MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Nicht 08|15, sondern 25|50

Text Johannes Reichl
Ausgabe 03/2022

Jo Wildburger steht auf der Terrasse seines Hauses und blickt über die Dächer der Innenstadt. Ein Bild, das ganz gut zu seiner Arbeit am Masterplan passt, den er gemeinsam mit über 100 Experten die letzten drei Jahre entwickelt hat. Auch dafür bedurfte es quasi des Blicks von oben bis zu einem weiten Horizont, ja sogar über diesen hinaus, zugleich aber auch eines, der bis in die tiefsten Eingeweide der Stadt reicht.


Herausgekommen bei dieser Nabelschau im Weitwinkel-Modus ist ein Konvolut, das eine gesamte Homepage füllt (www.st-poelten.at/stp25-50) und unter der Trias „Idee“, „Methode“, „Umsetzung“ läuft. „Zuerst schau ich, wie sich die Situation darstellt – wo will ich überhaupt hin als Stadt. Erst dann geht’s darum, WIE ich dorthin komme“, umreißt Wildburger die Grundsystematik des Masterplans.

Kleine Bauanleitung
Auf der ersten Ebene wurde eine „Vision“ für die Stadt formuliert. Auf der nächsten drei „Mindsets“, also Denkweisen, definiert, welche das gedankliche Klima schaffen sollen, in dem die Idee gedeihen kann. Erst auf der dritten Ebene steht dann der eigentliche Masterplan, der wiederum vier Schwerpunkte setzt: green_cool city, skills_arts city, fit_healthy city und enterprising city. Dem nicht genug, ist der Masterplan zusätzlich in 16 Leitthemen und 16 Leitprozesse untergliedert, wobei auf der untersten Ebene „aktuell rund 300 konkrete Projekte stehen“, die umgesetzt werden sollen, um die Vision Wirklichkeit werden zu lassen. 

Drei Jahre Hirnschmalz 
Klingt alles sehr komplex und nach viel Hirnschmalz – ist es auch. Drei Jahre hat Wildburger mit einem kleinen Kernteam sowie unter Einbindung von über 100 Experten an dem Baby gearbeitet. Als ich ihn in seinem Büro besuche, tippt er gerade die letzten Seiten für die Homepage fertig. „Aktuell sinds über 200 A4-Seiten, in Calibri 12 Punkt“, lächelt er. „Ich glaube nicht, dass es in Europa eine zweite vergleichbare Stadt gibt, die einen derart tiefgreifenden Masterplan entwickelt hat. Die meisten gehen fast ausschließlich von der Raumplanung aus, wir betrachten die Stadt hingegen aus verschiedenen, auch interdisziplinär verschränkten Blickwinkeln.“ 
Wenn man den Vorgänger, den im Jahr 2008 präsentierten Masterplan 2020 hernimmt, „so ist der nunmehrige in seinen Grundzügen natürlich eine Fortschreibung. Unser Inhalt – St. Pölten – ist ja derselbe geblieben.“ Nicht unbedingt „dieselbe“ geblieben ist aber die Welt. Themen, die vor 13 Jahren zwar schon vorhanden, aber noch nicht so stark gewichtet waren, sind heute teils viel zwingender, wenn man etwa an Klimawandel, Umweltschutz, Fragen der baulichen Ästhetik, Mobilität, Bodenversiegelung und ähnliches denkt. Was wiederum den Blickwinkel auf die Stadt an sich geändert hat und damit auch die Arbeit am Masterplan. „Letztlich geht es darum, die Stadt in ihrer jeweiligen Lebenswirklichkeit zu erfassen. So eine Roadmap ist ja nie abgeschlossen, sondern stellt einen steten Prozess dar“, ist Wildburger überzeugt.

