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Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer - „Impfen schützt uns und die anderen“

Text Beate Steiner
Ausgabe 09/2020

2020 wartet die ganze Welt auf einen Impfstoff gegen COVID-19. Außer jenen, die behaupten, dass das Corona-Virus nicht existiert und jenen, die Impfungen grundsätzlich ablehnen. „Keine der in Österreich verwendeten Impfungen ist schädlich“, sagt dazu Univ.-Prof. Dr. Karl Zwiauer, Mitglied des Impfgremiums im Gesundheitsministerium.

Der Arzt leitet die klinische Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Universitätsklinikum in St. Pölten. Er bemüht sich seit langem verständlich und faktenbasiert zu erklären, warum wir uns gegen zahlreiche Krankheiten impfen lassen sollten.

Was passiert eigentlich bei einer Impfung?

Impfungen lösen eine immunologische Reaktion im Organismus aus, die sehr der Reaktion ähnelt, die auch eine Infektion mit dem Wilderreger auslöst, allerdings ohne die unter Umständen schweren und eventuell lebensbedrohlichen Nachteile der Wildinfektion. Es handelt sich also um eine normale Immunreaktion auf einen Erreger, der für den Menschen ansonsten (lebens)gefährlich, gesundheitlich nachteilig oder zumindest sehr unangenehm ist. Der Vorteil dieser ersten immunologischen Auseinandersetzung ist, dass bei einer neuerlichen Infektion mit dem Wilderreger das Immunsystem dann schon Erfahrung, also Antikörper, hat und mit der Infektion umgehen kann, ohne dass der Gesamtorganismus Schaden davon trägt. Eine Impfung ist daher nichts Unnatürliches, sondern die Vorbereitung auf eine neuerliche Konfrontation mit einem unangenehmen und für den Menschen schädlichen Bakterium oder Virus.

Der einzelne ist also durch eine Impfung geschützt. Was aber bringt eine hohe Durchimpfungsrate der Gesellschaft?
Bei einigen Viruserkrankungen gibt es den Vorteil, dass auch Personen, die sich nicht impfen lassen können, geschützt sind, wenn viele Menschen geimpft sind. Je mehr Personen gegen einen Virus-Erreger geschützt sind, umso weniger Möglichkeiten gibt es, dass das Virus von einem Menschen auf den anderen übertragen wird. Gerade besonders empfindliche Personen, die zum Beispiel eine Chemotherapie durchmachen, oder Ältere, deren Immunsystem schwach ist oder auch sehr junge Kinder, Säuglinge, die ein noch unerfahrenes Immunsystem haben, profitieren von hohen Durchimpfungsraten, weil die Gefahr, dass sie infiziert werden, proportional damit abnimmt, wie viele Personen sich in der Umgebung haben impfen lassen. Letztendlich ist es möglich, dass Erkrankungen, die nur von Mensch zu Mensch übertragen werden, ausgerottet werden, weil sie sich nicht mehr ausbreiten können  zum Beispiel die Pocken.

Die Impfdisziplin der Österreicher soll ja nicht besonders gut sein – wie stehen wir da im internationalen Vergleich? Was hat das für Auswirkungen?
Bei manchen Impfungen sind die Österreicher Weltmeister, etwa bei der FSME Impfung, wo wir so hohe Durchimpfungsraten haben wie kein anderes Land weltweit. Bei anderen wiederum sind wir ganz, ganz schlecht. Beispielsweise bei der Influenza Impfung, wo wir europaweit an hinterster Stelle rangieren. Die Auswirkungen sind direkt an den Erkrankungs- und Todesraten zu sehen: Während wir in Österreich sehr wenige Fälle von FSME haben, gibt es im Nachbarland Tschechien, wo die Durchimpfungsraten sehr niedrig sind,  bei annähernd gleich vielen Einwohnern fast zehnmal mehr Erkrankungsfälle als in Österreich. Das sind ähnlich viele, wie es sie bei uns vor Einführung der FSME Impfung gegeben hat. An Influenza sterben jährlich mehr Personen als bisher an Covid-19.

Wäre also eine Impfpflicht sinnvoll?

