MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Claus Peymann kauft sich eine Hose-in St. Pölten!

Text Eva Seidl
Ausgabe 03/2006

Das Berliner Ensemble, derzeit unter der Intendanz von Claus Peymann, gibt am 6. und 7. Mai ein Gastspiel am Landestheater St. Pölten. Gespielt wird Gotthold Ephraim Lessings „Die Juden“, ein Stück über Vorurteil und Toleranz, in einer Inszenierung von George Tabori. Claus Peymann sprach mit dem MFG über St. Pölten, Berlin und die Theaterszene an sich.

Herr Peymann, wie kam es zu dem Gastspiel in St. Pölten, im Vergleich zu Berlin ist ja St. Pölten geradezu ein Provinznest.
Jetzt machen Sie mir St. Pölten nicht klein! (lacht) Ich war oft genug dort und weiß das schon zu würdigen! Die Theaterleute aus St. Pölten wollten eigentlich eine Aufführung von Bob Wilson, und zwar Büchners „Leonce und Lena“. Dann haben wir das kalkuliert, und das war den Leuten vom Theater zu teuer. Dann habe ich ihnen vorgeschlagen, eine wunderschöne Arbeit von George Tabori einzuladen, nämlich Lessings „Die Juden“. Die Idee hat Ihnen gefallen und so haben wir ein Gastspiel verabredet.

Was ist der Hauptschwerpunkt des Berliner Ensembles? Was ist etwa anders als bei Ihrem ehemaligen Arbeitgeber Wiener Burgtheater?
Das Berliner Ensemble ist ein überschaubares Theater und nicht so ein gewaltiger Ozeanriese wie das Burgtheater. Es liegt in einer aufregenden und aufbrechenden Stadt. Wir müssen weniger Stücke herausbringen, wir können viel subjektiver sein. Nach diesen 13 Jahren Wien wollte ich nicht unbedingt nach St. Pölten gehen (lacht), also folglich bin ich nach Berlin gegangen. Es kommen auch viele Wiener, überhaupt Österreicher, ins Berliner Ensemble, wahrscheinlich gefällt denen das Wiener Theater nicht so gut. Wir haben Adressenlisten, wo die Leute sich eintragen können und da sind sehr viele Besucher aus Österreich – übrigens auch aus St. Pölten – dabei, die sich offensichtlich für ein Theater interessieren, das sie in Wien kennen gelernt haben. Es gibt etwas Verbindendes dieser beiden Theater, beide sind Theater mit einer großen Vergangenheit und mit einer manchmal fast erdrückenden Last der Tradition. Hier am Berliner Ensemble ist das eben der große Name Brecht. Aber ich versuche mit meinem Theater immer eine aufklärerische, politische Position zu beziehen ,und das ist in Deutschland so nötig wie in Österreich.

Das Programm ist subjektiver?
Man KANN subjektiver sein. In der Burg müssen Sie ja aufgrund der Größe des Hauses eine gewisse Pluralität zeigen, und hier das Berliner Ensemble wurde durch mich oder Tabori und auch Luc Bondy geprägt. Das Burgtheater ist heute völlig beliebig geworden, ein völlig beliebiges Programm. Dagegen setzt sich seit einigen Jahren das Berliner Ensemble ziemlich ab.

Von den Berlinern wird das auch gut angenommen?
Wir sind hier sozusagen die absolute Rekordnummer. Obwohl wir mit 700 Plätzen ein eher kleineres Haus haben, haben wir über 200.000 Besucher, wir spielen bei einer Platzausnutzung von 85 bis 90 Prozent – verkaufte Karten! Es gibt bei uns keine festen Abonnements, jedes Ticket wird abends an der Kassa verkauft. Wir sind von den Berliner Sprechbühnen mit Abstand das erfolgreichste Haus. Wir steuern sozusagen gegen den Mainstream, unser Programm ist nicht von diesen Stückeverstümmlern und Stückeverkürzern, von diesen Marginalien geprägt. Wir spielen auch Stücke, die vier Stunden dauern, man braucht auch mal Geduld. Man sieht bei uns sehr gute Schauspieler, bei uns werden ganze Stücke gespielt. Das war auch in Wien schon so, meine Burgtheaterzeit war ja sozusagen keine Zeit der Regiegötter, sondern eine Zeit der großen Literatur, ein Theater geprägt von Bernhard, Handke, Jelinek und Turrini. Ein Theater der Dichter und der großen Schauspieler, das war in Wien so, das ist in Berlin so, das ist meine Geschichte.

