MFG - Der Wandlbare
Der Wandlbare


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Der Wandlbare

Text Thomas Fröhlich
Ausgabe 02/2026

Er ist Schauspieler, Impro-Trainer, Talkmaster, Singer/Songwriter und Lehrer. Die St. Pöltner Kulturszene wäre bedeutend ärmer ohne ihn: der 1967 geborene Georg Wandl, die bescheidenste Rampensau, die man sich vorstellen kann.


Im Grunde ist das alles nur ein Hobby.“ Diese Aussage tätigt Georg Wandl beim Vormittags-Interview im Café Schubert, worauf dem Schreiber dieser Zeilen beinahe das verspätete Frühstück aus dem Mund fällt. Wie bitte? Ein Workoholic, dessen Energievorrat unerschöpflich scheint und dessen Schlafenszeiten wohl eher als Powernapping umschrieben werden sollten? Er winkt ab: „Ich gehe um elf Uhr schlafen und stehe um 5.40 Uhr auf, damit ich den 6.30-Uhr-Zug der Mariazellerbahn von meinem Wohnort Obergrafendorf zum Schulzentrum in der Eybnerstraße erreiche. Dort befindet sich mein Arbeitsplatz als Lehrer.“ Doch darüber hinaus macht er doch auch noch unglaublich viel. Dieser Tage etwa findet die Premiere des neuen Stücks der Theatergruppe Perpetuum, „Die 39 Stufen“ (s. Kasten) statt, dazu gibt‘s Impro-Theater der Jumpers Reloaded und online wie auf Vinyl kann man sich auch seine Songs zu Gemüte führen. Und auch ein Talk im Cinema Paradiso steht wieder einmal ins Haus … „Alles nicht so schlimm! Ich mach‘ ja nur das, was mir selbst Freude macht.“ Was nicht grad wenig ist. Aber der Reihe nach …
Das Theater Georg Wandls erste Liebe (neben Daniela – aber dazu kommen wir noch). „Als ich in der ersten Klasse im Gymnasium war, übte das Schultheater grad Herzmanovsky-Orlandos ‚Kaiser Joseph und die Bahnwärterstochter‘. Da brauchte man ‚Figuren zweifelhafter Provenienz: zwei Gnome auf einer Draisine‘. So hieß das. Und wahrscheinlich war ich einfach klein genug und hatte das Glück, dass der Regisseur Bernhard Paumann mein Deutschlehrer war.“ Der Zwerg stellte also so etwas wie den Startschuss zu Wandls Schauspielerkarriere bei der Theatergruppe Perpetuum dar. „Die zweite Perpetuum-Generation hat sich in der Schule kennengelernt …“ Er denkt kurz nach: „… vor 47 Jahren. Unglaublich!“ Zu dieser gehörte auch eine gewisse Daniela, die später den Nachnamen Wandl tragen sollte. 1983 war die Gruppe unter anderem von Fritz Humer und Bernhard Paumann gegründet worden, 1985 stießen Georg, Daniela und Martin Freudenthaler dazu. Für die vierte Perpetuum-Produktion „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“ von Peter Weiss – heute meist kurz „Marat/Sade“ genannt – wurden Insassen benötigt. „Und da sind wir reingerutscht.“
Und seitdem spielt Georg Wandl regelmäßig Theater, meistens Hauptrollen und definitiv keine Gnome mehr. Und schafft mit Perpetuum den Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung. 
Und dann ist da noch die Musik: „In der dritten Klasse Gym hatten wir eine Schulband, für die wir den Namen Taktlos Exakt erfanden.“ Man spielte – es waren die frühen 1980er – naturgemäß New Wave. Unter den Mitspielern befanden sich unter anderem auch Oliver Jung, der später mit Espresso, und Simone Stelzer sowie Peter Pansky, die mit Peter Pan die Charts stürmen sollten. Danach gab’s die United Workers mit einer Mischung aus Instrumentalrock und Popsongs, „doch das hat sich aufgehört, weil alle berühmt wurden … außer ich.“ Anfang der 1990er gründete Wandl van Dell, „gemeinsam mit meinem Bruder. Ich schrieb die Songs – das war so eine Art Folkpop.“ 1993 wurde eine Mini-CD im Lokal Narrenkastl präsentiert, „1995 war’s dann aus. Das Publikum war halt eher begrenzt.“ Und nach beendetem Studium schlug das Leben andere Bahnen ein. Dreißig Jahre schrieb Wandl keine einzige Liedzeile mehr. Doch ein Freund brachte auf Spotify einen alten Song raus. Und da leckte er doch wieder Singer/Songwriter-Blut. „Martin Scheer, ein renommierter Vollprofi, remasterte die alte CD, die damals in den 90ern auf einem Stereo/Video-Recorder aufgenommen worden war und daher über eine recht beschränkte Tonqualität verfügte, neu. Er kitzelte raus, was ging. Und mit Christoph Richter gemeinsam finalisierte ich dann noch zwei damals halbfertig gebliebene Songs. Seitdem schreibe ich wieder Lieder für van Dell, für deren Aufnahmen ich mir gerne Hilfe von Profi-Musikern aus meinem Bekanntenkreis hole.“ Er gesteht mit einem Grinsen: „Meine musikalischen Fähigkeiten sind begrenzt – aber meine Lieder mag ich wirklich; als Songwriter bin ich mit mir zufrieden.“ Nachzuhören etwa bei dem Lied „Thank you for being alive“, das er für Daniela schrieb und „über einen schönen Beatles-Sound verfügt.“ Und auch ein erstmals in Dialekt gesungenes Lied mit dem Titel „St. Pölten, 1.12.1971“, geschrieben von seinem Großvater, sollte auf einem „Musik STP“-Sampler seinen Platz finden. 
