MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Der Imam und ich

Text Ruth Riel
Ausgabe 06/2011

Zwangsehen, Frauenunterdrückung, Radikalismus, Terror... es fallen viele Wörter, wenn man hierzulande über den Islam spricht. Ausgesprochen von Menschen, welche die Religion oder auch deren Vertreter kaum bis gar nicht kennen. Wie sieht also die Realität der moslemischen Glaubensgemeinde wirklich aus? Um das herauszufinden, begab ich mich in eine Moschee und sprach dort mit einem, der es wissen muss – dem Imam Tahsin Uzun.

Zugegeben, auch an mir hat die ständige negative „Gehirnwäsche“ in Sachen „böser Islam“ ihre Spuren hinterlassen, und so ging ich mit einem durchaus mulmigen Gefühl in das Interview – zu viele befremdliche Dinge hatte ich gehört. Auch die Instruktionen im Vorfeld, ich möge mir meine Jacke zuknöpfen und dem Imam nicht die Hand reichen, weil dieser unverheirateten Frauen prinzipiell nicht die Hand gibt, war nicht gerade hilfreich meine Vorurteile abzubauen. Doch es sollte anders kommen.
Zunächst wurde meine Vorstellung von einer Moschee rasch relativiert. Diese entpuppte sich in dem Fall als größeres Einfamilienhaus in Wagram, von außen kaum als religiöse Stätte zu identifizieren. Im Garten saß eine Gruppe älterer türkischer Herren, die Tee tranken. Ich wurde zum Interview in den Gebetsraum gebeten, ein mit Teppich ausgelegter großer Saal, den man ohne Schuhe betritt. Am Ende des Saales standen Tische und Stühle, die, wie man mir später erklärte, als Schule für die Kinder dienen. Von dort kam mir ein Mann mit weißem Bart entgegen und streckte mir freundlich die Hand entgegen. Das war er also, der Imam. Erleichtert erwiderte ich den Händedruck. Vier weitere Herren gesellten sich zu uns, darunter zwei Dolmetscher sowie der Obmann des Vereines Osman Pasa. Meine erste Frage war sodenn „aufgelegt“. Warum braucht der Imam einen Dolmetscher?

Die Rolle des Imam
„Da der Koran nur auf arabisch geschrieben ist, fällt es schwer, ihn richtig zu übersetzen. Man kann nur die Bedeutung erklären, da eine 100% Übersetzung nicht möglich ist“, erklärt mir der Imam. Er selbst erhielt seine Ausbildung – einem katholischen Priester vergleichbar – auf einer Hochschule, der sogenannten Imam-Hatip. Wie die meisten Imame kommt er direkt aus der Türkei, um bis zu einem Jahr in Österreich zu bleiben und der Cemaat, der muslimischen Gemeinde, den Koran zu erklären. Der Imam erteilt in der hauseigenen Schule, die Freitag, Samstag und Sonntag für jeweils eine Stunde geöffnet hat, den Religionsunterricht, und selbstverständlich ist er für die Durchführung der Gebete, welche fünfmal am Tag stattfinden, zuständig. Freitags gibt es das Hauptgebet, bei dem bis zu 300 Personen in der Moschee anwesend sind. Desweiteren begleitet der Imam die Cemaat bei Todesfällen und Hochzeiten und ist, auch dies eine Parallele zu Priestern hierzulande, Seelsorger. „Prinzipiell bin ich Ansprechperson bei Problemen, schlichte Streit und kümmere mich um schwierige Kinder und Jugendliche sowie um jegliche Familienprobleme“, so der Geistliche.
Warum aber muss ein Imam, der kein Wort Deutsch spricht, extra aus der Türkei kommen – leistet man damit nicht Ängsten und Vorurteilen der Österreicher Vorschub, weil die Menschen, wenn sie nichts verstehen, sich schnell etwas Bedrohliches zusammenreimen? „Das ist richtig“, pflichtet mir der Obmann bei und nimmt damit einem weit verbreiteten Vorurteil den Wind aus den Segeln. „Genau deshalb, aber auch aus dem einfachen Grund, dass immer weniger türkischstämmige Jugendliche Türkisch beherrschen und daher den Imam nicht mehr verstehen, möchten wir auch in Österreich Imame ausbilden.“ Dass dies nicht nur eine Floskel ist, sondern bereits angebahnte Realität, beweist die Gründung der Imam-Schule „Imam-Hatip“ in Wien. Ohne Zweifel, so wie es auch die Moslems sehen, ein großer Schritt in Richtung Völkerverständigung und Integration. „Dadurch können Imame in Zukunft auch direkt mit der österreichischen Bevölkerung sprechen und so etwaige Vorurteile abbauen.“

