MFG – Das Magazin – Knochenarbeit


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Knochenarbeit

Text Thomas Winkelmüller
Ausgabe 03/2021

Seit Beginn der Corona-Krise steigt die Zahl der Essstörungen unter jungen Menschen. Die Pandemie als Brennglas. Woran fehlt es in der Behandlung und wie entstehen Essstörung überhaupt?

Auf den ersten Blick sind Ella und Kassandra (Namen geändert, Anm.) zwei ganz normale junge Frauen aus zwei ganz unterschiedlichen Welten. Eine studiert, die andere arbeitet als Verkäuferin. Über den Weg gelaufen sind sich beide ziemlich sicher noch nicht. Ella wohnt mit ihrer Freundin zusammen in einem kleinen Dorf auf dem Land, Kassandra ist nach Wien gezogen, um näher an der Universität zu sein. Sie ist Scheidungskind, Ella nicht. Kassandra brennt für Politik und Aktivismus, diskutiert gern, während Ella lieber zuhause bleibt und Menschenmengen scheut, so gut sie kann. Beide unterschiedlich, aber keine von ihnen würde auf der Straße auffallen. Dann brechen sie beim Einkaufen plötzlich zusammen.
Ella hatte sich von 48 auf 39 Kilo runtergemagert, Kassandra nach einer Fressattacke ein paar Tage nichts gegessen. Sie isst intervallartig übermäßig viel, Ella tendenziell viel zu wenig. Eine hat Anorexie, also Magersucht, die andere Essattacken, eine Binge-Eating-Störung. Bemerkt hat das bis heute niemand.
Ganz gleich, ob man bei Haus­ärzten und Diätologen, in den Kinder- und Jugendpsychiatrien oder in Zentren für Psychotherapie nachfragt, die Wahrnehmungen sind immer ähnliche: Seit der Corona-Pandemie nehmen Schicksale wie die von Ella und Kassandra zu. Schon davor stieß die medizinische Infrastruktur für die Behandlung von Essstörungen vielerorts an ihre Grenzen. Jetzt platzt sie aus allen Nähten. In den Stationen müssen Ärzte triagieren, Betroffene warten teilweise monatelang auf Therapieplätze in Ambulanzen. Ärzte beklagen mangelnde Flexibilität in den Behandlungsmethoden. Obendrauf fehlt es auf dem Gebiet der Essstörungen zum großen Teil an differenzierten nationalen Daten und Zahlen zur Gesundheitsplanung.
Manche Essstörungen diagnostizieren die Hausärzte, andere Fallgeschichten beginnen erst mit der stationären Behandlung, wie z. B.  auf der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Landesklinikum Mauer. Vor allem niedergelassene Ärzte beklagen die knappen Kapazitäten, die ihnen für Essgestörte zur Verfügung stünden. „Ich bekomme einen fixen Betrag für zehn Minuten mit meinen PatientInnen, alles darüber wird nicht erstattet. Gerade bei Menschen mit Essstörung reicht das aber absolut nicht“, sagt ein Hausarzt aus St. Pölten, der lieber anonym bleiben möchte. Es fehle ihm und seinen Kollegen an Finanzierung, Zeit und manchmal auch am nötigen Know-how, um mit komplexen psychischen Erkrankungen umzugehen. Deshalb verweisen sie diagnostizierte Jugendliche für gewöhnlich je nach Schweregrad der Erkrankung weiter.

sowhat
Zwischen einer stationären Behandlung im Krankenhaus und der Behandlung bei niedergelassenen Medizinern oder Therapeuten liegt „sowhat“ – das sind kassenfinanzierte Kompetenzzentren für Essstörungen in Wien, St. Pölten und Mödling, die breit angelegte Therapien für Menschen ab dem zehnten Lebensjahr anbieten. 350 PatientInnen behandeln sie aktuell. Je ein Drittel wegen Bulimie, Anorexie und Binge Eating Disorder.
In der St. Pöltner Grenzgasse, genau zwischen Domplatz und Bahnhof, stellt sowhat zwei Psychotherapeuten an. Als der erste Lockdown beginnt und die Kassa ihr Okay gibt, halten sie ihre Sitzungen per Telefontherapie ab. Ein Ambulatorium, in dem neben Psychotherapie auch eine allgemeinmedizinische und psychiatrische Betreuung vor Ort angeboten werden kann, gibt es bis dato nur in Wien. PatientInnen aus Niederösterreich müssen für diese Kontrollen und Beratungen zum Ambulatorium neben dem Westbahnhof pendeln. Um den Jahreswechsel 2021 auf 2022 soll St. Pölten ein eigenes Ambulatorium bekommen. „Kurz vor Weihnachten letzten Jahres haben wir nach einer Bedarfserhebung den positiven Bescheid bekommen“, sagt Christof Argeny, der ärztliche Leiter von sowhat.