In den späten 1990er Jahren entdeckte der Vielseitige dann noch das Impro-Theater, das ja von der direkten Interaktion zwischen Zusehern und Spielern lebt. Das Publikum ist hier gleichsam der Regisseur und gibt die Themen beziehungsweise die Anweisungen vor. „In Graz sah ich eine Impro-Show im Theater im Bahnhof: Ich war überwältigt.“ Er konkretisiert: „Das Geile am Impro-Theater: Es ist wie beim Fußball – du weißt nie, wie’s ausgeht. Das Publikum liebt es, die Schauspieler schwitzen zu sehen.“ Er selbst eignete sich das Know-how bei einem Workshop von Helmut Köpping im Rahmen einer sommerlichen Lehrerfortbildung in Hollabrunn an. „Bin aber lieber Trainer, weniger Schauspieler.“ Mit Internatsschülern, für die er als Erzieher verantwortlich war, gründete er die Spontaneous Jumpers. Daraus wurden dann 2007 die „Jumpers Reloaded“ („das ist leichter zu schreiben als ‚Spontaneous‘ …“!), die jeden ersten Dienstag im Forum-Kino spielen, wo auch die Perpetuum-Stücke regelmäßig aufgeführt werden. „Wir befinden uns gerade in der 19. Saison. Als Musiker haben wir schon seit Längerem Christoph Richter mit an Bord.“ Und er ergänzt: „Man kann Spontanität trainieren. Man muss halt aufpassen und einander zuhören.“ Bislang gab’s etwa 200 Shows, davon eine in der Mariazellerbahn. Und am Faschingsdienstag sowie beim Sommer-Open Air auf dem Rathausplatz findet sich die Truppe im Cinema Paradiso ein.
Und dann ist da noch „Meine Lieblingstalkshow“. „Die Idee kam, als ich im Rahmen einer Impro-Show einen Gast interviewte. Co-Jumper Richard Schmetterer meinte darauf: ‚Es ist so nett, wie du mit den Leuten redest. Hast du schon einmal daran gedacht, eine Talkshow zu machen?‘ Habe mir das fünf Jahre lang überlegt. Und dann war es soweit.“ Was ihm wichtig ist: „Ich interviewe beziehungsweise talke nur mit Menschen, die mir sympathisch sind. Keine Karrieregespräche – wir sprechen eigentlich nur über schöne Sachen, so nach dem Motto: ‚Was macht dich glücklich?‘“ Bislang ließen sich etwa Andi Knoll, Herbert Prohaska oder Omar Sarsam bei Wandl im Cinema Paradiso zum Gespräch nieder. „Die Einnahmen gehen dann samt und sonders an eine wohltätige Organisation, die der jeweilige Interviewpartner aussuchen darf .“ 
Auch sein „Brotberuf“ Lehrer macht ihm Freude und ist daher mehr als das. In ein paar Jahren dräut die Pension, aber Wandl schätzt jeden Tag des Unterrichtens im Schulzentrum (SZE). „Ich hab‘ auch wirklich viele liebe Schülerinnen und Schüler.“
Seine Gattin Daniela, selbst Perpetuum-Mimin und vielen als ehemalige Höfefest-Organisatorin und Bühne im Hof-Prinzipalin ein Begriff, hatte er schon in der Schule kennengelernt. Es begann mit dem Austausch von Mixtapes, „und sie war mein erster Schwarm, mit elf spielten wir Schultheater.“ Letztes Jahr feierten die beiden Silberne Hochzeit. „Unsere Tochter Emma wird jetzt 19.“ Und sie tritt schon bei Perpetuum in die elterlichen Fußstapfen.
Der Lehrer, Impro-Trainer, Talkmas­ter, Singer/Songwriter und Schauspieler Georg Wandl, dessen deutschsprachiges Vorbild Joachim Meyerhoff und international Andrew Scott ist, hält den Begriff Freude hoch. Und meint abschließend: „Was mir immer bewusster wird: Man soll nie ausschließlich von sich selbst ausgehen. Jeder hat ja seine eigene Realität, Erfahrungen. Der billigste Luxus ist Freundlichkeit. Mein Lieblingsschriftsteller John Irving meinte einmal: ‚Be nice twice!‘ Dem kann ich nur zustimmen.“

Die 39 Stufen
Das aktuelle Perpetuum-Stück, das ab dem 20. Februar im Forum-Kino gegeben wird: „Die 39 Stufen“ von Patrick Barlow, basierend auf dem Roman von John Buchan (1915) und dem Thriller von Alfred Hitchcock (1935).

London in der 1930er-Jahren 
Richard Hannay möchte sich eigentlich im Theater entspannen, aber da fällt ein Schuss! Richard wird in einen Kriminalfall hineingezogen und befindet sich plötzlich auf einer abenteuerlichen Flucht vor Spionen und Mördern. Auch die Romantik kommt nicht zu kurz. 

Tempo, Witz und eine Prise britischer Ironie 
Ein Thriller-Feuerwerk aus Komik und Spannung. Vier Schauspieler schlüpfen dabei blitzschnell in Dutzende von Rollen, die Bühne wird zum lebendigen Kino. Es spielen: Iris Teufner, Fritz Humer, Hasan Ocak und Georg Wandl. Regie: Richard Schmetterer.