Ein ganz „normaler“ Moslem
Imam Tahsin Uzun hat eine Familie mit sechs Kindern. Er führt das normale Leben eines gläubigen Moslems, welches vorsieht, dass er sich von „Sünden“ wie Glücksspiel, Alkohol oder Ähnlichem fernhält. Genau diese Einstellung versucht er auch den Mitgliedern seiner Glaubensgemeinschaft zu vermitteln.
Im Grunde genommen ist er rund um die Uhr in der Moschee anwesend und stets als Ansprechperson für die Cemaat da. Er kann verstehen, dass die Nachbarn bisweilen not amused sind, wenn „es manchmal lauter wird, wenn bis zu 300 Personen zusammentreffen, um gemeinsam zu beten – aber das ist in christlichen Kirchen nicht anders“, räumt er ein und bittet um Verständnis. „Wir bemühen uns den Anrainern entgegenzukommen und weisen unsere Mitglieder an, im Garten nicht so laut zu sprechen.“
Was er nicht begreift, ist die Angst, die dem Islam immer wieder entgegengebracht wird. „Der Islam ist eine friedliche Religion! Jede Art von Aggressivität oder gar Terror ist mit unserem Glauben nicht vereinbar. Wir sind auch die einzige Religion, die an jeden Propheten glauben muss! Würden wir nicht an Jesus, Maria und Josef oder Moses genau so glauben wie an Allah, wäre die ganze Religion hinfällig.“ Letztlich stehe der Islam „für eine Akzeptanz zwischen den Religionen und für ein friedliches Miteinander!“
In Moscheen passiere daher auch nichts Geheimes oder irgendetwas Verbotenes, wie es manche Gruppierungen gerne als Gerücht streuen. „Davon kann sich jeder überzeugen, denn die Moschee steht für jeden jederzeit offen. Man kann sich selbst ein Bild machen.“ Im Sinne, dass Integration nicht nur eine Hol-, sondern auch eine Bringschuld ist, veranstaltet die Gemeinde regelmäßig einen Tag der offenen Tür, zu dem die Anrainer eingeladen werden, gemeinsam gegrillt und gefeiert wird. „Leider wird das von der österreichischen Bevölkerung aber nicht so angenommen“, beklagt der Imam. Vorurteile seien nach wie vor weit verbreitet, vielfach fehle es auch an der Initiative sich auf das „Fremde“ einzulassen.

Die Rolle der Frau
Eine vorgefasste Meinung, mit der ich selbst in das Gespräch ging, war die Unterdrückung der Frau im Islam. Wie wird man mir begegnen? Wird man mich überhaupt akzeptieren!? Muss ich mich verhüllen oder gar ein Kopftuch aufsetzen, wenn ich die Moschee betrete? Nichts von alledem – ich musste nur, so wie die Männer, vor Betreten des Gebetsraumes die Schuhe ausziehen. Der Imam gab zu bedenken, „dass lange, bevor es in Europa Frauenrechte gab, der Koran schon die Gleichstellung von Mann und Frau forderte.“ Es sei zwar ein Anliegen der Religion, dass der Körper verhüllt wird – im Übrigen sowohl bei Frau und Mann, die keine enge Kleidung tragen sollen – und Frauen ein Kopftuch tragen, doch sei dies nicht mit Zwang verbunden, „weil im Koran eines der wichtigsten Gebote ist, keinen Zwang auszuüben!“ Verirrte Seelen gibt es dann aber doch, wie man eingesteht, „manche Männer, die falsch handeln und ihre Frauen dazu zwingen.“ Um zu relativieren, es quasi auf ein gesellschaftliches und nicht religiöses Phänomen zu heben, stellt der Imam die Frage in den Raum „Doch findet man das nicht auch in der österreichischen Bevölkerung – unterdrückte, geschlagene Frauen?“ Zudem verweist er darauf, dass es Verschleierung auch in anderen Religionen gebe. „Im Christentum tragen die Nonnen ebenfalls Ganzkörper-Verschleierung, wo nur das Gesicht zu sehen ist!“ Eine Parallelität, auf die ich noch nie gekommen bin.
Andere Phänomene, die immer wieder in Zusammenhang mit dem Islam gebracht werden und Manifestation der Unterdrückung der Frau sind, betreffen Zwangsehen oder auch die Ganzkörperverschleierung. Wie ist dies mit dem Koran vereinbar? Laut Imam Tahsin Uzun gar nicht. „Eine totale Verschleierung der Frau, wie bei der Burka, ist im Koran so nicht vorgesehen – im Gegenteil, der Koran verlangt sogar, dass das Gesicht frei bleibt“, erklärt er, und Zwangsehen stellt er zwar nicht in Abrede – sie kämen vor allem im südlichen Teil der Türkei noch immer vor – „diese haben aber absolut nichts mit der Religion zu tun, sondern eher mit Erbrecht und der Versorgung der Familie!“ Bleibt zuletzt die Frage, was mir sofort aufgefallen ist, warum sich im gesamten Gebäude nur Männer befinden. „Die Frauen haben eigene Gebetsräume und auch beim gemeinsamen Gebet herrscht Geschlechtertrennung“, werde ich aufgeklärt. Und warum ist das wiederum so, bleibe ich hartnäckig. „Frauen lenken Männer vom Gebet ab und umgekehrt, wenn es gemeinsam stattfindet! Deshalb gibt es hierfür getrennte Gebetsräume!“

