MFG – Das Magazin – Better safe than sorry


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Better safe than sorry

Text Michael Müllner
Ausgabe 03/2020

Ein neuartiger Virus hält die Welt in Atem, auch die St. Pöltner schwanken zwischen naiver Wurstigkeit und skurriler Panik. Dabei könnte man mit etwas Engagement tatsächlich sinnvoll vorsorgen. Wie wir den Blackout überleben.

Stell dir vor: Nach einem Verkehrsunfall wachst du im Bett eines Krankenhauses auf. Irgendwann stehst du auf und siehst dich um. Weit und breit kein Mensch. Du stellst fest: Irgendwas Unmögliches ist passiert! Aus Menschen wurden Zombies. So beginnt die Kult-Fernsehserie „The Walking Dead“. Sie erzählt seit Jahren von einer Welt, in der die Menschen lernen zu überleben, nachdem alles zusammengebrochen ist, das für uns heute alltäglich und selbstverständlich ist. Ein seltsamer Virus hat alle Menschen infiziert. Sobald wir sterben, werden wir zu Zombies, die herumstreunen und Menschen fressen. Zombies sind aber nicht das Problem in dieser Welt. Weil: Zombies sind dumm. Und mit einem festen Schlag in den schirchen Schädel wird aus dem hungrigen Untoten rasch ungefährlicher Zombie-Kompost. Für die wirklichen Probleme der Menschen in der Serie sorgen: andere Menschen. Denn wer auf der Flucht vor den Untoten mit Überleben beschäftigt ist, den erkennt man schon mal nicht wieder. Es geht also um Angst und Panik. Anarchie und Gruppendynamik. Wie bleiben wir soziale Wesen und erhalten uns so das Menschsein, wenn die gewohnte Welt plötzlich in Frage steht? Doch der Reihe nach. Zuerst wenden wir uns dem Tagesgeschehen zu.

Wir > Viren
Denn mit Viren kennen wir uns derzeit ja besonders gut aus. Wie schnell die Verunsicherung in der Bevölkerung steigt und im Handel Dosengulasch und Desinfektionsmittel ausverkauft sind, hat das Frühjahr 2020 gezeigt. Während sich die einen am liebsten zu Hause einsperren würden, ärgert die anderen die „übertriebene Panik wegen eines Schnupfens“. Dabei macht es freilich schon Sinn, dass die Welt händeringend versucht, die Konsequenzen dieser globalen Infektion einzudämmen. Zum einen ist es besser, wenn nicht alle gleichzeitig erkranken – sondern die Infektionskurve eben möglichst langsam steigt und somit die ersten schon wieder gesund sind, bis die zweiten erkranken. Zum anderen haben wir mit der normalen Influenza-Grippe ohnehin schon eine jährlich wiederkehrende Seuche, die allein in Österreich 1.400 Menschen jährlich umbringt (und über die sich keiner mehr aufregt, weil sie eben schon so normal ist). Jede Aufregung verdient sich auch etwas Skurrilität. So kann man sich etwa nur wundern, wenn an sich gesunde Menschen plötzlich ihr jähes Ende fürchten, sobald sie nicht stets einen Jahresvorrat an Desinfektionsmittel in Griffweite wissen. Auch so mancher Blick ins Supermarkt-Einkaufswagerl lässt schmunzeln: in Quarantäne wird es Frau und Herr Österreicher weder an Gulaschsuppe noch an Klopapier mangeln. Doch halt, hier lassen wir den Spaß kurz beiseite und nehmen Zombies und Corona-Panik zum Anlass, um seriös zu werden. Es gibt nämlich wirklich so etwas wie einen Plan B.

Sirenen der Seligen
Peter Puchner ist Katastrophenschutz-Beauftragter der Stadt St. Pölten, Zivilschutz ist sein Thema. Und obwohl jeden Samstag, Punkt 12 Uhr mittags, im Stadtgebiet die Sirenen heulen und somit jeder Bürger wöchentlich einen „friendly reminder“ bekommt, wissen die meisten erstaunlich wenig dazu. Hier möchte Puchner ansetzen. In den letzten Monaten wurde vermehrt über Zivilschutz berichtet, vor allem ein drohender Blackout wird intensiv behandelt. Überlegt man sich eine Risikoeinschätzung für St. Pölten, so erkennt man rasch, dass wir auf einer Insel der Seligen leben. Aus anderen Weltregionen bekannte katastrophale Naturereignisse wie Dürre, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Tsunamis und Wirbelstürme – long time, no see in beautiful Austria. Auch Lawinen stehen im Traisental nicht an der Tagesordnung. Unter der Vielzahl an möglichen Bedrohungen drängt sich der Blackout also geradezu auf. Wer den Blackout im Griff hat, hat auch bei den meisten anderen – weit weniger realistischen – Szenarien gute Karten.

