MFG – Das Magazin – Corona positiv


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Corona positiv

Text Beate Steiner
Ausgabe 03/2021

Die Pandemie verändert unser Leben nachhaltig — durch all die Ideen, Projekte, Angebote, die kreative Köpfe auf der „Bright side of Corona“ verwirklichen.


Vor einem Jahr hat es all diese wunderbaren Dinge, diese erfreulichen Entwicklungen noch nicht gegeben. Oder hätten Sie im März 2020 jemandem Aug‘ in Aug‘ zugeprostet, der 3.000 Kilometer entfernt seine Weinflasche entkorkt hat? Hätten Sie mit viel Vorfreude am Valentinstag vom Wirt Ihres Vertrauens eingepackte Schmankerl geholt? Wären Sie im Sommer 2019 fasziniert vor einer Filmleinwand gesessen, im Auto? Hätten Sie im Jogginganzug die Theateraufführung von Elfriede Jelineks „Am Königsweg“ beklatscht?

Nicht auszudenken wär‘ das gewesen
Seit Jänner 2020 verändert die Pandemie unser gewohntes Leben – nachhaltig, sagen Zukunftsforscher.  Zum Beispiel die Mobilität. Im Corona-Lockdown waren wir ja nahezu bewegungslos. Für viele offenbarte sich zum ersten Mal, welche Bedeutung Bewegung, Mobilität und auch digitale Mobilität haben. „Diese Erfahrungen werden auch unser Mobilitätsverständnis nach Corona prägen“, sagt Stefan Carsten vom Zukunftsinstitut.
Digitale Mobilität braucht technologische Innovationen und digitale Tools. Diese haben in der Krisensituation ihre Stärken gezeigt. „Sie haben Menschen nicht voneinander distanziert, sondern im Gegenteil: Sie helfen uns, einander auch über die Distanz nah sein zu können – und auch unseren Konsum zu organisieren“, erklärt Janine Seitz in der Trendstudie des Zukunftsinstituts: „Die Welt nach Corona. Business, Märkte, Lebenswelten – was sich ändern wird“.  
Die neue Solidarität, die sich während der Pandemie entwickelte, wird den Handel und den Konsum der Zukunft prägen, sagt Seitz voraus: „Nähe und Vertrauen – Qualitäten, die sich nicht erkaufen lassen – bilden den Nährboden für ein achtsameres, sozialeres Konsum- und Genussverhalten auch nach der Krise.“ Das zeigt sich auch in unserer Region. Kleine, inhabergeführte Läden und Dienstleister konnten über digitale Tools schnell eine neue Nähe zu ihren Stammkunden herstellen, präsentierten ihre Ware auf Instagram, vereinbarten Termine über Facebook oder WhatsApp. „Dabei zeigt sich: Oft geht es nur um eine häufig unterschätzte Funktion des Handelns – das Plaudern als soziale Interaktion. Nach der Corona-Krise wird Technologie noch stärker als Hebel für menschliche Begegnungen verstanden werden“, so Seitz.
Wie in anderen Kommunen wurden in St. Pölten Lieferketten optimiert, wird Click & Collect künftig Zeit beim Einkaufen sparen und Fahrradkurier Andy Grubner weiterhin für schnelle und umweltfreundliche Lieferung sorgen. Sicher werden viele es weiterhin bequem finden, dass sie Speisen vom bevorzugten Lokal und regionale Lebensmittel online bestellen können und geliefert bekommen. Und was spricht künftig gegen Call & Collect, also Private Shopping beim lokalen Modeshop oder Delikatessenhändler?
Diese neuen und zusätzlichen Serviceangebote bei Handel und Dienstleistungen sind eine Funktionsanreicherung, und die braucht der stationäre Handel in Zukunft, sagt Romina Jenei von Regioplan-Consulting. „Es geht darum, den Kunden, die ja nicht mehr kommen müssen, ausreichend Gründe zu geben, dennoch kommen zu wollen.“ Dazu gehört: Frequenzen schaffen, zum Beispiel mit diversen Dienstleistungen oder Events im Shop, Internet und Social Media mit Click & Collect kombinieren oder Communities schaffen für soziale Interaktion, die Aufenthaltsqualität mit Gastronomie, Kultur und Entertainment integriert, „all das eben, was es im Internet alleine nicht gibt.“

