MFG – Das Magazin – Paradigmenwechsel beim SKN


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St. Pöltens gute Seite

Paradigmenwechsel beim SKN

Text Thomas Schöpf
Ausgabe 11/2014

4-3-3 heißt die neue Zauberformel beim SKN St. Pölten. Frenkie Schinkels gibt den Magier, Michael Steiner den Zauberlehrling. Die Spieler werden durchgemischt. 14 Verträge laufen aus. Künftig sollen vornehmlich ballsichere Österreicher mit großem Offensivdrang verpflichtet werden.

Der neue Generalmanager Andreas Blumauer wollte zunächst nur ein „wenig Staub aufwirbeln.“ Letztlich wird beim Erste-Liga-Klub SKN St. Pölten dank der Inthronisierung von Frenkie Schinkels als sportlichem Leiter (unbefristet) und Michael Steiner als Trainer (vorerst bis Saisonende) jedoch bald kein Stein auf dem anderen bleiben. In der Ära Christoph Brunnauer (sportlicher Leiter von Jänner 2007 bis September 2014) und Martin Scherb (Trainer von Jänner 2007 bis September 2013) wurde der Stamm mit Spielern aus der Akademie St. Pölten gebildet. Nach dem Aufstieg von der Regionalliga in die Erste Liga (2008) wurden jene Jahr für Jahr durch mitunter erfahrenen Spieler ergänzt oder durch solche ersetzt. Teils notgedrungen, weil talentierte und gut weiterentwickelte Spieler finanziell nicht zu halten waren. Im Sommer 2011 kam mit Daniel Lucas Segovia der erste Spanier. Mittlerweile hat der SKN mit Segovia, der nach missglückten Engagements bei Admira und dem WAC zurückkehrte, David Parada (SPA), Tomasz Wisio (POL) und Gary Noël (ENG) vier Legionäre. Nur drei dürfen aber spielen, sonst gibt es keine Förderung aus dem „Österreicher-Topf“ der Bundesliga, die danach trachtet, dass in der zweithöchsten Spielklasse junge, heimische Talente für höhere Aufgaben ausgebildet werden. Drei der vier Legionäre spielen beim SKN quasi durchgehend. Laut Sportdatenbank „Opta“ schneidet der SKN nach dem von Red Bull geförderten FC Liefering (der auf die Unterstützung der Liga verzichten kann) beim Österreicher-Ranking am „schlechtesten“ ab: Nach der ersten Saisonhälfte (18 Spieltage) bekamen die Österreicher beim SKN 72 Prozent der Gesamteinsatzzeit, während bei Aufsteiger FAC die Österreicher z.B. 97 Prozent bekamen oder bei Absteiger Innsbruck 86 Prozent. Auf die Förderung wird der SKN künftig nicht verzichten. Woher der Stamm aus Österreich kommt, ist nun aber völlig egal.
Frenkie Schinkels ist omnipotent. 4-3-3 heißt fortan an die Zauberformel. Mit Schinkels wird beim SKN das niederländische Spielsystem eingeführt mit dem Marco van Basten, Ruud Gullit und Co. 1988 Europameister wurden. „Mit Schinkels haben wir die absolute fachliche Fußballkompetenz an Bord geholt“, meint Blumauer. Ab sofort werde nicht mehr „jeder Trainer seine Lieblingsspieler mitnehmen“ wie die SKN-Kurzzeit-Coaches Gerald Baumgartner und Herbert Gager, unter deren Führung der SKN die größten Erfolge der noch jungen Klubgeschichte, nämlich den Einzug ins österreichische Cupfinale bzw. den Einzug in die 3. Qualifikationsrunde der Europa League gefeiert hatte. Künftig bestimmt ausschließlich Schinkels, wer kommt und geht und das auf Basis des niederländischen Systems, von dem die Niederlande seit einigen Jahren mangels Erfolgen abgekehrt sind. Schinkels lernte jenes Anfang und Mitte der 80er-Jahre als Spieler kennen. 1985 verließ er seine Heimat, weil er dort acht Monate gesperrt wurde, nachdem er einen Schiedsrichter getreten hatte. In der österreichischen Ersten Liga war er 2010 selbst noch als Trainer bei Vienna vier Monate lang tätig. Laut „Kurier“ verlor er dort „den Glauben an den Fußball“, weil er seinen Nebenvertrag von 6.000 Euro netto pro Monat wie auch den offiziellen von 3.202,33 Euro brutto einklagen hatte müssen. Beim SKN gibt es freilich nur einen Vertrag, und da hier seriös gearbeitet wird, hat der 51-Jährige seinen Glauben wieder gefunden. Weil es Schinkels billiger macht und auf den Sportdirektorposten beim Erzrivalen Kremser SC verzichtet hat, darf er nebenbei weiter mit Marina Martinelli Lieder wie „Oben ohne in Bibione“ singen, nackig für Kalender posieren, für TV-Sender analysieren, für Printprodukte kommentieren und was halt für einen ehemaligen Dancing Star bzw. Promi sonst noch alles an Arbeit und Amusement anfällt. „Halbnackt bei Zeltfesten herumhüpfen wird er nicht mehr“, versichert Blumauer. Die Spielerverträge werden Blumauer und der SKN-Vorstandsvorsitzende Gottfried Tröstl unterschreiben, Schinkels ist hier nicht zeichnungsberechtigt.