A Leading Second City
Als das große Ziel, das sich prominent im Titel des Masterplanes wiederfindet, wurde „St. Pölten – a leading second city in Europe“ ausgerufen. „Die Mittelstädte im Windschatten großer Metropolen haben sich ja bereits die letzten Jahre großartig entwickelt. Sie sind gut ausgestattet, haben zudem einen enormen Lagevorteil –  da musst du dich schon sehr ungeschickt anstellen, um davon nicht zu profitieren“, konstatiert Wildburger trocken und fügt hinzu. „Wir wollen aber mehr. Wollen durch aktives Handeln das Optimum herausholen und damit zu einer der führenden second cities werden!“ Damit räumt Wildburger auch gleich mit einem Missverständnis auf, das sich im Vorfeld in manch Kreisen breit gemacht hat. Wurde der Masterplan 2020 anno dazumal noch von manchen als „zu anmaßend“, gar größenwahnsinnig kritisiert von wegen „wir als kleines St. Pölten wollen überall Weltmeister sein, fittest city of Austria & Co.“, so hörte man diesmal im Vorfeld just das Gegenteil: „Second city? Es kann doch kein Ziel sein, dass man irgendwo nur zweiter ist.“ Schizophrenia sanktpoeltica, die so aber auch gar nicht gemeint ist, wie Wildburger aufklärt. „Mit einer ehemaligen Kaiser- und Residenzstadt wie Wien mit zwei Millionen Einwohnern können wir ja schwer in den Ring steigen – das wäre ja absurd. Unser Zielhorizont sind die second cities mit ihrer exzellenten Infrastruktur, ihrer reichen Geschichte, ihrem Angebot.“ Also quasi Brünn, nicht Prag. Potsdam, nicht Berlin. St. Pölten, nicht Wien. „Tatsächlich ist die Zeit der Mittelstädte gekommen – die Speckgürtel um die Metropolen sind voll, die Preise unerschwinglich, der Radius dehnt sich aus. Für Städte wie St. Pölten ist das eine Riesenchance, die wir nutzen sollten – ja es ist das sogar eine Verpflichtung!“

Raum & Zeit
Wenig verwunderlich erschöpft sich deshalb auch der örtliche Bezugsrahmen des Masterplans nicht rein im Stadtgebiet, sondern umfasst auch alle interagierenden Räume: Auf übergeordneter Ebene sieht man sich als Teil der Centrope-Region, vulgo Zentraleuropa. Dann bildet St. Pölten eine eigene Hauptstadtregion, die weit ins Umland reicht. Schließlich hat man für das eigentliche Stadtgebiet zwölf Stadtteile als – teils neue – Planungseinheit definiert, „die vor allem die ‚urbanen Dörfer‘ sowie besondere Ballungsräume widerspiegeln.“
Neu gegenüber dem Masterplan 2020 sind zudem die Zeithorizonte. War beim ersten der einzige Fluchtpunkt das Jahr 2020, so sind diesmal gleich zwei genannt: Ein kurzfristiger mit 2025, ein langfris­tiger mit 2050. „Wir leben aktuell in einer Zeitenwende mit einer enormen Dynamik. Die Veränderungsgeschwindigkeit hat sich geändert, und dem wollen wir mit diesem Doppelhorizont Rechnung tragen. Das heißt du musst gleichzeitig kurz- und langfristig denken und handeln, beides aber aufeinander abgestimmt.“ Was Wildburger damit meint, erläutert er an einem Beispiel: „Nehmen wir den überhasteten Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie – ein hehres Motiv. Das hat kurzfristig aber zu einer Renaissance der schmutzigen Braunkohle geführt, was den Nachhaltigkeitszielen diametral entgegensteht. Man muss also strategisch denken, muss die richtigen Schritte zur richtigen Zeit setzen und richtig aufeinander abstimmen. Nur so werden wir die großen Herausforderungen, vor denen wir auch als Stadt stehen – Dekarbonisierung, Mikroklima, Flächenversiegelung, Mobilität etc. – meistern. Wenn wir aber alles sofort machen wollen, fliegt uns das bald um die Ohren.“

