MFG – Das Magazin – Hoch hinaus


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Hoch hinaus

Text Johannes Reichl
Ausgabe 06/2016

Vor 10 Jahren wurde Grafenegg als Festivalstandort aus der Taufe gehoben. Im Projektstadium noch mit Gigantomie und Größenwahn umschrieben, griff man spätestens mit der Umsetzung des spektakulären Wolkenturms nach den Sternen. Ein Gespräch mit Geschäftsführer und Geburtshelfer Paul Gessl.

Können Sie kurz die Genese des Projekts nachzeichnen – wie kam man überhaupt auf die Idee, in Grafen­egg ein derartiges Festival hochzuziehen?
Das hatte auch mit dem Tonkünstler-Orchester zu tun. 2002 stand man vor der Entscheidung, ob man dieses fortführt oder gänzlich auflöst. Der Landeshauptmann bekannte sich zu einem eigenen Landessymphonie-Orchester, die Tonkünstler wurden in Folge neu strukturiert, ein neues Dienstrecht zugrunde gelegt etc. In Folge stellte sich die Frage, wo die Tonkünstler – neben den Residenzen Musikverein Wien und Festspielhaus während der Saison – in den Sommermonaten auftreten. Die Wiener Philharmoniker haben ja die Salzburger Festspiele, die Wiener Symphoniker Bregenz – wo schaffen wir also eine qualitätsvolle Sommer-Spielstätte für die Tonkünster? In diesem Stadium kam die Familie Metternich, kam Grafenegg ins Spiel. Die Location stand damals ja auch zur Disposition für die Landesgartenschau, die schließlich in Tulln und Grafenegg umgesetzt wurde. Für Grafenegg wählte man einen ganzheitlichen Ansatz: Die einzigartige Verbindung von Natur und Kunst! Wir wollten aber etwas Neues schaffen, das sich von anderen Sommerfestivals abhebt – daher ging es rasch Richtung Open Air, was letztlich zur Umsetzung des Wolkenturms führte. Als klar wurde, dass die bestehende Reitschule als Regen-Ausweich-Quartier für die hohen akustischen Ansprüche der Spitzenorchester ungeeignet ist, wurde das Auditorium gebaut. Insgesamt flossen so in den Jahren 2005 bis 2009 rund 25 Millionen Euro in das Gesamtkonzept Grafeneggs.

Was manchen auch ein Dorn im Auge war. Vor allem aus St. Pölten kam die Befürchtung, das Projekt könnte auf Kosten des Festspielhauses gehen.
Was natürlich Blödsinn war. Ich selbst war damals Geschäftsführer des Festspielhauses und hätte sicher nicht das „eigene“ Haus torpediert. Mein Ansatz ist immer ein ganzheitlicher, und mir war klar, dass es keine Konkurrenz für St. Pölten geben kann, weil die Spielstätten grundsätzlich verschieden sind: Hier das breit aufgestellte, saisonal betriebene Festspielhaus als Mehrspartenhaus mit Tanz, Musik etc. Dort Grafenegg mit Schwerpunkt internationale Klangkörper, insbesondere während der Sommermonate.

Haben die St. Pöltner zu wenig Vertrauen?
Seit 2001 ist die NÖKU mit knapp 500 Mitarbeitern ein wichtiger Arbeitgeber in St. Pölten. 2004 waren mit der Übernahme des Stadttheaters in die NÖKU auch unangenehme Umstrukturierungen verbunden, etwa dass man sich von 70 Mitarbeitern trennen musste. Dass diese und andere Entscheidungen, zum Beispiel in Bezug auf Grafenegg oder der Landesgalerie Krems, von der Bevölkerung St. Pöltens unter kritischer Beobachtung standen, ist verständlich. Heute ist das Landestheater eine Institution, die sich an ihrem Erfolg messen lassen kann. Selbiges gilt auch für Grafenegg, das – trotz aller Konkurrenzbefürchtungen zum Festspielhaus – mittlerweile als Marke für sich selbst steht. Gemeinsam mit dem programmatisch vielfältigen Festspielhaus erweitert Grafenegg das kulturelle Angebot für die Region. Und das schätzt und nutzt die Bevölkerung. Dabei stärken wir die Stärken der jeweiligen Region: In St. Pölten liegt die Kraft des Landesmuseums im Natur- und Geschichtsbereich – in Krems mit der Kunsthalle in der Kunst. Diesen Weg werden wir konsequent weiterbeschreiten, sowohl mit dem Haus der Geschichte in St. Pölten als auch mit der Landesgalerie in Krems.  

