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St. Pöltens gute Seite

St. Pöltner Frauenbilder

Text Anne-Sophie Müllner
Ausgabe 03/2014

Die Vision des Feminismus ist nicht eine „weibliche Zukunft“. Es ist eine menschliche Zukunft. Ohne Rollenzwänge, ohne Macht- und Gewaltverhältnisse, ohne Männerbündelei und Weiblichkeitswahn. Sagte Johanna Dohnal, die Ikone der österreichischen Frauenbewegung, vor ziemlich genau zehn Jahren. Wie viel von dieser Vision bereits Wirklichkeit geworden ist, hier in der Kleinstadt St. Pölten, erzählen Frauen, die da ihre Spuren hinterlassen (haben).

Und zwar die unterschiedlichsten Spuren. Denn Lebensplanung und Lebensläufe lassen sich nicht so einfach am Geschlecht festmachen, glücklicherweise nicht mehr. Frauen haben unterschiedliche Weltansichten, unterschiedliche Interessen – und können diese dank der „Vorarbeit“ starker und durchsetzungskräftiger Ahnen jetzt auch aus- und erleben (siehe Kasten „Historie“). Das ist noch nicht lange selbstverständlich. Die Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Ehe wurde erst vor etwa einer Generation, in der Familienrechtsreform 1975, Gesetz. Seit 1919, also seit der Jugendzeit unserer (Ur)Großmütter, dürfen Frauen wählen gehen. Und „waren ‚wahnsinnig’, wenn sie damals studiert haben“, weiß St. Pöltens Frauenbeauftragte Martina Eigelsreiter. Sie kennt die „starken Frauen“ der Stadt, im vorigen Jahrhundert Vorreiterinnen für eine Gleichstellung mit den Männern, sie führt zu deren Spuren im Rahmen von Themenspaziergängen. Etwa zu Maria Emhart, 1901 als Maria Raps geboren in die Armut eines Proletarierhaushalts. Emhart engagierte sich als Betriebsrätin, war 1932 erste St. Pöltner Gemeinderätin und nach zahlreichen Schicksalsschlägen einzige weibliche Landtagsabgeordnete. Oder Pauline Wimmer, VP-Gemeinderätin nach 1945 und Leiterin des weiblichen Rot-Kreuz-Hilfsdienstes. Oder Dr. Rosa Kubin, erste Schülerin im St. Pöltner Bubengymnasium, die ihre akademische Laufbahn dank ihrer und der Hartnäckigkeit ihres Vaters ab 1925 erkämpfte. Jetzt, 90 Jahre später, gibt es mehr Maturantinnen als Maturanten, Mädchen stehen alle Bildungs- und Berufs-wege offen. Wenn sie diese nutzen – und wenn sie aus einem gesellschaftlichen Umfeld kommen, das Bildung als erstrebenswert ansieht.

Wozu braucht’s dann noch Frauenpolitik?
Also rein rechtlich wär damit ja alles paletti mit der Chancengleichheit von Mann und Frau. Die Praxis sieht allerdings anders aus. Wenige Frauen sind in führenden Jobs zu finden, wenige Männer führen den Haushalt und betreuen Kinder. Trotz der bemühten Angebote und Initiativen aus der Politik: Papa-Monat, Elternkarenz und bessere Betreuungsangebote für Kleinkinder werden zögerlich genutzt, sind ideologisches Dogma, können die Mehrheit nicht aus über Generationen überlieferten Rollenbildern fallen lassen. Dazu kommen natürlich die ökonomischen Rahmenbedingungen, die den Männern das Leben leichter machen: Laut Statistik Austria verdienen Männer durchschnittlich um ein Drittel mehr, andrerseits gehören zur einkommensschwächsten Gruppe (unter 712 Euro) rund 14 Prozent der erwerbstätigen Frauen, aber nur sechs Prozent Männer. Dass dagegen etwas getan werden muss, sind sich St. Pöltner Frauenorganisationen aller weltanschaulichen Richtungen einig und treten als Frauenplattform seit 1992 gemeinsam bei Aktionstagen wie dem Equal Pay Day oder dem Tag gegen Gewalt an Frauen auf. „Wir haben schon viel bewegt, haben dabei oft gehört ‚Schaut Euch die deppaten Weiber an‘“, sagt Stadträtin Renate Gamsjäger.
In St. Pölten gibt es zahlreiche Einrichtungen, die benachteiligten Frauen helfen, sich in die Gesellschaft zu integrieren, etwa das Frauenzentrum als niederschwellige Einrichtung, das Haus der Frau, das Gewalt-Opfer aufnimmt, ein Frauenwohnheim. Und die Stadt leistet sich das Büro für Diversität, die österreichweit einzige Verwaltungsstelle für Integration, Menschen mit Behinderung und, ja, Frauen.
„Wir wollen Chancengleichheit ermöglichen“, sagt Leiterin Martina Eigelsreiter, denn „Diskriminierung gibt es noch immer, das ist ein gesellschaftspolitisches Problem.“
Die österreichische „Macht-Expertin“ Elfriede Bauer-Jelinek sieht das anders: „Halbe-Halbe ist gescheitert – die zwanghafte Gleichverteilung überfordert Frauen wie Männer“, schreibt die Autorin, und: „Der aktuelle Feminismus ist ein Rückschritt – er bedroht den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.“

