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Lass uns das Ensemble zum Star machen!

Text Andreas Reichebner
Ausgabe 09/2026

Die Potsdamer Theatermacherin Patricia Nickel-Dönicke übernahm die künstlerische Leitung des Landes­theaters Niederösterreich von Marie Rötzer, die es an die Josefstadt zog, und will hier mit außergewöhnlichen Formaten das Haus mehr nach außen hin öffnen.


Bei der Eröffnungspremiere „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ von Bertolt Brecht inszenieren gleich alle Regisseurinnen und Regisseure, die hier in St. Pölten in der aktuellen Spielsaison Theater auf die Bühne bringen werden, zusammen. Besonders wird auch die Uraufführung von „Der Trinker“ nach dem Roman von Hans Fallada sein, die findet nämlich gleich im Weingut Fink statt. Wir baten die experimentierfreudige Theaterleiterin zum Interview.

Ihre Vorgängerin wurde mit ihrem ersten Stück „Komödie der Verführung“ von Schnitzler in der Josefstadt gerade nicht mit Lob überhäuft. Welche Reaktionen wünscht sich die neue Intendantin?
Ich wurde dieser Tage gefragt, ob ich mich als neue künstlerische Leitung darüber freue, mit Arturo Ui das Stück der Stunde auf den Spielplan gesetzt zu haben, oder mich als Ossie schäme? Ich schäme mich als Ossie, was da gerade passiert. Interessant ist auch, dass dieses Stück sich nicht nur mit Deutschland, sondern auch mit dem, was damals in der His­torie in Österreich vor sich ging, beschäftigt. Als ich mit den Regisseurinnen und Regisseuren über dieses Stück zu sprechen anfing, ging es auch um Österreich, um Italien. Politisches und relevantes Theater zu machen, ist das, was mich interessiert, oder wenn Menschen in Talkshows darüber reden, dass man bestimmte Richtungen von Kunst und Kultur doch einsparen könnte, weil sie nicht mehr nötig sind. Ich hoffe, dass wir es hinbekommen, Theater in St. Pölten zu machen, das die Leute sehen wollen, das sie anregt, zu diskutieren, zu streiten und über Horizonte zu schauen. Und da geht mein Horizont weiter als nach Wien zu meiner Vorgängerin. Ich würde mich freuen, wenn geschrieben wird, was für ein großartiges Ensemble, die Idee ist aufgegangen und das mit so vielen Leuten.

Wie bringt man aber Leute, die man mit solchen Produktionen erreichen will, ins Theater? Wenn gleich das Phänomen der Rechtslastigkeit und die Suche nach einfachen, radikalen Antworten ja auch schon in der Bürgerschicht angekommen ist.
Kickl und seine Partei, die es ja schon über 50 Jahre gibt, schafft das. Die hatten mehr Zeit als die AfD. Das sind ähnliche Typen wie der Arturo Ui, den Brecht da geschrieben hat. Hier in St. Pölten, wo ich ja jetzt auch wohne, interessiert mich, wie die Vielfalt der Stücke, aber auch die Aufwertung des Kinder- und Jugendtheaters oder die Aufarbeitung des Alkoholismus bei unserem Trinker nach Fallada, das ja ein sehr schwieriges Thema ist, ankommt. Wie interessant ist es für das Publikum, wenn solche Stücke nebeneinanderstehen. Der Ui ist aber auch ein Spektakel. Wir versuchen diese Geschichte mit sehr vielen Ästhetiken, mit verschiedenen Zugängen zu bearbeiten. Es gibt dabei eine Puppe, die als Brecht auftaucht. Man muss Brecht nicht kennen, aber man versteht gleich, dass dies der Typ ist, der das geschrieben hat. Es ist eine Art Tarantino-Stoff, den Brecht hier geschrieben hat. Es ist es eine Gangstergeschichte aus Chicago, die sich zu einem Politthriller entwickelt. Man merkt, der Gangsterboss Ui hat durch seine Erfahrung im Untergrund und durch eine Zusammenarbeit mit der Wirtschaft viel gelernt. Er merkt, so kann ich etwas werden. Das ist eine Frage, die auch Schüler:innen interessieren könnte und sollte. Da ist Brecht in seiner Komplexität dann auch simpel. Eine recht einfache Geschichte, die Figuren betreffend. 

