MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Christiane Teschl: Auf der anderen Seite

Text Johannes Reichl
Ausgabe 03/2012

Als ich ins Foyer des ORF Landesstudios NÖ trete, ist Christiane Teschl gerade damit beschäftigt, einen Schreibtisch zu inspizieren. „In meinem Büro wird gerade kurzfristig ein neuer Boden verlegt“, schmunzelt sie. Kurzum, es gilt zu improvisieren – und so finden wir uns schließlich im Büro des Landesdirektors wieder, wo wir über elterliche Prägung, Journalismus und Mutterfreuden plaudern.

Welches Credo verfolgen Sie als Journalistin, als ORF-Chefredakteurin im Besonderen?
Journalismus ist für mich vor allem Geschichten erzählen. Deshalb taugt es mir ja auch im Landesstudio so, weil es bei uns nicht nur um hard news geht, sondern wir auch z. B. über altes Handwerk, schöne Ausflugsziele, Kulturveranstaltungen etc. berichten – uns in dem Sinne austoben können. Und wie steht es um die tagesaktuellen, auch heißen Themen?
Diesbezüglich sehe ich uns als eine Art Primärberichterstatter. Wir berichten natürlich auch über Skandale, wie etwa den Skylink. Es ist wichtig, diese Sachen aufzuzeigen und nicht zu verschweigen. Wir machen den 1., 2. Schritt, aber wir vergraben uns nicht in ein Thema. Das wäre allein zeitlich nicht möglich, und das ist auch nicht die Aufgabe unserer Sendung. Dafür gibt es andere Formate im ORF wie Report, Am Schauplatz und ähnliches. Der scheidende Österreichkorrespondent der Süddeutschen Zeitung Michael Frank meinte unlängst, in Österreich würden die Medien lieber Politik betreiben „statt sie zu beschreiben“. Trifft das auch auf Sie zu?
Also Politik möchte ich in keinem wie immer gearteten Sinn betreiben. Das meine ich nicht negativ. Aber ich stehe sozusagen auf der anderen Seite. Politik und Journalismus haben aber einiges gemeinsam. Zum Beispiel sind beide Berufsgruppen mit einem negativen Image behaftet. Warum ist das im Fall des Journalismus so?
Ganz ehrlich – den schlechten Ruf kann ich nicht ganz nachvollziehen. Möglicherweise mag es am Stil gewisser Boulevardmedien liegen. Ich kann mich erinnern, dass wir einmal über einen Mann in Amstetten berichteten, der sein Kind aus dem Fenster geworfen hatte. Dazu gab es einen Liveeinstieg, wir waren vorort. Als ich am nächsten Tag eine gewisse Zeitung aufschlage, war ich perplex, weil ein ganz anderes Haus zu sehen war, darunter der Text „Hier wurde das Kind aus dem Fenster geworfen!“ So etwas trägt sicher nicht zum guten Ruf des Journalismus bei. Ebenso wenig die Affäre um Abhörprotokolle und Bespitzelung von Promis durch „News Of The World“ in England. Wobei ja gerade die ORF Journalisten durchaus hohes Prestige zu genießen scheinen.
Es zeigt sich jedenfalls, dass bei besonderen Ereignissen oder Krisensituationen, wie z. B. beim letzten Hochwasser oder bei Wahlen, die Leute verstärkt den ORF einschalten. Da ist offensichtlich ein Vertrauen in die Berichterstattung und Seriosität gegeben. In Deutschland ist Bundespräsident Wulff nicht nur über einen „unsauberen Kredit“ gestolpert, sondern in Folge v. a. auch wegen seines Versuches, die Berichterstattung darüber zu verhindern. Wie ist das so mit politischen Interventionen?
Vorwürfe, dass dieses Phänomen so ausgeprägt sei, wird es immer geben. Ich warne aber schon davor, alles gleich als „Intervention“ einzustufen. Dass Pressesprecher oder Politiker anrufen und sozusagen ihre Geschichten verkaufen möchten, wie jedes andere Unternehmen auch, ist normaler Geschäftsgang. Darin sehe ich noch nichts Unanständiges. Die Frage ist eher, wie ich dann als Redakteur damit umgehe. Wobei es im Fall Wulff ja darum ging, dass er die Veröffentlichung des Beitrages verhindern wollte. Ist Ihnen das schon widerfahren?