Change your mind
Dieses WIR ist dabei im neuen Masterplan – expliziter vielleicht noch als im alten Programm. Es geht um jeden einzelnen, der seinen Beitrag leisten muss, nicht etwa nur um Politik und Verwaltung als Agierende des Wandels. Gleich drei sogenannte „Mindsets“, welche Gesinnung also in den Augen der Macher zum Ziel führt, werden formuliert. Gefordert ist etwa eine „Aufklärung im 21. Jahrhundert“, deren Ziel wie in der klassischen der mündige, selbstbestimmte Bürger ist. „Die Botschaft: Wir müssen – jeder einzelne – mutig agieren, wenn wir nicht nur reagieren möchten!“
Dazu bedarf es auch – Mindset 2 – einer neuen „Gründerzeit im 21. Jahrhundert“. „Wir brauchen Unternehmer, die die Sachen aktiv in Angriff nehmen, und nicht ausschließlich Verwalter“, umreißt Wildburger den Spin und bringt ein Beispiel. „Was hilft mir zum Beispiel ein Heizkessel-Tausch und eine Photovoltaik-Offensive, wenn mir die Experten fehlen, die sie montieren können und aufs Dach steigen?“ In diesem Kontext bedürfe es ebenso eines prinzipiellen Umdenkens in der Ausbildung, wie Wildburger überzeugt ist. Der suggestiv-abwertende Satz „Naja, wenn du in der Schule nicht mitkommst, dann fängst halt eine Lehre an“ sei „schon immer völlig überholt gewesen und eine Katastrophe. In Wahrheit müssen wir schauen, dass wir die besten Köpfe in die Lehre bekommen, wir brauchen Master UND Meister!“ 
Schließlich –  Mindset 3 – müsse man auch im Hinblick auf „Baukultur im  21. Jahrhundert“ althergebrachte Denkmuster überwinden. Hier schlagen ganz klar die aufgrund des Baubooms ausgelösten Effekte der letzten Jahre – Wachstum, Flächenverbrauch, Fragen der Ästhetik, die Angst vorm „Zubetonieren“ – durch. „Fakt ist, dass durch die Dominanz des Finanzsektors im Wirtschaftsleben Immobilien die sicherste Anlage geworden sind, weshalb viele Immobilienentwickler auf den Markt drängen und die Möglichkeiten ausreizen.“ Kurzum nicht unbedingt die beste und repräsentativste Lösung für die Stadt im Sinn haben, sondern vor allem die Maximierung des eigenen Gewinns „was ich aber nicht den Entwicklern zum Vorwurf machen kann, sondern dann müssen eben Stadt und Staat die Rahmenbedingungen ändern.“ Und zwar in der ganzen Breite des Themas, „denn Bauen spielt in alle Bereiche hinein.“ Es geht auch um Fragen des Landschaftsverbrauchs und -schutzes, um das Mikroklima, um Mobilität, um die Definition schutzwürdiger Substanz, ohne aber notwendige Fortentwicklung zu verhindern. „Denn im Hinblick auf Dekarbonisierung und Ökologisierung werden wir etwa nicht alles Alte einfach niederreißen und irgendwo neu auf die grüne Wiese hinbauen können und wollen. Die Frage ist also, wie wir die alte Bausubstanz zukunftsfit machen, und das wieder­um in gesunder Balance mit Denkmal- und Ensembleschutz. Da wird mehr Flexibilität von allen nötig sein, sonst wird uns die Klimaneutralität nicht gelingen“, warnt der Masterplaner.
Um diese Bewusstseinsbildung, ja teils sogar diesen Bewusstseinswandel herbeizuführen, sollen ganz konkrete Formate ausgerollt werden. „Bereits heuer möchten wir etwa die ‚St. Pöltner Vorlesungen‘ zu bestimmten Themen starten. In den Stadtteilen sollen Partizipationsprojekte im Hinblick auf die Identität angestoßen werden, und mit den Schulen möchten wir ganz konkrete Kooperationen auf den Weg bringen.“ Bildung spiele in diesem Prozess überhaupt eine wesentliche Rolle, die Pädagogen – so hofft Wildburger – sollen Verbündete werden „wenn es etwa darum geht, bereits im Kindergartenalter die ‚kleinen Forscher‘ zu fördern, denn sie sind die Meister von morgen – jetzt müssen wir das ideale Umfeld zum Gedeihen ihrer Talente schaffen.“ Parallel dazu soll die Stadt und ihre Unternehmen in allen Bereichen, die den Grundzielen des Masterplanes entsprechen, aktiv an diversen Programmen und Wettbewerben teilnehmen, „z.B. von den Austrian Skills über die European Skills bis zu den World Skills Awards.“, so Wildburger. „Außerdem muss die Stadt mit gutem Beispiel vorangehen – etwa in Fragen der Nachhaltigkeit, indem sie konkrete Unterstützungsprogramme auflegt, welche die Ziele des Masterplans voranbringen, auch in der Frage, welche Bildungseinrichtungen sie möchte und unterstützt!“ Die Politik soll in diesem Sinne ihre Aufgaben erfüllen, umgekehrt nimmt Wildburger auch die Bevölkerung in die Pflicht. „Als Bürger hat man Rechte, man hat aber auch Pflichten! Die Menschen müssen begreifen, dass es nicht um reine Versorgung geht, sondern um Fürsorge und Vorsorge. Und da muss jeder mithelfen. Wir – und zwar wir alle – verantworten unsere Zukunft selbst!“