Eine Impfpflicht ist das äußerste Mittel, um manche Personengruppen zu schützen. Das ist ähnlich wie mit jeder anderen Pflicht: Wenn das Allgemeinwohl gefährdet ist oder die persönliche Einsicht nicht ausreicht, dann werden Dinge verpflichtend vorgeschrieben. Gurtenpflicht z. B. oder die Pflicht, sich an die Straßenverkehrsordnung zu halten. Wobei es bei der Impfpflicht primär darum geht, nicht nur sich selbst, sondern vor allem Personen zu schützen, die sich selbst nicht schützen können, und davon gibt es jede Menge: Säuglinge, die noch nicht geimpft werden können, Menschen mit Immundefekten oder unter einer immunsuppressiven Therapie, ältere Menschen, die nicht mehr auf Impfungen ansprechen und ein hohes Erkrankungsrisiko haben.

Auch wenn es  keine gesetzliche Impfpflicht gibt: Welche Impfungen sind „Pflichtimpfungen“ aus Sicht eines Arztes?

In der überwiegenden Zahl der EU-Staaten gibt es verpflichtende Impfungen – letztes Beispiel ist die Masernimpfpflicht. Der Hintergrund ist, dass es in Italien, in Frankreich und in Deutschland eine zunehmende Zahl von tödlichen Masernfällen gegeben hat. Trotz aller Aufklärungsversuche ist es aber nicht gelungen, die Durchimpfungsraten so hoch zu bekommen, dass sich ein ausreichender Herdenschutz aufgebaut hätte, vor allem „dank“ der militanten Impfgegner, die das verhindert haben. Die Konsequenz ist daher, dass diese Länder die verpflichtende Impfung eingeführt haben. Nur um zu zeigen, wie resistent einerseits und erfinderisch andererseits manche Personen sind. Postwendend hat ein Handel mit Ausnahmebescheinigungen von der Impfung begonnen, im Zuge dessen von Ärzten, ohne jemals den Patienten gesehen zu haben, gegen entsprechendes Honorar solche Bescheinigungen verkauft worden sind.

Manche Menschen sorgen sich aber, dass ihnen die Impfung schadet.
Bei jeder in der EU und so auch in Österreich in Verwendung befindlichen und neu zugelassenen Impfung gibt es eine klare Nutzen-Risiko-Einschätzung von Gesundheitsbehörden, die einerseits auf Zulassungsstudien und andererseits auf permanenten Beobachtungen von Sicherheitsaspekten der Impfung basieren. Keine der in der EU und in Österreich in Verwendung stehenden Impfung ist schädlich – was nicht heißt, dass es unter Umständen individuell zum Auftreten von Nebenwirkungen kommen kann. In der Abwägung dieser Nebenwirkungen gegenüber dem Benefit ist aber jede der Impfungen, die in Österreich zugelassen ist, positiv und sicher.

Wie viele „Impfopfer“ gibt es eigentlich pro Jahr in Österreich?
Impfschäden sind rar, aber in der medialen Wirkung sehr effektiv. Impfschäden, auch vermeintliche Impfschäden, lösen emotionale Riesenwellen aus und verunsichern. In wenigen Fällen kommt es nach der Verabreichung einer Impfung zu einer über eine Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung, eben zu einem sogenannten Impfschaden. Solche Impfschäden sind durch das Österreichische Impfschadensgesetz abgedeckt. Nur um eine Idee von der Häufigkeit von Impfschäden zu bekommen: Derzeit werden in Österreich jährlich 3,5 bis 4 Millionen Impfungen im kostenfreien Impfkonzept durchgeführt. In den letzten fünf Jahren wurden etwa 17,5 bis 20 Millionen Impfungen in Österreich durchgeführt. Diesen rund 20 Millionen Impfungen stehen im selben Zeitraum drei anerkannte Impfschäden gegenüber. In den fünf Jahren davor, also von 2010 bis 2014, waren es sieben Anerkennungen.  Dabei gibt es bei der Anerkennung eines Impfschadens eine juristische Besonderheit: Um als Impfschaden anerkannt zu werden, bedarf es – anders als bei zivilgerichtlichen Ansprüchen, wo ein kausaler Zusammenhange nachgewiesen werden muss – beim Impfschadensgesetz keines Beweises einer Kausalität zwischen Impfung und Gesundheitsschädigung, sondern das Gesetz verlangt lediglich die Wahrscheinlichkeit der Kausalität. Und: Die überwiegende Anzahl der anerkannten Impfschäden ist in den letzten 20 Jahren auf die derzeit nicht mehr verfügbare Tuberkulose-Impfung zurückzuführen gewesen.