Schön, schlank, sportlich

Während in Wien Patienten mehrere Monate auf freie Kassenplätze warten müssen, behandelt sowhat in St. Pölten aktuell nur 30 Jugendliche. Der große Ansturm bleibt aus. Hier hätte man noch Spielraum nach oben, sagt Argeny. Ob das am mangelnden Bedarf oder fehlender Bekanntheit liegt, weiß er selbst nicht. „Eigentlich wollten wir letztes Jahr zu Bezirksärzten, in die Schule und ins Krankenhaus gehen, aber da hat uns Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht.“ Anorektische Menschen erkennen ihre Erkrankung oft nicht als solche an und würden erst durch Druck der Angehörigen oder auf Anraten von Ärzten zu ihnen in Behandlung gehen. Deswegen sei die Bewerbung so wichtig. Kassandra und Ella hören im Interview das erste Mal von sowhat.
Würden sie dort Hilfe in Anspruch nehmen und bei sowhat in Therapien gehen, könnten Argeny und sein Team die Auslöser der Erkrankung suchen. „Essstörungen haben immer eine Funktion, um mit seelischen Problemen zurechtzukommen. Zuerst müssen wir deshalb die ganze Biografie einer Person bearbeiten, um die Funktionen herauszufinden.“ Parallel arbeitet Argeny – mit Zustimmung der Patienten – auch medikamentös an den Symptomen, also den Depressionen und mit einer Diätologin am Essverhalten der Klienten. Denn Argeny ist sich sicher: „Damit erzielen wir die besten Ergebnisse.“
Kassandra meint, dass sie das System hinter ihren Essattacken durchschaut habe. Binge-Anfälle werden bei ihr von ganz bestimmten Situationen ausgelöst. Stress mit ihrer Familie, starke Schmerzen, ausgelöst durch ihre chronische Nervenerkrankung. Am schlimmsten aber „triggern“ die Erwartungen der Gesellschaft an das vorherrschende Schönheitsideal: schön, schlank, sportlich. „Wenn ich den Druck nicht mehr ertrage, scheiß ich einfach auf alles.“ Bis zu 5.000 Kalorien stopfe sie in sich und ihre Probleme verschwinden für einen Tag. „Am Morgen danach ist meine Mood am Boden. Ich schäme mich, hab Bauchweh und Sodbrennen. Deswegen habe ich danach auch nie etwas gegessen.“ Obwohl das gestörte Essverhalten nur Symptom ist, verfolgen Erkrankte ihre Ernährung mit regelrechter Obsession. „Im Hinterkopf klopft den ganzen Tag das Essen“, sagt Ella.