Welcome to the Blackout
Einen Stromausfall kennen wir alle. Ärgerlich, weil der Strom genau dann weg ist, wenn man ein spannendes Fußballmatch im Fernsehen sehen möchte oder das Essen noch am Herd steht. Doch für gewöhnlich ist nach wenigen Minuten, spätestens am nächsten Morgen, wieder alles normal. Nur die blöden Uhren muss man alle neu stellen. Das ist kein Blackout. Erst, wenn der Stromausfall überregional ist, womöglich sogar den ganzen Kontinent erfasst, und wir von mehreren Tagen ohne Strom sprechen, dann ist es ein echter Blackout – und dann wird es spannend. Elektrischer Strom ist für uns nämlich eine Selbstverständlichkeit. Er ist billig und immer verfügbar. Die wenigsten von uns kennen eine Welt ohne ihn. Doch dass der Strom aus der Steckdose kommt, ist eine Kunst. Ins Netz muss genau so viel Strom eingespeist werden, wie wir Konsumenten verbrauchen. Solange alles mit einer Frequenz von 50 Hertz läuft, ist das System safe. Aber die Toleranz ist minimal: Schwankt die Frequenz um mehr als 0,2 Hertz, dann bricht das Netz zusammen. Peter Puchner zeigt auf einer Grafik einen plötzlichen Knick nach unten: „Am 7. Oktober 2019 hatten wir um 21:00 Uhr nur 49,82 Hertz. Das österreichische Stromnetz stand unmittelbar vor einem Blackout. Das Netz wird immer gestresster und instabiler, es braucht ein Vielfaches der Kosten, um die Frequenz in der nötigen Bandbreite zu halten. Die Frage ist also nicht, ob es zu einem Blackout kommt – sondern wann.“

Kein Anschluss unter dieser Nummer
Wenn es so weit ist, dann sollte man vorbereitet sein. Und diese Vorbereitung geht weit über eine geladene Powerbank für das Smartphone hinaus. Stellen wir ein paar Überlegungen an. Fällt der Strom in Österreich und seinen Nachbarländern aus, dauert es (gefühlt) ewig, bis das System wieder hochfahren kann. Egal ob aufgrund technischen Versagens oder Cybercrime und Terrorismus – eine Zeit lang wird es ungemütlich. Jene Kraftwerke, die ohne Strom hochfahren können, sind als erstes an der Reihe um wieder Strom ins Netz zu speisen. Der Reihe nach werden mehr und mehr Erzeuger wieder ans Netz geschlossen. Die meisten Kraftwerke brauchen nämlich selbst Strom, um überhaupt Strom erzeugen zu können. Tricky. Doch zurück zur geladenen Powerbank für das Handy. Die nutzt uns wenig, weil mit dem Stromausfall auch die Kommunikationswelt zusammenbricht. Mobiltelefonie, Internet und Festnetz sind aus – der Strom fehlt ja nicht nur in den eigenen vier Wänden, sondern auch in den Masten und Servern der Unternehmen, die die Technik bereitstellen. Falls Sie Geheimagent sind und ein Satellitentelefon haben: Glückwunsch. Zumindest, sofern die SIM von einem Provider ist, der seinen Server nicht in Österreich hat. Am besten gleich auf einem anderen Kontinent. Achja, wen wollen Sie mit dem Satelliten-Telefon eigentlich anrufen? Hilfreich wäre es jetzt also, hätte man im Vorfeld ein Offline-Szenario mit seinen Liebsten entworfen, bei dem im Notfall jeder weiß, was er unternimmt, bis dass man sich wieder von Angesicht zu Angesicht besprechen kann.

