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MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Außensicht

Text Georg Renner
Ausgabe 09/2013

Trabant oder schon Teil?

St. Pölten ist eigentlich schon Wien. Auch wenn der gelernte Wiener das mit großstädtischem Beißreflex mindestens ebenso vehement zurückweisen wird wie der eingefleischte St. Pöltner, der angesichts der Entwicklung in den vergangenen Jahren doch so etwas wie Heimatstolz entwickeln durfte: Zu leugnen ist kaum mehr, dass man Teil eines durchgängigen städtischen Komplexes ist.
Den größten Anteil daran hat die Verkehrsanbindung: Von St. Pölten aus ist man heute schneller im Wiener Stadtzentrum als von Floridsdorf, Liesing oder vielen anderen Wiener Bezirken aus.
Die Folgen sind vielfältig: Etwa die Mietpreise, die in den vergangenen Jahren in St. Pölten sogar schneller angezogen haben als in Wien. Oder die Verschränkung der Verkehrssituation: Wenn Wien die Parkpickerlzone ausweitet, quellen in St. Pölten die Park-and-Ride-Anlagen über. Im Positiven steht dem der enorm gewachsene Zugang zu den Bildungs-, Arbeits- und Kulturangeboten der Metropole gegenüber: Wer heute in St. Pölten lebt, kann in Wien studieren, arbeiten oder fortgehen, ohne dass damit nennenswerte Einbußen der Lebensqualität verbunden wären.
Dieses Zusammenwachsen, das in den kommenden Jahren noch stärker und schneller fortschreiten wird, wird am besten gelingen, wenn es gesteuert wird. Es wird der Politik nicht erspart bleiben, Fragen zu beantworten wie: Ist es sinnvoll, einen millionenschweren Kulturbezirk in St. Pölten zu erhalten, wenn das gesamte Angebot Wiens genauso leicht erreichbar ist? Müssen in die Planung des öffentlichen Verkehrs in der Region wirklich fünf unterschiedliche Akteure involviert sein - oder wäre die Steuerung aus einer Hand sinnvoller? Und, in letzter, langfristiger Konsequenz: Hat es Sinn, dass St. Pölten politisch eine eigene Stadt bleibt?

Georg Renner, 30, ist Redakteur im Inlandsressort der Tageszeitung „Die Presse“ und Chef vom Dienst der „Presse am Sonntag“. Der Wilhelmsburger besuchte das BG Josefstraße und passiert St. Pölten täglich als Pendler.