Kreativität lässt Kultur überleben
Kultur-Menschen und Veranstalter haben sich in den Corona-Monaten zahlreiche außergewöhnliche Formate einfallen lassen für ihr nach Musik, Theater, Kino lechzendes Publikum. Das AutoKunstKino im Sommer ist so entstanden. „Wir brachten die Renaissance einer Kultur-Urform, die nicht nur vor Charme und positiven Vorstellungen strotzt, sondern zugleich dank der Sicherheitsvorkehrungen einen uneingeschränkten und damit aktuell idealen Kulturgenuss, ja ein echtes Erlebnis, schafft“, schwärmt VAZ Manager René Voak vom erfolgreichen Pausenfüller, der gekommen ist, um möglicherweise zu bleiben – sprich eine Fortsetzung finden soll.
Im Lockdown gab’s und gibt’s dann ausschließlich digitalisiertes Konzert- und Theatervergnügen, und auch die Programmpräsentation zum Beispiel für Thalheim Classics macht per Video Lust auf mehr. Kultur-Schmankerl als Stream am Bildschirm im Wohnzimmer sind ja was Feines, obwohl ein „Live-Format schon live sein sollte“, wie Bühne-im-Hof-Intendantin Daniela Wandl pointiert formuliert. „Die Digitalisierung wird auf jeden Fall das Theater in künstlerischer und ästhetischer Hinsicht nachhaltig beeinflussen“, ist Landestheater-Intendantin Marie Rötzer überzeugt.

Beispiele gefällig?
In Folge möchte ich Ihnen einige bemerkenswerte Initiativen vorstellen, die exemplarisch für die Kreativität unserer Händler, Gastronomen, Künstler stehen mögen – unter dem Motto: Gekommen, um zu bleiben.

HANDEL & GASTRONOMIE

Eingerexte Köstlichkeiten
Die meisten heimischen Gastronomen lassen ihre Küche trotz Schließzeit nicht kalt und kochen aus, liefern und lassen die Speisen abholen. Einige haben das System weiterentwickelt und ihre beliebtesten Speisen in Einmachgläser gefüllt. So können die Gäste Suppen, Eintöpfe, Currys, Ragouts und vieles mehr unabhängig von der Uhrzeit im Wirtshaus erwerben und zuhause aufwärmen. Gläser gibt’s von Georg Loichtls Wurzelwerk, vom Café Schubert, von Parzer & Reibenwein.

Bschoadpackerl für den Osterhasen
Katja Rendl und Thomas Schweiger sind begeisterte Gastgeber. Weil die beiden den Rendlkeller derzeit nicht aufsperren dürfen, haben sie sich etwas Besonderes einfallen lassen. Sie kochen nicht aus wie ihre Gastro-Kollegen, sondern gestalten Geschenkpackerl, derzeit für Ostern. In die Bschoadpackerl aus dem Rendlkeller gewickelt sind regionale und originelle Schmankerl, wie Eierlikör mit Vogelbeerbrand, feiner Senf, Hirschwürstel, Schokolade. Es gibt auch ein Packerl für Hund & Herrl oder solche zum Selberbefüllen. „Nach der Bestellung nehmen wir sofort Kontakt mit dem Osterhasen auf“, grinst Katja Rendl, die schon mit ihren Weihnachtspackerln als Ersatz für abgesagte Weihnachtsfeiern viel Erfolg hatte und weitermacht: „Ich hab‘ schon zahlreiche Bestellungen für kommende Weihnachten.“

www.rendlkeller.at

KUNST & KULTUR

Auslagen als Galerie
Zu den beliebten Vernissagen kann die Galerie Maringer im Zentrum der Stadt derzeit leider noch nicht einladen, bedauert Karl Heinz Maringer. Der Galerist hat sich daher eine neue Art der Präsentation einfallen lassen: In den Schaufenstern am Herrenplatz und in der Herrengasse sind immer wieder neue Schätze aus dem Lager der Galerie ausgestellt. Dazu ist auch eine Broschüre erschienen.

www.galerie-maringer.at

Mit Autos zu Leinwand und Bühne
50 Acts mit 128 beteiligten Künstlern begeisterten vergangenen Juli und August beim AutoKunstKino vorm VAZ – ein beachtliches Kulturprogramm im Corona-Sommer. Trotz Corona bestach die Landeshauptstadt mit einem reichhaltigen Kulturprogramm.
„Es war alleine psychologisch wichtig, nachdem sich die Veranstaltungsbranche insgesamt mit monatelangem Stillstand und damit Totalausfall konfrontiert sah“, erklärt VAZ-Chef René Voak. Insgesamt 18.000 Besucher und 6.000 Autos zeugen von einem großen Erfolg – mit dem Auto vor die Leinwand werden die Besucher daher in adaptierter Form wohl auch heuer fahren können.

