MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

34'er Fetischisten

Ausgabe 03/2011

Die jüngste Schlammschlacht zwischen SPÖ und ÖVP rund um „Spitzeltätigkeiten“ der jeweils anderen Seite, für die die Parteien rasch blumige, wenngleich völlig abstruse Titel wie „Stasi-Methoden“ oder „VPNÖ-Watergate“ parat hatten, dokumentiert einmal mehr das tiefe, fast pathologisch-paranoid zu nennende Misstrauen zwischen den beiden Kontrahenten. In einem Interview mit dem SP-Bezirksparteisekretär fällt sodenn re-flexartig der Name Engelbert Dollfuss und ist die Rede von der Nähe gewisser Teile der ÖVP zum Austrofaschismus. Egal, was daherkommt, der Dollfuss-Joker sticht immer. Er ist der Fetisch der Sozialdemokratie, um der ÖVP als Nachfolgepartei der Christlichsozialen immer wieder den Mantel des Faschismus umzuhängen, wenngleich die Realität der Zweiten Republik anders aussieht.
Ebenso ist er, perverserweise, zugleich Fetisch der ÖVP, die meint, just im Bekenntnis zu einem christlich-fundamentalistischen Faschisten wie Dollfuss Geschlossenheit und Stärke demonstrieren zu müssen. Völlig an den Haaren herbeigezogen ist zudem der Versuch, die SPÖ mit totalitären kommunistischen Regimen in Verbindung zu bringen, obwohl ein solches in Österreichs Geschichte nie existierte.
Beide Verhaltensmuster, so falsch sie sind, lassen tief in die Seele blicken und evozieren die Frage nach dem „Warum?“ Die Antwort liegt u. a. darin, dass nach gut 80 Jahren die Vorfälle von Schattendorf sowie des Justizpalastbrandes 1927, die Ausschaltung des Parlaments 1933 sowie der offene Bürgerkrieg 1934 (der in Wahrheit die ganze 1. Republik hindurch schwelte und durch die Zusammenstöße der paramilitärischen Verbände sowie des Einschreitens der „Staatsgewalt“ mindestens 1600 Todesopfer und Verwundete forderte) politisch noch immer nicht aufgearbeitet sind.
Während es Österreich – mehr oder weniger – geschafft hat, sein NS-Erbe nach jahrzehntelanger Verdrängung anzugehen, ist dies im Fall der Ersten Republik und des Ständestaates nach wir vor nicht gelungen. Dass ersteres, obwohl zeitlich nachgelagert, „schneller“ von statten ging, mag auch daran liegen, dass Parteigänger aller Seiten Schuld auf sich geladen hatten und ein Rechtfertigungsdruck nicht nur von innen, sondern v. a. von außen zur Auseinandersetzung geradezu zwang. Die Konflikte der 20‘er und 30‘er Jahre hingegen waren rein innerösterreichische und ermöglichten den Parteien ein Einzementieren auf den eigenen, unversöhnlichen Positionen. Zudem wurde das Trauma Bürgerkrieg durch die bald folgende Auslöschung Österreichs, die beide Parteien zu Verlierern machte, völlig überfrachtet, wie sie umgekehrt deren Allianz nach der Befreiung durch die Alliierten 1945 überhaupt erst ermöglichte. Gemeinsam leisteten sie Großartiges, ihr gegenseitiges Misstrauen aus der Bürgerkriegszeit konnten sie allerdings nie gänzlich überwinden und lecken ihre Wunden – bis heute.
Wissenschaftlich sind all diese Kapitel längst dokumentiert. Man möge den faktischen Ergebnissen der Historiker endlich folgen und das Thema auch politisch angehen, und zwar in einer – der Distanz der Ereignisse entsprechenden – Nüchternheit, Reife und Staatsverantwortlichkeit. Dazu wird es einer eigenen historischen Kommission, einer Versöhnungskonferenz bedürfen mit einer starken, unabhängigen Integrationsfigur an der Spitze.
Es bleibt zu hoffen, dass sich spätestens dann die SPÖ vom Fetisch der bösen Faschisten, die sich noch immer zuhauf in den Reihen der ÖVP tummeln, ebenso verabschiedet, wie die ÖVP vom Schreckgespenst einer revolutionär-wirtschaftsfeindlichen SPÖ, die eine Diktatur des Proletariats samt Enteignung des Kapitals anstrebe. Beides sind Bilder aus der Mottenkiste. Und selbstverständlich verlangt es der Respekt vor der Demokratie und der Republik, dass das Dollfussbild im ÖVP-Parlamentsklub (wo es erst nach 1945 aufgehängt wurde!) endlich abgenommen wird.
Mögen die beiden Parteien, die sich so gerne als staatstragend bezeichnen, auch so benehmen und ihre (!) Wunden der Geschichte reinigen und desinfiszieren, damit sie endlich ordentlich verheilen und das werden, was sie sein sollten: Narben der Vergangenheit, die uns daran erinnern, dass wir auf der Hut sein müssen. Ständig an der Wunde mit Schmutzkübelfingern herumzukletzeln hingegen ist gefährlich – sie könnte sich irgendwann wieder entzünden.