MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

19 Minutes of shame

Text Johannes Reichl
Ausgabe 09/2012

Wie sang dereinst Marlene Dietrich: „Männer umschwirren mich wie Motten um das Licht.“ Beate Schrott musste angesichts ihrer Olympia-Teilnahme eine ähnliche Erfahrung machen, nur dass der Mottenschwarm nicht in Form testosterongetränkter Männer daherflatterte, sondern als Politiker, „Freunde“, „Wegbegleiter“ und „Entdecker“, die es ja schon immer gewusst haben! Wobei,  wenn man es genau betrachtet: Eigentlich waren es doch nur testosterongetränkte Männchen, die sich da im Glanz der Sportlerin zu sonnen versuchten, um ein Stück vom Glamourkuchen abzubekommen.
Der offiziellen Stadt musste man diesbezüglich ja vor der Olympiade noch ein bisschen auf die Sprünge helfen. Die Anregung, Schrott – St. Pöltens erste Olympionikin seit 40 Jahren – vielleicht doch auch offiziell zu verabschieden, kam von der Leichtathletik Sektion. Nach langem Ringen konnte man sich gnadenhalber zu einer Audienz durchringen – ein medientaugliches Foto schadet schließlich nie! Die Uhrzeit erfuhr Schrott allerdings erst einen Tag vorher per schlankem Einzeiler – Sportler haben schließlich immer Zeit, weiß man doch!
Der Empfang selbst verlief verhaltensoriginell, was Union-Leichtathletik-Sektionsleiter Gottfried Lammerhuber zum absolut lesenswerten Bericht „Verabschiedung einmal anders“ inspirierte (www.ustp-la.net/fullnews.php?NID=1160&). Diesen könnte man in Abwandlung von Andy Warhols Forderung nach „15 Minutes Of Fame“ für jedermann auch in „19 Minutes Of Shame“ umbenennen: Das Trauerspiel dauerte nämlich gerade einmal 19 Minuten, dem festlichen Anlass entsprechend wurde Leitungswasser gereicht, und Schrott durfte sich u. a.  lustige Fragen über die Matura (okay, sie sieht mit ihren 24 Jahren aber auch wirklich noch sooo jung aus!) gefallen lassen, obwohl sie gerade vorm Abschluss des Medizinstudiums steht. Im „Standard“-Interview meinte sie hinsichtlich der unfreiwilligen Standup-Comedy: „Als er [der Vizebürgermeister, Anm.] mich gefragt hat, welche Wassertemperatur für Sportler die optimale ist, musste ich passen.“ Warum bloß fällt einem da Aretha Franklins Songzeile „All I‘m askin‘ is for a little respect“ ein?!
Beim offiziellen Empfang der Sportlerin nach der Olympiade in Weinburg war der Bürgermeister dann um Schadensbegrenzung bemüht und überreichte eine Karikatur, die – so lieb gemeint – erst recht wieder ein skurriler Griff in den Gatsch war. Darauf zu sehen: Beate Schrott beim Hürdenlaufen – so weit, so gut. Ebenfalls am Bild: Sprint-Überflieger Usain Bolt – auch okay. Aber Bürgermeister Stadler himself – als Hürdenläufer??! Wollte der Künstler damit eine Allegorie auf den politischen Hürdenlauf schaffen? Oder handelt es sich tatsächlich um ein verstecktes Talent des Stadtoberhauptes, das er im Rahmen des nächsten „Liese Prokop Memorial“ unter Beweis stellen wird?
Selbstredend, dass beim Weinburger Empfang auch Politiker anderer Couleur antrabten – jetzt wo Schrott berühmt war! Blaue hüpften da ebenso durch die Szenerie wie Schwarze, die im Vorfeld olympischen Eifer nur darin entwickelt hatten, mit peinlich-geiler Schadenfreude den Lammerhuber-Text unters Volk zu bringen, ansonsten aber in Anlehnung an Gernot Rumpolds Bonmot gänzlich die Antwort schuldig blieben, wo ihre Leistung war.
„Klassisch“ waren auch die Fotos, bezeichnend etwa jenes, auf dem Schrott links von Weinburgs Bürgermeister Peter Kalteis (JA!, wir wissen jetzt, dass die Athletin im STKZ Weinburg sportwissenschaftlich betreut wird!) und rechts von Bürgermeister  Matthias Stadler flankiert wird. Erst außen folgen Gottfried Lammerhuber und Trainer Philipp Unfried, wobei – die haben ja auch wirklich nicht sooo viel zum Erfolg beigetragen.
Schrott selbst, so darf man mutmaßen, wird als vorübergehende Bewohnerin des Olympischen Dorfes sowie als Fahnenträgerin Österreichs bei der grandiosen Abschiedsgala in London, wo der Hauch der Weltfamilie sogar bis ins Wohnzimmer zu spüren war, milde über die Provinzposse in der Heimat lächeln. Und vielleicht sind wir ja auch zu ungerecht gegenüber den Motten. Immerhin haben sie doch nur das olympische Motto verinnerlicht: Dabei sein ist alles!