MFG – Das Magazin – Wassermusik


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Wassermusik

Text Thomas Fröhlich
Ausgabe 09/2013

Seit 2009 geht der Wassermann in St. Pölten um. Rein musikalisch, versteht sich. Da ist nämlich eine Band umtriebig, die aus den Flüssen der Vergangenheit und Gegenwart gleichermaßen schöpft und der man getrost eine hervorragende Zukunft voraussagen darf: Vodjanoj. Belebt die (Hör-)Sinne.

Also, was wir nicht machen, ist keltische oder gar Mittelalter-Musik!“ stellt die Sängerin und Drehleierspielerin von Vodjanoj, Vicky Heßl, gleich zu Beginn klar.
Wir sitzen im „Kultig“ beim Kaiserwald und sprechen gerade über Pagan Folk, Wassergeschöpfe und Sprachen, die keiner versteht. Wir, das sind besagte Vicky, Sänger und Geiger Burgl Bärner, Dominik Kraushofer, der für Bass und (ebenfalls) Gesang zuständig ist, sowie der Schreiber dieser Zeilen.
Live bietet die Band, mit Thomson Kraushofer an der Gitarre und Chris Weniger an den Percussions, ein mitreißendes Gebräu aus – zumeist – nordischen Folktunes und wenigen, aber präzise eingesetzten Rockelementen, wie man sich etwa heuer bereits im St. Pöltner BarRock und im Wiener Replugged überzeugen durfte. Aber wer oder was ist Vodjanoj eigentlich?
Burgl, der sich soeben eine Zigarette dreht, meint nach kurzem Überlegen: „Die Grundidee war eigentlich ein akustisches Gemisch aus verschiedenen Kulturen. In letzter Zeit kamen sehr viele skandinavische Elemente hinzu.“ Was vielleicht auch daran liegt, dass Burgl unter anderem Skandinavistik studiert. Die Auswahl bestehe aus neu interpretierten Volksliedern, Coverversions und Eigenem, „wobei jeder in der Band was einbringt“. Gesungen wird auf schwedisch, finnisch – „ein Lied sogar auf urgermanisch.“ Und Vicky ergänzt: „Ja, englisch oder deutsch passt überhaupt nicht zur Musik.“ Sie grinst, wie noch oft an diesem Abend: „Hauptsache, man versteht‘s nicht!“ Zustimmendes Gelächter von Burgl und Dominik. Ah ja.
Die Grundformation besteht seit 2009. Benannt wurde die Band nach einem Wassergeschöpf, dem Vodjanoj, einer liebenswert-sinistren Sagengestalt aus dem slawischen Raum, vergleichbar etwa mit unserem Wassermann: Manchmal scheint er den Menschen freundlich gesinnt zu sein, mitunter treibt er aber auch seine üblen Scherze mit ihnen. Zudem hält er sich gerne in und an Mühlbächen auf, was ihm in St. Pölten wiederum kein unwesentliches Territorium verschafft.
Aber warum ausgerechnet Vodjanoj? „Keine Ahnung,“ gibt Vicky zu: „Ich hab‘ da geschlafen.“ Und lacht recht vernehmlich. Auch Burgl ist sich bezüglich der Namensgebung nicht so sicher: „Ehrlich xagt, das ist irgendwie passiert.“ Aber, ja doch, eine Erklärung gibt’s – möglicherweise: „Wasser verbindet Kulturkreise – wie etwa die Donau. Und das machen wir auch in der Musik.“
Und woher kommt die Beschäftigung mit nordischem Folk? Im (Black) Metal ist ja eine Affinität zum Finnischen, Norwegischen etc. schon seit Jahren gang und gäbe. Aber ansonsten hätte früher kein Mensch finnisch gesungen (außer Finnen).
„Klar, das Hören von Black und Folk Metal hat uns den Zugang ermöglicht,“ meint Vicky, die jedoch wie die anderen Band-Mitglieder – bis auf Burgl und Thomson – keinen aktiven Metal-Background besitzt. Initialerlebnis sei dann 2007 ein Konzert der schwedischen Folkband Hedningarna gewesen. „Da wussten wir, in der Richtung wollen wir was tun.“
Ihren ersten Mehr-als-Achtungs-Erfolg durften sie 2011 im St. Pöltner „frei:raum“ im Rahmen der Pagan Folk Night einfahren, damals noch mit dem Death Metal-affinen Aram Balajan an den Percussions. Was gleich die nächsten Frage aufwirft: Sind Vodjanoj Teil der Pagan Folk-Szene? Und – für Außenstehende: Was ist überhaupt Pagan Folk? Heidnisch? Antichristlich?  
Burgl lacht: „Nein, also schwarze Messen halten wir definitiv keine ab.“ Und Vicky ergänzt: „Religion spielt bei uns überhaupt keine Rolle. Wir sind weder pro- noch antichristlich.“ Und setzt hinzu: „Eigentlich gibt’s für die Art von Musik, die wir machen, keine Bezeichnung. Das Mäntelchen Pagan Folk wird derzeit gerne über alles Mögliche gestülpt, was nirgendwo rein passt.“ Und Burgl präzisiert: „Man könnte ja auch Volksmusik oder einfach Folk dazu sagen. Aber bei Volksmusik denken halt viele gleich an den Musikantenstadl.“ Und als Abgrenzung zur mitunter doch recht biederen (Post-)68er-Folkbewegung dürfte das kleine Wörtchen pagan ganz gut funktionieren. „Eigenständig – so übersetzt man‘s wahrscheinlich am besten.“ Danke, Vicky.
Apropos: Es gibt ja bekanntlich immer noch Zeitgenossen, die Folk, speziell mit tendenziell nordischer Ausrichtung, als ausschließlich rückwärts gewandt abtun. Dazu Burgl: „Weißt du, in Österreich oder Deutschland muss man das immer gleich rechtfertigen, wenn man auf derlei zurückgreift. In Norwegen etwa ist das überhaupt kein Thema.“ Er resümiert: „Hat klarer- und auch verständlicherweise mit unserer Geschichte zu tun.“ Und Dominik ergänzt: „Wir spielen ja Folk nicht 1:1 nach.“ Darauf nochmals Burgl: „Wir stellen das ja in einen zeitgenössischen Kontext.“ Folk sei nie etwas Statisches gewesen, habe sich immer weiter entwickelt. Und Vicky lässt – sinngemäß – durchblicken, dass jeder, der ihre Musik, die ja im besten Sinne Kulturen verbindend sei, in ein seltsam riechendes Eck stellen würde, sowieso einen an der Waffel habe.
Einige ausgewählte Gigs, darunter einer rund ums Castlefest in Holland, sind schon fix für 2013. Für den kommenden Herbst steht zudem die Produktion der ersten CD an. „Mit Tom Stockinger, einem supertollen Tontechniker!“, wie Dominik schwärmt. Und er setzt hinzu: „Tom hat auch unser Logo gestaltet – in Word!“ Deshalb „schrauben wir in dem Jahr auch unsere Auftrittsdichte ein bissl runter,“ wie Vicky meint, „da wir die CD in Eigenproduktion machen.“ Und setzt wieder ihr ziemlich ansteckendes Vicky-Grinsen auf: „Eigenständig. So richtig pagan halt.“
Wobei wir wieder beim Thema wären: ein fließender Übergang im besten Sinne, sozusagen.