Das heißt, in Ihren Augen nur ein St. Pöltner Neidreflex?
Ich glaube, es fehlt manchmal die Visionskraft, der gesamtheitliche Blick. Ich möchte keine Mittelmäßigkeit nach dem Motto „von überall ein bisserl was“, sondern wir müssen ein attraktives Angebot kreieren, um konkurrenzfähig zu sein. Das heißt, es geht um die Präzisierung der Marke: Wofür stehe ich überhaupt, und wie unterscheide ich mich von den anderen? Wir müssen uns da bitteschön schon auch im Gesamtkontext, und zwar in Nachbarschaft zur Weltkulturregion Wien sehen, wo es im Grunde genommen alles gibt. Das heißt, wir werden sicher nie die Größten sein, aber wir können innovativ, exponiert und klar strukturiert sein!

Was macht das Besondere von Grafenegg aus?
Es sind v. a. zwei Assets: Zum einen der Mut zur Architektur, welche die Gegensätze zwischen Natur, alter Bausubstanz und neuen architektonischen Akzenten umspannt. Zum anderen der kompromisslose Fokus auf hervorragende Akustik! Diese Kombination aus Natur – Architektur – Musik macht Grafenegg so einzigartig, wir sprechen von der „Symphonie der Sinne“, und das mitten im Herzen Europas, nahe der Weltkulturerberegion Wachau. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal, das Grafenegg auf Sicht zu einer Marke von Weltrang machen wird!

Nun besteht bei derlei Großprojekten ja immer die Gefahr, dass man quasi ein potemkinsches Dorf hinklotzt, das zwar schön, aber wenig verwurzelt ist.
Also die regionale Verwurzelung zu schaffen, ist uns absolut gelungen. Während etwa die Salzburger Festspiele vielfach als elitär empfunden werden, kommen 47% unserer Besucher aus der Region und Niederösterreich. Das ist ein extrem hoher Wert und bestätigt unser Anliegen, barrierefrei im Sinne von leistbar für alle Schichten zu sein. Wir sind auch im unmittelbaren Umfeld voll integriert. Bei Generalproben binden wir die Anrainergemeinden ein – die Lokalbevölkerung ist bei den Proben eine feste Publikumsgröße. Darüber hinaus übernimmt die Feuerwehr Ordnerdienste –  die Einheimischen sind stolz auf ihr Grafenegg. Die raunzen nicht à la „Wozu brauch ma des?“ sondern freuen sich: „Super, dass wir es haben!“

Wobei Grafenegg ja ebenso einen überregionalen Anspruch hat, siehe internationale Spitzenorchester.
Selbstverständlich sehen wir uns in einem überregionalen, europäischen Kontext, was auch durch die Kooperationen mit Musikfestivals in Prag, Bratislava oder Budapest unterstrichen wird. Zudem hat bei uns auch das European Union Youth Orchestra eine Residenz, ebenso wie wir mit Schaffung des „Campus“, wo exzellente junge Musiker aus ganz Europa gefördert und weitergebildet werden, unser europäisches Selbstverständnis beweisen. Letztlich möchten wir Grafenegg im Herzen Europas als kulturellen Leuchtturm mit internationaler Strahlkraft etablieren, der aber zugleich geerdet bleibt. Ich denke, diesbezüglich sind wir auf einem sehr guten Weg.

Weil Sie die europäische Dimension angesprochen haben – was empfinden Sie angesichts aktueller Entwicklungen wie dem Hochziehen der Grenzzäune?
Für mich ist das auch persönlich ein sehr emotionales Thema. Ich bin im Pulkatal bei Retz groß geworden, 13km von der Grenze entfernt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir an den Sonntagen oft entlang der Grenze spaziert sind – da gabs die Wachtürme, Totenkopfzeichen, den Stacheldraht, Grenzkontrollen. Ein- bzw. Ausreisen war nur mit Visum möglich. Als der Eiserne Vorhang 1989 fiel, waren wir plötzlich nicht mehr am Rand, sozusagen am Ende Europas, sondern plötzlich mittendrin! Das ist ein unglaublicher Wert, und deshalb wünsche ich mir, dass wir uns bei all den Herausforderungen, die Europa zu stemmen hat – die Jugendarbeitslosigkeit, die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise – nicht wieder auseinanderdividieren lassen, sondern im Gegenteil uns all das noch stärker zusammenschweißt. Die aktuellen nationalistischen Tendenzen halte ich jedenfalls für extrem gefährlich – und gerade da sendet ein Ort wie Grafenegg eine klare Botschaft der Völkerverständigung aus. Was, wenn nicht Musik, kann besser Brücken bauen und Grenzen überwinden?