Integration!?
Mir wird bewusst, wie selten zuvor, dass Unwissen Angst und Vorurteile schafft, und dass diese durch das direkte Gespräch, den persönlichen Kontakt, das offene Aufeinanderzugehen und Aufeinandereinlassen vielfach abgebaut werden können bzw. sich als unbegründet erweisen.
Umso unbegreiflicher ist mir, wie sich manche Vorurteile derart hartnäckig verfangen können, wie oftmals irrationale Ängste so sehr geschürt und auf fruchtbaren Boden fallen können, wenn man an Hetzkampagnen wie „Daham statt Islam“ denkt. Wie gehen die Angegriffenen damit um? Was empfindet man ob dieser offenen Ablehnung gewisser Bevölkerungskreise – macht das nicht wütend? Der Imam schüttelt nachdenklich den Kopf. „Nicht wütend, sondern traurig. Für uns hat Politik absolut nichts mit Religion zu tun, deshalb verstehen wir auch nicht, warum eine politische Partei gegen eine Religionsgruppe wettert“. Auch die Aufregung um den Bau eines Minarettes kann der Imam nicht nachvollziehen. „In Istanbul stehen Kirchen neben Moscheen. Die Kirchenglocken läuten. Das stört niemanden. Warum darf man hier unsere Gotteshäuser nicht erkennen?“ Eine Antwort kann man schwer geben. „Eine Moschee ist ja nicht nur ein Gotteshaus, sondern ein Treffpunkt, wo man sich austauscht und miteinander kommuniziert.“ Dass just darin manche eine Bedrohung erblicken, ist für den Imam unbegreiflich. „Ist es nicht besser, die Kinder und Jugendlichen treffen sich hier in der Moschee und werden vernünftig beschäftigt, anstatt auf der Straße herumzuhängen und Blödsinn zu machen?“ Auch dem kann man nichts entgegnen.

Für mich persönlich kann ich nur sagen, dass das, was ich in diesem zweistündigen Gespräch über den Islam erfahren habe, viele Vorurteile abgebaut hat. Wenn man auf das Fremde zugeht und darüber spricht, sich die Hintergründe erklären lässt und nicht nur blind und vorurteilsbehaftet durchs Leben läuft, würde das Miteinander besser funktionieren.
Neben dem Tag der offenen Tür veranstaltet der Verein Osman Pasa z. B. auch Grillfeste, zu denen alle Leute herzlich eingeladen sind. Das nächste ist für 12. Juni geplant. Diese Feste bieten Gelegenheit, miteinander zu feiern, aber auch sich gegenseitig auszutauschen und etwas über das „Fremde“ zu erfahren. Eine lohnende Erfahrung! Wie heißt es so schön und richtig: Integration kann nur funktionieren, wenn beide Seiten einen Schritt aufeinander zu machen. Die Betonung liegt auf beide! Wir alle sind gefordert, uns in Bewegung zu setzen.