MFG – Das Magazin – Twilight Zone STP


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Twilight Zone STP

Text Thomas Fröhlich
Ausgabe 12/2008

Unter dem bekannten alltäglichen St. Pölten liegt ein nächtliches Gegenstück. Ein Reich düsterer Bilder, schwarzer Melancholie und brachial vorgebrachter Lyrics. In einem Gespräch versuchen ein Gastronom, ein Musiker, eine Autorin, eine Szenekennerin und Model sowie ein Politaktivist zu ergründen, was daran so faszinierend sei – am dafür passenden Ort: im „Underground“.

2008. Ganz St. Pölten ist in den Händen dauergrinsender Schunkelbarden, sich ins Glückskoma saufender Krocha, penetrant gut gelaunter Ratgeber-Leser („Müllraustragen nach Feng Shui“, „Denke nicht – bleib blöd!“) und lebensfroher Fans bunter US-amerikanischer Teeniekomödien und französischer Wohlfühlfilme. Ganz St. Pölten?
Nein! Ein zahlenmäßig überschaubares, aber unbeugsames Völkchen zumeist schwarz gewandeter Abweichler leistet Widerstand: mit lauten Gitarren, sinistren Gesängen, finsteren Filmen und Büchern, die Rosamunde Pilcher-Leser zum Herzinfarkt trieben. Würden sie sie kennen. So wie an diesem Abend im Untergrund von St. Pölten. Im Underground.
„Nur weu i a Glotzn hob, brauchen die braunen Glotzn und iwahaupt die gaunzen Scheißrechten ned glauben, dass’ bei mir a Leiberl reißen!“, meint Walter in ziemlich lautem Tonfall und schlägt wie zur Bekräftigung mit der Faust auf den Tisch.
Man ahnt: Wo diese Faust zulangt, wächst wahrscheinlich so schnell kein Gras mehr. Doch besteht die Gefahr nicht wirklich. Walter selbst zählt wohl zu den friedfertigsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Auch wenn er die Statur eines erfolgreichen Rausschmeißers hat.

Schnittpunkt der Welten
Aber er muss halt auch auf sein Kind aufpassen: das Underground. Sein Underground in der Josefstraße 1, geöffnet von Dienstag bis Samstag von 19 Uhr bis (offiziell) 4 Uhr früh. Ein Ort, an dem eine wunderbar heimelige Dunkelheit herrscht. Ein Ort, der seit neun Jahren einen fixen Bestandteil einer ganz spezifischen St. Pöltner Szene darstellt. Einer eigenwilligen Szene: Metalfans, Emos, Anhänger düsterer Klänge wie ebensolcher Bilder und Worte. Ein Ort als Schnittpunkt der Welten: Welten, die man eher in der Schwärze melancholischer Gedanken, musikalischer Frontalangriffe und Film gewordener Alpträume verortet als in der gleißenden Helle eines schweißtreibenden Sommertags oder im Gewimmel solariumgebräunter Melanomanwärter im Fun-Container vor den Toren der Stadt.
Und überhaupt: „Entweder bist a Mensch … oder bist a Trottel!“ So Walter, der mit vollem Namen Walter Göbel heißt. Denn prinzipiell ist bei ihm jeder gerne gesehen, vom Arzt bis zum Hackler. Doch ein Mindestmaß an Benehmen muss sein, meint er. Das hat auch was mit gegenseitigem Respekt zu tun.
Walter setzt hinzu: Und dass man dazu steht, was man tut. Dann tut man’s auch gern. Und das merkt man bei Walter deutlich: Er und das Underground sind untrennbar miteinander verbunden. Wenn’s so was wie eine Seele des Underground gibt, dann er. Was aber nicht unbedingt von Anfang an so klar war. An sich ist Walter ja gelernter Metaller. Was sonst, ist man versucht zu fragen, da Metal etwa knapp 80 Prozent jener Musik darstellt, die im Underground gespielt wird. Doch in seinem Fall haben wir’s mit dem harten Handwerk der Eisengießerei zu tun. Bei dem ist Walter allerdings nicht lang geblieben. Gastronomie war das Ding, das ihn wirklich interessierte – und damit verbrachte er dann die nächsten zwei Jahrzehnte. Saison in Zell am See, dazwischen andere Örtlichkeiten: alles nicht schlecht, aber da gab’s auch einen Traum. Den Traum von einem eigenen Lokal. Aber nicht irgendein Lokal.