Wie trägt man dabei die Leute über die Schwelle des Theatereingangs?
Du musst natürlich in einer gewissen Weise Stadtgespräch werden. Das epische Theater, die Idee der elf Regisseur:innen, die Theatertheorie, die selbst uns Theaterwissenschafter:innen manchmal ratlos zurücklässt, was erzählt Brecht jetzt?, handwerklich so herunterbrechen. Jedes Element am Theater ist dabei gleichwertig, das Licht hat seine eigene Geschichte, die Figuren, die Bühne.

Das heißt, die Arbeiten sind bei den einzelnen Regisseur:innen aufgeteilt?
Ja, wir sind dabei, das gerade zusammenzupacken, das Kos­tümbild, die Bühne und alles andere auch. Das Video ist von einem Künstler, der zum Beispiel in unserer Produktion Margarethe, den Fauststoff für Schulkassen enorm herunterbricht, durch Videos den Zugang verschafft. Da ist auch der Versuch, das Bürger*innentheater in ein Stadtensemble umzuformen.

Will man sich stringent vom Bürger*innentheater zum Stadtensemble entwickeln, wie haben einzelne Protagonist:innen reagiert?
Wir haben gesagt, wir wollen auf höchstem Niveau gerade mit den Bürgern und Bürgerinnen Theater machen, geben ihnen Gelegenheit gemeinsam mit dem Abendspielensemble zu arbeiten. Nach dem Motto, ihr macht zusammen Theater, ihr lernt euch kennen, ihr könnt abgucken, was das heißt, Schauspieler:in zu sein. Wir brauchen Zuverlässigkeit, in Richtung, ihr seid das ganze Jahr mit dem Theater verbunden. Es wird auch eine eigene Inszenierung von Leonie Rohlfing, unsere Leiterin des JuLa, des jungen Landestheaters, mit dem Stadtensemble, in dem unterschiedliche Altersgruppen vertreten sind, geben. Die Altersgruppen sollen sich durchmischen. Sie entwickeln, wie sie es gewohnt sind, aber auch eigene Formate, Erzählungen, Geschichten. Für mich ist das ein Teil des Ganzen. 

Soll man streiten übers Theater oder diskutieren?
Wenn man eine Haltung zu einem Thema hat, ist das für mich das Gleiche. Wir haben bei Ui zwei Figuren, der vorherige Ui und der neue Ui – damit kann man das rechte Denken, die Entwicklung des rechten Denkens besser erzählen als mit einer durchgängigen Figur. Adolf Hitler war nicht nur der eine, sondern bei seinem Aufstieg spielte die Wirtschaft und die Politik ebenso eine entscheidende Rolle. Ich finde es großartig, wenn die Menschen über Theater nachdenken. Nichts finde ich schlimmer, als relativ gelangweilt aus dem Theaterabend zu gehen. Da habe ich mit Nachgesprächen gute Erfahrung aus meiner Zeit in Deutschland. Dort machten wir fast nach jeder Vorstellung Nachgespräche und die Leute sind geblieben und haben diskutiert und sind dann wiedergekommen.

Wird es auch in St. Pölten Nachgespräche geben?
Die wird es geben. Bei den Produktionen haben wir mal ein Nachgespräch angeboten, aber wenn wir merken, das Bedürfnis ist, etwa bei Arturo Ui so groß, dann werden wir mehr machen, diesbezüglich auch mit Experten zusammenarbeiten.