Können sich Allergien durch Impfungen verstärken?
Es gibt eine überwältigende Zahl von Studien der letzten zehn bis 20 Jahre, die zwischen Impfungen und dem Auftreten von Allergien definitiv keinen Zusammenhang sehen. Ganz im Gegenteil gibt es zunehmend Hinweise, dass geimpfte Kinder weniger oft an allergischen Erkrankungen leiden. Impfungen können im Allgemeinen trotz bestehender Allergien bedenkenlos durchgeführt werden können. Auch Personen mit einer Hühnereiweißallergie können die meisten Impfungen, die kleine Mengen an Hühnereiweiß enthalten, gegeben werden: Masern-Mumps-Röteln-, Influenza-, Tollwut- und FSME-Impfung. Lediglich bei der Gelbfieberimpfung ist die Menge des Eiweißgehalts von klinischer Bedeutung, daher sollte diese Impfung, wenn sie unbedingt notwendig ist, von Spezialisten durchgeführt werden.

Impfungen können also zu Resilienz beitragen?
Impfungen erhöhen, wie aus dem oben gesagten leicht zu entnehmen ist, die Resilienz gegenüber vielen Infektionserkrankungen. Sie sind ein wichtiger Beitrag zum Schutz vor Infektionserkrankungen. Bei manchen Impfungen wird auch ein Schutz gegenüber anderen Erkrankungen, nicht nur gegen die Infektionserkrankung angenommen: Allergien oder Herpes Zoster Infektionen. Das sind allerdings derzeit noch nicht gesicherte Fakten.

Die Impfbereitschaft scheint einmal stärker, einmal schwächer ausgeprägt zu sein. Woran liegt das, und kann da ein elektronischer Impfpass helfen?
Aus den Augen, aus dem Sinn: Mit dem Verschwinden von Infektionserkrankungen sinkt auch das Risikobewusstsein und damit auch die Motivation, sich gegen die Erkrankung zu schützen. Früher, als von vier Kindern eines an einer Infektionserkrankung gestorben ist, als jede Familie ein Kind mit Kinderlähmung aus der unmittelbaren Umgebung gekannt hat, war die Motivation hoch, sich gegen die Erkrankung impfen zu lassen. Mit dem Erfolg der Impfungen, dem Verschwinden oder dem Rückgang von Erkrankungen, gegen die geimpft wird, verschwindet auch die Motivation sich impfen zu lassen.
Bei manchen ist es auch einfach das Vergessen auf die Impfung. Der elektronische Impfpass, der heuer noch in ganz Österreich eingeführt werden wird, kann dabei natürlich helfen, er erinnert an die notwendigen Impfungen und ist damit nicht mehr zu verlegen oder zu verlieren. Er ist damit ein Dokument, das wir immer – schlimmstenfalls nur im Internet – haben.


Impfgegner und Verschwörungstheoretiker wird auch der elektronische Impfpass nicht zur Impfung bringen: Werden sie mehr oder erregen sie nur mehr Aufmerksamkeit?
Sie erregen viel Aufmerksamkeit, sind laut und im Internet sehr präsent. In Krisenzeiten haben sie immer Hochkonjunktur, weil sie mit den Ängsten und Befürchtungen der Menschen rechnen und sie ausnutzen für ihre eigenen krusen Ideen, die teils von sehr praktischen finanziellen Hintergedanken geprägt und getrieben sind.