Die Angst ums Essen
Tania Schmoll, eine Frau um die Dreißig mit kurz geschnittenen Haaren, arbeitet als Ernährungscoach. Ihre Praxis liegt nur ein paar Gehminuten von sowhat entfernt an der Karl-Renner-Promenade. Von hier aus möchte sie die Therapie von Frauen wie Ella und Kassandra entweder ergänzen oder überhaupt erst lostreten. „Meine Klientinnen sind oft noch nicht in Psychotherapie und das ist natürlich eine Herausforderung für mich, weil ich weiß, dass die notwendig ist. Ich sehe mich deswegen als Zwischenschritt, weil ich die Klientinnen im Laufe meines Coachings auch dazu bringen möchte in Psychotherapie zu gehen.“
Die Diätologin und Ernährungswissenschaftlerin arbeitet „lösungsorientiert“ und befreit ihre Patient­innen langsam von Ängsten rund um das Thema Ernährung. Sie erstellt eine sogenannte Blacklist der von den Klientinnen selbst verbotenen Lebensmitteln und versucht sie in den Alltag zu integrieren. Setzt gemeinsam Ziele, um Angewohnheiten einzustellen. Eine davon ist der tägliche Gang zur Waage. Dabei achten die Erkrankten auf jedes Gramm: Nehmen sie zu, ruiniert es ihren Tag. Das bestätigt Argeny. „Je mehr sie abnehmen, umso gefährlicher ist es somatisch und psychisch fühlen sie sich besser. Kaum nehmen sie ein wenig zu, stürzen sie psychisch ab. Das können sie nicht tolerieren und verarbeiten.“ Deswegen zählen die Patienten oft gegessene und verbrannte Kalorien. Ella vergleicht in einer WhatsApp-Gruppe mit anderen anorektischen Mädchen sogar täglich ihr Gewicht und die Kalorienbilanz. „Man will da drinnen dann natürlich die Beste sein“, sagt sie. Solche Verhaltensmuster versucht Schmoll im Laufe der Therapie langsam einzustellen.
Seit Beginn der Corona-Pandemie suchen immer mehr junge Frauen Hilfe bei ihr. „Wenn ich mit meinen Kolleginnen telefoniere, erzählen sie mir, dass Essstörungen auch bei ihnen sprunghaft zunehmen“, sagt Schmoll, „die Jugendlichen sitzen zuhause, probieren Challenges aus, bei denen sie 30 Tage keinen Zucker essen und dann schlittern sie langsam hinein.“ Seit ein paar Jahren ernähren sich außerdem immer mehr junge Menschen vegan. „Eine sehr nachhaltige und gleichzeitig sehr aufwendige Ernährung, hinter der Klientinnen meistens ihr gestörtes Essverhalten verstecken.“ Wer nur die Hälfte der Lebensmittel im Haus essen kann, dem dränge man sie auch nicht auf, sagt Argeny von sowhat.
Am Beginn der Corona-Pandemie versuchte er noch, die Situation positiv zu sehen. Notlügen über das Essen wären vielleicht kurz schwieriger aufrechtzuerhalten gewesen, „jetzt gibt es aber keine Vorteile mehr. Für alleinlebende Patientinnen ist die Lage fatal.“ Da die von Anorexie betroffenen Patienten überwiegend jünger sind, wohnen sie oft noch bei ihren Familien. Je angespannter das Verhältnis zuhause zuvor war, umso schlimmer sei es seit Corona geworden. „Wenn sie bei Eltern wohnen, die die Essstörung mitausgelöst haben und ohnehin schon sehr kontrollierend waren, dann kann das schwerwiegende Folgen haben.“
Gerade jungen Menschen sind ihre Freundesgruppen weggebrochen. Ihnen fehlen reale Kontakte, die den Druck einer Essstörung ausgleichen können. Anstatt von Freundinnen Hilfe zu bekommen, scrollen und klicken laut Argeny viele Essgestörte nur noch durch ihre Social-Media-Bubble. Den Bulimischen, die noch bei den Eltern wohnen, sei es gelungen die Zahl ihrer Essattacken zu verringern – aus Angst, erwischt zu werden. „Aber diese Anfälle haben ja einen Zweck. Das macht niemand aus Langeweile und so haben sich ihre Probleme eben mehr in Depressionen und Angstattacken geäußert.“ Bulimisches Verhalten ging zurück, andere psychische Probleme traten verstärkt auf.

