MFG - Aufruhr im Nonnestift
Aufruhr im Nonnestift


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Aufruhr im Nonnestift

Text Herbert „Hebi“ Binder
Ausgabe 02/2009
Kannst du mir mit einem (!) Satz sagen, was daran Kunst sein soll!“, herrschte mich mein Freund, der Prälat, an. Ich hätte es natürlich auch bei der Mona Lisa nicht gekonnt. Die Künstlergruppe Gelitin, frischgebackene Landes-Kulturpreisträger, ließen am 16. Jänner im DOK-Zentrum ihrer Performance freien Lauf, mit der sie unter Einsatz von exhibitionistischer Provokation (und Humor)  die Seh-, Denk- und Fotografierweisen der internationalen Modeszene aufs Korn nahmen. Unten ohne, ganz ohne, High Heels, gespreizt, im Blitzgewitter. Aber eigentlich nix Revolutionäres 40 Jahre nach Valie Export und dem Wiener Aktionismus. Und doch klebte ein Teil des Publikums mit klammen Hoden und schmalen Lippen an den Sitzen. Hatte sichtlich noch nie etwas von Gelitin und deren  Aktionen bei den Salzburger Festspielen, der Biennale in Venedig oder gar damals in New York gehört. Und auch meinen Freund, den humanistischen Altmarxisten, dem  in diesem Kontext die hungernden Kinder in der Welt einfielen, musste ich erinnern, dass ich von ihm noch nie ein Sterbenswörtchen des Protests gehört hatte, wenn im Dienste eines Milliardenbusiness  für  „Madonna“ bis „Vogue“ magersüchtigen Kindfrauen in den Schritt fotografiert wird.Drei Tage später die Tonkünstler im Festspielhaus. Ausverkauft. Zu Gast die Ungarische Nationalphilharmonie. Nach der Pause - eher tapfer -  ausschließlich Bartók und  Kodály . Da schauste aber: Alle, alle kommen wieder in den Saal. Auch mein  Freund, der Doctor iuris, dem jedwedes Divertimento lieber gewesen wäre. Aber vielleicht werden tatsächlich einmal die „Tänze aus Galánta“ noch zu seinen Favourites gehören. Die Einführungsgespräche haben sich jedenfalls bezahlt gemacht. Hier gilt es nun, Appetizer zu platzieren in Richtung  Freiburger Barockorchester, Musica Sacra, Mozartgemeinde, Meisterkonzerte. Die Welt der Musik ist viel zu groß, um sie den Tonkünstlern allein zu überlassen.Und dann natürlich am 22. und 23. Jänner Brechts „Berliner Ensemble“ mit Martin Wuttke und „Gretchens Faust“ in der Jahnturnhalle. Mein Freund, der Rotarier, erhob sich bald nach Beginn dezent von seinem Sitz, seine Gattin verharrte –  Dokument emanzipierter, selbst bestimmter Partnerschaft – eine ganze Weile länger. Wuttke „fiel über Goethes Dichtung her“ (Copyright „Tagesspiegel“) im Stil eines Klaus Kinski-Revivals, spielte (fast) alle Rollen selbst, nur das Gretchen trat als preußische Girltruppe auf, Mozarts Requiem intonierend. Immer wieder klassische chorische Strukturen, immer wieder auch Phasen, in denen sich das Publikum nur mit Hilfe von interpretatorischer Faszination über inhaltliche Desorientierung hinweghalf. Summa summarum: Ein packender Theaterabend, bei dem festzustellen war, dass Premierengäste deutlich fluchtbereiter zu sein scheinen als Besucher normaler Vorstellungen …Wir sind inzwischen kulturell eigentlich gar nicht so schlecht aufgestellt in unserer kleinen Stadt. Aber vielleicht sollten wir doch noch ein wenig toleranter, lockerer, humorvoller, diskussionsfreudiger werden.