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St. Pöltens gute Seite

Senioren wohnen zeitgemäß alternativ

Text Beate Steiner
Ausgabe 06/2013

Brigitte Hochreiter ist 68 Jahre alt. Sie wohnt gemeinsam mit ihrem Mann Karl in St. Georgen, in einem älteren Haus. Ihre beiden Kinder sind schon vor längerer Zeit ausgezogen. Auch das Ehepaar Hochreiter möchte noch einmal umziehen, „einen schönen Lebensabend in der ‚living city‘ genießen.“

Die „living city“, das ist das Projekt „Betreute Wohnstadt“ auf dem Areal der ehemaligen Spitzenfabrik im Norden St. Pöltens.
„Wir verwirklichen hier unsere Vorstellungen vom selbstbestimmten Leben der Generation 50+“, erklärt Baumeister Peter Sonnleithner. 
Das Besondere an der „Betreuten Wohnstadt“: Die Mieter leben in ihren Häusern, Wohnungen, Zimmern und können Service- und Pflegeleistungen nach Bedarf dazu buchen. Im revitalisierten Herrenhaus mit riesiger Parkanlage wird es Gemeinschaftseinrichtungen geben, wie ein Gesundheits- und Servicecenter und einen Dorfladen, die ehemalige Fabrikshalle wird zum Veranstaltungsraum, und ab nächstem Jahr werden die Wohnhaus-Anlage und die Reihenhäuser für Senioren in die Höhe wachsen.
Auf 40.000 Quadratmetern entstehen 350 Wohneinheiten für mehr als 400 Menschen – über 100 haben sich für das Seniorenwohnprojekt schon angemeldet. Wie die Familie Hochreiters: „Ich hab dort meine eigenen vier Wände, kann Hilfe in Anspruch nehmen, wenn ich sie brauche – und eine 24-Stunden-Betreuung abwehren“, sagt Brigitte Hochreiter. Und: „Ich will meinen Kindern ersparen, dass sie mich so lange und intensiv betreuen müssen, wie ich meine Mutter. Die haben eine andere Zukunft verdient. Und ich freu mich auf meine Zukunft in der ‚living city’.“

Neues Wohnen für ältere Semester
Peter Sonnleithners Seniorenstadt in der Stadt ist nicht das einzige alternative Wohnmodell, das derzeit in St. Pölten entsteht. Die Allgemeine Gemeinnützige Wohnungsgenossenschaft etwa plant in Spratzern in der Maria Sturm Straße 21 barrierefreie Wohnungen, „in denen ältere Menschen ihre Lebensabend genießen können“, erklärt Direktor Willi Gelb. In der Anlage finden sich u. a. Gemeinschaftsträume, auch ein Arzt wird dort seine Praxis eröffnen. Noch vor Baubeginn wird die Möglichkeit zur kostenlosen Anmeldung bereits eifrig genutzt, wie der Wohnungsgenossenschafts-Chef bestätigt.
Zwischen Regierungsviertel und Innenstadt wiederum baut die Wohnungsgenossenschaft „Alpenland“ eine Anlage für „Betreutes Wohnen“, und das ehemalige Kolpinghaus an der Promenade soll ebenfalls künftig ältere Menschen beherbergen. Das Interesse an den neuen Wohnformen für den letzten Lebensabschnitt ist groß. Für die 61 Wohnungen mit individuell buchbaren Service- und Betreuungsleistungen, die die Alpenland auf dem Areal der ehemaligen Schobervilla geplant hat, haben sich schon vor Baubeginn 200 Interessenten gemeldet! Die meisten allerdings unverbindlich, betont Elfriede Mörtl von der Wohnungsgenossenschaft: „Die Senioren und deren Angehörige sind neugierig, welche Rahmenbedingungen für ‚Betreutes Wohnen‘ gelten, weil dieses Thema neu ist.“ Und die Entscheidung, das eigene Haus und die gewohnte Umgebung aufzugeben und in eine kleine Mietwohnung mit anderen Vorteilen zu ziehen, muss bei vielen reifen.
Wer sich im Alter entschließt, noch einmal umzuziehen, und nicht ins Altersheim, der liegt allerdings voll im Trend – nicht nur in St. Pölten und Umgebung.

Alternatives Senioren-Wohnen boomt
„Es entstehen gerade jetzt unglaublich viele verschiedene alternative Wohnformen für ältere Menschen“, bestätigt Zukunftsforscher Andreas Steinle vom bekannten „Zukunftsinstitut“ des Matthias Horx: „Das ist absoluter Trend.“
Die Wohn-Perspektive der Senioren ist also nicht mehr schwarz-weiß, also entweder Altersheim-Zimmer oder gepflegt zuhause bleiben, sondern äußerst bunt – mit Alten-WGs, Seniorenresidenzen und individuellen Betreuungsangeboten.
Weltweit gibt es da zum Beispiel auch generationenübergreifende Wohngemeinschaften. Mit einer speziellen Ausprägung: Studenten mieten sich bei älteren Menschen ein, unterstützen diese, leben dafür günstiger am Studienort, in Österreich zum Beispiel in Innsbruck oder Wien.
Der Trend für alternative Wohnformen hängt mit dem gesellschaftlichen Wandel zusammen, mit den Veränderungen innerhalb der Familienstrukturen, weiß Andreas Steinle: „Die wenigsten Frauen sind nicht berufstätig und haben Zeit, sich um ältere Angehörige zu kümmern, so wie das früher üblich war.“ Und auch der Wunsch vom Wohntraum im Grünen ist schwächer geworden.
Viele ältere Menschen haben erkannt, dass sie sich das Leben erleichtern, wenn sie von ihren verkehrstechnisch oft schlecht angebundenen großen Häusern auf dem Land in die Stadt ziehen: „Da brauchen sie sich nicht kümmern um medizinische und kulturelle Angebote, die sind vor Ort.“

Die Anziehungskraft der Mittelstädte
Im Masterplan für die Stadtentwicklung hat St. Pölten diesen Trend bedacht – die Landeshauptstadt möchte ja bekanntlich zur Gesundheitsstadt werden. Und hat dabei noch einen großen Vorteil mit knapp über 52.000 Einwohnern: „Mittelstädte verknüpfen aufgrund der kurzen Wege die Vorteile von Stadt und Land“, sagt Josef Wildburger, Obmann der Plattform 2020. Jeder Behördenweg, jeder Einkauf, jeder Arztbesuch kann schneller als in einer Großstadt und einfacher als vom Dorf aus erledigt werden. Das Leben ist also viel bequemer in einer kompakten Stadt wie St. Pölten. Nicht nur für etwa 500 Senioren mehr als noch vor fünf Jahren.
„Die Stadt mit Kultur-, Sport und Freizeitangeboten ist grundsätzlich attraktiver geworden“, ist Wildburger überzeugt.