MFG - Ich kriege nie genuke
Ich kriege nie genuke


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Ich kriege nie genuke

Text Michael Müllner
Ausgabe 06/2006

Diesen Sommer finden erstmals zwei Festivals direkt in St. Pölten statt. MFG beleuchtet die beiden Veranstaltungen mal von einem anderen Blickwinkel: Wer profitiert, wer verliert? Ein Festival aus Sicht der Wirtschaft, abseits von Spaß, Sommer und Sonnenschein!

Neben dem direkten Gewinn für den jeweiligen Veranstalter lautet das Schlagwort Umwegrentabilität. Dr. Egon Smeral vom österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung bringt den Gummibegriff auf den Punkt. „Wenn ein Veranstalter ein Ticket verkauft, dann ist das an sich noch keine Umwegrentabilität. Wenn aber durch die Besucher, welche nur wegen der Veranstaltung nach St. Pölten kommen, zusätzliches Geld in der Region bleibt, so spricht man davon.“
Umsatzplus
Wirtschaftszweige die am meisten von Konzerten und anderen Großveranstaltungen profitiert, sind unter anderem der Lebensmittelhandel und die Gastronomie.
„Da werden wir dementsprechend einlagern“, meint Franz Weiss, Marktleiter der Merkur-Filiale in der Anton Scheiblin Gasse. Erfahrungswerte vom Vorjahr, als man das Festival im Pielachtal bemerkte, und der Hausverstand entscheiden, was mehr auf Lager gelegt wird. „Dosenbier und Red Bull in erster Linie, weil Glasflaschen sind ja am Festivalgelände verboten. Auch in der Snackbar werden wir schauen, dass uns nichts ausgeht“, umreißt Weiss die Ziele. Den Personaleinsatzplan muss er natürlich überdenken, konkrete Angaben zur Umsatzsteigerung macht er aber nicht: streng geheim. Außerdem ist der Getränkeumsatz stark vom Wetter abhängig. Bei einem heißen Festivalwochenende kann man in der Sparte aber schon von einer Verdoppelung bis Verdreifachung des Umsatzes ausgehen.
Vom Getränkeumsatz, wenn auch nicht gerade direkt, abhängig ist das Taxiunternehmen Rittner. So sollen mehrere Kleinbusse nur für das Nuke bzw. das Lovely Days abgestellt werden. Durch viele Einflussfaktoren ist eine genaue Prognose schwer. Nur eines ist laut Taxi-Rittner sicher: „Wir fahren das volle Programm, was wir im Sommer sonst nicht tun. Es sollte sich ausgehen, dass alle Besucher nach Hause kommen.“
Herr Robert Walter vom McDonalds Restaurant in der Mariazellerstraße geht davon aus, dass die Festivalbesucher auch Gusto auf Fast-Food haben. Der Umsatzzuwachs wird sich im zweistelligen Bereich bewegen, Details werden aber keine verraten, außer, dass die Bestellmengen rechtzeitig kalkuliert und die Dienstpläne darauf abgestimmt werden. Schon das vorjährige Nuke-Festival im Pielachtal hat sich „sehr wohl positiv bemerkbar gemacht“.
Neben der Gastronomie freuen sich selbstverständlich auch die Hotels und Pensionen. Gerade das Hotel Metropol erwartet bereits die Festivalsaison sowie deren Stars: „Namen der Künstler wissen wir oft selbst bis kurz vor Ankunft nicht, da Konzert- oder Eventagenturen buchen und keine Namen nennen. Aber selbstverständlich werden wieder hochrangige Künstler ihr Quartier im Hotel Metropol beziehen.“
Unbezahlbar
Soviel zum finanziellen Gewinn für die Landeshauptstadt. Ein Faktor, der sich sehr schwer in Zahlen ausdrücken lässt, ist der Imagegewinn. Eva Prischl von der Tourismusinformation: „Aus der Sicht von St. Pölten Tourismus sind die Festivals natürlich der absolute Hammer. Die Werbung für die Stadt St. Pölten ist unbezahlbar.“
Der Bürgermeister unterstützt die Festivals seit Beginn. Ihm  ist es „ein persönliches Anliegen, den Veranstalter der beiden Festivals seitens des Magistrates bestmöglich zu unterstützen.“ Daher sollen die beiden Großveranstaltungen nicht nur 2006 in St. Pölten stattfinden. „Eine Kooperation ist auch in Zukunft absolut im Interesse der Stadt“, so Stadler.
