MFG – Das Magazin – Wie viel Wachstum verträgt die Landeshauptstadt


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Wie viel Wachstum verträgt die Landeshauptstadt?

Text Jakob Winter
Ausgabe 03/2020

GEORG RENNER
Der Wilhelmsburger arbeitet als Journalist bei der „Kleinen Zeitung“.

„Keine Angst vor einem Stück mehr Dichte und Wachstum.“

Wo wollen Sie lieber leben? In einer „liebevollen Mittelstadt mit eigenem Profil“ – oder in „einer der vielen Speckgürtel-Gemeinden von Wien“? Es ist ein schöner Gegensatz, den die Kritiker der großen Wohnbauprojekte in St. Pölten konstruieren – mit dem Schönheitsfehler, dass es eben eine Konstruktion ist. Denn ebenso wie St. Pölten spätestens seit Eröffnung der neuen Weststrecke funktional Teil des Speckgürtels geworden ist, schließt das natürlich ein eigenes Profil nicht aus, noch weniger, ein „liebevoller Ort“ zu sein.
Klar ist: Große Wohnbauprojekte wie die „Glanzstadt“ oder „Elastic City“ (wer denkt sich eigentlich solche Namen aus?) können einen ob ihrer Dimension schon einmal skeptisch stimmen – und die Frage, ob die umliegende Infrastruktur und deren langrfristige Planung für hunderte neue Wohneinheiten ausreicht, ist legitim und wichtig.
Aber es ist eben auch ein Stück irrational, darin plötzlich den Charakter der Landeshauptstadt untergehen zu sehen. St. Pölten wächst ja nicht, wie die chinesischen Megastädte unserer Zeit, von einem Jahr auf das nächste um zehn, 15 Prozent und gewaltige Ghettos am Stadtrand – sondern um ein moderates Hundertstel pro Jahr. Das ist verkraftbar, und mit vorausschauender Politik durchaus zu managen.
Es wird sogar ein Stück leichter durch solche großen Wohnparks: Im Gegensatz etwa zu dem von Einfamilienhäusern geprägten Süden der Stadt lassen sich Wohnhausanlagen wie die geplanten planerisch einfacher integrieren: Weil sie von haus aus die notwendige Dichte mitbringen, um öffentlichen Verkehr auf sie abzustimmen, dezidierte Rad- und Fußwege zu ihnen anzulegen, Nahversorger in ihre Nähe zu bringen und so weiter. Agieren Politik und Verwaltung schlau, können solche neuen Viertel die Stadt sogar aufwerten und sie ein Stück ressourcenschonender machen.
Also: keine Angst vor ein bisschen mehr Dichte und Wachstum. St. Pölten wird nicht über Nacht zu Chongquing, sondern wird auf absehbare Zeit eine Mittelstadt bleiben. Und ja, vermutlich auch „liebevoll“.


JAKOB WINTER
Aufgewachsen in St. Pölten, emigriert nach Wien, Redakteur beim „profil“.

„Lieber stetes Wachstum, als eine Gemeinde, die ausstirbt.“

Wer wie ich nur alle paar Wochen nach St. Pölten kommt, erlebt die Stadtentwicklung wie im Zeitraffer. Wo eben noch eine verwahrloste Wiese war, stehen nun meterhohe Kräne; wo eben erst zu bauen begonnen wurde, beziehen bereits die ersten Mieter ihre neuen Wohnungen. Ohne Zweifel: St. Pölten wächst.
Die vielen Bauprojekte könnten beinahe den Eindruck erwecken, die Bevölkerungszahl der Stadt werde demnächst genauso rasant in die Höhe schießen. Allein: Der Schluss wäre verfehlt. Ein Blick auf die aktuellsten Zahlen der Statistik Austria rückt das Bild zurecht: Anfang 2020 leben um exakt 0,89 Prozent mehr Menschen in St. Pölten als Anfang 2019 – das bedeutet 500 Zuzügler.
Auch wenn die Bevölkerungszahl nur moderat ansteigt, wurde zuletzt hitzig über mögliche negative Folgen des Wachstums diskutiert. Unbestritten: In der Stadt wird es zwangsläufig enger, freie Ausblicke verbaut und das Verkehrsaufkommen erhöht.
Doch der Zuzug bringt auch positive Effekte: Denn entscheidend ist, dass parallel zur Bevölkerung auch die Infrastruktur mitwächst – dann nämlich bleibt die Lebensqualität erhalten; oder sie steigt im besten Fall sogar. Und dafür gibt es derzeit gleich mehrere Indizien: Das Landesklinikum und das VAZ wurden erweitert, ein neues Primärversorgungszentrum eröffnet und aktuell wird an einem Zubau für die FH gewerkt. Und schließlich beschert das Plus an Bewohnern der Stadt auch ein größeres Budget.  
In vielen Gemeinden – zumeist in abgelegenen Regionen – kann derzeit der genaue Gegentrend beobachtet werden: Abwanderung. Die Folgen sind fatal. Geschlossene Geschäfte, aufgelassene Postfilialen, kaum öffentlicher Verkehr, ja sogar die Infrastruktur muss teils zurückgebaut werden. Im Extremfall kann Abwanderung richtig teuer werden, wie das Beispiel Eisenerz zeigt: Dort mussten Häuser abgerissen und die Kanalrohre verkleinert werden, weil durch die starke Abwanderung zu wenig Abwasser durch die Kanalisation floss – was beißenden Gestank beförderte.
Im Zweifel wäre mir stetes Wachstum deutlich lieber als eine Gemeinde, die langsam ausstirbt.