In St. Pölten wird Ihr Ensemble „Die Juden“ spielen. Was dürfen sich die St. Pöltner erwarten?
Das ist eine Komödie, eher ein unbekanntes Stück von Lessing. Inszeniert hat es Tabori - der ja einer der großen Weltregisseure ist, mit seinen 91 Jahren - mit einer solchen Leichtigkeit und einem an die Comedia dell‘ arte erinnernden Humor. Eigentlich ist es ein Stück über den Antisemitismus und deshalb ist es in Österreich auch gut am Platze. Es ist ein Stück über einen Juden, der am Ende im Grunde der einzige Christ ist. Und alle anderen sind beschämt. Das große Thema Lessings, wie schon beim Nathan. Es ist eigentlich ein spielerischer, fast mozarthafter Gegenentwurf zu Lessings Nathan, und es ist wundervoll gespielt mit tollen Schauspielern. Ich glaube, die St. Pöltner können sich ein richtiges Gegenprogramm erwarten, es ist leicht, spielerisch und politisch. Eine sehr poetische Arbeit des großen Regisseurs Tabori, den die Wiener ja bis heute lieben. Ich glaube die St. Pöltner sollten sich beeilen, damit Ihnen nicht die Wiener alle Karten wegkaufen.

In Österreich werden die großen Bühnen stark subventioniert, wie ist das in Berlin?
Auch in Deutschland und auch in Berlin werden die Bühnen subventioniert, aber da die Hauptstadt Berlin völlig bankrott ist, haben alle Bühnen in Berlin große finanzielle Probleme. Das Berliner Ensemble ist eine GmbH, deren künstlerischer aber auch kaufmännischer Leiter ich bin. Wenn wir nicht so gewaltige Einnahmen hätten und so viele Gastspiele machen würden – wir spielen ja in der ganzen Welt, wir spielen auch in Tokio und Venezuela und natürlich überall in Europa –, wenn wir nicht soviel Geld hinzuverdienen würden, wären wir schon längst bankrott. Alle Berliner Bühnen sind auf Gastspiele und Einnahmen angewiesen. Die Subventionen sinken, und wir sind ständig in Lebensgefahr.

Macht es einen Qualitätsunterschied aus, wenn man soviel weniger Geld zur Verfügung hat?
Ich kann mir nicht so viele teure Schauspieler leisten wie zum Beispiel mein Nachfolger Klaus Bachler mit seinen unzähligen Gästen am Burgtheater. Er hat ja viel mehr Gäste als zu meiner Zeit – das kann ich mir hier in Berlin überhaupt nicht leisten. Wir haben eine relativ kleine Truppe, eine glänzende junge Truppe, das werden die St. Pöltner bei dem Gastspiel sehen. Die Gagen in Berlin liegen übrigens weit unter den Riesengagen, die das Burgtheater bezahlen kann.

Sie sollen vor Kurzem von Rolf Hochhuth gekündigt worden sein?
Er kann mich gar nicht kündigen, weil er mich nicht eingestellt hat. Ich hab mich eher darüber amüsiert, ich halte das für einen PR-Gag von Hochhuth, der aber gegen ihn und zu meinen Gunsten ausgegangen ist. Es hat mich nicht weiter gekümmert, es ist absurd. Ich halte das Ganze für einen Aprilscherz, Rolf Hochhuth hat am 1. April Geburtstag, ich halte diese Kündigung sowie den ganzen Hochhuth für einen Aprilscherz.


Frühlings Musts
Du sollst dein Haus gründlich reinigen. Und die Seele gleich mit.

Du sollst einsehen, dass der Doch-Noch-Schneefall im April nichts Persönliches zwischen dir und der Alma Mater ist.

Du sollst dich Zeckenimpfen lassen und danach so oft als möglich raus gehen. Die (Raucher-) Lunge freut sich.

Du sollst Frühlingsfeste im Garten veranstalten. Wenn du keinen Garten hast, borg dir den von deinem besten Kumpel. Er wird begeistert sein.

Du sollst endlich deine verdammte Steuererklärung machen. Schließlich wird DIR ja auch nix geschenkt.

Frühlings Nonos Du sollst nichts in Osterhasenform ans Fenster kleben. Außer du bist ein Kind oder Elternteil.

Du sollst dir keine „I Love You“-Compilation zulegen. Denn es ist eine Peinlichkeit für jedes CD-Regal, das etwas auf sich hält.

Du sollst dich nicht von Kopf bis Fuß pastellig kleiden. Denn es ist ein Schlag in die Magengrube unserer Augen.

Du sollst dich nicht jeden Tag aufs Neue verlieben. Denn die Menschen sind nicht schöner: sie haben nur weniger an als in den letzten Monaten.

Du sollst nicht jetzt schon auf Wärmendes und Bedeckendes verzichten. Denn dein Winterspeck ist noch da – und der Sommer noch nicht.