MFG – Das Magazin – Poetik des Theaters


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St. Pöltens gute Seite

Poetik des Theaters

Text Johannes Reichl
Ausgabe 12/2011

Es ist ein nebeliger, nasskalter Novembertag, als wir an der Wohnung von Kostümbildnerin Aleksandra Kica läuten. Nicht gerade Wetter, das die Stimmung hebt, und doch schlägt diese sofort um, als wir ihre „Arbeitswohnung“, wie sie sie selbst nennt, betreten.

Aus der Konserve raunt Marlene Dietrich und erfüllt den Raum bis in den letzten Winkel mit ihrem unverwechselbaren Timbre. Eine Modepuppe steht im Zimmer, ein weiß getünchtes Hochbett bildet ein kuscheliges Dach über einer darunter befindlichen Couch, auf der einen Seite des Raumes räkelt sich lasziv eine Venus auf einem Gemälde, während gegenüber die Heilige Mutter Maria das Jesuskind in Händen hält. Konsequent ist da nur, dass Kica den Kaffee nicht zeitgeistig aus der Nespresso-Maschine herunterdrückt, sondern noch klassisch mit der Espresso-Maschine aufkocht, Kekse auf einem mit Goldrand verzierten Porzellanteller serviert und der Tisch keine vier Beine hat, sondern eine Hutschachtel darstellt, neben der wir uns gemütlich am Boden niederlassen.
Die Gastgeberin selbst, der Chic ihrer Kleidung, die sie – wie sie verrät – „selbst schneidert“, fügt sich perfekt in dieses poetische Ambiente,   das einem eher die romantische Vorstellung einer Pariser Bohème-Wohnung vermittelt, denn einer Garconnière am Wiener Fleischmarkt. Die Polen-Connection
Dabei liegen Kicas Wurzeln weder an der Donau, noch an der Seine, sondern in Polen. Der Vater kommt von dort, die Mutter ist Deutsche. Die Tochter wird zwar bereits in Deutschland geboren, „ich war sozusagen ein typisches Flüchtlingskind“, nach zehn Jahren übersiedelt sie aber nach Polen, wo sie bis zu ihrer Volljährigkeit aufwächst. „Aus dieser Zeit stammt wohl auch mein Faible für die großen russischen Autoren – das ist so eine Art Obstblock-Nostalgie“, lacht sie. Sie besucht eine Klosterschule – eine prägende Zeit, die sie noch Jahre später in ihren Kostümen oder auch in der Diplomarbeit für die Modeschule verarbeitet: „Wir konnten uns ein Thema frei auswählen, ich nahm ‚Zölibat‘, schneiderte so Kuttenteile mit Tellern. Ich finde Nonnen ja sehr elegant.“ Auch wenn die Schule sehr konservativ ist, gewisse Filme und Bücher quasi am Index stehen, so ist es gerade die Literaturlehrerin, die Kica für das Dramatische begeistert, „weil sie uns beigebracht hat, die Texte zu fühlen.“
Selbstverständlich spielt auch das Elternhaus eine entscheidende Rolle. Vater Janusz Kica ist der bekannte Theaterregisseur, über ihn schnupperte sie schon als Kind Theaterluft, lernte manch berühmten Theatermacher aus der Nähe kennen. Die Mutter wiederum „nahm mich oft auf den Restplatz zu Aufführungen von Pina Bausch mit!“ Wiener Lehrjahre
Nach der Schule geht Kica nach Wien, „weil mir in Polen das Herzen gebrochen worden war und ich einfach nur wegwollte.“ In der Donaumetropole verbringt sie die erste Zeit mehr im Kinosaal als anderswo – eine erste Heimat in der fremden Stadt. „Filme haben mein Leben immer beeinflusst! Bis heute zählen Jim Jarmusch, Martin Scorcesse und Roman Polanski zu ihren Heroen. „Ihre Bildsprache ist grandios, die Art, wie sie etwas erzählen – gerade durch das, was sie nicht zeigen!“ Selbst einmal für den Film als Kostümbildnerin zu arbeiten reizt sie allerdings wenig, „das wäre mir zu langweilig. Später vielleicht einmal.“