Echter Underground
Walter lacht, wenn er drauf angesprochen wird: Schon als Kind mochte er Gruselromane, speziell jene mit Vampiren drin – und sein Faible für die Farben Schwarz und Blutrot kristallisierte sich auch recht bald heraus. Mit 40 erfüllte er sich dann seinen Lebenstraum: das in mehrere kleinere Räume unterteilte, schummrige Underground. Betritt man das Kellerlokal und blickt die Treppe hinunter, sind Walters ästhetische Vorlieben gleich klar ersichtlich: viel Dunkelheit, ein paar Rottöne und Accessoires vom Plastikskelett bis hin zur Teufelslampe, die direkt aus einer klassisch-altmodischen Geisterbahn stammen könnten. Zu Beginn eher als eine Crossover-Bar geplant, entwickelte sich das Underground musikalisch rasch in Richtung Metal. Wobei: „Jazz und Blues muass dabei sein – do kum i a her, ois Kind der Sechziga und Siebziga!“ Und wieder ertönt Walters Lachen, das sich mit dröhnend-scheppernd nur unzureichend umschreiben läßt.

Illustre Familie
Und diese musikalische Ausrichtung ist es auch, die seine Gäste, seine „Familie“, wie er sie bezeichnet, anzieht. Hatte er zu Beginn mitunter auch Interessenten aus der falschen Richtung abzuwehren („Den Oaschlechan mit ihre Kaumpfhund hob i’s hoid amoi zagn miassn, damit’s nimma kumman!“), so besteht sein Publikum inzwischen großteils aus Stammgästen, die den Mix aus Black, Death, Gothic und sonstigem Metal, gelegentlichen Jazzausritten sowie düsterer, gleichwohl freundlicher und herzlicher Atmosphäre zu schätzen wissen. Und lernen kann man auch was beim Walter, wie Tim Sklenitzka von St. Pöltens Vorzeigemetalband Trashcanned bekennt: „Ich war früher ja eher Rockfan – und hier hab‘ ich dann die erste Male bewusst Metal und dessen Vielseitigkeit wahrgenommen.“ Was aber zugegebener Weise nicht nur am Underground lag sondern auch an seiner damaligen Freundin und späteren Ehefrau Melley, die, ebenfalls Stammgast, den lieben Tim nachhaltig mit dem Metal-Virus infiziert hat.
Überhaupt die Metalszene: „Generell ist diese Szene irrsinnig nett, respektvoll und kollegial,“ meint Tim und nimmt einen großen Schluck Bier, „aber es ist St. Pölten sowieso ein Top-Pflaster zum Live-Spielen.“
Walters Underground (ja, hier gibt’s auch Konzerte!) sowie der Freiraum in der Herzogenburger Straße böten da ideale Voraussetzungen. Letzteren (mit seinem Tales From The Moshpit) betrachten Tim und Melley sogar als den besten Platz Österreichs für Live-Veranstaltungen der härteren Gangart. Die Bands Trashcanned und Epsilon wie auch diverse Newcomer sorgen da regelmäßig für jede Menge Publikum. Und auch das Black/Death Metal-Projekt Frosttod des schwarzhaarigen und ebenso gekleideten Goliath, der ansonsten unter seinem „richtigen“ Namen Martin Oppenauer politisch links aktiv ist, harrt seiner Zuhörer. Wenn nur endlich ein Drummer gefunden ist.
Apropos Black Metal, einer, sagen wir einmal, forciert brutalen Spielart des Metal: Seit Jahren steht der ja im Ruch des Rechtsradikalismus, oder zumindest des etwas sorglosen Umgangs mit eindeutiger Symbolik. Wie geht das also mit einer politisch völlig gegensätzlichen Gesinnung zusammen? Goliath hebt die Zigarette an die Lippen, macht einen tiefen Zug und überlegt. Seit seinem 15. Lebensjahr ist er im linken Spektrum tätig. Mit 16 kam er dann mit Death und Black Metal in Berührung. Goliath atmet bedächtig aus und blickt dem entschwindenden Rauch der Zigarette nach: „Auf der einen Seite der Kampf um eine bessere Welt. Auf der anderen Seite Abgrenzung.“ Die Ambivalenz all dessen ist ihm klar. NSBM-Bands, also Bands, die mit NS-Gedankengut und -ästhetik hausieren gingen, gäbe es natürlich. „Wir haben sogar vor einiger Zeit ein Festival mit einschlägigen Bands verhindert!“ meint Goliath. Doch die Mehrheit der Bands hätte mit derlei sowieso nichts am Hut. „Die Szene ist dermaßen vielfältig,“ setzt die schwarz geschminkte Melley hinzu, die in ihrem bürgerlichen Leben unter anderem als Mitarbeiterin in einer Anwaltspraxis wie als Aktmodel zugange ist. Schließlich wäre es ja nicht verboten, gegen diese Idioten was zu unternehmen. Was ja auch geschieht. Dummköpfe gibt’s ja leider überall. Also auch hier: Abgrenzung innerhalb der Abgrenzung, und zwar konsequent.
Zudem ist eine Veranstaltung wie das alljährlich stattfindende Kaltenbach-Festival, das auch extremere Spielarten des Metal zulässt, im Grunde „ein Woodstock in schwarzweiß.“ So Goliath. Love, Peace und schwarzer Eierkuchen?
„Death und Black Metal stellen die Antithese zum Rest dar,“ meint Goliath. „Death Metal ist die reinste Form an Gesellschaftskritik, wenn man so will.“
Metal hat ja sowieso nicht zum ersten Mal eine üble Nachrede. Stichwort Satanismus! „Nun ja, unsere schwarzen Messen wollen wir heute beiseite lassen,“ so Melley und Walter unisono und ziemlich dreckig grinsend. Bei all den in der Zwischenzeit lieb gewonnen Klischees handelte es sich eben auch um eine Barriere, die der ahnungslose Betrachter überwinden müsste, um sich dem Kern der Sache zu nähern, ist Tim überzeugt. Ein Kern, der sich auch in den zum Teil melancholischen, mitunter auch aggressiv-apokalyptischen Lyrics zeigt.