Es wird messbar
Ob umgekehrt die Politik wirklich unbedingt so glücklich mit mündigen, selbstbewussten und aktiven Bürgern ist, steht auf einem anderen Blatt geschrieben, wenngleich Wildburger optimistisch  einräumt „dass in St. Pölten und im Land schon die Mehrheit der Politiker dieser Gedankenwelt zugänglich ist.“ Schmunzelnder Nachsatz: „Andere muss man halt vielleicht mit leichtem Druck mitnehmen.“
Druck, der im Sinne eines Realisierungs-Boosters im Übrigen geradezu subversiv auch im neuen Masterplan eingeschrieben ist. So werden alle Projekte mit einer Ampel versehen, die das jeweilige Umsetzungsstadium sichtbar macht. Außerdem wird man anhand zahlreicher Kennzahlen und Indizes nachvollziehen können, ob beim jeweiligen Projekt etwas weitergeht oder ob die Mühle sozusagen steht. „Kurzum – die Sache wird messbar.“ Und damit für die Politik bindender. „Das ist auch als eine Art Grundbedingung der Experten in den verschiedenen Taskforces immer wieder gefordert worden: ‚,Jo, ich mache schon gerne mit und bringe mein Know-how unentgeltlich für die Stadt ein, aber dann müsst ihr uns versprechen, dass das nicht der 700. Plan wird, der irgendwo in einer Schublade landet.“ Ob die Stadt ihr Versprechen hält, wird man spätestens 2025 erstmals nachhaltig abklopfen können, wenn der erste Horizont des Masterplans erreicht ist. Nicht mehr allzu viel Zeit – in diesem Sinne: An die Arbeit St. Pölten! 08/15 raus – 25/50 rein!

A LEADING SECOND CITY – VIER SÄULEN DER ZUKUNFT

Green_Cool City & Region stellt (Mikro)Klima, Resilienz und Energiesicherheit ebenso in den Mittelpunkt wie Raumplanung und Baukultur. Daneben richtet sich der Fokus auf Stadtteile und Grätzel sowie eine Mobilität, die den Erfordernissen des 21. Jahrhunderts gerecht wird.

Skills_Arts City & Region entwickelt die geistigen und kreativen Ressourcen der Stadt. Zugrunde liegt der Anspruch St. Pöltens als „Bildungshauptstadt“ Niederösterreichs und als kulturelles Zentrum in der Mitte des Landes.

Fit_Healthy City & Region optimiert die Bedingungen für gesunde Bürger*innen und eine gesunde Gesellschaft. Präventivkonzepte sind dabei nicht weniger wichtig als die medizinische Versorgung. Bewegung und Sport gehören ebenso dazu wie psychische Gesundheit und Sozialarbeit.

Enterprising City & Region bereitet den Boden für Unternehmergeist am Standort. Das Ziel ist eine Stadt, die konsequent agiert, statt nur zu reagieren: Ein Ökosystem, in dem etablierte Betriebe wie Neugründungen gedeihen und Nachfolger finden.

TERMINE
Masterplan-Talk mit Landeshauptfrau J. Mikl-Leitner, Bürgermeister M. Stadler und Masterplaner J. Wildburger im ORF NÖ: zwischen 11. und 14. März

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14. März

Masterplan – Roadshow der Plattform*stp
Save the date: 6., 19., 20. April und 3., 5. Mai, 18.00 Uhr

Information und Anmeldung ab 1. April auf der Web-Page