Ganz ehrlich, das ist mir bislang noch nie passiert. Der Versuch politischer Einflussnahme wurde auch im Hinblick auf die Bestellung Niko Pelinkas zum Büroleiter von Generaldirektor Alexander Wrabetz vermutet. Nicht zuletzt aufgrund des internen Widerstandes der ORF Redakteure hat Pelinka dann seine Bewerbung zurückgezogen. Wie hat man das im Landesstudio wahrgenommen?
Ich konnte den Protest der Kollegen in Wien nachvollziehen, wenngleich ich als Chefredakteurin des ORF Niederösterreich dazu nichts sagen kann. Ich halte den ORF jedenfalls für unabhängig. Wenn im Zuge der Diskussion Forderungen auftauchten, auch das Redakteursstatut zu ändern, halte ich das für unnötig. Es gibt bereits ein sehr gutes, man muss sich nur daran halten! Ich sehe umgekehrt nämlich durchaus die Gefahr, dass wir sozusagen alles zu Tode bürokratisieren. Letztlich geht es um die Eigenverantwortlichkeit der Redakteure, um das Bauchgefühl – da weiß man schon, was anständig ist und was nicht; was man machen darf und was nicht. Wenn diesbezüglich jeder sensibel agiert, dann ist auch die Unabhängigkeit gewährleistet. Die Unabhängigkeit nehmen die Bürger den Medien im Allgemeinen aber nicht ab. Auch dem ORF NÖ wurde bisweilen das Etikett „Pröll-Funk“ umgehängt.
Den Ruf werden wir auch schwer loswerden. Das rührt zum einen aus den politischen Verhältnissen im Land her, wo wir eine absolute Mehrheit einer Partei haben, zum anderen, dass sich der Landeshauptmann als Zuständiger auch in vielen Bereichen persönlich einbringt – nicht nur auf Landes-, sondern auch auf Bundesebene. Nehmen wir die Eröffnung einer Kulturinstitution. Wenn dort der Landeshauptmann als für Kultur zuständiger Politiker präsent ist, wäre es nicht nachvollziehbar, wenn ich ihn nicht zu Wort kommen lasse. Prinzipiell halte ich vom Sekundenzählen – der war so oft im Bild, der so oft – überhaupt nichts! Die Statistik sagt nichts aus. Relevant ist, ob eine Geschichte seriös gemacht war oder nicht. Daran soll man uns und unsere Unabhängigkeit messen. Was waren bislang die bewegendsten Momente Ihrer Karriere?
Ein Highlight war sicher die letzte Gemeinderatswahl, weil diese das erste Großereignis für mich als Chefredakteurin war. Da war schon eine gewisse Anspannung, zum Glück ist aber alles super gelaufen.
Einschneidend war für mich persönlich auch das Hochwasser 2002, als wir vorort waren und übernachtet haben, tagelang den Elementen ausgesetzt, selber „waschelnass“. So nahe am Geschehen kriegt man natürlich viel mehr mit, die Emotionen, die Angst, die Anspannung, als wenn man irgendwo entfernt in einem Studio nur das Material schneidet. Ihre größte Enttäuschung?
Ich wollte einmal zur ZIB 3 als Moderatorin, das war damals aber nicht möglich. Das war schon ein Schmerz, allerdings nicht lange, weil ich dann die Moderation von Niederösterreich Heute angeboten bekommen habe. Ihre Position wird ja oft als Sprungbrett gehandelt. Ihr Vorgänger Richard Grasl ist heute Kaufmännischer Direktor. Haben Sie auch Ambitionen Richtung Küniglberg?
Ich war nie ein Mensch, der Fünf-Jahrespläne schmiedet. Da kann so viel passieren, daher stellt sich diese Frage gar nicht. Wenn man mich irgendwann einmal fragt, und das Angebot gefällt mir, warum nicht. Aber ich bin ja noch nicht solange in dieser Funktion hier, und sie macht mir sehr viel Spaß. So betrachtet drängt es mich aktuell nicht sehr, mich zu verändern. Sie sind seit kurzem Mutter. Wie gelingt es Ihnen Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen?