Zur damaligen Zeit ist Kica jedenfalls so film­affin, dass sie Filmkritikerin werden möchte, es aber aus Selbstzweifel, „weil ich dachte, dass mein Deutsch nicht gut genug ist“ bleiben lässt.
Stattdessen landet sie in der Modeschule Herbststraße, nachdem sie vorher freilich einen schicksalhaften Zwischenschritt am Theater einlegt: Über ihren Vater hat sie Isabella Suppanz, damals Dramaturgin an der Josefstadt, kennengelernt, die ihr empfiehlt die Zeit vor dem Start der Modeschule als Voluntärin am Theater zu nutzen. Kica nimmt an – und fängt Feuer. Vor allem das Kostümwesen hat es ihr angetan, auch wenn sie dort so aufregende Tätigkeiten wie Sockenwaschen verrichten darf.
Und so beginnt sie die Modeschule bereits mit dem festen Vorsatz, nicht etwa Modedesignerin, sondern Kostümbildnerin zu werden. „Prinzipiell hatte ich mit Mode vorher ja überhaupt nichts am Hut. Als Jugendliche hab ich mich sogar ganz unvorteilhaft gekleidet. Blaues Zellophan, eine Art Bälle am Kopf, pinke Haare, dazu Doc Martens – davon hatte ich 12 verschiedene Paare“, schmunzelt sie.
Heute hingegen näht sie nicht nur ihre Kleidung selbst, sondern legt auch bei den Kostümen – keine Selbstverständlichkeit, wie man als Laie meinen könnte – immer wieder selbst Hand an, setzt sich in den diversen Theaterschneidereien schon mal an die Nähmaschine „bevor ich langwierig erkläre, wie ich es meine.“ Bei den Schneiderinnen hat ihr dies einen guten Ruf eingebracht, „weil ich die Fachbegriffe kenne, oft mit Werkzeichnungen aufmarschiere und daher sehr genaue Anweisungen geben kann.“
Ihren aktiven Einstieg in die Theaterwelt findet die Modeschülerin über das Max Reinhard Seminar, wo sie als Kostümbildnerin für diverse Studentenproduktionen mitarbeitet. „Damals habe ich enorm viel gelernt. Das Reinhardt Seminar ist ja besser ausgestattet als jedes Theater, außerdem durfte man Fehler machen, konnte viel ausprobieren.“ Ebenfalls nicht unwesentlich sind die Kontakte, die sie in dieser Zeit mit heute gestandenen Schauspielern, Regisseuren etc. knüpft. Mit vielen von ihnen arbeitet sie bis heute zusammen, umgekehrt hat sie den vielleicht einfacheren Weg, das Netzwerk des Vaters auszunützen, immer ausgeschlagen. Witzig ist daher,  dass Kica und Kica heuer erstmals für die Produktion „Einsame Menschen“ am Landestheater zusammenarbeiten. „Ich habe ja so meine Zweifel, ob das funktioniert. Aber man muss halt abstrahieren, professionell sein. Das wird mir schon gelingen“, meint Kica, und fügt schelmisch hinzu, „aber ob es auch meinem Vater gelingt, da bin ich mir nicht so sicher.“
Bereits im Zuge der Ausbildung werden die Aufträge fürs Theater so umfangreich, dass Kica das Studium zugunsten der Arbeit hintanstellt. Mittlerweile hat sie für 33 Produktionen die Kostüme entworfen, darunter namhafte Adressen wie Josefstadt, Schauspielhaus Wien, Landestheater Vorarlberg, Landestheater Niederösterreich, Projekte im Zuge von Linz 09 oder auch Stationen im Ausland, wie etwa Amsterdam, Edinburgh oder Chicago, „wo es schon vorgekommen ist, dass neben dir plötzlich Philip Seymour Hoffman gestanden ist.“ Dienstleister