Ist der Feminismus überholt?
„Wir erleben einen Backlash – Feministinnen sterben aus“, sagt Liesl Höfinger-Hampel. Für die Frauenexpertin gibt es dafür vier Gründe: Einerseits ist das Patriarchat so mächtig, dass es sich durchsetzt. Außerdem ist es für Frauen nach wie vor mühsam, alle Herausforderungen im Leben unter einen Hut zu bringen, es ist viel einfacher, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Dieser Entwicklung kommt entgegen, dass Menschen heutzutage öfter den Job wechseln: „Frauen, die länger bei ihren Kindern zu Hause bleiben, hoffen daher, dass sie nach der Karenz leichter wieder wo unterkommen“, begründet Höfinger-Hampel. Und zusätzlich habe die Karriereleiter für viele Frauen nicht die Anziehungskraft, die sie für Männer hat: „Schuld ist meist die Sozialisierung der Frauen.“ Dann gibt es noch viele junge Frauen, die nicht glauben, dass es einen Unterschied macht, ob sie als Mann oder Frau weiterkommen wollen: „In der Schule oder im Studium sind Mädchen und Buben gleichberechtigt. Heikel wird’s, wenn es um Anstellung und Aufstieg im Job geht. Da machen dann die Männerbünde und Netzwerke den Frauen den Aufstieg schwer“, so die pensionierte Lehrerin, selbst vierfache Mutter. Wie hat sie das geschafft in den 1960er und 70er-Jahren, Job, vier Kinder, ein vielbeschäftigter Politiker als Mann? „Mit viel Organisation, Einteilung, mit Netzwerken – und die Schule ist schon sehr familienfreundlich.“
Auch Hermine Binder, ebenfalls Vierfachmutter und Frauenunterstützerin, unterstreicht die Aussagen ihrer Generations-Kollegin und sieht in der Gesellschaft eine Rückentwicklung: „Vor 50 Jahren hat sich mehr getan für Frauenanliegen“, sagt sie. „Johanna Dohnal war da eine wichtige Frau, hat die Sachen auf den Punkt gebracht und bis zum Gesetz durchgezogen.“ Jetzt gehe vieles in die falsche Richtung, sei unterschwellig frauenfeindlich. „Die Strukturen sind nach wie vor Männer dominiert und bei der katholischen Kirche kommt die Angst vor Frauen dazu.“ Viele Frauen würden leider nicht mehr um ihre Rechte kämpfen, „das hat mit Bequemlichkeit zu tun.“
Außerdem „ist Feminismus derzeit uncool“, bestätigt St. Pöltens Frauenbeauftragte Martina Eigelsreiter. Medien tun das Ihre dazu. Hübsch geschönte Klischee-Bilderl in Girlie- und Frauenzeitschriften lassen Mädels vom Prinz auf dem weißen Schimmel träumen, der sie ins Paradies holt: „Das sind Fluchtgedanken, das ist die Sehnsucht der Frauen, aus der Leistungsgesellschaft auszubrechen.“ Paradies und Prinz existieren allerdings nur im Märchen oder im Fernsehfilm, die Realität schaut anders aus.

Eine Vielfalt an Lebensrealitäten
Frauenwelten sind vielgestaltig, quer durch die Geschichte. Das zeigt Kuratorin Elisabeth Vavra derzeit in der Ausstellung „Frauenleben“ im Landesmuseum (siehe Artikel „Auf den Spuren der Frauen“). Erfüllte Frauenleben heutzutage sind wohl auch individuell geplant. So wie die dieser St. Pöltnerinnen aus mehreren Generationen.