Geballte Peanuts
Wer mit den Festivals wohl weniger Freude haben wird, ist der städtische Wirtschaftshof, zu dessen Aufgabe unter anderem die Abfallbeseitigung sowie die Betreuung öffentlicher Anlagen und Straßen gehört. Dennoch sieht der stellvertretende Leiter Ludwig Filz den Megaveranstaltungen gelassen entgegen: „Veranstaltungen wie das Nuke oder das Lovely Days sind reine Routine für uns. Da sie beide an einem Wochenende stattfinden, wurden unsere Leute einfach in Bereitschaft versetzt und Überstunden angeordnet.“ Ing. Ruthner von der Mülldeponie geht davon aus, dass pro Festival 40 Tonnen Müll zu entsorgen sein werden. Eigentlich Peanuts im Vergleich zu den 11 000 Tonnen, die pro Jahr in St. Pölten produziert werden.
Einzig das Thema Vandalismus bereitet Herrn Filz ein wenig Kopfzerbrechen: „Natürlich haben wir Angst vor Vandalismus, die Lage wird immer schlimmer. Allerdings sind wir machtlos, wir können ja nicht jeden Mistkübel bewachen.“
Auch die Anrainer sorgen sich um Vandalenakte. Anrainervertreter Josef Dammerer: „Der Lärm stört uns nicht so sehr, da nach Gesprächen mit Harry Jenner und René Voak wahrscheinlich nur der Campingplatz der Crew an unsere Hausanlagen grenzen wird. Wir sorgen uns mehr um Vandalismus und da vor allem um die Nachbearbeitung. Immerhin muss unser Hausmeister eventuelle Schäden nachher in Ordnung bringen und wir in weiterer Folge bezahlen.“
Veranstalter Harry Jenner ist sich der Tatsache bewusst, dass das Festival an ein Wohngebiet angrenzt, verspricht auch die Präsenz von Securitypersonal. Nur eines kann er nicht ändern: „Ich kann den Besuchern nicht die Eigenverantwortung abnehmen. Was für Anrainer getan werden kann, werden wir aber selbstverständlich machen!“
Unter Einbindung eines Verkehrsexperten hat der Veranstalter mit den Behörden ein Konzept für Parkflächen und zur Verkehrsleitung erarbeitet. So sollen Staus und unangenehme Auswirkungen auf Anrainer möglichst verhindert werden.
Die Prognosen für die Premiere der beiden Festivals im VAZ sehen von allen Beteiligten rosig aus. Manche träumen insgeheim schon von einem St. Pölten als Festival-Mekka, ähnlich wie Wiesen. Bleibt abzuwarten, ob das Experiment gelingt und eine Fortsetzung folgt. Davon profitieren schließlich alle, auch die Besucher!

Zusätzlicher Umsatz von knapp 5 Mio. Euro
Der Wirtschaftswissenschaftler Univ. Prof. Dr. Egon Smeral ist Fachmann für Tourismus- und Freizeitwirtschaft. Der WIFO-Forscher berät nebenbei auch die Bundesregierung. Was sagt er zum oft strapazierten Begriff „Umwegrentabilität“?
