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St. Pöltens gute Seite

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Text Michael Müllner
Ausgabe 03/2012

Selbst beharrliche Facebook-Verweigerer wissen heute recht gut über den Platzhirsch im „Social Media“-Wald Bescheid. Scheinbar gibt es vor Facebook kein Entkommen, schon gar nicht für Personen des öffentlichen Lebens – wozu wir wohl auch unsere Lokalpolitiker zählen dürfen. Doch was treiben deren virtuelle Abziehbilder eigentlich so im „world wide web“?

Im St. Pöltner Gemeinderat sind SPÖ, ÖVP, FPÖ und die Grünen vertreten, auf Facebook haben aber nur Grüne und FPÖ eigene Seiten für ihre Stadtparteien eingerichtet. Immerhin sind die führenden Parteivertreter mit eigenen Profilen bzw. Fanseiten mit von der Partie.
Bürgermeister Matthias Stadler (SPÖ) kommt auf rund 3.650 Freunde, von den Lokalpolitikern nutzt er sein Facebook-Profil am intensivsten – oder lässt es durch seinen Kommunikationsstab im Rathaus betreuen. Neben unverfänglichen Fotomarkierungen und Lobhudeleien finden sich auch ernsthafte Fragen bzw. Anregungen von Bürgern: Egal ob "Chaos pur" beim Bahnhof zur Rush-Hour, Parkplatzmangel in der Park-&-Ride-Anlage oder nicht vorhandene Tanzlokale für reifere Single-Damen – die Chance, dass Stadler auf ein Posting reagiert, ist groß. So wollte Michael Stern am 9. Dezember vom Bürgermeister wissen, was er von einem Youtube-Video hält, bei dem in einer deutschen Talkshow über „Spekulanten“ und die Euro-Rettung gestritten wurde. Immerhin nach fünf Tagen antwortete Stadler: „Geschätzter Herr Stern, das kapitalistische System befindet sich in der Tat in einer massiven Krise, die wir nun alle – bis auf die untersten Ebenen – ausbaden müssen. Eigentlich kommt die derzeitige Situation einem Scheitern des kapitalistischen Systems gleich, weshalb ich dafür eintrete, diesem System dringend Einhalt zu gebieten und in die Schranken zu weisen.“ Bei globalen Fragen lehnt sich St. Pöltens Bürgermeister also recht weit hinaus – und sieht den Kapitalismus als gescheitert. Venezuela’s Hugo Chavez sagte das übrigens schon 2005. Da soll einer noch die Politiker als mutlos schelten. Etwas pragmatischer gibt sich Matthias Stadler aber, wenn es um seinen direkten Verantwortungsbereich geht. Auf die Frage, wieso sonntags keine LUP-Busse fahren, erklärt er: „Eine Ausweitung der Betriebszeiten wäre ganz im Sinne der Stadt St. Pölten, ist jedoch derzeit nicht finanzierbar.“ So einfach ist das.
Doch St. Pöltens Politszene bietet noch einen Matthias auf, schauen wir doch zu Matthias Adl von der ÖVP. Seine Facebook-Fanseite kommt auf bescheidene 200 Leute und im Jänner 2011 hatte der Vizebürgermeister gerade mal ein Posting für uns: „Gerade wird im Gemeinderat mal wieder über das Frequency von Seiten der SPÖ polemisiert ... Klar ist: wir freuen uns über und auf das Festival, jedoch muss sichergestellt werden, dass der Müll nach dem Festival wieder weg ist. Ganz einfach.“ Das reicht immerhin für 12 „Likes“. SPÖ und ÖVP verzichten auf eigene Facebook-Seiten ihrer Stadtparteien. Man könnte meinen, dass die Parteien das Internet (noch) den jungen Vorfeldorganisationen überlassen. Die Junge Volkspartei (JVP) und die Sozialistische Jugend (SJ) sind auf Landes- und teilweise Bezirksebene aktiv und schaffen es ihr Netzwerk auch virtuell abzubilden.
Die FPÖ ist mit einer eigenen Facebook-Seite für die Stadtgruppe St. Pölten vertreten, bescheidene 111 Fans haben das geliked und lesen dort in erster Linie Statusmeldungen ihres Klubobmanns Klaus Otzelberger. Der publiziert dafür regelmäßig freiheitliche Presseaussendungen und Blog-Einträge auf seiner Website. Die eigentlichen Stärken von Facebook nutzt nur FPÖ-Frontrunner Otzelberger.
