MFG - Was nur, was. Was ist Liebe?
Was nur, was. Was ist Liebe?


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Was nur, was. Was ist Liebe?

Ausgabe 12/2010

Rund 34.600.000 Ergebnisse spuckt Google für den Suchbegriff „Liebe“ aus, 1.370.000.000 für „Love“. Liebe ist Grundthema von Kunst und Entertainment, wird zelebriert – bei der Eheschließung, am Valentinstag, zu Weihnachten. Ist uns ein schöner Sündenbock und gute Ausrede für jede Dummheit. Oder, wie es US-Sternchen Taylor Swift, im Seitenblicke-Interview ausdrückt: „Sie ist das Einzige, was uns Menschen wirklich verbindet. Wir suchen alle danach.“ Und da das Fest der Liebe vor der Tür steht, wollen wir diesen größten Fluch und Segen der Menschheit doch mal untersuchen…

Da hätten wir zunächst mal Nächstenliebe, also Mitgefühl und Verbundenheit mit den Mitmenschen. Statt Verurteilung und Ignoranz hält sie Respekt, Mitleid, Verzeihen bereit. Frei von Erwartung. Dr. Martin Luther King beschrieb sie folgendermaßen: „Wahre Nächstenliebe ist mehr als die Fähigkeit zum Mitleid. Sie ist die Fähigkeit zur Zuneigung.“
Oder Mutterliebe: Liebe für (m)ein Kind oder ein anderes Wesen, das Schutz und Fürsorge braucht. Wer einem Straßenkätzchen ein Schälchen Milch rausstellt, empfindet daher ähnlich wie der, der sein Kind zudeckt.
Aber am allermeisten fasziniert uns alle doch die erotische bzw. romantische Liebe, wie sie Erich Fromm in „Die Kunst des Liebens“ beschreibt: „Hier handelt es sich um das Verlangen nach vollkommener Vereinigung, nach der Einheit mit einer anderen Person. Eben aus diesem Grund ist die erotische Liebe exklusiv und nicht universal; aber aus diesem Grund ist sie vielleicht auch die trügerischste Form der Liebe.“ (Oder laut Erich Frieds „Von einem Sündenfall“: „…aber der Baum der Liebe war damals schon umgehauen. Ein Ast von ihm ringelte sich zur Schlange...“)
Wie der Verlauf einer Liebesbeziehung im üblichen Sinne aussieht? Zuerst – beflügelt von Verliebtheit – gibt man alles, um die Schranken zwischen sich und dem geliebten Menschen zu überwinden. Ist die gewünschte Intimität hergestellt, bemüht man sich, sich selbst und den anderen weiterhin laufend neu zu entdecken. Oder man wendet sich vom Éx-Objekt der Begierde ab, um nach neuen Eroberungen Ausschau zu halten, wo es erneut gilt, Schranken einzureißen, Nähe herzustellen. Kommt dem einen oder anderen sicher bekannt vor…
Eine weitere Form, die Liebe interessant zu halten, sieht Fromm darin, sich im Bett und/oder endlosen Krieg den fortlaufenden „Kick“ zu holen. Das erklärt den vielzitierten tollen „Versöhnungssex“, der manche Pärchen zusammenhält bzw. die vielen Paare, die ewig zusammenbleiben, obwohl sie nichts anderes tun als zu streiten. Dazu dichtet La Rochefoucauld: „Die Liebe kann, wie das Feuer, nicht ohne beständiges Anfachen bestehen, und sie stirbt, sobald sie zu hoffen oder zu fürchten aufhört.“
Eine gesündere Art, die Liebe aufrechtzuerhalten, besteht aber weder aus Streit noch Furcht: Vielmehr erhalten kleine Geschenke die Freundschaft und auch die Liebe. So sagt Fontane: „Die Liebe lebt von liebenswürdigen Kleinigkeiten“. Und noch ein Tipp: „Auch die zärtlichste Liebe bedarf der Erneuerung durch gelegentliche Trennungen.“ (Samuel Johnson)