Warum eigentlich St. Pölten?
Mir wurde es tatsächlich von einer alten Theaterwegbegleiterin empfohlen. Marie kenne ich aus meiner Mainzer Zeit, sie hat mir dann einmal mit meiner Familie das Haus gezeigt. Außerdem hatte ich große Lust, in einem Einspartenhaus zu arbeiten. Und als Potsdamerin findet man es angenehm, neben einer großen Stadt zu leben, aber zu wohnen, in der man sich wohlfühlt.

Haben Sie schon etwas kennengelernt?
Mit der freien Szene, so rund um den Löwinnenhof*, ging die Kommunikation sehr schnell, auch mit dem Cinema, dem jüdischen Institut. Schön, mit diesen Kulturinstitutionen Dinge zusammenzudenken. In St. Pölten macht man schneller Bekanntschaft als in Wien. Meine Familie und ich wohnen im Gartenviertel, haben viel Besuch, ich war noch dieser Tage in der Traisen baden. 

Was bedeutet für Sie das Ensemble?
Lass uns das Ensemble zum Star machen, dass sie im Alltag erkannt werden, das war in meinen bisherigen Stationen immer das Ziel. Wir sind auch eine Kooperation mit dem Mozarteum in Salzburg eingegangen, in vielen Stücken sind dann Eleven in den Produktionen dabei. Wir suchen zukünftige Stücke nach unserem Ensemble aus, wer kann was spielen. Den Trinker von Fallada hat zum Beispiel Philippe Thelen vorgesprochen. So toll, da haben wir uns gleich gedacht, das machen wir. Wir spielen es auf dem Heurigen. Das ist jetzt schon mehr oder weniger voll. Da kann man schön wandern gehen, dann zum Heurigen und dabei auch ins Theater. Vielleicht schaffen wir es auch die Leute, die dort wohnen, zu begeistern. Das funktioniert nur mit Sonderformaten, wir müssen aufmerksam auf uns machen. 

Was wollen Sie für das Landestheater Niederösterreich, was heißt es „Landestheater“ zu sein?
Das muss man schon ernst nehmen. Da sollte man auch Geschichten im Land, aus der Stadt beackern, wie die Knochenfunde. Wir bauen mit Videos eine fiktive Story. Wir sind aber auch gerne niedrigschwellig. Es wird auch eine Theaterband geben, die eine Musikrevue, „Klub 27“ über Amy Winehouse, Kurt Cobain und so, entstehen lässt. 

Gibt’s ein Lieblingsprojekt?
Arturo Ui, heuer wurden die Rechte frei, da kann man experimentieren. Das muss man jetzt machen. Es ist eines meiner Lieblingsstücke, weil sich die ganze Truppe mit einem Schlag präsentieren darf. Aber auch „Faust. Gretchen. Margarethe“ wird für Jugendliche toll funktionieren, oder die unendliche Geschichte. Auch die Geierwally, weil es so ein österreichischer Stoff ist, wo ein richtig mieser Umgang mit einer Frau thematisiert wird, die einfach nur frei sein will, und ihre Liebe zur Natur fühlt. Und das Schultheater und das JuLa, das Kinder- und Jugendtheaterformat, natürlich. Der Abend mit Sky du Mont, der das Geschenk von Gaea Schoeters lesen wird. Das war natürlich Kalkül (lacht), einen berühmten Künstler, der in St. Pölten wohnt, einzuladen. Ich lese kein Buch, sehe keinen Film ohne nicht darüber nachzudenken, dass man daraus Theater machen kann und da ist dann so ein toller Künstler direkt vor Ort.

Gibt es Wünsche?
Gewünscht, hoffentlich erfüllt sich das in den nächsten Jahren, habe ich mir, dass man vorne reinkommt ins Theater und vom Foyer durch zur Theaterwerkstatt kommt. Aber eigentlich, was das Haus anbelangt, von den Ressourcen, die wir zur Verfügung haben, sind wir gut aufgestellt.

Wo geht man hin am Abend in St. Pölten?
Ins Theater, oder ins Cinema oder auch ins jetzt frische Zuhause.

Veltliner oder Riesling?
Muskateller, Riesling geht eher nicht, oder Marillenschnaps.