Haus 51
Damit einhergehend stieg auch die Zahl der Patienten an der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im Landesklinikum Mauer. In einem Meer aus dunkelgrün und backsteinfarbenen Jugendstil-Bauten steht das Haus 51 am Rand des Krankenhaus­areals. 2017 zog das Team rund um ihren Leiter Karl Ableidinger, dem Leiter, in die heutige Kinder- und Jugendpsychiatrie, einem ebenerdigen Neubau in Grauweiß. Rund um die Station Sportplätze, ein Stück weit entfernt der Streichelzoo für die tiergestützte Therapie. Von gerade einmal 19 auf jetzt 30 vollstationäre und sechs tagesklinische Therapieplätze konnten sie in Mauer aufstocken. „Wir kommen aus einer Kargheit. Für uns ist das schon viel“, sagt Ableidinger, ein Mann, der sehr unaufgeregt spricht, während ihm intervallartig der Seitenscheitel ins Gesicht rutscht.
Diesen Sommer musste Ableidinger erstmals die gesamte Station offenlassen, konnte nicht wie in den Vorjahren einige Gruppen sperren. „Wir waren mit der Anzahl der Patientinnen sehr gefordert. Ferien wirken eigentlich ein Stück weit entlastend, aber letzten Sommer passierte das Gegenteil“, sagt Ableidinger. Die Auslastung stieg so schnell an, dass sie Patienten vorzeitig nachhause triagieren mussten. Als Primar der Kinder- und Jugendpsychiatrie Mauer ist Ableidinger zuständig für alle psychisch Erkrankten unter 18, die von Waidhofen an der Ybbs bis ins nördlichste Waldviertel leben.
Die Station in Mauer ist Spitze der Versorgungspyramide für Jugendliche mit Essstörungen aus diesen Regionen. Hierher kommen vor allem stark ausgeprägte Anorexien. Menschen, die unter Bulimie oder Binge Eating leiden, seltener. Um zu verstehen, wie Ableidinger Patienten hier behandelt, muss man verstehen, woher eine Anorexie kommt. Auf der einen Seite ist sie genetischer Natur. Ohne Veranlagung auch keine Magersucht. Laut Andreas Karwautz von der Medizinischen Universität Wien wisse man durch Zwillingsstudien heute, dass an der Entstehung der Magersucht zu etwa 60 Prozent Gene verantwortlich sind. Aber es wird komplizierter. „Würde nur die Genetik verursachend sein, müsste sich die Bevölkerung genetisch verändert haben, um zu erklären, warum die Zahl der Anorexien steigt. Eine derartige Veränderung ist nicht anzunehmen“, sagt Ableidinger.

Anorexie – Gene & Gesellschaft
Die Anorexie sei eine Krankheit der „ersten“ Welt. Und eine bürgerliche noch dazu. „In Afrika zum Beispiel ist die Anorexie quasi nicht existent und in den USA sagen uns die Prävalenzzahlen, dass der schwarze Teil der Bevölkerung – und damit der sozial benachteiligte – nur ausgesprochen selten an Magersucht leidet.“ Früher nahm die Anorexie auch in Europa nur einen untergeordneten Stellenwert ein. In religiösen Kontexten kam sie vor, sonst kaum. Seit geraumer Zeit steigen die Fallzahlen langsam an und gleichzeitig sinkt das Einstiegsalter der Erkrankten.
Anorexie ist zum Teil ein soziales Phänomen der Gesellschaft. „Dort, wo das Schönheitsideal eher eine üppige Frau ist, finden sie keine Anorexien. Dort wo Armut herrscht ist die überschlanke Frau kaum ein Schönheitsideal.“ In den Industrie­ländern sei das anders. Staaten wie Israel und Frankreich beginnen an der Spitze des Eisbergs und schmelzen das Schönheitsideal von oben abwärts. Modelagenturen dürfen dort keine Frauen unterhalb eines bestimmten Body-Mass-Index (BMI) beschäftigen. „Damit präsentiert Frankreich als Modenation überschlanke Frauen nicht mehr als übermächtiges Vorbild.“
Spielen die genetische Veranlagung, der soziale Status und das Schönheitsideal der Gesellschaft falsch zusammen, begünstigt dieser fatale Cocktail eine Anorexie. Was genau die Krankheit auslöst, ist individuell, maßgeblich daran beteiligt sind meistens auch die Eltern. „Kinder entwickeln ihre Anorexie meist aus einer typischen Familienkonstellation.“ Ableidinger beschreibt die sehr emotionale, zu enge Bindung zu einer bemühten, übervorsichtigen Mutter, kombiniert mit einem abwesenden, wenig beziehungspräsenten Vater. Anorektischen Menschen fehle es an Autonomie, der Weg aus dem Nest laufe schief. Deswegen sollten Eltern den Kontakt von Jugendlichen zu ihrer Peergroup fördern und müssten lernen, wie sich die Autonomie ihres Kindes entwickeln kann. „Das ist die beste Prävention“, sagt Ableidinger.
Sieht man die Anorexie wie er als Autonomieproblem, müsse man jede Überwachungsintervention problematisieren. Hin und wieder würden Patienten versuchen Essen auf der Station verschwinden zu lassen oder zu erbrechen. Deswegen bleiben sie nach den Mahlzeiten eine Zeit lang sitzen, das Pflegepersonal beaufsichtigt. „Problematisch ist anhaltende Essensverweigerung, dann kommt der Punkt, an dem ich eine Sonde setzen muss, um so zu ernähren – und das will ich eigentlich nicht. Da kämpft jemand um seine Autonomie und dann bekommt er eine Sonde gesetzt. Die maximale Untergrabung der Autonomie.“

