen Steckenpferdes. Sein Blick ins letzte Jahrhundert stößt aber auf keine zeitlichen Grenzen. Immer wieder lädt er zeitgenössische Tonkünstler ein, für ihn Musikstücke zu kreieren, wie etwa den St. Pöltner Musiktitan Helmut Scherner.

Kein musikalischer Eremit. „Es bereitet mir enorme Freude, mit anderen Musikern gemeinsam etwas zu schaffen“, erzählt Eichinger über seinen Drang mit unterschiedlichen Künstlern kreative Projekte zu gestalten, ob es  sich nun um Literaten wie Lotte Ingrisch, die Ö 1 Moderatorin Irene Suchy,  Sänger wie Chiara Ursino, Elisabeth Linhart oder Musiker wie Helmut Scherner handelt. Karl Eichinger verfängt sich nicht in einem eremitischen Musikanspruch.
So verhält es sich auch bei einem seiner erfolgreichsten musikalischen Abenteuer: Als Pianist des Ensembles „Wiener Instrumentalsolisten“ musiziert er mit Musikern der Volksoper, der Wiener Symphoniker sowie des Bühnenorchesters der Wiener Staatsoper. Tourneen führten den Klangkörper schon in vier Kontinente! Dieses weltweite musikalische Botschaftertum sowie sein Wirken als Musikpädagoge am BRG/BORG St. Pölten brachten ihm bereits das Silberne Ehrenzeichen der Republik Österreich ein.

Arbeit mit Jugendlichen. Etliche Schüler hat er schon unterrichtet, gibt seine Erfahrung weiter. Eine besondere Herausforderung sei der öffentliche Auftritt „Da oben auf der Bühne bist du dir selbst überlassen, da bist du der einsamste Mensch. Der solistische Bereich ist die totale Herausforderung, da hilft nur optimale Konzentration, konsequente Vorbereitung und Intuition. Aber wenn der Funke überspringt, die Leute mitgehen und es trotzdem ganz leise wird, und zum Schluss der Applaus brandet, dann ist das die größte Genugtuung.“
Dies versucht er seinen Schülern näher zu bringen, „wie erfüllend künstlerische Betätigung sein kann.“ Für ihn persönlich ist sie „Ausdruck von Gefühlen mit Hilfe von Tönen auf Grundlage einer Komposition“.
Zugleich ist sie für den sinnlichen Menschen auch eine Art Gegenentwurf bzw. ein Stemmen gegen eine zunehmend allgemein konstatierbare Verflachung des Lebens. „Das Typische, die Typen sind nicht mehr so da. Die nicht Angepassten, das Zeitkritische, alles verschwindet schön langsam im Mainstream. Alles geht in die Breite und nicht in die Tiefe.“ Das sieht er, dessen Vorbild Friedrich Gulda noch die Aura eines unverwechselbaren Genies ausstrahlte, im Übrigen auch im Schulwesen. Dieser Verflachung versucht der Waldviertler entgegen zu wirken. Denn für „Charly“ Eichinger ist die musikalische Auseinandersetzung mit seinem Lebensinstrument „eine Art Katharsis, innere Reinigung“, die er mit Hingabe, Intelligenz und Genauigkeit ausführt. Diese Gewissenhaftigkeit legt er auch als Kurator eines Konzertzyklus im Antiquitätenzentrum Renz in Kreisbach an den Tag
 
Festspielhaus. Eichinger hat schon Konzerte im In- und Ausland, u.a. bei den Bregenzer Festspielen, bei den Wiener Festwochen, beim Klangbogen Wien uvm.  absolviert. Nun ist auch ein erster Auftritt im Festspielhaus St. Pölten in Planung – mehr will Eichinger aber noch nicht verraten.