MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Hotel Lounge

Text Althea Müller
Ausgabe 12/2010

Aus diversen Gründen (eine von uns hat z.B. gelernt, ohne Stornoversicherung keine Kurztrips in Liebeshotels für worn out relationships zu buchen) sind Lieblingsfreundin Sil und ich also in einem teuren und diskreten Pärchen-Hotel gelandet, bewohnen ein Kuschelzimmer und können uns beim Check-In grade noch von der reservierten Romantik-Kutschenfahrt abmelden.
Den Sekt, den uns ein befremdet dreinblickender Boy aufs Zimmer bringt, kühlen wir ein. Die Erdbeeren fressen wir gleich. „Und untersteh dich“, warne ich meine beste Freundin, während wir uns in rosenbestickte Bademäntel hüllen, „mir in der Sauna vor allen Leuten einen Antrag zu machen.“ – „Du hast null Sinn für Humor“, sagt sie enttäuscht, „du bist verbittert.“ Auch beim Love-Dinner herrscht gereizte Stimmung. Kein Wunder, wenn man ständig angestarrt wird. „Ist ja doch ganz nett hier“, sind wir uns aber einig, als wir, wieder im Zimmer, den Sekt öffnen. „Hört der Schmerz jemals auf?“, fragt Sil am nächsten Tag: Wir liegen unter geeisten Augenmasken am Pool und sterben an unserem Kater. „Wenn wir heiraten, ist‘s wieder gut“, beschwichtige ich sie und wünschte, die Spanner rundherum würden endlich checken, dass wir keine sexy Lesben, sondern zwei alternde Chicks mit frisch beendeten Partnerschaften im Nacken sind. „Hab ich bereits ausprobiert – ist alles ein Gerücht“, gibt Sil trocken retour. „Ach, sind Sie beide mutig, einfach toll!“, sagt ein Mann, der mit seiner viel zu dünnen Freundin im Schlepptau vorbeihatscht. Sil nimmt die Maske von den geschwollenen Lidern und fragt mich zuckersüß: „Einen Cuba Libre, mein Herz?“ – „Gern“, sage ich. Uns bleibt immer noch die Dekadenz.