MFG – Das Magazin – Fritzi und die Pappel-Allee


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Fritzi und die Pappel-Allee

Text Johannes Reichl
Ausgabe 12/2012

Montag – seit jeher Schließtag in zahlreichen Museen der Welt. Das Landesmuseum bildet diesbezüglich keine Ausnahme. Während der markante Holleinbau nach außen hin verwaist wirkt, wird drinnen fleißig gearbeitet. Handwerker bauen gerade das große Niederösterreich-Relief aus den 50‘ern auf, und die Tierpfleger kümmern sich um die illustren Dauerbewohner des Hauses – immerhin befindet man sich nicht nur in einem Museum, sondern auch in St. Pöltens einzigem Zoo! Von einem Haus voller Überraschungen, das seit 10 Jahren die Landeshauptstadt bereichert.

Die Direktoren Carl Aigner und Erich Steiner sitzen inmitten des kreativ-chaotischen Arbeitsumfeldes von Aigners Büro. Überall stapeln sich Zeitungen, Feuilletonberichte, kunsthistorische Abhandlungen, Bildbände etc. Es ist unübersehbar: Hier logiert ein heller Forschergeist, nicht etwa nur ein gemeiner Herr Direktor. Schon auf den ersten Blick hin, in ihrem gesamten Habitus, sind die zwei Direktoren des Landesmuseums zwei unterschiedliche Typen, als würde sich ihre Arbeitsteilung – der eine für die Kunst, der andere für die Natur zuständig – auch im Äußeren niederschlagen, frei nach dem Motto: Der Schöngeist und der Naturbursche – was natürlich Mumpitz ist. Denn wie sich herausstellt sind beide auch im jeweiligen Kerngebiet des anderen bewandert. Aigner – der in den 70’ern Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Publizistik studierte, „als der universitäre Betrieb noch nicht verschult war, sondern ein universalistischer Ansatz im Sinne der Transdisziplinarität im Vordergrund stand“ – bekennt, „dass mich Natur immer fasziniert hat.“ Erich Steiner wiederum – studierter Zoologe und Botaniker, der schon „klassisch mit zehn Jahren Viecherl gefangen und zerlegt hat, um ihr Inneres zu erforschen“ – greift in seiner Freizeit gerne selbst zum Pinsel. Wahrscheinlich macht es gerade diese Affinität zum jeweils anderen Bereich aus, dass die zwei Herren auch als Tandem gut funktionieren – und das seit immerhin zehn Jahren!
Denn in St. Pölten sind beide von Anfang an mit von der Partie. Steiner war es sogar schon in Wien, erlebte die gesamte Übersiedlung hautnah mit. Aigner wiederum übernahm die Leitung anfangs parallel zu jener der Kunsthalle Krems. „Mit der Eröffnung des Hauses war dann aber klar, dass man die beiden Institutionen trennen muss!“ Dann also „nur“ Landesmuseumsdirektor, und das, obwohl er, der zuvor schon an diversen Unis gelehrt, Ausstellungen kuratiert und u. a. die Kunstzeitschrift EIKON ins Leben gerufen hatte, „eigentlich nie einen institutionellen Berufswunsch gehabt hatte.“