Bleibt abschließend ein Blick zu den Grünen. Eine offene Gruppe (jeder kann mitmachen) namens „Die Grünen St. Pölten“ kommt auf 100 Mitglieder, auf der Facebook-Seite „Die GRÜNEN St. Pölten“ erfahren rund 130 Fans zumindest gelegentlich etwas halbwegs Neues (beispielsweise, dass Nicole Buschenreiter statt Cagri Dogan als neue Gemeinderätin angelobt wurde). Ist man mit den Grünen Gemeinderätinnen „Nici Buschenreiter“ und „Julia Johanna Schneider“ befreundet, erfährt man etwas mehr über deren (politische) Interessen, rund um den Stadtparteitag Ende Februar kam etwas Leben in die Sache. Von einem Ausschöpfen der Möglichkeiten sind St. Pöltens Politiker generell aber noch einige Klicks entfernt. Infos zum Thema:
FACEBOOK? HÄ?!
Facebook ist eine Online-Community zum Pflegen eines sozialen Netzwerks – eben online über das Internet. Als Nutzer erstellt man ein Profil, füttert es mit persönlichen Daten und teilt eigene Inhalte (beispielsweise Fotos oder Statusmeldungen) mit seinen Freunden bzw. der Öffentlichkeit. Facebook wurde 2004 in den USA gegründet, die Firma kündigte im Februar 2012 ihren Börsegang an. Rund 850 Millionen aktive Nutzer machen das Netzwerk zu einem attraktiven Umfeld für Werbung. Damit verdiente Facebook im Jahr 2010 rund 2 Milliarden US-Dollar.
Neben der Möglichkeit ein „Profil“ zu erstellen (was laut Nutzungsbedingungen nur echten Menschen unter ihrem echten Namen gestattet ist) können auch Organisationen (Verein, Unternehmen, Markenname etc) eine virtuelle Existenz (sogenannte „Seite“) schaffen. Bei ungefähr 5.000 Freunden ist Schluss, darum wählen Personen des öffentlichen Interesses (wie Politiker, Sportler und Künstler) meist „Seiten,“ auf denen sie eine unbegrenzte Anzahl an „Fans“ haben können. Der populärste Österreicher ist übrigens Michael Niavarani mit 176.904 Fans gefolgt von der Kunstfigur "Robert Heinrich I." mit 118.239 Freunden. Dann kommt schon der erste "echte" Politiker mit 108.668 Freunden – sein Name: HC Strache. WAS MÖGLICH WÄRE
Seit letztem Nationalfeiertag ist Bundeskanzler Werner Faymann auf Facebook. Rund 180.000 Euro soll der Bauchfleck, bei dem die Postings nicht so recht rüberkommen wollen, kosten. Scheinbar beherrscht das "Team Bundeskanzler" die „Facebook-Sprache“ nicht: Ein Posting sollte sich eben nicht wie ein Grußwort oder ein Inseratentext für  "Krone", "Heute" oder "Österreich" lesen. Der offizielle Bundeskanzler vereint 5.882  Fans auf seiner Seite, die Satire-Seite „Werner Failmann“ schafft locker 13.142 Fans.
HC Strache ist der bei weitem populärste heimische Politiker auf Facebook. 108.668 Fans lesen Einträge wie: „Diese rot-schwarze EU-Sekte, welche unsere österreichischen Interessen permanent ausverkauft, […] wird am kommenden Wahltag die Rechnung präsentiert bekommen! Aus Liebe zur Heimat - FPÖ!“ 1.063 Leuten gefällt dies. Auch ein Foto mit einem vermummten Strache auf Brettern samt Haube und Skibrille findet Anklang. Passender Beitext zum Foto: „Unsere österreichische Bergwelt und Natur ist ein Traum!“. 1.076 Likes. So einfach ist das.
Philipp Hummer von www.ninc.at schuf vor Kurzem aus einer spontanen Emotion (gefühlter Kälte) heraus eine der erfolgreichsten Web-Kampagnen hierzulande. "Bitte ÖBB! Lasst bei dieser Kälte über Nacht die Bahnhöfe offen" traf einen Nerv – kalt war uns immerhin allen, und nur zu gut konnte man sich vorstellen, wie lebensbedrohlich dies für die Ärmsten der Armen ist. Schon kurze Zeit später unterstützten Tausende die Seite – und die ÖBB hielten offen. Hummer: "Social-Media-Kommunikation ist keine statische Einbahnschiene, man muss Kampagnen laufenend anpassen, indem man Ideen der Community aufnimmt. Nach einer gut formulierten Erstinformation führt dann eine 'Do you want to know more?'-Funktion interessierte Leute weiter. Jede Kommunikationsstrategie braucht viel Arbeitszeit, darum macht es immer Sinn Profis mit einem Budget auszustatten." In Österreichs Politik findet Hummer "fast nur Negativbeispiele: falsche Kommunikationsstile, peinliche Fauxpas oder mangelnde Transparenz. Die stärksten Pages werden weltweit immer durch die User selbst erschaffen – oft kann die Politik darauf nur reagieren. Da gute Social-Media-Arbeit ehrlich überzeugen muss, kann sie auch nicht nebenbei von einem Praktikanten in der Parteizentrale gemacht werden."