MFG – Das Magazin – Das KiKuLa is do


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Das KiKuLa is do

Text Johannes Reichl
Ausgabe 03/2021

KiKuLa hat nichts mit Hustenzuckerl wie Ricola zu tun, es ist auch keine Abwandlung vom Goggola, sondern dahinter verbirgt sich das KinderKunstLabor … wobei auch dieser Name, wie man nicht müde wird zu betonen, nur ein „Arbeitstitel“ ist (wohl v. a. deshalb, weil eine Einrichtung gleichen Namens bereits existiert).

Das KiKuLa ist jedenfalls eines, ja eigentlich DAS Prestigeprojekt der zur Landeskulturhauptstadt eingeschmolzenen Europäischen-Kulturhauptstadt-Bewerbung 2024, wobei sich die Diskussion bislang weniger ums Inhaltliche drehte, sondern vor allem um den geplanten Standort im Altoona-Park. Wer nämlich geglaubt hat, dass mit der geschlagenen Gemeinderatswahl die Diskussion rund um das Areal vom Tisch ist, wurde rasch eines Besseren belehrt. So mischten sich im Zuge einer Demonstration gegen die S 34 vor dem VAZ St. Pölten am 10. Februar auch Plakate der Plattform Pro St. Pölten mit Slogans wie „Rettet den Altoona-Park“. Sprecher Friedl Nesslinger lässt denn auch unmissverständlich wissen, „dass wir uns, sobald es Corona und die Witterung zulassen, wieder bemerkbar machen werden.“ Die Plattform sei dabei – wie Nesslinger betont – „nicht gegen das KinderKunstLabor an sich“, sehr wohl aber gegen den Standort, weil man nicht nur um den Altbaumbestand fürchtet, sondern dass die Umsetzung „einen der letzten Grünräume in Zentrumsnähe zerstört“, ist Nesslinger überzeugt. Den Verantwortlichen werfen die Aktivisten mangelnde Transparenz vor. „Es gibt im Grunde genommen keine Information, was dort wirklich genau umgesetzt werden soll. Es gibt keine Pläne und es wird nichts transportiert.“ Das möchte man seitens der NÖ Kulturlandeshauptstadt St. Pölten GmbH freilich nicht im Raum stehen lassen. So hätte der Bürgermeister die Plattform bereits zweimal zum Thema empfangen, außerdem gab es ein Treffen von Plattform-Vertretern mit dem damaligen Geschäftsführer des Büro St. Pölten 2024 Albrecht Großberger sowie Landes-Kulturchef Hermann Dikowitsch. „Das Büro St. Pölten 2024 stand immer für die Beantwortung aller Fragen zur Verfügung und hat dies auch immer wieder kommuniziert. Die Kritikerinnen und Kritiker zogen es allerdings vor, ihre recht dezidierten Meinungen – die sie auch immer wieder änderten – nur medial zu kommunizieren. Einmal war es ein Unding, in so einer Krise so viel Geld in einen Schulversuch zu stecken, dann war wieder das Projekt richtig, aber nur der Standort falsch, für die Bewohnerinnen und Bewohner des angrenzenden Betreuten Wohnens ist der Altoona-Park der einzige, grüne Erholungsort – für Kinder ist ein Aufenthalt in dieser ‚Verkehrshölle‘ nicht zumutbar, etc.“