Elterneinbindung
Ohne Eltern können Ärzte eine Essstörung bei jungen Menschen kaum behandeln. Das sehen Ableidinger und Argeny gleich. Am Universitätsklinikum in Wien forscht ein Team rund um Andreas Karwautz seit geraumer Zeit unter dem Projektnamen SUCCEAT und kam dabei zum Schluss, dass die Genesungschancen von Patienten steigen, wenn Angehörige miteingebunden werden. In der Praxis gelinge das allerdings viel zu selten.
Christoph Argeny von sowhat wünscht sich mehr Einbindungsmöglichkeiten der Eltern in die Therapie. „Unser Problem ist, dass die Kasse beim Angebot für die Angehörigen strenge Vorgaben gibt. Deshalb müssen wir schauen, wie das sonst geht und bieten jetzt erstmal Informationsabende und Infogespräche mit den Angehörigen an.“ Die Diätologin ergänze die Kasse sowhat nur teilweise. Ableidinger fasst das Problem zusammen: „Die Frage ist doch, wie Kinderpsychiatrie geht? Die geht nicht ohne die Bezugspersonen. Die Arbeit mit denen dann nicht als therapeutische Leistung zu sehen, die übernommen wird, das ist das Grundproblem.“
Laut der Österreichischen Gesundheitskasse würden die Eltern bei sowhat eingebunden werden. „Mit den Eltern kann eine Befundbesprechung durchgeführt werden. Sind die Eltern selbst psychisch krank und ist die Essstörung der Kinder eine Folge der elterlichen Erkrankung, können die Eltern selbst Psychotherapie auf Kassakosten in Anspruch nehmen.“ Haben die Eltern keine Essstörung, werde deren Therapie von anderen Vertragspartnern erbracht.