Unterdessen auf den Straßen
Die Ampeln sind ausgefallen, es entstehen Staus, natürlich wollen alle so rasch als möglich vom Arbeitsplatz (an dem sie eh nichts machen können) nach Hause. Das heißt, sofern man nicht gerade im Lift steckengeblieben ist oder mit seinem Auto in der Tiefgarage festsitzt, weil der Schranken zubleibt. Panik macht sich breit: Wer holt die Kleinen vom Kindergarten und der Schule ab, wenn jetzt plötzlich alles anders ist und man niemanden erreicht? Während der öffentliche Verkehr still steht, sind Fahrräder das Transportmittel der Stunde. Endlich daheim angekommen, stellt man fest: Ohne Strom kein Licht. Im Sommer ist das weniger tragisch, aber im Winter sind die Tage kurz. Da helfen ausreichend Kerzen, aber auch praktische Lampen, die zielgerichtet dort Licht geben, wo man es gerade braucht. Entweder betrieben mit Gas, wie beim Campen, mittels Solarenergie oder gleich Lampen, deren Akkus man mit einer eingebauten Kurbel aufladen kann. Batterien gehen auch, aber von denen hat man doch schon im normalen Leben immer zu wenig oder gerade die falschen da, oder?

Keep on running
Langsam zeichnet sich dann auch ab, was neben dem Strom sonst noch fehlt. Wasser läuft bekanntlich von oben nach unten. Wer also in einer tiefen Lage daheim ist, der merkt schnell, dass seine Abwasserpumpe nicht mehr arbeitet und das Schmutzwasser nicht abläuft. Umgekehrt reicht der Wasserdruck nicht aus, um das Trinkwasser (ohne Strom für die Drucksteigerungsanlagen) in hohe Lagen oder oberste Stockwerke hoher Gebäude zu bringen. Wer in der Nähe ein fließendes Gewässer hat, der kann sich mit entsprechenden Gefäßen helfen und so Nutzwasser zum Waschen und Klospülen herbeischaffen. Heikler ist es mit dem Leitungswasser, denn auch dieses wird rasch versiegen. Das St. Pöltner Trinkwasser wird von den Brunnenfeldern mit elektrischen Pumpen in hochgelegene Reservoirs gepumpt. Kommt der Blackout, fallen zwar plötzlich die großen Wasserverbraucher wie Industrie oder auch Waschmaschinen in den Haushalten weg. Aber dennoch werden die großen Wasserspeicher nach ein bis zwei Tagen leer sein. Nachschub kommt erst, wenn die elektrischen Pumpen wieder laufen.

Babe, it’s up to you
„Hier sieht man, wie überlebenswichtig die Eigenverantwortung ist“, erzählt Peter Puchner. Bei seinen Infoveranstaltungen fragt er die Leute gerne, wie lange sie mit ihren Vorräten an Wasser und Lebensmitteln daheim auskommen würden. Er möchte den Menschen bewusst machen, dass sie im Fall des Falles nicht darauf warten dürfen, dass jemand vom Magistrat an die Tür klopft und sie mit dem Nötigsten versorgt. „Wenn ein Mensch pro Tag rund drei Liter Wasser braucht, dann wären das bei 60.000 Einwohnern und 14 Tagen rund 2,5 Millionen Liter Wasser. Wo soll man das Lagern? Oder noch besser: Wie soll man das Umschlagen und im Fall des Falles an die Leute verteilen?“, fasst der Katastrophenschutzbeauftragte die Fakten zusammen. Es kann also nur gehen, wenn jeder für sich vorsorgt und eine Zeitlang über die Runden kommt, denn im schlimmsten Fall haben die Verantwortlichen alle Hände voll mit anderen Dingen zu tun, als den Bürgern jene Dinge nachzutragen, für die sie in den guten Zeiten nicht selber vorgesorgt haben. Besonders relevant ist die Bewusstseinsbildung diesbezüglich bei den Schlüsselkräften einer Krise. Nur wenn Einsatzkräfte ihre Liebsten versorgt und sicher wissen, werden diese auch in ausreichender Anzahl zum Dienst antreten.

