MFG – Das Magazin – Grüße aus Chinatown, NÖ


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Grüße aus Chinatown, NÖ

Text Thomas Fröhlich
Ausgabe 09/2013

Sie lebt im Neulengbach des 21. Jahrhunderts und gleichzeitig im Shanghai der 1920er Jahre. Sie ist eine Wanderin zwischen den Ost- und Westwelten. Sie schreibt außergewöhnliche, historische Krimis, die sie gerne auch in St. Pölten präsentiert: Clementine Skorpil. Und so manches kommt ihr Chinesisch vor.

Shanghai 1926. Eine ehrwürdige, ältere Frau vom Lande trifft ein, um nach ihrer verschwundenen Enkelin zu suchen. Der Weg führt sie durch eine vorrevolutionäre Stadt, die sich die europäischen Kolonialherren und Firmen untereinander aufgeteilt haben. Die Spur führt in prunkvolle Herrschaftspaläste, verdreckte Armen-Baracken sowie noble (und auch weniger noble) Kurtisanenhäuser. Je weiter sie sich vor wagt, desto mehr gerät sie in einen Strudel aus Gewalt, Hoffnungslosigkeit, Unterdrückung und Widerstand, letzterer personifiziert durch einen jungen, idealistischen Studenten, der soeben die Schriften von Marx und Lenin entdeckt hat und der Frau vom Lande bei ihren verzweifelten Ermittlungen hilft.
„Die damalige Situation ist ja durchaus mit der jetzigen, globalen vergleichbar“, meint die Sinologin und Schriftstellerin Clementine Skorpil zu ihrem zweiten – soeben beim Ariadne-Verlag erschienenen – Roman „Gefallene Blüten“.

Wien 2013. Skorpil und der Schreiber dieser Zeilen sitzen im Ostwind, einem chinesischen Lokal, das authentische Szechuan-Küche anbietet, die – nicht nur punkto Schärfe – vom handelsüblichen Chinalokal-Einheitspampf so weit entfernt ist wie, sagen wir, Skorpils Krimis von der regional- und gegenwartsfixierten Formelhaftigkeit eines Großteils heimischer Genreware. Ein wunderbarer Ort für ein Interview mit einer Frau, die Infotainment im besten Sinne bietet. In ihren beiden Krimis, „Fuchsgeister“ und – aktuell im Ariadne-Verlag erschienen -– „Gefallene Blüten“, gewährt sie neben einer spannenden Krimihandlung nämlich auch hervorragende Einblicke in die Geschichte des „Reiches der Mitte“ und macht so die brüchige Beziehung zwischen Ost und West für die Leserinnen und Leser erfahrbar. Vor einigen Wochen durfte man sich auch im Rahmen einer Lese-Matinee im Cinema Paradiso davon überzeugen.
„Für mich hat‘s immer geheißen: Ex oriente lux. Die Europäer sind ja nicht die einzigen, die eine Zivilisation zustande gebracht haben.“ Sie ergänzt: „Sprachen mit einer anderen Schrift haben immer schon einen großen Reiz auf mich ausgeübt. Erst dachte ich an Arabistik – aber mir wurde gesagt, dass man das nur erlernen könnte, wenn man lange Jahre dort verbringt … und am besten einen arabischen Freund hat. Hatte ich nicht.“ Lacht. „Also wenn schon nicht der Nahe, dann gleich der Ferne Osten.“ Sie grinst sich eins.
Das Essen wird serviert; und während die Gewürze langsam ihre Wirkung zeigen und – vor allem beim Interviewer – für temporäre Stimmausfälle sorgen, hier also einmal die Biografie der Schriftstellerin im Schnelldurchlauf:

Geboren 1964 in Graz, studierte Skorpil Sinologie und Geschichte an der Universität Wien. Während des Studiums absolvierte sie ein Auslandssemester an der Shifan Universität in Taiwan. In ihrer Diplomarbeit untersuchte sie den Topos des Todes in der chinesischen Lyrik des 17. Jahrhunderts. Für diese Arbeit übersetzte sie sechzig Gedichte ins Deutsche, von denen ein Großteil bis dato in keiner anderen europäischen Sprache vorliegt. Seit 2000 ist Skorpil selbständige Journalistin und Publizistin, seit 2008 auch Lektorin der Tageszeitung Die Presse. Sie lebt mit ihrem Gatten und ihren beiden Kindern in Neulengbach.

Nach glücklich überlebter Hauptspeise nun die Frage, weshalb sich die Autorin so intensiv mit dem Thema des Todes beschäftigt hat: „Ich suchte etwas, das in allen Kulturen Grundsätzliches darstellt. Das sind Liebe und Tod. Und die Liebe war mir zum Beackern etwas zu umfangreich.“ Skorpil lacht – wieder einmal. Sie selbst sieht das recht gelassen: „Lu Hsun hat sinngemäß gesagt: ‚Da der Tod nur einmal im Leben geschieht, lässt sich das aushalten.‘“
Der Tod ist in ihren Krimis allgegenwärtig. Zum Schreiben sei sie ja über die Sinologie gekommen – „ich wollte mich mit Geschichte nicht nur von der wissenschaftlichen Seite her beschäftigen, sondern das mit Hilfe der Literatur auch erlebbar machen.“ Und da sie aus einer sehr literaturaffinen Familie stammt (ihr Onkel Herbert Eisenreich aus dem Doderer-Umfeld etwa), „waren – neben meinen Kurzgeschichten – Krimis die einzige Gattung, derer sich noch niemand in der Familie angenommen hatte.“ Sie ergänzt: „Da konnte ich auch dem Erwartungsdruck ein wenig ausweichen.“
Generell seien für sie beim Schreiben einmal eine gute Story und ein glaubwürdiges Setting mit lebendigen Charakteren wichtig. Von aufgesetzten Belehrungen halte sie wenig, „aber wenn jemand beim Lesen meiner Bücher Parallelen zur Gegenwart zieht“, sei das nicht schlecht. Denn „heute wie damals leben wir in einer Krise. Wenn ich mir die billigen Arbeitskräfte in den Sweatshops ansehe … und in diesem sozialen Elend sind immer die Kinder die ersten Opfer.“ Sie taucht in die Welt ihrer Protagonisten ein, bewertet deren Verhalten allerdings nicht aus einer hundert Jahre später angesiedelten Besserwisserei heraus. Das kann die Leserschaft, wie bei „Fuchsgeister“ etwa, gelegentlich auch etwas befremden, wenn beispielsweise das windelweich Prügeln von minderjährigen Dienern zur selbstverständlichen Normalität zählt. Aber genau diese – scheinbar – distanzlose Erzählebene ist es, die ihre Bücher letztendlich so faszinierend machen. Hier werden nicht aus Gründen fadenscheiniger political correctness Fakten verdreht oder zugunsten einer leichteren Konsumierbarkeit abgemildert. Zudem zeigt die Autorin, dass detailfreudige Akkuratesse der Spannung ganz und gar nicht abträglich sein muss – im Gegenteil.
„Vom Schreiben leben zu können ist aber dennoch derzeit eher unrealistisch.“ Dazu sei sie zu sehr ihrer selbst gewählten Nische verhaftet. Als Ausgleich „singe ich. Im Chor, wo ich auch meinen Mann kennen gelernt habe.“ Im Stimm- und Klangkollektiv eines Chores sei auch immer etwas vom Konfuzianismus zu spüren, der das Individuum – anders als in unserer Kultur – nicht über die Gemeinschaft stellt.

Gelassenheit ist da ein zentraler Punkt. Denn jetzt wird die Nachspeise serviert ...