Kica hat dabei ihre ganz eigene Arbeitsmethode entwickelt. Sie saugt ein Stück richtiggehend auf. „Der Text ist enorm wichtig für mich. Ich muss wissen, was das für Leute sind, die vorkommen, brauch eine Geschichte zu ihnen.“ Zwecks Inspiration kann es dann schon vorkommen, dass sie sich in die Bibliothek der Angewandten Kunst zurückzieht, freilich nicht um irgendwelche Modefotos zu studieren, sondern Situationen „wie etwa Menschen an einem Tisch zusammen sitzen. Ich muss verstehen, welche Atmosphäre da herrscht.“
Die Arbeit an einer Produktion beginnt für sie oft schon ein Jahr vorher, wobei sie es schätzt, sich mit dem Regisseur auszutauschen. „Mit Stefan Jäger etwa habe ich mich bei der letzten Produktion einmal die Woche getroffen. Da haben wir gemeinsam den Text laut gelesen, sind Szene für Szene durchgegangen!“
Auf dieses „Studium“ fußend entwickelt Kica ihre Entwürfe, steckt Stunde um Stunde hinein, arbeitet oft nächtelang bis zum letzten Moment durch und fiebert der 0er Probe entgegen, wenn die Teile erstmals auf der Bühne unter „Realbedingungen“ getragen werden. „Das ist immer ein Überraschungsmoment, weil man ja nie weiß, ob es so wirkt, wie man es sich vorgestellt hat.“ Passt alles, gelingt die Premiere, dann „ist das ein unglaubliches Glücksgefühl!“
Ungehalten reagiert Kica hingegen auf Respektlosigkeit. „Ich erinnere mich an einen Schauspieler, der nach einer Szene ein Kostüm einfach achtlos irgendwo hingeschmissen hat  – mein Kostüm, in dem ja mein ganzes Herzblut steckt. Du bist ja quasi selbst das Kostüm.“ Kica reagierte auf ihre Weise. „Als der Schauspieler dann seinen Text sprach, fingierte ich einen Anruf und begann ganz laut zu telefonieren, so dass er aus dem Konzept kam und verstand, was Respektlosigkeit ist.“
Respekt hält die Kostümbildnerin für eine der Schlüsseleigenschaften überhaupt! In diesem Sinne versteht sie sich „auch weniger als Künstlerin, denn als Dienstleisterin. Es geht darum, die Schauspieler ernst zu nehmen, sie gut zu betreuen. Von mir bekommt ein Schauspieler niemals ein Kostüm, in dem er sich nicht wohlfühlt!“ Kica versucht auf die Mimen einzugehen, ihnen – auch kostümtechnisch – entgegenzukommen. „Wenn es etwa um eine erotische Szene geht, bitte ich sie oft, mir Sachen mitzubringen, die sie persönlich erotisch finden, denn das ist ja eine sehr individuelle Angelegenheit.“ Damit trägt sie ohne Zweifel entscheidend zum Gesamterfolg bei, „denn ein Kostüm kann noch so schön sein, aber wenn es der Schauspieler ungern trägt, beeinträchtigt das sein gesamtes Spiel.“
Was wiederum dem abträglich ist, was die Künstlerin – natürlich ist sie eine! – als wichtigsten Aspekt des Theaters begreift. „Poetik! Das Theater muss ein Ort der Verzauberung sein! Selbst wenn ich ein total modernes Stück inszeniere, muss diese spürbar sein.“
Wobei da noch mehr ist. Denn diese Poetik scheint überhaupt ein Grundwesenszug Kicas zu sein, wenn man ihre, den trockenen Terminus „Arbeitswohnung“ ganz und gar nicht verdienende Garconniere als Indiz dafür gelten lassen möchte. Und die Verzauberung funktioniert auch in Realität, denn als wir nach dem Gespräch – unbewusst Dietrichs „Lili Marleen“ summend – wieder in den nasskalten Nebel hinaustreten, kann uns das die gute Laune beim besten Willen nicht verderben.