Maida Schuller
Studentin. Es gibt sie noch in der jungen Generation, die Kämpferinnen für Frauenrechte. Wie zum Beispiel FH-Studentin Maida Schuller. Ihr Studium finanziert sie sich aus eigener Kraft – mit einem Job im Cinema Paradiso. Die 20-Jährige ist seit mittlerweile sechs Jahren politisch aktiv, gehört auch dem Vorstand der Sozialistischen Jugend St. Pölten an, engagiert sich dort besonders für frauenpolitische Aktivitäten. Derzeit setzt sie sich für die Einführung von Selbstverteidigungskursen für Mädchen in den Schulunterricht ein. „In Österreich hat etwa jede vierte Frau zwischen 16 und 85 Jahren im Schnitt zumindest einmal im Leben körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren. Daraus leitet sich ein gesellschaftlicher Auftrag ab: Wir müssen Mädels auf den Ernstfall vorbereiten“, ist Maida sicher. Und: „Diese Maßnahme kostet keinen Cent, weil die ohnehin budgetierten Sportstunden für die Kurse genutzt werden könnten.“ Für ihr weiteres Leben hat Maida konkrete Pläne: Zuerst will sie ihre Ausbildung abschließen und mit dem Start ins Berufsleben auf eigenen Beinen stehen. Erst dann käme eine Familienplanung in Frage, so die selbstbestimmte junge Frau.

Hermine Binder
Vierfachmutter, Hausfrau, engagierte Frauenunterstützerin. Die gelernte Pastoralassistentin und Mutter von vier Töchtern hat sich ehrenamtlich engagiert, nachdem ihre Kinder sie losgelassen haben. „Ich brauch Frauen, ich fühl mich wohl unter Frauen.“ Hermine Binder hat viel für Geschlechtsgenossinnen getan, zum Beispiel eine gratis Kinderstube in der Franziskanergasse organisiert. „Da haben Mütter ihre Kinder abgeben können, wenn sie einkaufen oder zum Arzt gegangen sind.“ Dann kam das Haus der Frau, gegründet von der Frauenbewegung, in dem Hermine Binder auch Nachtdienste gemacht hat: „Mit Kindern ist man einseitig gefragt, das war sehr wichtig, dass ich rausgegangen bin.“ Bei ihren Töchtern ist das anders: „Die bringen Familie und Job unter einen Hut.“ So gut, dass der dreijährige Enkel der Oma erklärt hat, dass er zu Hause einmal nicht so viel arbeiten will wie sein Papa. Die sportliche und junggebliebene Hermine Binder hat einen genau definierten Teil der Hausarbeit an Pensionisten-Gatten Herbert abgetreten, geht mehrmals in der Woche tanzen, und es ist ihr bewusst, dass eine stabile finanzielle Situation und die richtige Berufswahl viel zu einem gelungenen Frauenleben beitragen.

Elfriede Mikesa
Witwe mit zwei Söhnen. Schon früh im Leben hatte Elfriede Mikesa mit Schicksalsschlägen zu kämpfen. Als Witwe von zarten 25 Jahren und mit zwei Buben im Alter von vier und acht Jahren hat es heutzutage niemand leicht, aber in den 60er Jahren war es beinahe unmöglich. „Ich hatte das Glück, dass meine Schwiegereltern mir immer den Rücken gestärkt haben.“ Über Frauenbewegungen und Feminismus hat sie sich aber nie Gedanken gemacht: „Das sind jetzt keine Begriffe, mit denen ich etwas anfange. Aber Feministin bin ich wahrscheinlich schon. Ich hatte auch gar keine andere Wahl, als mich durchzusetzen.“ Eine Veränderung in der Gesellschaft bemerkt sie allerdings täglich: „Ich habe immer in der Innenstadt gewohnt und viel kommen und gehen gesehen. Heute können Frauen grundsätzlich alles, was Männer können. Ich habe früher ohne Mann nicht einmal ordentliche Auskünfte bei der Bank oder den Ämtern erhalten, geschweige denn allein ins Kaffeehaus gehen können.“ Was sie sich noch wünscht – Respekt, ohne darum kämpfen zu müssen.

