MFG – Das Magazin – Die Ruhe nach dem Sturm


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Die Ruhe nach dem Sturm

Text Johannes Reichl
Ausgabe 03/2020

Gut 100 Tage liegt die Entscheidung der Jury gegen St. Pölten als Europäische Kulturhauptstadt zurück. Während man die berühmten 100 Tage für gewöhnlich neuen Regierungen zum Einarbeiten einräumt, waren es im Falle St. Pöltens sozusagen 100 Tage, um sich von der Enttäuschung einigermaßen zu erholen.

Es geht uns gut, wir sind wieder voller Energie nach – zugegeben – einer harten Phase mit einigermaßen Wut im Bauch“, räumt Albrecht Großberger, nach dem Abgang Michael Duschers interimistischer operativer Geschäftsführer der NÖ Kulturlandeshauptstadt St. Pölten GmbH, eingangs des Gespräches ein. Die „Wut“ hatte man vor allem aufgrund der Jury-Entscheidung. „Es gibt sechs ganz klare Kriterien, nach denen die Jury zu beurteilen hat – und zwar nur nach diesen sechs – das hat sie unserer Meinung nach nicht konsequent getan“, kommt sich Großberger noch immer ein bisschen wie im falschen Film vor. Auch manch im Jurybericht formulierte Kritik stößt dem Interimsleiter sauer auf. „Im Bid Book 1 wurde etwa seitens der Jury moniert, dass wir den Zentral- und Osteuropa-Schwerpunt zu wenig ausgearbeitet hätten. Wir haben darauf reagiert und nachjustiert. Bei der Beurteilung des Bid Book 2 hieß es jedoch, der Fokus der Bewerbung auf Zentral- und Osteuropa sei zu stark.“ Auch dass die angenommenen Personalkosten zu hoch und teils nicht nachvollziehbar seien sowie das Einstimmigkeitsprinzip des mehrköpfigen Leitungsteams zu Stillstand und Konflikten hätte führen können, lässt Großberger nicht gelten – wohl auch unter dem Aspekt, dass Bad Ischl mittlerweile (allerdings erst nach dem Zuschlag) eine kaufmännsiche Geschäftsführung sowie ein siebenköpfiges künstlerisches Direktorium ausgeschrieben hat. „Es stimmt, der Personalaufwand für ein komplexes Projekt wie die Kulturhauptstadt Europas ist hoch, doch wir wollten eine bestmögliche Umsetzungsfähigkeit sicherstellen. Und weil wir nichts zu verstecken haben, wurden die Personalkosten ganz transparent offengelegt, wie wir überhaupt die gesamte Finanzierung stringent und seriös durchgerechnet haben, und zwar vorab seitens der Politik einstimmig garantiert.“
Dass die St. Pöltner Bewerbung zu kopflastig und konzeptionell gewesen sei, wie ebenfalls kritisert, lässt Großberger ebenfalls nicht unwidersprochen. „Ganz ehrlich, wenn unsere Bewerbung zu ‚intellektuell‘ war, das heißt Tiefgang hatte und weit über Marketing-Slogans hinausging, dann sind wir stolz darauf. Bei Bad Ischl steht eine Überschrift zum Kernthema Overtourism ohne dass es dazu dazu im Bid Book einen klaren Lösungsansatz gibt“, ärgert er sich. Wobei das Thema „Overtourism“, wie Projektleiter Jakob Redl mutmaßt „aktuell vielleicht opportuner ist und der Jury besser gefallen hat. Wir sind eben mehr in die Tiefe gegangen, haben überlegt, wie das Große im Kleinen wirkt, wie verschiedene Aspekte, die in Europa relevant sind, auch in den Mittelstädten durchschlagen – Umweltschutz, Migration, technischer Wandel, Mobiliät etc.“ Zwar nicht explizit ausgesprochen, vermeint man doch den Verdacht eines gewissen Spins der Jury herauszuhören. „Vielleicht wollte man einfach nicht sozusagen die kleine Schwester von Linz, also diese Transformationsgeschichte einer ehemaligen Industriestadt zur Kulturstadt, sondern eben erstmals eine inneralpine Kulturhauptstadt mit Tourismusfokus“, so Redl. „Das Gute in dieser schwierigen Situation der Absage war, dass wir eine maßgeschneiderte und breit getragene Bewerbung hatten, so dass wir jetzt auf einer soliden Basis nahtlos weitermachen können“, ergänzt Großberger.