MFG – Das Magazin – Der Zeichen-Lehrer


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St. Pöltens gute Seite

Der Zeichen-Lehrer

Text Thomas Fröhlich
Ausgabe 02/2015

Er ist nicht nur Obmann des St. Pöltner Künstlerbundes, sondern zählt zu den renommierten Persönlichkeiten in der Kunstszene Niederösterreichs (und darüber hinaus). Er gestaltet, vermittelt und setzt Zeichen, die vom Publikum vor allem eines verlangen: die Bereitschaft, sich auf eine künstlerische Sprache einzulassen, der nichts Geringeres innewohnt als die Entstehung eines eigenen Alphabets.

Willkommen in der faszinierenden Welt von Ernest A. Kienzl!

Betritt man das Atelier des bildenden Künstlers Ernest A. Kienzl in der St. Pöltner Josefstraße und sieht sich um, lässt einen das Gefühl nicht mehr los, sich an einem gleichsam aus der Zeit gefallenen Ort zu befinden: ein (scheinbarer) Dschungel aus Abstraktionen und Zeichen, die an archaische Inschriften ebenso wie an futuristische Logos gemahnen, penibel strukturiert und in eine Ordnung gebracht, die mit beinahe mathematischer Gründlichkeit einer übergreifenden künstlerischen Vision entspringt.
„Wir Menschen haben doch die Aufgabe, drauf zu kommen, wie die Welt funktioniert“, meint Kienzl, nachdem er (sehr zur Freude des Interviewers) einen köstlichen Roten aus dem Burgenland kredenzt hat. Bei ihm klingen solche Aussagen auch nicht pathetisch. Eher selbstverständlich. „Ein Weg dorthin ist die Wissenschaft, der andere die Kunst.“ Kienzl wählte den zweiten. „Warum ich Kunst mache? Weil ich muss.“ Dazu verwendet er mitunter ziemlich ungewöhnliche und oft auch widersprüchliche Materialien wie Teerlack, Eisenchlorid, Zellstoff … oder gleich Kaffeesäcke, die über eine ihnen eigene Handels-und Industrie-Ästhetik verfügen.
Der 1951 geborene und seit vielen Jahren mit seiner Frau Renate verheiratete Künstler stammt aus einer Kaufmannsfamilie und studierte sogar Volkswirtschaft; allerdings erschien ihm Letzteres schon als „ein ziemliches Blabla. In der Endphase meines Wirtschaftsstudiums habe ich dann parallel dazu an der Angewandten begonnen.“ Künstlerisch war er schon seit seiner Schulzeit im Gymnasium Josefstraße tätig: „Frau Professor Sturm hat mich sehr gefördert.“
Zum Kunstverständnis gehörte in den späten 1960ern und frühen 70ern nicht zuletzt das Spielen in einer Band. Mit der Formation EXP brachte man Rock und „ziemlich avantgardistische, freie Improvisationen“ zu Gehör – „wir improvisierten sogar in einer sehr frühen Form des Rap über Flugzetteltexte.“ Mit EXP organisierte er auch in den Jahren 1976 bis 1978 die „St. Pöltner Restwochen“: mit Jazz, elektronischer Musik, Lesungen, Film und Theater abseits des Mainstream und der etablierten Locations. Was damals eine echte Pioniertat war. Kienzl lacht. Das tut er übrigens sehr oft – es ist kein grölendes Lachen, eher ein verhaltenes Lächeln, das aber ausgesprochen ansteckend ist. Vor einigen Jahren gab‘s sogar zwei EXP-Reunion-Konzerte „anlässlich meines 55. und 60. Geburtstags. Beim zweiten haben wir vorher sogar g‘scheit geprobt.“ Wieder dieses Lächeln.
„Auf der Angewandten habe ich unter anderem bei Bazon Brock studiert. Und der hat mich stark beeinflusst, auch, weil er das Didaktische immer sehr hervorgehoben hat.“ Nicht zuletzt daraus resultierte Ernest Kienzls Lehrberuf, den er bis zu seiner Pensionierung vor wenigen Jahren unter anderem bei den Englischen Fräulein in St. Pölten ausübte. „Für mich hat das eine, das Lehren, das andere, die Kunst, immer inspiriert, befruchtet. Und umgekehrt. Es ist faszinierend, mit jungen Leuten zu tun zu haben, ihnen etwas zu vermitteln.“ Ebenso entstehe seine Kunst nicht fürs stille Kämmerlein. „Auch wenn im Augenblick des Schaffens alles andere ausgeblendet ist.“

Grafische Alphabete

Fasziniert von der Concept Art, bei der (verkürzt ausgedrückt) die Kunst erst im Kopf des Betrachters entsteht, malte Kienzl zu Beginn dennoch „herkömmlich, also eher expressiv-impressionistisch. Doch kam ich relativ bald zur Abstrakten.“ Er präzisiert: „Wobei mich weniger die Abstraktion von Gegenständlichem sondern der Aufbau von abstrakten Prinzipien interessiert. Der Betrachter wiederum sieht dann möglicherweise aber auch wieder etwas Gegenständliches darin.“ Es sind grafische Alphabete, wenn man so will: „Die kann man in Klänge genauso übersetzen wie in Bewegung, etwa Tanz.“
Derzeit arbeitet er überwiegend an den von ihm so genannten „Tangentialkurvenfiguren, die durch Verbindungskurven an ein konstruktives System, bestehend aus Quadrat mit Diagonalen und eingeschriebenem Kreis, entstehen.“ So trocken das jetzt vielleicht klingen mag, der Sogwirkung der „Figuren“ kann man sich nur schwer entziehen. „Ich mache keine sozialkritische Kunst.“ Lieber errichtet er bildnerische Zeichen- und Gedankengebäude, in denen Systematik und Logik eine Heimstatt haben dürfen.
„Vor Kurzem habe ich mein erstes Bild über eine namhafte Internetgalerie verkauft. Das hängt jetzt in der Park Avenue in New York. Ich hab‘ eine Woche zum Verpacken gebraucht. Das ist ja eine eigene Wissenschaft.“ Er lacht. „Konventionell verkaufen geht leichter.“
Seit einigen Jahren ist der bekennende, gleichwohl kritisch-wache Katholik Obmann des Künstlerbundes, ebenfalls eine Tätigkeit, die mit Didaktik und Vermittlung zu tun hat. „Und gelegentlich auch mit dem Verhindern von Zugängen, die im Hobbykunstbereich besser aufgehoben sind“, wie er recht bestimmt meint. Denn der Künstlerbund schaue in erster Linie auf Qualität. „Für Junge ist‘s derzeit leider nicht sehr hip, Mitglied bei einem Verein zu sein.“

Dennoch sei der Künstlerbund durchaus an einer Verjüngung interessiert und lade immer wieder junge Künstlerinnen und Künstler als Gäste zu Ausstellungen ein. „Meine Freude am Organisieren, zum Beispiel im KUNST:WERK, dem vom Publikum sehr gut angenommenen Ausstellungsraum im Löwenhof – die ist nach wie vor sehr hoch.“
Die Vorbereitungen zur Gruppen-Ausstellung des Künstlerbundes „Back From Japan“ sind soeben im Endspurt.

Langweilig wird dem Künstler und Kunstvermittler Kienzl garantiert nie.
Da sprechen alle Zeichen dagegen.