Susanne Kysela
Top-Politikerin, die ihre Karriere beendet hat. Die kinderlose ehemalige Vize-Bürgermeisterin hat sich aus privaten Gründen aus dem Polit-Leben zurückgezogen. Typisch Frau? „Für mich ist der Vorzug von privatem Glück gegenüber einer beruflichen Spitzenposition sicherlich nicht frauenspezifisch“, sagt sie, „es ist eher das Setzen von persönlichen Prioritäten.“ Zu einem erfüllten Leben zählt für Susanne Kysela in erster Linie Gesundheit. Und sie glaubt nicht, dass es hundertprozentige Chancengleichheit jemals geben wird: „Weil es die Natur nicht vorgesehen hat, weil Frauen körperlich einfach für manches nicht geschaffen sind, weil sich das gesellschaftliche Denken nur langsam ändert.“ Bessere Rahmenbedingungen für Frauen und Netzwerke sind freilich notwendig, Frauenquoten nützen nur, wenn Frauen führende Positionen auch anstreben: „Leider fehlt manchmal der Mut und oftmals der Biss für die Herausforderung. Da ist der Partner, der nicht einverstanden ist oder es sein könnte, die Kinder, die ihre Mutter brauchen oder das schlechte Gewissen.“

Branka Kovacevic
Verheiratet, zweifache Mutter, vorübergehend Reinigungskraft. „Ich will die Kinder nicht alleine lassen“, sagt die 30-jährige Handelsschulabsolventin, „darum beiß ich die Zähne zusammen und geh zwei Jahre putzen, bis meine Söhne auch am Nachmittag die Schule oder eine Betreuungseinrichtung besuchen können.“ 13 Stunden am Tag arbeitet die in Österreich geborene serbisch-stämmige Branka Kovacevic: „Mein Mann ist in Serbien bei seinen Großeltern aufgewachsen, dort haben Frauen schon einen anderen Stellenwert.“ Dass sich ein Vater mit seinen Kindern beschäftigt, dafür haben andere Männer kein Verständnis, das ist nicht üblich. Branka Kovacevic ist anders erzogen, sie fühlt sich gleichberechtigt, hat ihren Freiraum in der Ehe, genau so wie ihr Gatte: „Den Geschirrspüler räumt aus, wer gerade Luft hat“, und auch mit den beiden Söhnen verbringt der gelernte Dachdecker viel Zeit. Toleranz ist Branka Kovacevic wichtig, „man kann ja alles ausdiskutieren“, und dass Frauen dank ihrer Ausbildung auf eigenen Beinen stehen können: „Das gibt Sicherheit, dass ich mich und meine Kinder durchbringen kann.“ Was sie schätzt: „Heutzutage gibt es Gott sei Dank viele Organisationen, die Frauen helfen, wenn sie Unterstützung brauchen.“

Petra Meyer

Mutter und Managerin. „Ich hab schon wichtigere Probleme gehabt, als darüber nachzudenken, ob ich ein Weiberl oder Manderl bin“, sagt Petra Meyer. Zum Beispiel damals, als sie als alleinerziehende Mutter ihr Studium aufgeben und von 470 Euro im Monat leben musste: „Das hat mir meine Ängste aufgezeigt.“ Zielgerichtet hat sie ihr Leben in die Hand genommen, lebt jetzt mit ihrem Mann, ihrem 13-jährigen Sohn aus einer früheren Beziehung und ihrem Vater zusamen und leitet ein Unternehmen mit 37 Mitarbeitern – 30 davon sind Männer. Wie natürlich auch viele Kunden der ATC Metallwelt. Deren Geschäftsführerin verbraucht wenig Energie für Dinge, die sie ärgern, arbeitet daran, „worum es wirklich geht.“ Im Job zum Beispiel um ein gemeinsames Ziel, zu dem sie ihre Ideen beisteuert, dann macht jeder das, was er am besten kann, mit „Überblick“ der Chefin. Petra Meyer sind Respekt vor anderen, Selbstbestimmung und Gleichstellung wichtig, „das ist möglich, hängt nur von den Gehaltsverhandlungen ab.“ Dass ihr Geschlecht sie nicht differenziert, hat sie von ihrer Mutter mitbekommen: „Sie hat genauso Ziegel geschupft wie Kuchen gebacken.“ Frauen, die nicht die Energie der sportlichen Managerin haben, rät Petra Meyer: „Heraussteigen aus dem Sumpf der Schuldgefühle, Hilfe holen, nichts offen haben auf dieser Welt.“