Intransparente Standortwahl?
Dass die Kommunikation rund um die Standortwahl nicht optimal gelaufen ist, findet aber auch die grüne Stadträtin Christina Engel-Unterberger. „Kunst und Kultur Raum zu geben halten wir für sehr wichtig, der Prozess zur Standortwahl für das KiKuLa war jedoch alles andere als eine Glanzleistung. Gründe, die zur negativen Bewertung der 24 alternativen Standorte geführt haben, wurden nicht diskutiert“. Eine Ansicht, die NEOS-Gemeinderat Niko Formanek teilt. „Die Art und Weise wie man zu dieser Entscheidung gekommen ist, aufgrund welcher Argumente, Fakten und Varianten wurde nicht nachvollziehbar veröffentlicht und kommuniziert. Es ist also bis heute nicht nachvollziehbar, weder für mich noch für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt, welcher Standort der ‚richtige‘ wäre und warum. Und so darf Bauplanung und -umsetzung nicht funktionieren.“
Dem widerspricht Bürgermeister Matthias Stadler (SPÖ), der auf ein klares Verfahren verweist, im Zuge dessen eben der Altoona-Park als der bestmögliche im Hinblick auf die Anforderungen eruiert wurde. Als solche wurden immer wieder die Nähe zum Bahnhof, eine gute öffentliche Anbindung, Innenstadt-Nähe, die Nachbarschaft zu anderen Kulturinstitutionen, genügend Flächen auch für Outdoor-Aktivitäten sowie eine Brückenfunktion zwischen Innenstadt und Regierungsviertel angeführt. „Weder die Landeshauptfrau noch ich haben uns den Standort aus den Fingern gesogen. Stadt und Land haben insgesamt 25 Standorte für das ‚KinderKunstLabor‘ geprüft. Auf Basis dieser Bewertung hat sich die Nutzung und damit verbundene Aufwertung des Altoona-Parks am Schulring als bestgeeigneter Standort herausgestellt.“
ÖVP-Vizebürgermeister Matthias Adl ist davon nicht überzeugt und kritisiert, „dass die Verantwortungsträger der SPÖ hier ohne Not, aber sehenden Auges einen Kampf zwischen innerstädtischem Grünraum und einem Kinder-Projekt entfacht haben. Ein Kampf, der die Sicht auf den großen Nutzen dieses Projekts verstellt und der Entwicklung des Projekts ohne Frage geschadet hat.“
Dabei steht der Nutzen des Projekts für alle Parteien außer Streit. Sämtliche Mandatare befürworten die Kunst- und Kultur­einrichtung. Selbst die FPÖ ist von ihrer noch während des Wahlkampfes geäußerten Forderung, das Projekt zurückzustellen und das Geld stattdessen in die Bekämpfung der Corona-Pandemie-Folgen zu stecken, abgerückt und meint pragmatisch: „Es ist genug Platz und der derzeitige Park wird so aufgewertet. Eine Investition von Bund und Land in Millionenhöhe in St. Pölten dürfen wir als Stadt nicht ablehnen“, so Stadtrat Klaus Otzelberger.

Generalplaner ante portas
Licht ins Dunkel, wie dieses Geld nun genau investiert wird, bringt Anfang März (leider erst nach unserem Redaktionsschluss, Anm.), wenn der Generalplaner, der Ende Jänner von einer Expertenjury aus 43 teilnehmenden Bewerbern auserkoren wurde, der Öffentlichkeit präsen wird. Und wenn die konkreten Pläne einmal am Tisch liegen, mag vielleicht auch manch Bedenken ausgeräumt werden. Die Ausschreibung war jedenfalls – was durchaus als Indiz zu werten ist, dass die Anliegen, Sorgen und Inputs der Bürger Eingang gefunden haben – an zahlreiche Vorgaben geknüpft. So wurde der ursprüngliche Wettbewerb zum Neubau „um die Aufwertung der restlichen Grünfläche ‚Altoona-Park‘ erweitert“, was so viel heißt, dass die Neugestaltung des gesamten Parks integraler Bestandteil des Projektes geworden ist und nunmehr auch Freiraumplaner und Landschaftsarchitekten Hand anlegen. Der „Fußabdruck“ des KiKuLa wurde auf maximal 1.000 m² festgegelegt, das heißt im Umkehrschluss, dass fast 85% des rund 6.000 m² Areals als Park erhalten bleiben. Das Gebäude selbst soll „eine räumliche Abgrenzung zur Straße bieten und so den Straßenlärm dämpfen/abhalten“. Eine ökologische Bauweise nach modernsten Erkenntnissen ist ebenso Bedingung wie die Erhaltung der 92 Jahre alten Linde im Süden des Grundstückes sowie des 52 Jahre alten Mammutbaums im Norden.
So betrachtet könnte am Ende des Tages trotz, vor allem aber aufgrund des öffentlichen Diskurses eine win-win-Situation eintreten, die ohne Proteste vielleicht so nicht zustande gekommen wäre: Es entsteht hoffentlich eine hochkarätige, überregional wirkende Kulturinstitution, die auch den Städtetourismus fördert, UND ein attraktiver „neuer“ Altoona-Park, der diesen Namen auch verdient und zu einem neuen Verweilort für alle Bürger wird. Bürgerplattform, Bürger und Parteien werden das Projekt und die getätigten Zusagen jedenfalls, wie bereits angekündigt, mit Argusaugen beobachten. Dem Endergebnis kann dies nur zuträglich sein.