Steiner ist das ausführende Organ. Steiner hat derweil als Trainer ganz andere Sorgen. 14 Spielerverträge laufen aus, die Systemumstellung soll fließend vonstatten gehen und die Weichen tunlichst auf Aufstieg gestellt werden. Er sieht es pragmatisch: „Wir werden schauen, was der Markt hergibt und dementsprechend schon im Winter passende Spieler holen.“ Mit Schinkels gebe es einen ständigen Ausstausch. In die Aufstellung redet ihm aber keiner drein.
Steiner wurde bei Red Bull Salzburg mit dem niederländischen Spielsystem vertraut. Er kickte einst für Austria Salzburg unter Otto Baric und kam 1994 als 19-Jähriger zu Kurzeinsätzen in den beiden Europacup-Finalspielen gegen Inter Mailand. „Ich war dann aber für die höchste Liga doch zu schwach und wollte auch aufgrund vieler Verletzungsprobleme nicht weiter unten spielen“, beendete Steiner danach recht bald seine Laufbahn als Spieler.
Anschließend war er elf Jahre im Gastgewerbe tätig, bis ihn der befreundete ÖFB-Teamspieler Marc Janko 2008 die Rutsche zu Red Bull Salzburg legte. Dort hat Steiner von der U9 angefangen diverse Nachwuchsteams betreut, nebenbei die Trainerausbildung des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB) gemacht und von Akademieleiter Jelle van Damme das niederländische System gelehrt bekommen. In jener Zeit gaben sich auch bei der Kampfmannschaft von Red Bull die niederländischen Trainer Co Adriaanse, Huub Stevens und Ricardo Moniz die Türklinken in die Hand. Derzeit sind alle drei arbeitslos: Adriaanse wurde im Jänner 2012 von Twente Enschede (NL) gefeuert. Stevens Vertrag beim VfB Stuttgart wurde vergangenen Sommer nicht verlängert. Moniz bekam vor kurzem beim deutschen Zweitligisten 1860 München den Laufpass.

Das Land Niederösterreich gibt keine Vorgaben. Für Steiner dauert die Bewährungszeit beim SKN zunächst bis kommenden Mai. Sollte er entsprechen, wird sein Vertrag verlängert. Er selbst beschreibt das 4-3-3-System als „ball­orientert“ und „offensiv“, will aber „nicht immer starr daran festhalten.“ Mit einer attraktiven Spielweise möchte er zudem das Publikum zurückerobern. Während die Erste Liga in der ersten Halbsaison einen Zuwachs von 11,7 Prozent Zuschauern gegenüber der Vorsaison verzeichnete, brach der Besuch beim SKN von 2.682 auf durchschnittlich 2.067 Zuseher ein und das trotz Europacup-Euphorie und diverser Aktionen wie „Bring your friend“ (zwei Tickets zum Preis von einem). Gegen Hartberg verloren sich zuletzt gar nur mehr 1.000 Besucher in die NV Arena.
Der größte Gönner des SKN, das Land NÖ, gibt keine Direktiven. „Natürlich wäre ein Aufstieg in die Bundesliga aufgrund der perfekten Rahmenbedingungen in St. Pölten für alle Seiten wünschens- und erstrebenswert“, sagt Sport-Landesrätin Petra Bohuslav, „jedoch hängt sportlicher Erfolg von vielen Faktoren ab und ist nicht immer planbar.“ Steiner wagt keine Prognose über einen möglichen Eintritt in die Bundesliga: „Für mich selbst ist es wichtig, dass ich zunächst in allen Nachwuchsteams gearbeitet habe, danach Co-Trainer war (beim SKN unter Gager, Anm.) und nun Trainer bin. Ich habe einen Auftrag meines Arbeitgebers und versuche ihn zufriedenstellend zu erfüllen. Das ist so wie bei jedem anderen Job auch.“
Sein Start ist von den Ergebnissen her mit zehn Punkten aus den ersten fünf Meisterschaftsspielen zumindest schon einmal geglückt. Spannend wird es dann freilich im Frühjahr, wenn die erste Tranche an neuen Spielern da ist. Jene sollten möglichst ablösefrei sein, denn das Budget wurde nicht erhöht.