Brigitte Schlögl
Managerin. Brigitte Schlögl steht ihren Mann: Ein Satz, den die Geschäftsführerin des Landesmuseums gar nicht gerne hört. Sie ist sich sicher: „Das Wichtigste für jeden Menschen ist es, authentisch zu bleiben. Eine Frau ist kein Mann, wird es nie sein und soll es auch nicht sein.“ Man müsse sich nicht wie ein Mann kleiden und gebärden, um den Job zu machen, den man möchte. „Ganz im Gegenteil: Ich darf bitte orange tragen. Es laufen schon zu viele im schwarzen Anzug herum“, konstatiert sie selbstbewusst. Sie ist mittlerweile seit 25 Jahren in Führungsebenen tätig und hat vieles in der Geschäftswelt schon erlebt. Wie arbeitet es sich so in den österreichischen Führungsriegen, die nach wie vor eine Männerdomäne darstellen? „Man braucht als Frau vielleicht einen längeren Anlauf, um akzeptiert zu werden. Ist die Akzeptanz aber einmal da, gibt es kein Problem mehr. Frauen haben ihre eigenen Stärken in der Geschäftswelt, die sie auch ausspielen müssen. Ich habe in meiner ganzen Karriere noch nie erlebt, dass ich von einem Mann abgedrängt wurde. Am Ende des Tages geht es um Leistung“, fasst sie ihre Erfahrungen zusammen. Als Karrierefrau würde sie sich selbst nicht bezeichnen, das dürfen gerne andere tun. Schlögl sieht ihren Werdegang pragmatisch: „Ich habe immer das getan, was der nächste logische Schritt war. Ich habe die meisten Positionen, in denen ich war, selbst geschaffen und daher gab es auch nie einen Gehaltskonflikt mit einem männlichen Kollegen. Ich habe verlangt, was ich das Gefühl hatte, wert zu sein. Frauen müssen aufhören, tief zu stapeln und auch für das einstehen, was ihnen zusteht. Da muss ich mich selbst auch bei der Nase nehmen.“ Die vorsichtige Herangehensweise an die eigene Karriere sei der große Hemmschuh einer Frau. „Vielleicht liegt es doch am Testosteron“, schmunzelt Schlögl. Ob sie auch dort stehen würde, hätte sie Familie, fragt sie sich nicht. Für sie war es keine Entscheidung zwischen Kind und Karriere, sondern Kind hat sich einfach nicht ergeben. Aber auch das soll möglich sein. „Das alte 8 bis 17 Uhr Arbeitsmodell hat schon längst ausgedient. Die Zukunft sind flexible Lösungen, die – und das sage ich auch als Arbeitgeberin – in den meisten Jobs möglich sind.“ Wer leisten möchte, soll das auch tun können. Hier sei die Politik gefragt, die Schlögls Ansicht nach hier grob säumig ist. „Die Geschäftswelt wird härter. Aber die Küche für Frauen ist auch keine Lösung. Flexibilität tut uns allen gut!“

Gabriele Hintermeier
Spitzenjuristin mit drei Kindern. Kleine Kinder und Beruf – das war eine schwierige Zeit in den 1980er-Jahren. Für Juristinnen gab es damals keine Teilauslastung, die Richterin hatte den Job zu erfüllen ohne Rücksicht auf die Familie. Das hat der Dienstgeber klar gestellt, auf Gabriele Hintermeiers Rolle als dreifache Mutter wurde keine Rücksicht genommen. Von einer anderen Seite ist sie allerdings auch kritisiert worden: „Wie kann sie ihrer Mutterrolle gerecht werden mit einem Fulltime-Job, habe ich oft gehört.“ Gabriele Hintermeier ist seit 1990 Richterin (1989 ist Alexander auf die Welt gekommen) und weiß aus Erfahrung: „Ohne Unterstützung wär das Leben damals nicht möglich gewesen. Ich hatte eine Tagesmutter, zusätzlich meine Schwiegermutter, ohne diese Netzwerke, ohne die Hilfe, hätte das nicht funktioniert. Ich bin zeitig in der Früh nach Amstetten gefahren, damit ich möglichst früh am Nachmittag wieder zuhause war. Urteile habe ich dann oft in der Nacht geschrieben. Das Wochenende habe ich meiner Familie gewidmet.“ Später hat sie dann die neue Möglichkeit einer Teilauslastung genutzt, bis ihr jüngster Sohn 14 Jahre alt war. Für Gabriele Hintermeier war es immer wichtig, Beruf und Familie zu vereinbaren. Dafür hat sie allerdings schon auf eine andere Art der Karriere verzichtet: „Ich hätte die Chance gehabt, an das Oberlandesgericht nach Wien zu gehen, das hab ich abgelehnt. Das wäre mit meiner Familie schwer vereinbar gewesen.“ Jetzt ist sie als Leiterin des St. Pöltner Bezirksgerichts erfolgreich: „Wir haben ausgezeichnete Noten und einen ausgezeichneten Ruf. Ich habe als Chefin keine Probleme, habe 45 Leute unter mir, wir akzeptieren einander, haben ein amikales Verhältnis zueinander.“ In Gabriele Hintermeiers Welt funktioniert das Leben mit Familie und Job. Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit – das ist in der Justiz selbstverständlich. Frauen verdienen allerdings oft weniger, weil sie Teilzeit arbeiten. „Und Frauen verzichten wegen der Kinder oft auf hochdotierte Jobs. Deshalb sind Manager meistens Männer“, sagt die Juristin, die überzeugt ist: „Außergewöhnliche Frauen hinterlassen Spuren, wenn sie das selbst wollen. Sie werden in unserer Gesellschaft nicht mehr daran gehindert.“