HÄNGEN BLEIBEN

In Sachen KiKuLa-Altoona-Park sei mir ein persönlicher Kommentar erlaubt, weil ich nur einen Steinwurf davon entfernt aufgewachsen bin und viele Jahre „in the hood“ gelebt habe.

Wenn wir als „Wohnungskinder“ zum Spielen ins Grüne gegangen sind, dann war unser Ziel nie der sogenannte Altoona-Park (ich kann mich nicht einmal erinnern, dass die Grünfläche damals überhaupt einen Namen hatte, was schon einiges über ihre kollektive Wahrnehmung aussagt), sondern wir sind bestenfalls durchgelaufen – entweder zum zirka 300 Meter weiter entfernten Hammerpark oder gleich zum Robinsonspielplatz.

Gut 30 Jahre später, dann schon stolzer Papa eines Juniors, lauteten die Frischluft-Varianten entweder Hammerpark oder Traisen. (Letztere war in der Zwischenzeit durch den Regierungsviertelbau leichter zugänglich als zu meiner Kindheit, als noch Rennbahn, Verkehrskindergarten und Scherbergärten den direkten Zugang behinderten.) Den Altoona-Park hatte ich nicht einmal am Radar, er lag unter der Wahrnehmungsgrenze. Warum? Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich – so meine heutige Mutmaßung – weil es genug attraktive Alternativen in direkter Umgebung gab und weil der „Park“ schlichtweg eben keiner war, wo man gerne Zeit verbringt. Das hätte man natürlich ändern können – alleine, es ist nie passiert, weil es offensichtlich auch niemand abgegangen ist. Erst die Diskussion rund um das KiKuLa hat die bislang verwaiste Grünfläche in den Fokus, ja für viele Bürger überhaupt erst ins Bewusstsein gerückt. Zum ersten Mal wird darüber nachgedacht, wie dieses gut 6.000 Quadratmeter große Areal sinnvoll genutzt werden kann.  Und das ist gut so. Das ist eine Chance!

Noch eine Geschichte möchte ich erzählen. Ich war im Jahre Schnee im Vorstand des Fördervereins Kulturbezirk engagiert – heute Freunde der Kultur St. Pölten. Als ich 2006 begann, war eines unserer vordringlichsten Anliegen eine bessere Anbindung zwischen Innenstadt und Regierungsviertel – Sie sehen, dieses leidige Thema begleitet uns schon lange. Im Grunde genommen seit Beginn des Regierungsviertel-Baus, als man schlicht die Straßenführung versemmelte und einen regelrechten Graben zwischen Alt- und „Neustadt“ riss. Das entbehrte damals übrigens keiner gewissen Ironie, weil es das gestörte Verhältnis zwischen Stadt und Land „wunderbar“ zum Ausdruck brachte. Dieser Graben wurde in Folge – allen salbungsvollen und scheinheiligen Beteuerungen zum Trotz – sogar noch vertieft, indem laufend weitere Bauten genau in die Achse zwischen den beiden Stadtteilen hineingepflanzt wurden. Heute spiegelt der Riss sphärisch zum Glück nicht mehr die Realität wider, es geht ums Gemeinsame, ums Verbindende zwischen Stadt und Land – und deshalb hat dieser Aspekt tatsächlich im Hinblick auf die Standortwahl eine besondere Bedeutung. Und auch wenn ich meine Zweifel hege, ob übers KiKuLa rein architektonisch tatsächlich eine solche Achse ex-post geschaffen werden kann, so lasse ich mich – und ich sage das ohne Ironie, sondern hoffnungsfroh – gerne vom Gegenteil überzeugen. Das ist eine Chance!