„Umwegrentabilität ist das, was ein Betriebswirt nicht versteht“, eröffnet Smeral die Erklärung. Es geht um die Definition des Raums, den man betrachten will. Dabei gehen Betriebswirte nur von ihrem eigenen Betrieb aus, während die Umwegrentabilität viel weiter blickt. Ein verkauftes Ticket allein ist noch keine Umwegrentabilität. Aber wenn Besucher nur wegen einer Veranstaltung kommen und so zusätzliches Geld in der Region bleibt: voilà!
Um exakt zu wissen, wie viel Nuke und Lovely Days der Region bringen, müsste man eine umfassende Studie in Auftrag geben. Dank Erfahrungswerten kann man jedoch über allgemeine Effekte auch schon jetzt eine Aussage treffen.
Neben der Auslastung von Hotels und Pensionen, profitieren auch Supermärkte oder Tankstellen massiv. Die Besucherzahl ist dabei das Um und Auf. Kommen die Gäste später wieder? „Fliehen“ Einwohner zur Festivalzeit in den Sommerurlaub? Oder hätten sie den Urlaub sowieso gebucht und verschiebt sich nur der Reisetermin?
Eine grobe Berechnung gibt eine Vorstellung von der Größenordnung: Gehen wir davon aus, dass pro Tag rund 20.000 Besucher erwartet werden, rund 80 Prozent stammen nicht aus St. Pölten, bringen also zusätzliche Kaufkraft. Jeder Besucher gibt pro Tag rund 100 Euro aus, kein Vermögen rechnet man Ticket, Unterbringung und Verpflegung mit ein. Dann ist man mit einem Schlag bei einem zusätzlichen Umsatz von knapp 5 Millionen Euro. „Hinzukommen noch Mehreinnahmen durch Steuern und temporäre Beschäftigungswirkungen“, wie Prof. Smeral erinnert. Ein paar Hundert Mitarbeiter sind jedenfalls nötig um die Megafestivals sprichwörtlich über die Bühne zu bringen.
Nuke und Lovely Days – Was sagt…
Mag. Matthias Stadler Bürgermeister:
Für die Stadt bedeutet dies, dass wir uns als aufstrebende und dynamische Landeshauptstadt präsentieren können, die attraktive Freizeitangebote bietet. Viele BürgerInnen schreiben, dass sie froh sind, „dass endlich was los ist in St. Pölten“.
Natürlich wird ein solcher Massenevent auch immer mit gemischten Gefühlen aufgenommen.  In die Vorbereitungen sind natürlich auch sämtliche Magistratsabteilungen sowie Anrainer eingebunden. Auf alle Fälle werde ich auch persönlich vorbeischauen – The Who, Roxy Music, Gentleman und Jovanotti darf ich nicht versäumen!
Eva Prischl  Tourismusinformation:
Aus der Sicht von St. Pölten Tourismus sind die Festivals natürlich der absolute Hammer. Die Werbung für die Stadt St. Pölten über die diversen Medien ist unbezahlbar. Eine Steigerung des Glücksgefühls wäre natürlich, diese Festivals als fixe Einrichtungen anbieten zu können, somit würde St. Pölten die Festivalstadt in Österreich!
Michaela Kohwalter Interims Manager Hotel Metropol:
Es wird so sein, dass wieder einige der Stars im Hotel Metropol übernachten werden und wir deshalb Mitarbeiter für mehr Roomservice vorbereiten bzw. einteilen. Da es in St. Pölten auch keine Groupies gibt, vor denen die Stars flüchten müssten, fühlen sich unsere besonderen Gäste im Hotel immer sehr wohl. Die Umwegrentabilität ist sicherlich sehr gut! Es profitiert fast jede Branche der Wirtschaft und der Bekanntheitsgrad der Stadt St. Pölten wächst bei solchen Events besonders stark.
Joe Rittner Rittner Taxi:
Routinearbeit sind so Festivals sicher nicht, da brauchen wir schon drei Stunden pro Auto um den ganzen Dreck wieder raus zu kriegen. Aber das gehört dazu! Wir werden sicherlich zwei bis drei Kleinbusse nur für die Festivals zur Verfügung stellen und unser Personal aufstocken. Kapazitätsprobleme wird es zwar zu Stoßzeiten geben, aber es sollte niemand am Straßenrand stehen bleiben.