Teodora Pruckner
Alleinerziehende Zweifach-Mutter, kreative Kinderbetreuerin. Die gebürtige Rumänin war 18 Jahre alt und kurz vor der Matura, als sie nach Österreich kam und einen Landwirt ehelichte: „So jung zu heiraten ist bei uns in der Familie üblich.“ Tochter Bernadette kam zur Welt, Teodora bildete sich weiter, bekam ein Problem: „Mein Mann hatte kein Verständnis dafür, er wünschte sich eine Bäuerin, ich konnte das nicht sein.“ Auch ihre zweite Ehe ging schief: „Mein Mann wollte nicht, dass ich Karriere mache.“ Da hatte die soziale Powerfrau mit mittlerweile zwei Kindern schon ihre Kindergruppen gegründet, berufsbegleitend studiert, die Ausbildung zum Familiencoach gemacht: „Jetzt, als alleinerziehende Mutter, fühl ich mich sehr wohl.“ Teodora Pruckner berät Schicksalsgenossinnen, zeigt Wege auf: „Man braucht keinen Mann, um das Leben zu schaffen.“ Mit ihrem Konzept der flexiblen multikulturellen Kindergruppen schafft die kreative junge Frau leistbare Einrichtungen in St. Pölten, die in unserer Gesellschaft bis jetzt gefehlt haben – Betreuung ist auch am Nachmittag möglich, Kleinkinder mit fremder Muttersprache lernen Deutsch: „Ich freue mich, wenn ich anderen helfen kann, wenn das funktioniert.“ Und die selbstbestimmte Frau hat ihre eigene Definition von „Feminismus“: „Eine Frau soll eine Frau bleiben, ihren Mann verwöhnen, wenn sie zuhause ist. Aber im Beruf soll sie ein Mann sein, das ist das Geheimnis des Erfolges.“

Elisabeth Czastka

Karenzierte Redaktionsleiterin. Niederösterreichs Journalistin des Jahres 2011 leitete drei Jahre lang die NÖ-Redaktion der Tageszeitung „Heute“, genießt jetzt bewusst die Zeit mit ihrem Mann und ihrer eineinhalbjährigen Tochter: „Seit der Geburt von Isabella haben sich für mich die Prioritäten verschoben. Der Job muss nicht immer die Hauptrolle spielen.“ Und der 38-Jährigen fällt zu Hause noch nicht die Decke auf den Kopf: „Ich freu mich daran, wie unsere kleine Tochter die Welt entdeckt. Eine für mich völlig neue Form von Lebensqualität!“ Elisabeth Czastka ist überzeugt, dass Frauen wohl immer einen Spagat zwischen Beruf und Familie hinlegen müssen, aber „mehr und mehr meistern diese Aufgabe – sie sind Vorbild.“ Dass sich noch immer wenige Frauen in Führungsetagen finden, bedauert die Top-Journalistin: „Leider gibt es noch zu oft für Frauen weniger Geld für die gleiche Arbeit. Viele wollen sich Spitzen-Jobs aber auch nicht antun. Wir Frauen brauchen mehr Mut zum Erfolg.“ Und dafür ist es wichtig zu tun was einen glücklich macht, und es so gut wie möglich zu machen, nach dem Motto: „Träume nicht dein Leben, lebe deinen Traum!“