Dieses Brückenbauen wurde zuletzt auch durch den Staatsbesuch von Bulgariens Präsident Rosen Plevneliev in Grafenegg ersichtlich. Ist das ein Bereich, in dem Grafenegg noch weiter punkten möchte – auch im Hinblick auf eine bestmögliche Nutzung?
Durchaus. Grafenegg wird ja bereits ganzjährig „bespielt“, nicht nur künstlerisch durch die Sommerfestivals und die „Schlossklänge“, sondern z. B. auch durch den Grafenegger Advent, den wir nach einem Relaunch noch stärker in den Park gezogen haben und der alljährlich fast 40.000 Besucher anzieht! Etwas Ähnliches möchten wir ab 2018 auch zu Ostern präsentieren, eine Art Frühlingserwachen, mit einer Mischung aus Natur, Genuss, Musik! Den angesprochenen „Grafenegg Campus“ als Weiterbildungseinrichtung möchten wir weiter vertiefen, diesbezüglich gibt es bereits Kooperationen mit der Musikuniversität Wien, dem NÖ Musikschulmanagement sowie internationalen Partnern. Und auch den Bereich MICE, also Kongresse, Tagungen, Konferenzen etc., möchten wir weiter ausbauen – Grafenegg bietet sich diesbezüglich ja durch sein einzigartiges Ambiente sowie seine gute Infrastruktur bis hin zu Seminarräumen an. Was uns aber noch fehlt, ist ein Hotel am Gelände bzw. im Umfeld. Da gilt es einiges zu beachten, insbesondere was Ensemble- und Denkmalschutz betrifft – aber diese Vision ist absolut vorhanden und auch schon weit fortgeschritten.

Die Achse Krems-St. Pölten, damit wohl auch Grafenegg, wurde zuletzt auch in anderem Kontext thematisiert: Wie stehen Sie einer Bewerbung St. Pöltens als europäische Kulturhauptstadt 2024 gegenüber?
Der Terminus „EU-Kulturhauptstadt“ impliziert, dass eine Stadt auch wirklich Kulturstadt sein möchte. Diesen Willen orte ich in der Landeshauptstadt aber – wenn ich mir das kulturpolitische Engagement anschaue – nicht wirklich. Anspruch und Realität klaffen da auseinander, es fehlt an Visionen. Nehmen wir zum Vergleich Linz, das zuletzt europäische Kulturhauptstadt war: Da hat die Stadt mit dem Tourismus und dem Land Oberösterreich gemeinsame Sachen gemacht und offensiv etwas auf die Beine gestellt. In St. Pölten, wo es an sich schon so viel gibt und so viel Vorarbeit geleistet wurde, gibt es kein wirkliches Commitment zu den Institutionen. Stattdessen gefällt man sich in einer Art Märtyrerrolle, redet von „denen da drüben“, vom „starken Land“ und der angeblich „schwachen Stadt“. Aber aus diesem überholten und wohl auch bequemen Rollenverhalten muss man nach 30 Jahren Hauptstadt endlich rauskommen. Diese Kleinkariertheit, dieses hemmende Sicherheitsdenken muss endlich überwunden werden. Nur dann, auf Basis einer fundierten Ist-Analyse und einer Vision, wo man überhaupt hinmöchte, macht eine Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt Sinn. Ich bin gerne bereit, auf diesem Weg zu helfen, aber das muss man wollen.


GRAFENEGG IN ZAHLEN
Kosten: Zwischen 2005-2009 wurden rund 25 Millionen Euro in Wolkenturm, Auditorium, Revitalisierung Park investiert.
Budget: 7,8 Millionen Euro (davon ca. 3,9 Millionen aus Fördermitteln von Land NÖ; 3,9 Millionen Euro aus Eigenerlösen)
Besucherzahl: 2015 begrüßte Grafenegg insgesamt 135.000 zahlende Besucher (inkl. Schlossbesucher und Gäste von Fremdveranstaltungen). Darunter waren 55.000 Besucher von Konzerten und anderen Musikveranstaltungen der Grafenegg Kulturbetriebs GmbH sowie 36.000 Besucher des Grafenegger Advents.
Künstlerischer Leiter: Rudolf Buchbinder   
www.grafenegg.com