MFG – Das Magazin – Bernhard Wurzer - Kapitän auf der Titanic


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Bernhard Wurzer - Kapitän auf der Titanic?

Text Johannes Reichl
Ausgabe 03/2020

Die Fusion der neun Gebietskrankenkassen zu einer Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) hat etwas Monumentales an sich und wirft gehörig das Assoziationskarussell an. Da kommt einem etwa, FALCO lässt grüßen, die „unsinkable Titanic“ in den Sinn oder jene Szene aus dem Film „Fitzcarraldo“, wo Eingeborene ein Passagierschiff quer durch den Dschungel von einem Flusslauf zum anderen ziehen. Oder, ganz klassisch formuliert: Diese Fusion ist eine Herkulesaufgabe, die wohl nur ein wahrer Held stemmen kann – tja, und der kommt möglicherweise aus St. Pölten und heißt Bernhard Wurzer.

Freitagabend, 18 Uhr. Mein Handy klingelt: „Ich bin jetzt am Weg nach Hause“, lässt mich Bernhard Wurzer, Generaldirektor der ÖGK, wissen.  Eine Stunde später sitzen wir im „Wellenstein“, umringt von lauter Liebespärchen – es ist Valentinstag! Statt Candlelight gibt’s in unserem Fall freilich nur einen schnöden Interviewtermin, wobei ein bisschen „Liebe“ dem Herrn Generaldirektor ganz gut tun würde, immerhin erntet er nicht selten das glatte Gegenteil davon, jede Menge Giftpfeile eingeschlossen, denn merke: Ein Mammutprojekt wie die Fusion der neun Gebietskrankenkassen zu einer Österreichischen Gesundheitskasse ist alles andere denn ein Kindergeburtstag und bringt einem, um es euphemistisch zu formulieren, nicht nur Freunde! Der Manager nimmts sportlich und lässt, mit einem unmerklichen Schmunzeln um den Mund, ein Herodot-Zitat aus dem Film „300“ vom Stapel: „Und wenn die Feinde durch ihre Pfeile die Sonne verdunkeln: desto besser, so werden wir im Schatten kämpfen!“ Klingt martialisch, ist es auch, und soll vor allem eines heißen: Ich lasse mich sicher nicht entmutigen. Wer Wurzer kennt, weiß, dass gerade vertrackte Herausforderungen seinen Ehrgeiz im besonderen Maße anstacheln und ihn zu Höchstform auflaufen lassen. Mit vermeintlich aussichtslosen Situationen kennt er sich nämlich aus, immerhin war er jahrelang schwarzer Oppositionspolitiker im absolut rot geführten St. Pölten. Da bekommt man schon eine dicke Haut.
Die ist angesichts der größten Fusion in der Geschichte der Zweiten Republik auch notwendig, immerhin sprechen wir von 7,2 Millionen Versicherten und einem Leistungsvolumen von über 15 Milliarden Euro, allen voran aber von einem Projekt, das entlang seismischer Bruchlinien der Republik verläuft – Föderalismus versus Zentralismus, Selbstverwaltung versus Abhängigkeit, Funktionärsmacht versus Management, Arbeitgebervertreter versus Arbeitnehmervertreter. Von parteipolitischen und sozialpartnerschaftlichen Scharmützeln und Befindlichkeiten im Hintergrund reden wir noch gar nicht. Es geht um Macht, Geld und Einfluss – und all das unter dem Damoklesschwert einer alternden Bevölkerung, die in Hinkunft noch mehr Geld für medizinische Versorgung verschlingen wird. Zwischen diesen Gegenpolen oszillieren die (medialen) Debatten, und es muss fast schon als Treppenwitz bezeichnet werden, dass in den meisten Statements die grundlegende Frage, nämlich inwieweit eine solche Fusion im Hinblick auf die Gesundheitsversorgung und für die Versicherten Sinn macht, bislang fast außen vor bleibt.