MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Sack & Asche

Text Herbert „Hebi“ Binder
Ausgabe 03/2012

„Durch das Fasten des Leibes unterdrückst du die Sünde, erhebst du den Geist, gibst Kraft und Sieg“. Vor solch unerwarteten Nebenwirkungen der nunmehr ausbrechenden spirituellen Fitnesswelle ist seitens Arzt & Apotheker mit keinerlei Warnung zu rechnen. Denn einfach allüberall ist spätestens jetzt Schluss mit lustig: Während selbst in der Nachkriegszeit in der St. Pöltner City noch deren drei Feinkostläden wetteiferten, gibt‘s inzwischen bereits seit Jahren keinen Delikatessentempel mehr & das einzige Geschäft, das sich aus unerfindlichen Gründen mit dem Epitheton ornans Gourmet ziert, gerät zu manchen Tageszeiten zunehmend zum Outlet für Wurstsemmeln nebst Dreh & Trink. Die einzige Fischhandlung in A1-Lage hat mangels Kompetenz von Kunden wie Personal zugesperrt. Das einzige Haubenlokal der Stadt bekommt ebenfalls sein weißes Scherzl ab & wird von Gault Millau so abgewatscht, dass ihm die Haube herunterfällt. In beiden ****Hotels zahlt man als Essensgast, wenn man sich nicht wehrt, zusätzlich noch für’s Parken. Trendig verhält sich auch die Stadtgemeinde: Wegen des Buffets allein geht heutzutage kein Mensch mehr zu einem Bürgermeisterempfang. Ganz zum Unterschied von früher, wo sich die Küche des hochdefizitären städtischen Krankenhauses nie lumpen ließ … Aber wie könnte es anders sein, wo doch alles im Sinne von Hamlet out of joint ist: In einer Zeit, da Bildberichten zufolge dem ranghöchsten Arbeitnehmervertreter des Landes seine Freunde ein fashionables Dinner im exclusivsten Design-Hotel organisieren, in einer solchen Zeit gibt’s nicht einmal mehr fette Domprälaten. Und die haben uns doch früher das Fasten – siehe oben – so nahegelegt.