Unterschiedliche Ansätze
Argeny spricht weiter die unterschiedlichen Behandlungszeiträume, die in Wien und Niederösterreich gewährt werden, an. Während in Wien die Psychotherapie wöchentlich auf drei Jahre angelegt ist, genehmigt man Patienten in Niederösterreich nur alle 14 Tage die psychologische Betreuung, beschränkt auf zwei Jahren. „Eigentlich wurde angekündigt, dass das mit der Zusammenlegung mit dem besten Niveau nach oben vereinheitlicht wird, davon würden unsere Patienten seitdem aber nicht viel merken.“
Die Österreichische Gesundheitskasse begründet die Unterschiede damit, dass Behandlungen in den beiden Bundesländern auf Basis unterschiedlicher Verträge und Therapiekonzepte erfolgen. Grund dafür sei, dass sich die ländliche Prägung vor allem in den eingeschränkten Mobilitätsangeboten widerspiegelt. Da viele Patienten noch in die Schule gingen und Stabilität bräuchten, könne man ihnen die längeren Anfahrtswege in NÖ nicht zu oft zumuten, „weshalb man sich für ein anderes Therapiekonzept mit anderen Frequenzen entschieden hat.“ Bei Bedarf könne nach den zwei Jahren in Einzelfällen ein Verlängerungsantrag bewilligt werden.
Aber davon sind Ella und Kassandra noch weit entfernt. Beide gehen nicht in Behandlung und sind Teil einer hohen Dunkelziffer. Wie viele Menschen in Österreich an Essstörungen leiden, weiß niemand ganz genau. Ein Drittel der Mädchen sei gefährdet eine Essstörung zu entwickeln. Jeder 16. Jugendliche zwischen elf und 18 Jahren leidet bereits an einer. Das geht aus der MHAT-Studie „Mental Health in Austrian Teenagers“ hervor, die unter der Leitung von Andreas Karwautz und Gudrun Wagner an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni erhoben und 2017 veröffentlicht wurde. Zahlen zu Essstörungen in Österreich gab es zuvor keine. Alle Befragten erklären, dass dieser Datenmangel die Gesundheitsplanung und Prävention erheblich erschwert.
Während eine Binge-Eating-Störung – also Heißhungerattacken, um mit Problemen zurechtzukommen – selten unmittelbar zum Tod führt, ist die Anorexie eine der gefährlichsten psychischen Störungen mit einer Sterberate von mehr als fünf Prozent pro gelebten zehn Jahren. Die Suizidalität bei der Erkrankung ist im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung 57 Mal so hoch. Bei einer langfristigen Nichtbehandlung sterben rund 15 Prozent der Betroffenen. Wie auch Ella mangelt es ihnen oft an Selbsteinsicht und Motivation ihr Leben zu ändern. Deshalb werden viele Anorexien nur spät oder gar nicht entdeckt.
Kassandra meint ihre Binge-Eating-Störung momentan selbst im Griff zu haben, Ella traut sich nicht ihr Umfeld mit der Anorexie zu belasten und sieht die Magersucht ohnehin als Teil von ihr. „Wenn ich Krebs hätte, dann würde ich den loswerden wollen. Aber bei meiner psychischen Krankheit ist das anders. In mir ist etwas, das mir sagt, dass die Krankheit zu mir gehört. Mein Traum­gewicht sind auch wieder die 39 Kilo.“ Aktuell geht Ella samt Kalorienlimit von 800 kcal am Tag den harten Weg des Hungerns. Mit sisyphusartigem Antrieb steuert sie auf ein Ziel zu, das sie nicht halten kann und ihr im schlimmsten Fall das Leben kosten wird.

INTERVIEW DR. PAUL PLENER

„WIR BRAUCHEN MEHR KASSENFINANZIERTE THERAPIEPLÄTZE.“

Der St. Pöltner Paul Plener leitet die Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am AKH Wien. Seit Beginn der Corona-Pandemie beklagen er und seine Kollegen die erschwerten Umstände in der Behandlung von jungen Menschen mit psychischen Erkrankungen. Ein Gespräch über Triagen, den Vergleich mit der Nachkriegsgeneration und fehlende Kassenplätze.

Im LKH Mauer spricht man schon von der Triage auf der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie haben diesen Begriff auch immer wieder – wie Sie sagen – bewusst gewählt. Wie ausgelastet sind Sie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie?
Wir sind in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Österreich in aller Regel voll besetzt, weil das System generell nicht sehr gut ausgebaut ist. Aktuell sind wir auf hundert Prozent Auslastung und haben da drauf noch eine Überbelegung von derzeit zehn Prozent.

Warum hält unsere medizinische Infrastruktur einer solchen Welle an psychischen Belastungen wie jetzt nicht stand?
Wir haben in dem Fall keine Vorhaltekapazität wie in anderen Bereichen der Medizin. Grund dafür ist, dass österreichweit – Niederösterreich ist eines der Bundesländer, bei denen es noch am besten ist – die Bettenmessziffer überall unter den Anforderungen liegt, die vorgegeben wären. Die Bettenmessziffer ist ein Berechnungsschlüssel, der aussagt, wie viele Krankenhausbetten für welches Fach zur Verfügung stehen sollen. Der stammt aus dem „Österreichischen Strukturplan Gesundheit“, einem Plan dafür, wie sich die Republik ihre Krankenhäuser vorstellt.

