MFG – Das Magazin – 100 Jahre Ende des Kriegsgefangenenlagers Spratzern


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St. Pöltens gute Seite

100 Jahre Ende des Kriegsgefangenenlagers Spratzern

Text Thomas Lösch
Ausgabe 11/2019

Für die Kriegsgefangenen am russischen Kriegsschauplatz, Hunderttausende an der Zahl, ließ das k.u.k. Kriegsministerium im deutsch- und ungarischsprachigen Teil der Monarchie zahlreiche Lager errichten. Eines davon lag in Spratzern.

Der Grund für die hohe Dichte an Lagern in diesen Teilen der Monarchie lag daran, dass sie einerseits fernab der Front sein sollten, um die Flucht zu erschweren, und sie sollten außerhalb der slawisch-sprachigen Gebiete liegen, da man eine Fraternisierung der örtlichen Bevölkerung mit den Inhaftierten befürchtete. Wichtige Kriterien für die Errichtung eines Lagers waren ein ausreichend großes Grundstück und ein Gleisanschluss, da der Transport der Kriegsgefangenen sowie deren Versorgung mit Lebensmitteln fast ausschließlich mit der Bahn stattfand.
So entstand auf dem Gemeindegebiet von Spratzern, auf einem gänzlich unbebauten Areal, das von der heutigen Aquilin-Hacker-Straße bis an die Nordgrenze von St. Georgen sowie vom linken Traisenufer bis zur Mariazeller Straße reichte, eine über drei Quadratkilometer große Barackenstadt für 70.000 bis 80.000 Insassen. Binnen weniger Monate entstand im Weichbild eines kleinen Bauerndorfes eine richtige Stadt mit Wasserversorgung und Kanalisation. Das Lager war elektrifiziert und die Offiziersbaracken verfügten über eine Dampfheizung, die von einem eigens errichteten Heizhaus gespeist wurde. Zur Stadt gehörten Werkstätten, Großküchen, ein Lagerspital sowie eine Kapelle. Für die kulturliebenden kriegsgefangenen Offiziere wurde zudem ein Theatergebäude errichtet.
Die Bauarbeiten begannen Ende September 1914, und bereits im Frühjahr 1915 bezogen die ersten Unglücklichen ihr neues Quartier. Die Lagerinsassen stammten zum Großteil aus dem russischen Zarenreich, daneben gab es noch eine größere Gruppe italienischer Gefangener und einzelne Gefangene aus Frankreich und Serbien.
Anlässlich des Geburtstages Kaiser Franz Josefs am 18. August 1915 wurden Teile des Lagers zur Besichtigung freigegeben, quasi ein „Tag der offenen Tür“.