Verliebt: Kopfsache & Drogenrausch
Aber aller Anfang des ganzen Theaters ist weniger Philosophie, als Chemie. Neurobiologen fanden laut focus.de heraus, dass das eigentlich wichtigste Liebesorgan nicht unser vielzitiertes Herz, sondern unser Gehirn ist: Mit dem Schmetterlingsgefühl, das wir als Verliebtheit kennen, gehen Aktivierung sowie Deaktivierung verschiedener Gehirnregionen einher, ähnlich wie beim Kokainkonsum: Das Belohnungszentrum wird aktiviert, ein realitätsferner, bedingungsloser und unkritischer Modus stellt sich ein. Das erklärt, warum in der ersten Phase der Verliebtheit oft rosarote Verklärung einsetzt. (Und Dummheit.) Die beiden Hormone, die den Ton angeben, heißen Vasopressin und Oxytocin und ergießen sich vermehrt aus bei Berührungen und schönen sozialen Situationen – Erklärung für das eigentümliche Grinsen Verliebter, wenn sie händchenhaltend z.B. über Plätze mit Springbrunnen spazieren. Diese Hormone sind es auch, die Vertrauen und den Wunsch nach Nähe in uns wecken. Je leidenschaftlicher die Beziehung anfangs ist, desto eher besteht übrigens in Folge – wenn die Hormone wieder runterschalten – die Chance, dass die Bindung auch länger bestehen bleibt.
Weitere Beteiligte im Rausch-Cocktail sind Dopamin und Adrenalin. Sie sorgen für Schmetterlinge im Bauch (hätten wir diese Metapher auch entklärt) und Unruhe. Fakt nebenbei: Bei Frauen steigen während dieser Hormonausschüttung Testosteronspiegel und sexuelle Lust, während beides bei Männern sinkt – hypothetisch sorgt das dafür, dass Männer ihren von Haus aus stärkeren Trieb zügeln und der Frau sanfter, abwartender begegnen können, während die generell zurückhaltenden Frauen sich eher hingeben wollen (Ausnahmen bestätigen die Regel, siehe die Saturday Night Fever-Protagonisten).

Wie aus Verliebtheit Liebe wird
Wann und warum aber verpuppt sich die drogenkranke Verknalltheit dann in den beständigen, vertrauensvollen Boden der Liebe? Auf woman.at erklärt Gabriele Fischer, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, den Unterschied zwischen der aufgekratzten Verliebtheit und der gefestigten Liebe. So tritt bei letzterer ein Zustand ein, in dem man den anderen mittlerweile kennt (oder zu kennen glaubt), sich bei ihm wohl und verstanden fühlt. Ein Gefühl der Sicherheit, in dem man auch mit den Nicht-so-Zucker-Seiten des Partners kann, und darüber hinaus ähnliche Ziele verfolgt. Was nicht heißt, dass das wunderbar verstörende Gefühl der Verliebtheit nicht weiterhin immer wieder mal zu Gast sein kann.
Randnotiz der Hilflosigkeit: In wen wir uns verlieben, ist genetisch und durch Erfahrung vorbestimmt. Aussehen, Geruch, Gestik … – auf was wir stehen, wird unterbewusst vor allem durch das Vorbild bzw. Nicht-Vorbild unserer Eltern bestimmt sowie durch deren Verhalten uns gegenüber, als wir noch Kinder waren…

Tote Schmetterlinge
Schlimmer als ein Kater oder Darmgrippe (wenngleich gesellschaftsfähiger) – Liebeskummer! So sehr glückliche Verliebtheit einem Rausch gleicht, so sehr ähnelt Liebesleid dem Entzug. Menschen machen unglaubliche Dinge, werfen sich von Brücken, kratzen an Türen. Auf gesundesleben.at spricht eine Psychologin davon, dass der Zustand bei jungen Erwachsenen häufigster Auslöser für Selbstmord sei. Was schon Romeo und Julia gekonnt bewiesen haben. Kein Wunder, dass bereits Anti-Liebeskummer-Meds am Markt sind. Wirkung aber zweifelhaft. Gibt es überhaupt ein Mittel dagegen, wenn man abgewiesen, verlassen, betrogen wird? Eigentlich nicht. Abgesehen von Freunden, die sich den tagelangen Sud anhören, einer verständnisvollen Flasche Wein und einer geduldigen Couch zum Zusammenrollen vor Liebeskitsch auf DVD. Aber so ist das im Leben: Was schön sein will, muss leiden. Und nichts ist schöner und leidet besser als die Liebe.