www.vaz.at

Streams statt Live-Auftritte
Unter #wirkommenwieder zeigt das Landestheater NÖ Streams erfolgreicher Produktionen der vergangenen Saison – „Die Aufzeichnung von Elfriede Jelineks „Der Königsweg“ wurde sogar in Südamerika und in Ägypten gestreamt“, berichtet Theater-Intendantin Marie Rötzer. Aber auch Videos von Proben und digitale Stadtspaziergänge sind auf der Homepage des Theaters zu finden.
Das Festspielhaus ist mit einem Kulturvermittlungsprogramm sowie mit Circus- und Tanzproduktionen online.
Der Frei:Raum als Gebäude schläft zwar, „das Team ist aber produktiv wie eh und je“, erklärt Martin Rotheneder, der künstlerische Leiter der Jugendkulturbühne. Mit musik.stp, der neuen Dachmarke für die kreative St. Pöltner Musikszene, werden Künstler vor den digitalen Vorhang auf Facebook, Instagram, YouTube und Spotify geholt, in Live-Sessions, Interviews, Playlists und auch Neuvorstellungen.

www.landestheater.net, www.festspielhaus.at, www.freiraum-stp.com


WELTREISE MIT ONLINE-WEINVERKOSTUNGEN

Weinakademiker Martin Cerny gibt mit Begeisterung sein Weinwissen weiter. Das kann er derzeit weder bei Weinreisen noch bei Weinverkostungen in der MiniMall in der Wiener Straße. Also veranstaltet der Weinakademiker Online-Weinverkostungen und nimmt dabei die Teilnehmer via Zoom-Konferenz mit ins Traisental, ins Burgund, nach Sizilien, in die Steiermark aber auch nach Südafrika. Der Genuss kommt freilich analog zu den Weinfreunden – manchmal mit passenden Speisen von Vegankoch Gernot Kulhanek: Cerny verteilt und verschickt vorab sechs Proben zum Verkosten – bis nach England und Jersey. „Ich werde auch nach dem Lockdown Online-Verkostungen anbieten – zusätzlich zu Verkostungen in der MiniMall“, verspricht der Weinhändler.

www.weinernten.at
SINNES-ZENTRUM LOCKT MIT VIDEOS

„Gemeinsam sind wir stärker“ dachten sich die drei Delikatessen-Händler in der Wiener Straße und kreierten das „Sinnes-Zentrum“. Der Griechenlandshop mit Familie Purer, „Der Südtiroler“ Sebastian Watschinger und Gerhard Scholler vomFass haben sich zusammengetan und machen online Lust auf „Genuss hoch drei“, weil Ausschenken und Verkosten derzeit nicht erlaubt sind. In Videos werden die Fusionsteller gezeigt, zum Beispiel mit Schüttelbrot und zartem Rinderschinken aus Südtirol, garniert mit duftendem Trüffelöl und würzigem Senfkaviar „vomFass“ sowie cremigem Ziegencamembert aus Südtirol mit delikater Olivenpaste aus Griechenland, woher auch der passende Rotwein kommt.

www.griechenlandshop.at, www.dersuedtiroler.at, www.vomfass.at
KINDERKULTUR ONLINE

Auch junge Musik- und Theaterfreunde dürfen sich über coronagerechte Kulturangebote freuen. Das Landestheater streamt Kinder-Vorstellungen und gab sogar ein digitales Programmheft heraus. Kinderliedermacher Bernhard Fibich konnte nicht im VAZ auftreten und begeistert seine jungen Fans mit seinen Online-Konzerten (Die nächsten sind am 14. März und 3. April, Link auf www.vaz.at). Dafür hat er ein eigenes Konzept entwickelt, in dem er die Kinder und Eltern zuhause direkt anspricht und einbezieht. „Das war kein ‚Ersatz‘ für Konzerte vor Ort, sondern eine völlig neue und lustige Erfahrung“, so der Kinderliedermacher, der bereits durch die AutoKunstKino-Konzerte auf ungewöhnliche Situationen vorbereitet war. Ob es in Nachcorona-Zeiten weiter Online-Konzerte geben wird? „Ich vermute, es wird einen Nachholeffekt geben, und alle werden glücklich sein, Kultur-Events wieder live und tatsächlich in einem Theater oder Konzertsaal zu erleben“, meint Bernhard Fibich, dessen nächster Live-Auftritt im VAZ am 24. April geplant ist. Aber: „Ich werde nach Corona sicher fallweise Online-Konzerte weiter anbieten – wenn das Wetter schlecht ist und Open-Air-Konzerte ins Wasser fallen oder Konzerte aus anderen Gründen abgesagt werden müssen. Da gibt es nun eine Alternative und ich muss meine Gäste nicht enttäuschen.“

www.kinderlieder.at