Frauenquote, Netzwerke – Gleichberechtigung?
„Frausein“ ist also kein politisches Programm, und ökonomische und soziale Benachteiligung hängen nicht notgedrungen vom Geschlecht ab, obwohl Frauen häufiger davon betroffen sind.
Welcher Weg zum Ziel „Gleichberechtigung“ führt, darüber gehen die weiblichen Ansichten diametral auseinander. „Wir brauchen eine Frauenquote“, betont Feministin Liesl Höfinger-Hampel, „dadurch müssen Frauen kommen. Wenn Frauen das anders sehen, unterschätzen sie die Männerlobby.“ Richterin Gabriele Hintermeier ist strikt gegen Pflicht-Frauen in Unternehmen: „Wir brauchen keine Frauenquote. Ich will, dass meine Leistung anerkannt wird. Ich will nicht bevorzugt werden, weil ich eine Frau bin, das ist diskriminierend.“ Auch Journalistin Elisabeth Czastka ist der Ansicht, dass Qualifikation im Job entscheidend sein sollte: „Was wir Frauen brauchen, ist mehr Mut zum Erfolg.“ Das bestärkt Ex-Politikerin Susanne Kysela: „Frauenquoten nützen nur, wenn Frauen führende Positionen auch anstreben.“ Und die strengste Quotenregelung wird ihr Ziel verfehlen, wenn Frauen auf die ganz große Karriere verzichten, weil sie mit Kinderaufzucht unvereinbar ist. Etwa deshalb, weil Kinderbetreuungseinrichtungen nicht offen haben, wenn Frau Chefin bei einem Meeting anwesend sein muss, oder schlicht und einfach, weil in einem 80-Stunden-Job wenige Stunden für die Beschäftigung mit dem Nachwuchs übrig bleiben. Auch bei Vätern nicht.
Beim Netzwerken haben die Männer einen Riesenvorsprung gegenüber den Frauen. „Seit der Steinzeit haben sich Männer verbündet, die können das viel besser spielen“, erklärt Martina Eigelsreiter. Männerbünde haben eine lange Tradition, wissen, wie sie ihre Macht einsetzen können – „und werden von Frauen oft unterschätzt“, warnt Liesl Höfinger-Hampel.

Wie viel „Frau“ ist angeboren?
Typisch Frau – typisch Mann: „Was ist Natur, was ist Kultur, was ist angeboren, was anerzogen? „Die Ansichten darüber divergieren noch immer von 0 Prozent bis 100 Prozent“, sagt Feministin Liesl Höfinger-Hampl. Bekannte Theorien lieferten etwa Simone de Beauvoir („Man wird nicht als Frau geboren, man wird zur Frau“, 1948), die amerikanische Philosophin Judith Butler („Nur durch wiederholte Sprechakte und Zeichen wird die Identität des Menschen markiert“, 1990) und der deutsche Hirnforscher Onur Güntürkün, der 2012 mit einer Studie belegte, dass bereits im Mutterleib eine geschlechtstypische Prägung stattfindet, an der Sexualhormone beteiligt sind. Nach der Geburt wird das Geschlechtsverhalten durch Umwelteinflüsse ebenfalls beeinflusst. Letzteres deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen aus den späten 1980er-Jahren: Meine Tochter sollte mit demselben „geschlechtsneutralen“ Spielzeug aufwachsen wie ihr Bruder, und um Himmels willen nicht als rosa gekleidetes Mäderl herumlaufen. Sie hat allerdings überall anderen kleinen Mädchen die Puppen weggenommen – bis Oma ihr eine schenkte. Und sie ist immer todunglücklich gewesen, wenn sie nicht in Lila oder Rosa auftreten durfte. Diese Phase ging vorbei. Als erwachsene Frau behauptet sie sich jetzt stilsicher und erfolgreich in ihrem Job.