Problemkind Selbstliebe
Kommen wir nun zum in Wahrheit schwierigsten Kapitel der Liebe: Selbstliebe. Sie wird nach wie vor eher negativ assoziiert: als Egoismus, Narzissmus. Fromm bringt es auf den Punkt: „Während kein Einwand dagegen erhoben wird, seine Liebe den verschiedensten Objekten zuzuwenden, ist die Meinung weit verbreitet, dass es zwar eine Tugend sei, andere zu lieben, sich selbst zu lieben aber, das sei Sünde. Man nimmt an, in dem Maß, wie man sich selbst liebt, liebe man andere nicht, und Selbstliebe sei deshalb das gleiche wie Selbstsucht.“
Einen verwandten Konflikt beschreibt Zen-Lehrerin Cheri Huber augenzwinkernd: „Ich will mich nicht selbst lieben müssen. Ich möchte, dass meine Mutter mich liebt, dass mein Vater mir gibt, was ich brauche.“ Antwort „Die Chancen stehen sehr gut, dass das niemals geschehen wird.“
aut Nina Larisch-Haider in „Von der Kunst, sich selbst zu lieben“ sei Selbstliebe demnach wichtig, um ein bewusstes Leben führen zu können: „Denn dich selbst zu lieben heißt, dass du dir zugewandt bist und in Verbindung mit dir stehst, dass du dir wichtig bist. Nur von diesem Standort aus kannst du herausfinden, was dich wirklich glücklich macht.“
Wer also mit sich selbst im Reinen ist, kann auch mit seiner Umwelt einfach offener, bewusster und  liebevoller umgehen. Von wegen Egoismus.

Die Hoffnung stirbt zuletzt
Mag schon sein, dass Liebe chemischer Prozess, vererbte Prophezeiung ist. Dass sie der Ring ist, der uns alle verbindet.
Nur: WHATTAFUCK? Hilft uns das etwa in unseren lähmenden Beziehungen, unserem Liebeskummer, unserer Suche?
Ruhig Blut, denn: Ja. Wenn wir uns vor Augen halten, dass Liebe nicht dort draußen anfängt, sondern hier drin, in einem selbst: Wer sich selbst mag, stolpert weniger in „falsche“ Beziehungen. Wer weiß, was einem guttut, verrennt sich seltener in unglückliche Partnerschaften. Das ist das ganze Geheimnis.
Wem das jetzt trotzdem zu wenig ist: Fürs Sich-Verlieben gibt es keine Altersgrenze, und es sind mit 50 Jahren fast dieselben Schmetterlinge wie mit 15. Wer hier nicht erhört wird, wird dort gefunden. Wenn es heute nicht funkt mit Paris, dann morgen mit Prag. Und bloß nicht den Kopf in den Sand stecken, denn Goethe schrieb: „Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben.“

Und in diesem Sinne liegen Rosenstolz ganz richtig, wenn sie sagen: LIEBE IST ALLES.



Meinungen zum Thema:
Bianca, 30:

„Ich mag folgendes Zitat: Ein Kind benötigt zwei Dinge – starke Wurzeln, damit es mit beiden Beinen fest im Leben steht, und Flügel, damit es sich seiner Persönlichkeit entsprechend entfalten und entwickeln kann.“

Mel, 27, Mutter / Verein: www.get-away.at:
„Mutterliebe ist stark, glühend heiß und wird leider oft von Selbstzweifeln und Sorge überschattet. Jede Sekunde des Tages ist die Mutterliebe in deinen Gedanken…“

aus dem Film Moulin Rouge:
„The greatest thing you will ever learn is just to love and be loved in return!!!”

 La rochefoucauld:
„die Liebe kann, wie das Feuer, nicht ohne Beständiges Anfachen bestehen, und sie stirbt, sobald sie zu hoffen oder zu fürchten Aufhört.“      

Nathan, 42:
"Love is grudgingly accepting yourself the way you are, even though you‘re deeply perverse and have ugly knees.”

Quellen/ Infos zum Thema:
www.woman.at
www.focus.de
gesundesleben.at

Erich Fried
„Als ich mich nach dir verzehrte“ (Wagenbach)

Erich Fromm
„Die Kunst des Liebens“ (Heyne)

Cheri Huber
„nichts an dir ist verkehrt“ (Kösel)

Nina Larisch-Haider
„Von der Kunst, sich selbst zu lieben“ (Heyne)

Konstantin Wecker
„Stürmische Zeiten, mein Schatz“ (Piper)