Zugleich ist es ein Lackmustest für die vielbeschworene Partizipation, unter deren Banner ja die gesamte Kulturhauptstadtbewerbung segelte. Ich weiß nicht, ob das KiKuLa tatsächlich direkter Ausfluss des Partizipationsprozesses war – irgendjemand wird schon gesagt haben, es fehlt etwas für Kinder – oder ob nicht schon ein Konzept in der Schublade schlummerte. Tut auch gar nichts zur Sache und wäre beileibe nichts Verwerfliches – besser gute Sachen aus der Schublade holen als sie dort verschimmeln lassen. Der Punkt ist ein anderer: Wenn man den Partizipationsprozess ernst nimmt und sich darauf einlässt, dann muss man ihn auch bis zum Ende durchziehen – selbst wenn einem nicht nur ungeteilte Jubelstürme, sondern bisweilen auch Kritik und Widerstand entgegenschlagen. Dann heißt es kein Schnoferl ziehen, sondern reden, aufklären, informieren, mitunter streiten, „prozessieren“ – die Sache verhandeln.

Bürgerbeteiligung bringt Schwarmintelligenz, viele Inputs, Erweiterung des Blickwinkels – sie heißt aber nicht Ersatz für politische Entscheidungen oder dass jeder am Ende des Tages alles bekommt, was er sich wünscht. Das mag für manche unbefriedigend sein, ist aber Part of the Game. Im Idealfall wird aber aufgrund der Breite des Prozesses ein Ergebnis erzielt, mit dem die meisten (gut) leben können – im Übrigen auch jene, denen die Sache vordergründig wurscht ist und die sich auf ihre politischen Repräsentanten verlassen. Die müssen nämlich letztlich entscheiden – und sie tun gut daran, die im Zuge des Prozesses herausgearbeiteten Aspekte in ihre Überlegungen miteinfließen zu lassen (andernfalls wäre die Einbindung nichts weiter als eine Frotzelei und alibimäßige Beschäftigungstherapie). Dies ist im Falle des KiKuLa, wie mir scheint, gelungen. So wurde in der Ausschreibung etwa eine maximale Grundfläche des Gebäudes ebenso vorgeschrieben wie der Erhalt möglichst vieler Bäume oder der explizite Auftrag, gleich den gesamten Altoona-Park mitzugestalten. Das Grundprojekt ist damit – und das dürfen sich alle Beteiligten, die leisen wie die lauten, auf ihre Fahnen heften – besser und breiter geworden. Man hat, um ein bisschen Türkis-Grün-Sprech zu strapazieren, „Das Beste aus beiden Welten“ zusammengeführt – Kultur UND Natur.
Der Altoona-Park, das ist meine ganz persönliche Meinung, ist dafür ein idealer Standort. Er gewährleistet nicht nur die Umsetzung einer (hoffentlich) einzigartigen Kultureinrichtung genau an der Schnittstelle zwischen City und Kulturbezirk, sondern er gibt den St. Pöltnern gleichsam einen Park zurück, den sie – so paradox es klingen mag – vorher gar nicht vermisst haben, den sie aber in Hinkunft nicht mehr missen wollen. Ein Park, wo man nicht mehr achtlos durchläuft so wie ich anno dazumal, sondern wo man hängenbleibt.