Josef Dammerer Anrainervertreter:
Die Zusammenarbeit mit René Voak läuft sehr gut, es gab einige konstruktive Gespräche. Auch mit anderen Veranstaltungen im VAZ, wie dem Volksfest, haben wir uns arrangiert. Es kommt bei der Lärmbelästigung vor allem auf die Windverhältnisse an: Bei Südwind ist sie schon sehr schlimm, bei Nord-West Wind hören wir fast gar nichts. Da machen uns Vandalenakte, Diebstähle und Verschmutzung mehr Sorgen.
Ludwig Filz Stellvertretender Leiter Wirtschaftshof:
Die Abfallbeseitigung ist für uns reine Routine, das ist kein Problem. Wir haben öfters größere Feste wie z.B. das Hauptstadfest, es ist eine reine Kostenfrage. Bei Festivals ist bekanntlich ein erhöhtes Risiko für Vandalenakte. Die Lage wird immer schlimmer, aber wir sind machtlos. Wir können nicht jeden Mistkübel bewachen.
Robert Walter Chef McDonalds Mariazellerstraße:
Wir erwarten einen Umsatzzuwachs im zweistelligen Bereich. Als Vorbereitungen haben wir die Bestellmengen rechtzeitig kalkuliert und auch die Dienstpläne auf die Festivals abgestimmt. Immerhin hat sich schon das Nuke im Vorjahr positiv bemerkbar gemacht.
Franz Weiss Filialleiter Merkur Anton Scheiblin Gasse:
Da werden wir schon dementsprechend einlagern, Dosenbier und Red Bull in erster Linie, weil Glasflaschen sind ja am Festivalgelände verboten. Von einer Verdoppelung bis Verdreifachung des Umsatzes kann man schon ausgehen. Konkretere Angaben kann ich leider nicht machen, das sind vertrauliche Geschäftsdaten.
René VOAK  VAZ St. Pölten:
Für einen Veranstaltungsbetrieb ist es natürlich ein riesiger Erfolg, dass wir nach langer Aufbauarbeit die Festivals bei uns begrüßen dürfen. Neben der Event-Branche gibt es viele Gewinner – die im Vergleich zum Veranstalter kaum Risiko tragen: Hotels und Pensionen, Gastronomiebetriebe, Einzelhandel. Allein das Aufbaupersonal ist zwei Wochen im Einsatz, das macht sich schon bemerkbar. Der Imagegewinn ist unbezahlbar, St. Pölten wird international wahrgenommen!
Boris Jordan FM4:
Der Veranstaltungsort wirkt sehr professionell, gemauerte Toiletten sind ja nicht selbstverständlich und ich für meinen Teil stehe gerne mal nicht auf einem Acker. Das Programm ist gut besetzt, sehr viele exklusive Acts, schön wenn ein Festival mal ohne dem ewig gleichen Line-Up auskommt! FM4 wird im Vorfeld und vor Ort berichten, kommt drauf an, wie viel uns die Bands gestatten. Konzertmitschnitte und Berichte werden in der Sendung Homebase on air sein.
Clemens Stadlbauer Ö3:
Wir freuen uns auf die Festivals zum einen, weil erstklassige Acts kommen und zum anderen weil das „Lebensgefühl Festival“ ja an sich etwas Tolles ist: Freiheit, einmal weg von zuhause, mit Freunden und guter Musik – bei hoffentlich gutem Wetter unter freiem Himmel feiern! 
Die Lovely-Days-Künstler sind ohnehin Stammgäste bei Solid Gold, aber auch off air laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren: Interviews werden angefragt, technischer Details geklärt. Man kann ruhig laut sagen, dass St. Pölten heuer die Festivalstadt Österreichs ist!