Die Macht des Originals
Dabei war die Übersiedlung des Landesmuseums nach St. Pölten, das in allgemeiner Aufbruchsstimmung bereits 1996 seine Pforten in Wien geschlossen hatte, eine Zeitlang eine gar nicht so ausgemachte Sache. Die Realisierung des Neubaus drohte an der Finanzierung zu scheitern. Erst als Hans Holleins ursprünglich einem Vierkanter nachempfundener Entwurf auf die heutige Version abgeschlackt wurde, gab die Politik grünes Licht. „Das war damals verständlich“, räumt Aigner ein „Heute wünschten wir uns aber ein größeres Haus, bräuchten etwa Platz für die Volkskunde, für eine eigene Technik­abteilung. Außerdem können wir keine Wechselausstellungen im Naturbereich durchführen.“ Konkreter Nachsatz: „Wir bräuchten zumindest 400 Quadratmeter zusätzlich!“
Adaptiert wurde das Landesmuseum im letzten Jahrzehnt mehrmals. Die Landeskunde erhielt einen eigenen Ausstellungsraum, ein eigenes Café samt Outdoor-Terrasse wurde geschaffen, per Lift kommt man heute direkt aus der Tiefgarage ins Foyer, und auch ein Shop ist state of the art, „weil heute international einfach ein gewisses Qualitätslevel erwartet wird, und zwar egal, ob du in Paris bist oder in St. Pölten.“ Nachdem zuletzt in der Shedhalle der St. Pöltner Teil der neuen niederösterreichischen Galerie für zeitgenössische Kunst situiert wurde, ist man im „Haupthaus“ aktuell mit der Neuaufstellung des Naturkundebereiches beschäftigt. „Nach zehn Jahren bedarf es der Dynamik der Zeit entsprechend neuer Formen der Vermittlung, manches gehört schlicht ausgetauscht, die Aquarien teilweise neu eingerichtet“, so Steiner, der explizit hinzufügt: „Ich bin aber kein Freund übertriebener Museumselektronik.“
Zwar wird diese selbstredend im Landesmuseum eingesetzt, wo sinnvoll, aber man möchte nicht in die Virtualität abgleiten. „Jeder kann sich ein Foto anschauen, aber das Wirkliche ist einfach anders, aussagekräftiger, etwa wenn du ein Sommer- und ein Winterfell wirklich angreifen kannst“, erklärt Steiner, und Aigner präzisiert: „Das macht die Kraft eines Museums aus. Es geht um das Originale, das Einmalige, das es nur hier gibt!“ Dass diese Authentizität eine geradezu mystische Kraft entfaltet, weiß jeder aus eigener Erfahrung. Würde ein Kunstwerk, obwohl perfekt reproduziert, explizit als Kopie ausgewiesen, wäre seine Faszination rasch verflogen, „obwohl es 90% der Betrachter nicht vom Original unterscheiden könnten“, schmunzelt Aigner.
Ebenso vermag eine lebende, vom Aussterben bedrohte Sumpfschildkröte, wie im Landesmuseum zu bestaunen, ohne Zweifel eine tiefere Betroffenheit über die Notwendigkeit der Arterhaltung auszulösen, als z. B. ein Film. Ja, selbst wenn ein Tier „nur“ als Präparat gezeigt wird, „besteht doch das Wissen, dass es einmal gelebt hat!“

Vernetztes Denken
Es geht also, und darin besteht eine Kernaufgabe, um die Vermittlung tiefgründiger Sachverhalte, um ein – im Naturkundebereich teilweise durchaus wörtlich zu nehmendes – Be-greifen der Welt. Als das Landesmuseum Ende der 90’er Jahre z. B. Sezierkurse an Fischen (Futtertiere) anbot, „damit die Schüler sehen, wie Fische innen aussehen“, sollte durch diese sinnlich-unmittelbare Erfahrung auch ein Bewusstseinstransfer erfolgen, dass unser Fleisch nämlich nicht etwa als leblos-hygienische Substanz im eingeschweißten Supermarktpackerl existiert, sondern als Tier zuvor lebt, atmet und, damit der Mensch es verzehren kann, geschlachtet werden muss. Ein Wissen, das auch spätere Konsumgewohnheiten und Fragen der Ethik (Stichwort artgerechte Tierhaltung) nachhaltig beeinflussen kann. Zur Verwunderung Steiners erfolgte damals ein Aufschrei extremer Tierschützer, „dabei wird bei uns natürlich kein einziges Tier umgebracht, um es hier auszustellen!“
Aigner ortet diesbezüglich Pa­rallelen zum (ebenfalls im Landesmuseum vertretenen) Werk Hermann Nitschs, der in seiner Kunst u. a. genau diese fundamentalen Zusammenhänge herausarbeitet sowie die geradezu perverse wie fatale Entkopplung vom Tod zum Thema macht.