Planen statt hamstern
Wie soll nun ein krisenfester Haushalt aussehen? Im Internet finden sich zahlreiche Checklisten und Ratgeber für Einkaufs- und Vorratslisten. (Etwa auf der Seite des NÖ Zivilschutzverbands: www.noezsv.at.) Relevant ist aber wohl nicht die sklavische Abarbeitung der Listen. Wenn ich das ganze Jahr keinen Reis esse, dann werde ich wohl auch im Blackout-Timeout ohne Onkel Ben auskommen. Dafür wären aber Nudeln ganz hilfreich? In jedem Haushalt sollte also überlegt und besprochen werden, was man für zwei Wochen braucht, ohne dass man allzu leidet. Und ja, Krise darf auch Spaß machen, warum nicht auch Schokolade und Zigaretten dazu packen, wenn man es schon im Alltag kaum ohne schafft? Demnach haben nun viele Haushalte ausreichend Gulaschsuppen in Dosen daheim. Im Idealfall haben diese Dosen eine Lasche, sonst wäre auch ein griffbereiter Dosenöffner super. Aber kaltes Gulasch ist nicht wirklich ein Genuss, also wäre auch eine Kochgelegenheit wichtig. Handelsübliche Campingkocher mit Gas-Kartuschen bieten sich an, zur Not kann auch ein Holzkohlegrill weiterhelfen – der sogar Wärme gibt. Etwas einlesen schadet auch bei diesem Thema nicht, denn auch in Ausnahmesituationen sollte man sich nicht unbedingt durch die falsche Anwendung von Gasgeräten mit einer CO-Vergiftung ins Jenseits befördern. Ein Muss ist auch ein analoges Radio – idealerweise mit Kurbelantrieb, denn nur so kann man sich die so wichtigen Informationen verschaffen, was überhaupt los ist und wie man sich verhalten soll. Auch Autoradios bieten sich dafür als schnelle Infoquelle an. All das Notfall-Equipment gehört dann natürlich auch vernünftig verstaut, an einem Ort, an dem es im Fall des Falles auch von allen rasch gefunden wird. Und es sollte, dank guter Planung, vollständig sein. Zündhölzer und Feuerzeug klingen trivial, doch gerade deswegen kann man sie schnell vergessen und im Notfall dann schmerzlich vermissen. Und man sollte sich bewusst machen: Was ich nicht habe, kann ich mir nicht einfach dank Amazon Prime heimschicken lassen. Nein, auch Tankstellen, Supermärkte, Gastronomiebetriebe – ohne Strom sind sie alle lahmgelegt und ziemlich sicher geschlossen. Einkaufen ist also keine Option.

Individueller Plan für daheim
Auch wenn es drastisch klingt: Ein Fluchtgepäck macht nicht nur für Geheimagenten Sinn. Welche wertvollen Dokumente und Gegenstände, unersetzbare Erinnerungsstücke, möchte ich unbedingt behalten? Spätestens wenn die Bude brennt, wäre es praktisch, wenn es nur wenige Handgriffe braucht, um alles wirklich Wichtige in Sicherheit zu schaffen. Die zahlreichen Info-Materialien sind für all diesen Überlegungen stets nur der Anfang. Jeder Haushalt ist unterschiedlich, alle Menschen sind eigen und brauchen einen individuellen Plan, um wirklich vorbereitet zu sein. Wer sich zeitgerecht Gedanken macht und mögliche Situationen durchspielt, der ist jedenfalls besser gerüstet: Ist der Vorratskasten sinnvoll befüllt und sind Lebensmittel richtig gelagert? Kühl, trocken, frei von Schädlingen? Haben wir genug Verbrauchsmaterial: Klopapier, Taschentücher, Hygieneartikel, Batterien, Müllsäcke? Kann ich mit meiner Hausapotheke Verletzungen und Erkrankungen selbst gut genug behandeln? Habe ich bei den Vorräten auch an Haustiere gedacht? Gibt es besondere Bedürfnisse etwa Babys, Kleinkinder oder pflegebedürfte Angehörige?

Into the wilderness
Wer bei all diesen Fragen den Überblick verliert: Es wird leichter, desto länger man sich damit beschäftigt. Und im Endeffekt ist es gar nicht so schwer. Als Grundfrage könnte man nehmen: Was packe ich ein, wenn ich vierzehn Tage Campen fahre? Irgendwo in die Wildnis. Ohne Strom, ohne Einkaufsgelegenheit. Mitschwingen sollten auch Überlegungen zum Umfeld: Wer versorgt die Großeltern? Wer kümmert sich um die gebrechlichen Nachbarn im Haus nebenan? Womit wir auch schon wieder beim Anfang der Geschichte sind: Dem Miteinander. Denn sofern wir davon ausgehen, dass uns eher der Blackout erwischt als die Zombie-Apokalypse, so dürfen wir davon ausgehen, dass mit der Krise auch die Chance kommt, als Gemeinschaft zu wachsen. Mit dem Nachbarn Gulaschsuppen-Dosen gegen Chili-con-Carne-Dosen tauschen. Im Hof der Wohnhausanlage den Holzkohl-Griller anheizen und dem ganzen Chaos zum Trotz einfach Mensch bleiben. (Denn zum Gruseln haben wir ja derzeit noch Strom – und somit Fernsehen: Die aktuelle Staffel von The Walking Dead läuft derzeit montags ab 21 Uhr auf FOX. Und danach dann auf Sky.)