Horror als Lifestyle
Was die Frage aufwirft, warum man sich derlei überhaupt antut: Tod, Vernichtung, Verdammnis, Horror als Lifestyle?
In genau diese Kerbe schlägt auch die Autorin und Neo-Filmemacherin Jessica Lind, die unter anderem auch schon mit eigenen Werken beim leider nur einmal im Jahr stattfindenden Ball der Melancholie in der St. Pöltner Seedose auftrat. Jessica, die sowohl für ihre traurigen, mit subtilen popkulturellen Referenzen abgeschmeckten Kurzgeschichten als auch für schwarzhumorige Slam Poetry bekannt ist, hat mit Metal wenig am Hut, schätzt statt dessen gute Horrorfilme und einschlägige Literatur, auch wenn ihr eigenes künstlerisches Schaffen in eine andere Richtung geht. Schon als Kind empfand sie Sympathie für Andersartigkeit, die sie bei der Lektüre von Märchen und Legenden auslebte. Weshalb sie jetzt auch zu den Stammgästen bei den Horrornächten im Cinema Paradiso zählt. Diese finden in unregelmäßigen Abständen statt und bestehen im Grunde aus je einer Lesung einschlägiger Literatur von Poe über Lovecraft bis hin zu zeitgenössischen Autoren sowie einem adäquaten Horrorfilm abseits des genormten Blockbuster-Mainstreams a la Saw IV. „Ich mag ja die alten, atmosphärisch dichten Horrorfilme wie Freaks oder White Zombie lieber als das zeitgenössische Zerkleinern von Körpern in Großaufnahme,“ bekennt Jessica, trinkt einen Schluck Wein und meint: „Die haben auch mehr Tiefgang.“ Oder Filmemacher wie Kubrick, Bunuel und Burton mit ihrer eindeutigen Sympathie für die Anderen. Die Freaks. Die (scheinbaren) Monster.
Wobei Goliath, selbst überzeugter Fan des vor etwas mehr als 70 Jahren verstorbenen Horrorautors H. P. Lovecraft, durchaus auch gepflegten Splatter zu schätzen weiß – und Walter sekundiert: „San hoid Märchen fia Eawochsane. Wia a guade Ochtabohn!“

Grundbedürfnis
Es scheint hier also auch um Grundbedürfnisse zu gehen, die scheinbar unverrückbaren Blickwinkel zumindest für eine kurze Zeit zu verändern: „So düstere Dinge, Geschichten, können helfen, gewisse Dinge wie Tod oder Krankheit zu akzeptieren und damit leben zu lernen,“ sagt Jessica nach kurzem Überlegen und setzt hinzu: „Andere gehen halt zu irgendeinem Gott.“
Kurz ist‘s ein wenig ruhig im Underground. Nicken. Rauchen. Einen Schluck trinken. Der Gedanke drängt sich auf, dass das offizielle, das
oberirdische St. Pölten wenig bis nichts mit dem heute hier Verhandelten zu tun hat. Ob es sich nun um musikalische Hervorbringungen, geschriebene Worte oder laufende Bilder handelt.

Bis Walter meint: „I hoi uns jetzt an Chili-Wodka!“ Und alle wissen: Das wahre Grauen hat noch gar nicht angefangen.