Zu sagen, es ist ein Honiglecken, wäre gelogen – es bedarf eines hohen organisatorischen Aufwandes, ich schlafe klarerweise weniger – aber das ist es alles wert! Ich habe zum Glück einen super Mann, der mich unterstützt, meine Mama – obwohl sie in Graz wohnt – fährt herauf, wenn Not am Mann ist, und wir haben eine ganz liebe Putzfrau, die sich rührend um die Kleine kümmert und einmal in der Woche aufpasst. Sind Sie nie in die Zwickmühle geraten: Kind ODER Karriere. Keine Panikattacken, wie das alles bewerkstelligbar sein soll?
Natürlich hatte ich während meiner Schwangerschaft so meine „Hormon­abende“, an denen ich alles schrecklich gefunden habe, aber mein Mann hat mich dann immer beruhigt und gesagt, wir werden – im wahrsten Sinne des Wortes – das Kind schon schaukeln. Und so ist es auch. Ich habe einen tollen Chef, der mich unterstützt, und mit Werner Fetz einen großartigen Stellvertreter, auf den ich mich 100%ig verlassen kann. Und die Alternative stellt sich nicht. Im Fall der Fälle würde ich zugunsten der Karriere sicher nie auf ein Kind verzichten. Inwiefern hat sich Ihr journalistischer Blickwinkel verändert?
Natürlich fallen mir jetzt gewisse Sachen und Themen, die sich um Kind und Familie drehen, mehr auf. So wie ein Linkshänder, der eben auch andere Linkshänder eher wahrnimmt. Und der Arbeitsalltag hat sich verändert – ich arbeite aktuell Teilzeit. Außerdem bin ich relaxter geworden. Ich ärgere mich nicht mehr so über gewisse Dinge, bin nicht mehr so verbissen – da muss schon wirklich etwas Schlimmes passieren. Als Frau in einer Führungsposition stehen Sie auch in Sachen Gleichberechtigung an der Front. Wie stehen Sie dazu im „Männerverein“ Medien?
Nachdem ich in eine HTL gegangen bin, wo viel mehr Buben als Mädchen waren, habe ich über das Thema früher eigentlich nie lang nachgedacht. Für mich war es ja ganz selbstverständlich unter Jungs, ich hab mich immer wohlgefühlt. Dass das ein Alleinstellungsmerkmal ist, das ist mir erst viel später zu Bewusstsein gekommen, diese Genderfragen.
Ich habe dann – was mehr ein Zufall war – meine Diplomarbeit über Gendering geschrieben. Das war sehr interessant, ich habe selbst viel gelernt, da ist es mir teilweise wie Schuppen von den Augen gefallen, dass wir Ungerechtigkeiten unhinterfragt zur Kenntnis nehmen, die nicht so selbstverständlich sind. Erst da hab ich mir gedacht, okay, das oder das könnte man anders machen, das ist eigentlich – auch wenn wir es so hinnehmen – ganz und gar nicht so selbstverständlich. Inwieweit nutzen Sie Ihre Führungsposition aus, um auf dieser Front Terrain für die Frauen gutzumachen?
Natürlich versuche ich gewisse Dinge umzusetzen. Es gibt im ORF etwa eine Mentoring-Gruppe, in der ältere Kolleginnen jüngeren helfen, in der man ein Netzwerk bildet. Ebenso einen Frauenstammtisch, eine Art Frauen Taskforce – ich denke, unser Landesstudio entsendet die meisten Frauen dorthin.
Und ich bemühe mich, diese reflexhaften Dinge abzustellen. Etwa, dass man zu einer Ballberichterstattung automatisch eine Frau hinschickt, und zu Wirtschaftsthemen einen Mann.

Zur Person:
Steirergirl are very good...
Dass Christiane Teschl, Jahrgang 1973, aus Graz kommt, würde man aufs erste „Hinhören“ nicht vermuten. Nach fast 25 Jahren Assimilation in den Untiefen Niederösterreichs und Wiens wurde jegliches steirische Idiom, vulgo „Bellen“ – so sie es überhaupt jemals besessen hat – erodiert.