Sag mir, wo die Frauen sind . . .
Nicht in Aufsichtsräten, nicht auf Vorstandsposten. Oder halt selten in Wirtschafts-Spitzenpositionen. Das belegt die brandneue Studie der Arbeiterkammer: 34 Frauen besetzen Geschäftsführungsposten von insgesamt 606 in Österreichs 200 umsatzstärksten Unternehmen. Das ist ein Anteil von 5,6 Prozent. Umgelegt auf St. Pölten schaut’s noch magerer aus: Keine Bankdirektorin, keine Aufsichtsratsvorsitzende in einem großen Betrieb. Aber: Drei Theater, drei Intendantinnen. Neun höhere Schulen mit fünf Direktorinnen und vier Direktoren. Spitzenpositionen in der Kulturszene, im Bildungswesen, bei der Justiz sind also keine Männerdomäne (mehr). Angeblich gibt es im gesamten öffentlichen Dienst keine gläsernen Decken für Frauen. Der St. Pöltner Magistrat ist allerdings (noch?) ziemlich männerlastig: 11 Spitzenjobs sind besetzt von neun Behördenleitern und zwei Leiterinnen. Auch zu politischen Ämtern haben es in der Hauptstadt nicht viele Frauen gebracht, v. a. nicht zu hohen: Von 42 Gemeinderatsmitgliedern sind 12 weiblich, drei davon sind Stadträtinnen, das Stadtoberhaupt und seine beide Stellvertreter sind Männer. Keine Änderung in Sicht: Auf die jüngst freigewordenen Stadtparlaments-Plätze wurden zwei verdienstvolle Männer gesetzt ... Frauenpolitische Meilensteine
1918: Einführung des Allgemeinen Frauenwahlrechts. Im Februar 1919 wurde die 1. Wahl mit Frauenbeteiligung abgehalten. 87 Prozent der Männer und 84 Prozent der Frauen gingen wählen. Acht Frauen zogen in den mit 170 Abgeordneten besetzten Nationalrat ein.
1975: Familienrechtreform
1976: Scheidungsreform
1978: Straffreier Schwangerschaftsabbruch (§144)
1979: Gleichbehandlungsgesetz: Gleiche Bezahlung für gleiche Leistung. Bei den Verhandlungen galt es etwa folgendes Argument zu überwinden: Frauen können kochen und nähen, müssen sich diese Dienstleistungen nicht dazu kaufen, daher ist es nur fair, wenn Männer mehr verdienen.
1989: Wegweiserecht
1989: Ledige Mütter erhalten das Sorgerecht. Vorher wurde es dem Erzeuger oder der Jugendwohlfahrt zugesprochen.
1990: Johanna Dohnal wird 1. Frauenministerin Österreichs.
1990: Höferecht: Auch Frauen dürfen den elterlichen bzw. Erb-Hof übernehmen.
1997: Gewaltschutzgesetz
1998: Gleichstellung der Geschlechter in der Verfassung
1999: Die partnerschaftliche Teilung der Versorgungsarbeit wird in das Ehegesetz integriert.
2004: Vergewaltigung in der Ehe oder Lebensgemeinschaft gilt uneingeschränkt als Offizialdelikt.
2009: Das Bundesverfassungsgesetz verpflichtet Bund, Länder und Gemeinden zu Gender Budgeting. Frauenquote in der Politik
Gemeinderat (St. Pölten):
1992: 14,29 %
2014: 28,57 %
Land NÖ (Abgeordnete, Regierung):
1992: 22,5 %
2014: 44,4 %
Bügermeisterinnen in NÖ:
2014: 5,9 %
Frauenquote in Führungspositionen
(Großunternehmen in St. Pölten)

2014: durchschnittlich 8,8 %
Arbeitslosigkeit
St. Pölten:
2013: Frauen 2.001, 2,06 % / Männer 2.908, 2,9 %
Österreich:
2013: Frauen 7 % / Männer 8,2 %
Durchschnittseinkommen Mann/Frau
St. Pölten-Bezirk
1982: Frauen 7.870 öS (571,93 €) / Männer 12.179 öS (885,08 €)
St. Pölten-Land
2013: Frauen 1.338 € / Männer 2.204 €
St. Pölten-Stadt
2013: Frauen 1.729 € / Männer 2.505 €
Männer verdienen in St. Pölten um 31 % mehr als Frauen!
Alleinerzieherinnenquote
Niederösterreich:
2014: 38.700 Frauen / 8.700 Männer
Teilzeitbeschäftigung
Niederösterreich
2012: Frauen 45,4 % / Männer 7,7 %
Erwerbsquote Frauen
Österreich:
1961: 36 %
2006: 44 %
Alterspensionen
Österreich: AP liegt im Schnitt um 52,5 % unter jener der der Männer.