Welche Ziele verfolgen Impfgegner Ihrer Meinung nach, vor allem wenn sie mit Verschwörungstheorien einhergehen? Z.B.  Bill Gates will mit Chips-Implantaten  die Menschheit willenlos machen und die Weltherrschaft an sich reißen. Oder: Bill Gates will eine globale Impfpflicht, um ein Vermögen zu verdienen.
Impfgegner wie Verschwörungstheoretiker arbeiten mit drei wesentlichen Instrumenten: Ängste schüren, Menschen verunsichern und Falschmeldungen verbreiten. Die Bill and Melinda Gates Stiftung ist gemeinsam mit der WHO – wahrscheinlich auch eine Gesellschaft zur Weltherrschaft – einer der wichtigsten Finanziers der weltweiten Impfprogramme. Der Milliardär und seine Stiftung finanzieren auch die Entwicklung von Impfstoffen – und das stößt natürlich besonders Impfgegnern extrem sauer auf: Ein reicher Mann, der mit Software reich wurde und Impfungen finanziert? Das schreit doch geradezu nach einer Impfverschwörung, nach winzigen Chips in Impfungen, mit denen dann die Menschheit überwacht wird. Dass Impfgegner das nicht goutieren und sich mit Verschwörungstheoretikern zusammentun – was liegt näher?

Aber viele Impfgegner berufen sich auch auf nachweislich falschen „Fakten“: Sie argumentieren zum Beispiel, dass das Immunsystem verkümmert, wenn geimpft wird. Oder sie behaupten, dass es früher normal war, dass Kinder an Masern und Röteln erkrankt sind – und sehen die schon vor Jahrzehnten übliche Impfung als Bestätigung, dass Impfen Geschäftemacherei ist.
Das ist eine Facette der Impfgegner, die besonders dreist aber sehr gängig ist: Sie verbreiten Falschmeldungen, nehmen nur die Teile von Studien, die in ihre Sicht passen, manche von ihnen betrügen und lügen. Immer öfter werden sie aber entlarvt und es werden ihre tatsächlichen Hintergründe offenkundig. Sie schaden bewusst oder aus Halbwissen, verunsichern Rat suchende Menschen und verdrehen oder verkehren Fakten. Sie leugnen naturwissenschaftliche Fakten, zum Beispiel, dass es überhaupt Viren gibt, und nutzen ahnungslose, gutgläubige Menschen schamlos aus.
Natürlich war es früher normal, dass vor der Impfung gegen Masern fast alle Kinder Masern durchmachten – stimmt. Der zweite Teil der Geschichte wird geflissentlich weggelassen: An Masern starben immer zahllose Kinder. In Europa, dann in Amerika, als die Eroberer die Masern mitbrachten und überall auf der Welt. Im Jahr 2000 starben weltweit mehr als eine halbe Million nicht geimpfte Kinder an Masern, und 2010 noch immer fast 200.000 jährlich. Das sind Fakten, und nur wirklich reale Daten und Fakten können den Impfgegnern schaden und ihre Unglaubwürdigkeit aufdecken. So, wie auch ihre finanziellen Geschäftemachereien  – etwa abstruse Laboruntersuchungen, fragwürdige Therapien gegen Vergiftungen durch Impfungen oder Bücher aus dem Selbstverlag – die sie den Impffirmen und Ärzten vorwerfen, immer öfter aufgedeckt werden.

Möglicherweise Ende des Jahres soll bereits ein Impfstoff auf den Markt kommen. Kann dieser überhaupt sicher sein?
Wenn in Österreich und der EU ein Impfstoff zugelassen wird, dann kann davon ausgegangen werden, dass es ausreichend wissenschaftliche Daten gibt, die zeigen, dass der Impfstoff wirksam und sicher ist. Es wäre fatal für die SARS-CoV-2 Impfung und das gesamte Impfwesen, sollte sie voreilig und ohne diese Sicherheitsdaten zugelassen werden. Der Impfstoff muss daher allen Sicherheitskriterien entsprechen, bevor er zugelassen wird. Dies ist ja auch einer der wesentlichen Kritikpunkte am russischen SARS-CoV-2 Impfstoff, für den es diese Daten der Sicherheitsprüfungen noch nicht gibt. Auch wenn sich in der Zukunft herausstellen sollte, dass er sicher ist, legitimiert es dennoch nicht, einen solchen Impfstoff vor dem Vorliegen dieser Daten zuzulassen, zumindest nicht in der EU.
Wenn es für Österreich und die EU einen überprüften und zugelassenen Impfstoff geben wird, dann, denke ich, gibt es keinen Grund, sich nicht impfen zu lassen.