Wie kann das sein?
Ich denke es liegt daran, dass wir als eigenständiges Fach sehr jung sind und der Ausbau eines eigenständigen Bereichs neben der Erwachsenenpsychiatrie noch nicht lange betrieben wird.

Welche Erkrankungen und Störungen nehmen in Ihrer Wahrnehmung denn besonders zu?
Wir sehen, dass vor allem Essstörungen und Depressionen zunehmen. Letztere vor allem mit einer zunehmenden Suizidalität, also dass Menschen nicht mehr dafür garantieren können, dass sie sich nicht das Leben nehmen. Das bestätigen internationale Studien. Studien in Österreich laufen gerade, die bald ausgewertet sein werden, dann wissen wir mehr.

In manchen Zeitungskommentaren wird immer wieder der Vergleich mit der Nachkriegs-zeit gezogen, um die aktuelle Situation und die damit einhergehende psychische Belastung zu einem Grad einzuordnen. Inwiefern erheben Sie da Einspruch?

Ich finde, dass man da Äpfel mit Birnen vergleicht. Wir haben ganz andere Möglichkeiten und vor allem andere Ansprüche an das, was von Jugendlichen heute gefordert wird. Den Vergleich mit den 40er-Jahren zu ziehen, ist falsch. Nur weil es einer Generation schlecht gegangen ist, heißt das ja nicht, dass man nicht alles tun sollte, damit es einer anderen Generation nicht so schlecht gehen muss. Der Vergleich spricht natürlich für die Resilienz von Jugendlichen damals, aber man muss auch sagen, dass die Anforderungen in der Schule und in den Ausbildungen heute weit komplexer sind.

Was können junge Menschen, die keine Vorgeschichte mit psychischen Erkrankungen haben, unternehmen, wenn Sie jetzt über die Zeit merken: Auch wenn die Schulen wieder offen sind, langsam kann ich einfach nicht mehr.
Wenn man sich in einer depressiven Entwicklung wiederfindet und keinen Antrieb mehr hat, muss man dennoch versuchen wieder in die Aktivität zu kommen. In der Depressionstherapie ist es ganz wesentlich, dass wir verstehen, dass wir Dinge machen müssen, auch wenn es uns nicht leichtfällt. Wir brauchen unbedingt neue und positive Erlebnisse im Leben, um uns aus einer Negativspirale wieder zu befreien. Das heißt, dass wir, auch wenn wir keine Lust haben rauszugehen, uns in dem Fall immer wieder dazu bewusst drängen müssen, weil wir eben wissen, dass es uns guttut. Auch wenn der Anlauf schwierig ist. Unbedingt die sozialen Kontakte im Freien aufrechterhalten und so gut es geht die Tagesstruktur und Sport wiederaufnehmen.

Was würden Sie sich angesichts der Situation am meisten wünschen?
Für uns sind die bereits erfolgten Schulöffnungen sehr wichtig und wir hoffen stark, dass die Schulen offenbleiben können, auch wenn es neue Lockdowns geben wird. Darüber hinaus ist jede Krise ein Brennglas dafür, was schon davor nicht so toll gelaufen ist und das hat deutlich demaskiert, dass die Versorgungssituation nicht nur in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, sondern auch in der Kinder- und Jugendpsychotherapie keine besonders gute ist. Deswegen sollte man über kassenfinanzierte Therapieplätze nachdenken für Kinder und Jugendliche. Vor allem weil die soziale Ungerechtigkeit dazu führt, dass gerade die, die es bräuchten, solche Leistungen nicht privat bezahlen können. Ich denke, wesentlich wäre auch ein Sportangebot im Freien – trotz Corona.

Wie steht es denn um die kassenfinanzierten Angebote in Niederösterreich?

Finanzierte Angebote haben wir vor allem im Bereich der Ambulatorien, was ja super ist, aber es ist immer noch zu wenig. Wichtig ist, dass man sich vor Augen hält, dass wir über längere Zeitspannen rechnen müssen. Klar kosten kassenfinanzierte Therapieplätze jetzt viel Geld, den wirklichen Effekt werden wir aber erst in 15 bis 20 Jahren haben. Das zahlt sich aus, wenn auch erst später.