Ebenso wenig hat Teschl als junges  Mädchen in der Steiermark wohl vermutet, dass sie dereinst zu den führenden Journalisten Niederösterreichs avancieren würde, auch wenn das Elternhaus eine publizistische Laufbahn durchaus nahelegte: Teschls Vater war lange Zeit Journalist bei der „Südost Tagespost“, später Pressesprecher von Steyr Daimler Puch. „Als Kind hat mir getaugt, dass der Papa so viele Leute kennt – jeder hat gewusst, wer ‚der Teschl‘ ist. Außerdem sind wir, weil er auch das Ressort ‚Motorsport‘ über hatte, immer in den neuesten Testautos vor der Schule vorgefahren.“ Den Drang, deshalb selbst einmal der schreibenden Zunft angehören zu wollen, verspürte sie allerdings nicht. „Ich habe alles aufgesogen, aber nicht in dem Sinne, dass ich das auch einmal werden möchte. Vielleicht war mein Interesse an Geschichten eine unbewusste Folge?“
Auch die Schullaufbahn lässt auf die spätere Berufung keine Rückschlüsse zu. Nach der Volksschule besucht Teschl ein „Gymnasium für Wirtschaftliche Frauenberufe“, im Anschluss verschlägt es den Teenager nach Krems/Donau an die „HTL für Restaurierung und Ortsbildpflege“. Wie das? „Weil es mir ein Berufsberater eingeredet hat, nachdem der Berufseignungstest die Interessen Technik und Kreativität ausgespuckt hat“, lacht Teschl. „Mit 14 habe ich das nicht weiter hinterfragt – da ist man ja obrigkeitsgläubig.“
Dabei möchte Teschl die Kremser Zeit keinesfalls missen, weil sie „ohne Zweifel sehr zu meiner Selbständigkeit beigetragen hat. Und ich habe – unbewusst – gelernt, mich in einer Männerdomäne durchzusetzen.“ Gerade einmal drei Mädchen maturieren in ihrem Jahrgang!
Nach der Matura studiert Teschl in Wien, wo sie nach einem Kurzgastspiel „Technische Chemie“ schließlich am Publizistikinstitut landet. Also doch Journalismus! Allerdings weniger aus idealistischen, denn mehr pragmatischen Gründen. „Ich dachte mir, das Studium ist leicht und geht schnell.“Tja, könnte man ironisch einwenden, so kann man sich täuschen. Tatsächlich sollte es 32 Semester dauern, bis Teschl ihr Magister-Diplom in Händen hält. Freilich nicht etwa, weil sie zur Fraktion „Bummelstudent“ zählt, sondern weil sie nebenbei jobbt. „Ich habe als Wurtsverkäuferin im EMMA-Laden gearbeitet, News auf Messen verteilt, beim Donaufestival geflyert und so Sachen.“ Schließlich landet sie beim ORF NÖ und bleibt, wie man so schön sagt, picken. Der Nebenjob wird zum Brotberuf. Ab 1998 arbeitet sie für den aktuellen Dienst, 2010 avanciert sie zur Chefredakteurin.
„Zwischendurch“ heiratet sie ihre Jugendliebe aus der Schulzeit und wird im Vorjahr Mutter. „Ich war früher nie der Typ, der unbedingt ein Kind wollte. Aber jetzt, da Ida da ist, kann ich es mir ohne sie überhaupt nicht mehr vorstellen!“ Für persönliche Freizeit bleibt aufgrund der Doppelbelastung Job und Kind kaum Zeit, Hobbies wie Laufen oder Golfspielen stehen auf Standby, „aber das macht nichts!“ Auch ihre Lesegewohnheiten hat die passionierte Querleserin, „meistens les ich 17 Sachen gleichzeitig“ angepasst – Bücher und Zeitungen werden aufs iPad heruntergeladen und abends im Bett konsumiert, „weil da muss ich nicht das Licht einschalten und weck die Kleine nicht auf.“ Und noch einen Zeitvertreib gönnt sie sich nach wie vor. „Ich stricke!“ Was genau? „Alles Mögliche – Hauben, Schals, Handschuhe. Es wird zwar meist nicht so, wie ich es mir vorstelle, aber ich brauche etwas, um meine Hände zu beschäftigen“, lacht sie.
Bleibt zuletzt die „Gretchenfrage“: „Christiane, wie hältst du‘s mit Radio und Fernsehen?“ Diesbezüglich ist Teschl, wenig überraschend, bekennende ORF-Jüngerin. „Im Auto höre ich in der Früh Radio NÖ, danach Ö1!“ Punkto Fernsehen streamt sie sich in der TVthek die ZIB, und manchmal geht sie dem Arbeitgeber dann doch fremd „und zappe einfach so durch.“ Wenn sie nicht ohnedies schon vorher todmüde eingeschlafen ist.