MFG – Das Magazin – In den Kellern der Nacht


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

In den Kellern der Nacht

Text Thomas Fröhlich
Ausgabe 09/2020

Seit 20 Jahren ist es Anlaufstelle für Nachtschwärmer, Metal-Fans, Jazz-Freaks und Blues-Afficionados: das Underground. Es legendär zu nennen, kommt einer Untertreibung gleich. Was auch auf seinen Betreiber, Walter Göbel, zutrifft. Begeben wir uns also auf eine Magical Mystery Tour in unterirdische Gefilde, dorthin, wo man Tageslicht eher vom Hörensagen kennt.

„Die Blumenkinder sind schon tot / Rockstars kennen keine Not / Die Hitparaden spiel´n nur Schund / Wir kommen aus dem Untergrund / [...] / Aus den Kellern der Nacht  / Aus den Kellern der Nacht / [...]“ (Ronnie Urini und die letzten Poeten)

Was Österreichs einziger wirklicher Rockstar, Ronnie Urini alias Ronnie Rocket, in den 1980ern sang, klingt heute beinahe prophetisch. Im St. Pöltner Untergrund, dem Underground, ticken die Uhren nämlich anders. Dunkler. Lauter. Geheimnisvoller. Ein pittoreskes Gewölbe, das auch ein gutes Setting für einen Vincent Price- oder Christopher Lee-Film abgeben würde, mit Totenköpfen etwa und Lampen in Form gehörnter Köpfe, die das Halbdunkel nur unzureichend erhellen. Dazu ein wild überwucherter Gastgarten, der Romantiker jeglicher Couleur (von verliebt bis düster-melancholisch gesinnt) anzusprechen vermag. Den konservierten Soundtrack dazu liefern Stromgitarren schwingende Schwarzkünstler und – gelegentlich – einsame Bluesmen und -women sowie existenzialistisch anmutende Jazzer, die einem Pariser Club aus den 1950ern entsprungen sein könnten. Und nicht selten hallen Live-Klänge durch die Katakomben unter der Adresse Josefstraße 1.