Kulturelle Aufladung
Derlei ganzheitliche Sichtweisen vermitteln zu können, darin liegt wohl die größte Stärke des Landesmuseums: „Wir sind ein Universalmuseum! Wir können die großen Zusammenhänge zwischen Landesgeschichte, Kunst, Natur, Ästhetik sichtbar machen“, schwärmt Aigner. Als Beispiel führt er jenen Bären an, der jahrelang effektvoll im Museum ausgestellt war. „Dabei handelt es sich aber nicht um irgendeinen Bären, sondern er wurde von Kronprinz Rudolf geschossen!“ Damit erzählt er auch eine kulturell-soziologische Geschichte. Ähnlich verhält es sich auch mit einem anderen Museumsbären, wie Steiner erklärt. „Wir haben jenen Ötscherbären geschenkt bekommen, der vor wenigen Jahren geschossen wurde. Dieser ist zugleich ein hervorragendes Objekt, um ökologische Entwicklungen der letzten 100 Jahre nachzuzeichnen, wie etwa mit Bären umgegangen wurde – dass sie zunächst ausgerottet und dann wieder bewusst ausgesetzt wurden – und wieder bedroht sind!“
Selbst das heute wieder häufigere Vorkommen von Elchen in Niederösterreich ist in Wahrheit weniger auf ein ökologisches, denn ein politisches Phänomen zurückzuführen: Die Elche werden durch den Fall des Eisernen Vorhangs nicht mehr daran gehindert, in unsere Breiten vorzudringen. „Natur ist also nicht nur Natur“, formuliert es Aigner, „sondern sie ist vielfach kulturell aufgeladen.“

Roter Faden
Dass bei aller Universalität dennoch ein roter Faden gewährt wird, dafür sorgt der regionale Fokus als oberstes Ordnungsprinzip sämtlicher Sammlungen. „Beim Landesmuseum steht also nicht nur Niederösterreich drauf, sondern ist auch zu 100% Niederösterreich drin“, variiert Aigner einen einschlägigen Werbeslogan. Deshalb werde es hier auch nie „die x-te Picasso-Ausstellung geben“, als vielmehr laufend die Präsentation der eigenen „Schätze“ – und die sind wahrlich beachtlich. So umfasst die Kunstsammlung u. a. Werke namhafter Künstler wie Gauermann, Schiele, Kokoschka, Rainer, Nitsch, Wurm uvm.
Auch im Naturbereich ist Niederösterreich bzw., wie es Steiner erklärt, „die Region, weil natürliche Phänomene ja nicht an der Grenze enden“ die umfassende Klammer. „Wenn es z. B. um Schmetterlinge geht, dann werden wir hier nicht irgendwelches Tropenzeugs präsentieren, nur weil es ein paar Zentimeter größer ist, sondern heimische Arten zeigen“, stellt er trocken fest. Nicht um die Größe geht es also, nicht um die Sensation, sondern um Identität, um Heimat. Man würde aber einem Irrtum aufliegen, dies als rückwärtsgewandte Angelegenheit zu begreifen. Ganz im Gegenteil, betont Aigner, „ist Museumsarbeit, ist unsere Sammeltätigkeit Zukunftsarbeit, weil wir vordenken müssen, was – sagen wir z. B. in 50 Jahren – noch als relevant eingestuft werden wird!“
Eines, dies darf man schon jetzt getrost feststellen, wird jedenfalls als relevant und nachhaltig in die Geschichte eingehen: Die Eröffnung des Landesmuseums – und zwar bereits nach zehn Jahren, in Wahrheit eine kurze Zeitspanne, wie auch Aigner augenzwinkernd zugibt: „Uns beiden sieht man die vergangenen zehn Jahre ja an, aber dem Museum nicht!“ 10 JAHRE JUNG
Das Landesmuseum NÖ wurde noch zu Monarchiezeiten 1911 in Wien gegründet. 2002 übersiedelte es von der Bundeshauptstadt nach St. Pölten in den einzigen von Architekt Hans Hollein realisierten Museumsbau in Österreich. Das Landesmuseum hat drei Sparten: Natur, Kunst und Landeskunde, zudem ist der Klangturm Teil der Institution. Die Natursammlung umfasst (inkl. Insekten) über 1 Million Objekte, die Kunstsparte etwa 40.000. Seit 2002 wurden ca. 700.000 Besucher begrüßt, 70 Ausstellungen fanden statt. 2003 wurde das Landesmuseum mit dem Österreichischen Museumspreis ausgezeichnet.