Diesen Keller der Nacht gibt es nun seit genau 20 Jahren.
„Und vom ersten Tag an war’s voll! Es sind noch die Sägespäne gelegen, da sind die Massen schon vor der Tür gestanden“, erinnert sich Betreiber und Mastermind Walter Göbel, dessen Stimme man durchaus auch als dröhnend bezeichnen darf, vor allem, wenn er von etwas begeistert ist. Und das ist er oft, vor allem von seinem Kind, das heuer seine Teenagerjahre endgültig hinter sich gebracht hat: das Underground, in dem wir für dieses Interview einander gegenüber sitzen. Von Anfang an war es mehr als ein Lokal: ein Biotop für die „schwarze Szene“, aber auch für Menschen, die einfach nach einer inspirierenden Atmosphäre abseits des Mainstream suchten.
Und so standen neben Metal-Fans unterschiedlichster Ausrichtung auch der Bauarbeiter und die Universitätsprofessorin nebeneinander am Tresen und unterhielten sich lautstark über die krachigen Klänge und ein Bier (oder Walters berühmt-berüchtigten Chilli Wodka) hinweg über den Teufel und die Welt, unter den liebevoll-gestrengen Blicken von Mephisto Göbel, der darauf achtete, dass sich sein Publikum auch gut benahm. Denn es gab damals wie heute schon zu viele Orte, vor allem nächtens, in denen die Grindschlapfen das Sagen zu haben glauben und dies auch fallweise nonverbal zu kommunizieren trachten. Nicht so bei Walter: „Wer deppat is‘, fliagt ausse! Und braucht a nimma einekumman!“ Gleich zu Beginn wollte sich eine Partie politisch irregeleiteter Kampfhundbesitzer bei ihm häuslich niederlassen. „Nur weu i a Glotzn hob, homs glaubt, ich bin a so ana!“ Walter ergänzt: „Oba ned laung!“ Dass sich der Hausherr durchsetzen kann, glaubt man ihm sofort.
Von Anfang an kamen Musiker ins Underground, die in Walter einen väterlichen Freund („den Papa!“) fanden, der ihnen Räume zum Üben, Jammen und für zum Teil erste Live-Auftritte zur Verfügung stellte. Dass sich da eine mitunter sogar international erfolgreiche Metal-Szene in St. Pölten entwickelte, ist wohl rückblickend neben dem von der Stadt subventionierten Freiraum in erster Linie der Privatinitiative Walters zu verdanken. „Und das waren und sind die friedlichsten Menschen überhaupt“, weiß Horrorfilm- und -literaturfan Walter.
Dabei war dem umtriebigen Herrn Göbel derlei nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Diese stand vor genau 59 Jahren im schönen Melk. „Die Donau war mein Hausbachl. Schwarzfischen waren wir – herrlich!“ Die Erinnerung daran lässt Walter verträumt schmunzeln. Zur Schule ging er dann ins Stiftsgymnasium: „Da ham’s mi oba aussegschmissen.“ Der Grund? Walter grinst: „Wir woan a bissl schlimm.“ Danach wandte er sich dem Arbeitsleben zu und wurde … Metaller. Was sonst, mag man da anmerken. „Während ich noch bei der Voith g’hackelt hab‘, durfte ich das erste Mal auflegen – im Jim Beam Club.“ Die Saat war gesät: „Ab da wollt‘ ich immer ein eigenes Lokal haben. Hobbykoch war ich zu der Zeit ja schon.“ 1983 hatte er eine Freundin, die im Gastgewebe tätig war. „Da hab‘ ich in Leogang erst einmal als Koch ausgeholfen.“ Und danach ging’s gastronomisch für fünfzehn Jahre nach Zell am See, „hauptsächlich am Abend und in der Nacht.“ Walter war immer schon ein Nachtvogel. Nach seiner Rückkehr nach Melk eröffnete er dann sein erstes eigenes Lokal. Der Name: Underground. „Musikalisch komm‘ ich ja eigentlich aus der Jazzrichtung. Ich hab‘ sogar Disco aufgelegt – ich hab‘ da überhaupt keine Berührungsängste.“ Das Melker Underground war zu Beginn auch eher als Jazzbeisl angelegt, „dann kam die Alternative-Szene und danach die Metal beziehungsweise die ‚schwarze Szene‘ dazu. Und in die bin i einfach reingekippt. Weil’s die gmiadlichsten Leit san!“
Drei Jahre später zog es ihn dann nach St. Pölten, wo er weitermachte. Ein neues Underground war schnell gefunden. „Einige Stammgäste hab‘ ich seit 20 Jahren. Das sind treue Besucher“, hebt er hervor. Alle paar Jahre gebe es einen Generationswechsel: „A poa heiraten hoid und kumman nimma – dafür gibt’s wieder neiche Gsichta!“ Für mindestens zwei Generationen an Musikern war und ist das Underground sowas wie ein Zweitwohnsitz. Hier wurde geprobt, gejammt, gefeiert und aufgetreten. Legendäre St. Pöltner Bands, die auch übernational reüssierten, wie etwa Trashcanned, Aeons of Ashes oder Epsilon gaben (und geben) sich die Klinke in die Hand. Sogar der erste und bisher einzige Gothic Poetry Slam Österreichs fand hier vor etwa zehn Jahren im Garten statt: Die dargebotenen Texte stellten wieder einmal unter Beweis, dass Genie und Wahnsinn tatsächlich nahe beieinanderliegen. Die Blütezeit des (nicht nur) österreichischen Metal ist nun zwar schon seit einigen einigen Jahren vorbei, doch Walter ist ja bekanntlich offen für verschiedene Musikstile. So wie Paulus und Johannes Unterweger, St. Pöltner Rock’n’Roll-Inkarnationen und zudem noch Brüder, gerne mit ihren Blues/Country/Reggae/Mundart-Formationen ins Underground reinschauen, so gibt’s jeden Donnerstag Blues & Jazz und demnächst auch Drum’n’Bass mit Andi Fränzl. Und dass der St. Pöltner Vorzeige-Blueser Tom Hornek vor einigen Tagen im Gastgarten seinen 50. Geburtstag feierte, liegt irgendwie auf der Hand.
Auch sonst sieht Walter die Dinge nicht so eng: „Waunn ana daherkommt und nach zwa Minuten scho sagt, ‚habt’s nicht was von AC/DC?‘, oda irgendwelche Prolls glauben, sie miassn se jetzt wichtig mochn, gibt’s Jazz!“ – und zwar wurscht, an welchem Tag. „Hört zu!“ ist sein Credo. Ohne Vorbehalte und ohne Engstirnigkeit. Was übrigens nicht nur für die Musik gelten mag.
Das 20-Jahr-Jubiläum hatte sich Walter natürlich anders vorgestellt: Eine Riesenfeier über mehrere Tage hätte es im April werden sollen. Wie wir alle wissen, machte eine Pandemie, die nach einer wässrigen Biermarke benannt ist, all dem einen Strich durch die Rechnung. Und die Nichtraucherverordnung aus 2019, die schon so manches Beisl umbrachte, stößt ihm ebenso übel auf: „Eine Frechheit! Muaß ja kana einekumman, der ned rauchn wü!“ Seine Klientel sei halt doch eher rauchaffin. Aber wenigstens im Garten ist es noch gestattet, Rauchwolken zu erzeugen.
Was die Zukunft fürs Underground bringt, steht in den Sternen. Walter ist vorsichtig optimistisch: „So lange ich gesund bin, geht es weiter. Das ist mein Wohnzimmer!“ Dass dieses Nachtleben dauerhaften Beziehungen nicht sehr förderlich ist, muss er zugeben. Eine „Mrs. Underground“ gibt es derzeit keine. „Is hoit so!“ Doch kein Grund zur Melancholie – Walter freut sich auch schon auf nächstes Jahr, in dem es seinen 60er zu feiern gilt. Und dass der nicht in aller Stille begangen wird, darf man wohl annehmen.
Bis dahin trösten wir uns mit einem von Walters Destillaten. Man gönnt sich ja sonst nichts – im Untergrund!