MFG – Das Magazin – Bernhard Moshammer: He walks the line...


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Bernhard Moshammer: He walks the line...

Text Thomas Fröhlich
Ausgabe 12/2010

Er schreibt melancholische Theaterstücke über die Einsamkeit, einen mitreißenden Roman über Musiker und Möchtegern-Terroristen, spielt countryfizierten Pop und jammt mit Patti Smith im Burgtheater. Er heißt Börn, Rotkopf und manchmal auch Bernhard Moshammer. Gründe genug, mit dem gebürtigen St. Pöltner ein Gespräch zu führen: über das Schreiben, das Leben, die Zusammenarbeit mit Heldinnen und die Unmöglichkeit, Literaturzeitschriften zu lesen.

„Das hier ist meine letzte Vorstellung ... Lässt mich denken, dass alle Autoren dasselbe schreiben, in ihren elendslangen Litaneien immer die gleiche Wahrheit aufdecken wollen und hinter allem Alltäglichen, unter jeder Oberfläche die Hölle selbst zu erkennen vorgeben. Das ist lächerlich.”
Aus "Wir spielen hier keine Blockbuster
"

Im St. Pöltner Forum-Kino führt die Theatergruppe Perpetuum derzeit mit großem Erfolg Bernhard Moshammers Stück „Wir spielen hier keine Blockbuster” auf, gewitzt-melancholischer Monologe über Einsamkeit, übers Theater und übers Kino. Zuvor schon hatte der 1968 in St. Pölten geborene Autor die Truppe mit dem Ein-Personen-Highlight „In the Kitchen” versorgt. Was nicht zuletzt an seiner Freundschaft zum Perpetuum-Mimen und -Regisseur Georg Wandl liegt, wie Moshammer mir bei unserem Treffen im Wiener Beisl Tachles im Karmeliterviertel, nahe seiner Wohnung, verrät. Er selbst sei – hauptsächlich wegen seiner jetzigen Ehefrau – schon vor Jahren nach Wien gegangen. Zu St. Pölten habe er ein ungetrübtes, aber distanziert-unsentimentales Verhältnis: „Grad mit Georg Wandl hab‘ ich regelmäßig Kontakt. Okay, meine Eltern leben auch da, aber sonst ...” Und gelegentlich bespielt er ja auch seine Heimatstadt.

Es war einmal Espresso
Dabei gehört Moshammer sozusagen zum St. Pöltner Urgestein in Sachen Popmusik. In den 80ern war er nämlich Bassist bei der hiesigen Popband Espresso, die ja bekanntlich auch überregional für Furore sorgte. Und das, obwohl deren Sänger – nach Aussage von Zeitzeugen – einen eher „kreativen“ Umgang mit der englischen Sprache gepflegt haben dürfte. Moshammer sieht sein damaliges Tun überhaupt recht differenziert: „Es war eben typischer 80er-Pop.“ Dem er damals durchaus etwas abgewinnen konnte. Doch forderten recht bald seine Vorlieben, etwa für Neil Young oder Elvis Costello, ihren Tribut – und damit wiederum konnte offenbar keiner seiner Mitstreiter etwas anfangen.
Anfang der 90er Jahre zog Moshammer, der neben dem Bass hauptsächlich Gitarre und Ukulele (!) spielt, dann nach Wien, wo er einige Jahre in der Band von Andy Baum umtriebig war. 1996 war es dann soweit: Unter dem Pseudonym Rotkopf erschien seine erste eigene CD. Es wäre gelogen zu sagen, es hätte sich um einen durchschlagenden Erfolg gehandelt. Als „Börn“ sah es zu Beginn der Nullerjahre schon besser aus. Sowohl seine Solo-CD als auch seine Kooperation mit der Singer/Songwriterin Mika Vember stießen mit ihrer eigenwilligen und sofort ins Ohr gehenden Mischung aus Folk, Country und frei schwebendem und zugleich geerdetem Pop auf mehr als nur Anerkennung. Da war eine unverwechselbare Stimme in der österreichischen Popgeografie aufgetaucht, die Erinnerungen an Bob Dylan, Neil Young oder auch Johnny Cash wachruft und gleichzeitig völlige Eigenständigkeit besitzt. Nicht nur beim St. Pöltner Höfefest durfte man sich live davon überzeugen.

Die literarische Ader
Genauso verhält es sich auch mit Moshammers literarischem Output. Zur Literatur, überhaupt zum Lesen, kam er relativ spät, „erst so mit 17.“ Davor waren – und sind – Musik und Film seine großen Lieben. Während seine Musik aus der Nach-Espresso-Ära immer schon recht textlastig war, verfügen seine Theaterstücke wiederum über ein starkes Songwriter-Element und eindeutig filmische Qualitäten. Was auch auf seinen 2009 im Milena-Verlag erschienen Erstlingsroman „Zeit der Idioten” zutrifft.
Dabei hatte es schon so ausgesehen, als würde gar nichts daraus werden.
„Ich habe immer noch Hemmungen zu sagen: Ich bin Schriftsteller.” Jahrelang habe er Absagen erhalten, „und irgendwann pfeifst dann drauf.” Doch Vanessa Wieser, Geschäftsführerin des Milena-Verlages, sei sofort auf sein Manuskript angesprungen. „Wenn das nichts geworden wäre, hätte ich wahrscheinlich den Hut aufs Schreiben g‘haut.” Was inzwischen aber angesichts des Erfolges seines spannend-skurrilen Romandebüts um einen Musiker, der – aus Liebe –  in die Nähe einer terroristischen Vereinigung gerät, mehr als unwahrscheinlich ist. Ein weiteres Buch ist schon in der Pipeline und wird ebenfalls demnächst im Milena-Verlag erscheinen.
„Ich bin kein Intellektueller,” setzt Moshammer hinzu, „ich hab‘ mir zweimal eine Literaturzeitschrift gekauft; aber das, was da drinnen steht, interessiert bestenfalls die Schreiber selber – und vielleicht deren Eltern. Also hätte ich auch in der Zeit, als ich schriftstellerisch überhaupt keinen Erfolg hatte, nie für Literaturzeitschriften schreiben wollen.” Wo er sich selbst innerhalb der österreichischen Literaturlandschaft sähe? „Keine Ahnung.“
Aber auch am etablierten Theaterbetrieb lässt Moshammer kein gutes Haar. „Da wird sooo g‘scheit daherg‘redt – was die von einem Autor alles wollen, ideologisch und so. Und manche Autoren wollen auch zuviel und bringen das dann aber eh nicht. Ich selbst hab‘ nicht das Bedürfnis, ‚große‘ Literatur zu machen.” Er wirkt dadurch glaubhafter und authentischer als so mancher sich selbst überschätzender Kollege. Und auch wenn er kein Krimileser ist, schätzt er neben Thomas Bernhard und dem zu Unrecht beinahe vergessenen Friedrich Dürrenmatt die „gut geschriebene Story”, wie sie im angloamerikanischen Raum gepflegt wird.

one night with patti smith
Und wie war das jetzt mit der Rock-Ikone Patti Smith? Moshammer lacht: „Ich bin seit zehn Jahren Musiker am Burgtheater. Und eines Tages, es war am Wochenende, ruft mich der musikalische Leiter an und fragt mich, was ich grad so tu‘, Nix, sag‘ ich. Gut, sagt er, bring die Gitarre mit, kannst mit der Patti Smith spielen.” Ihm blieb die Luft weg. Das war 2006, im Rahmen von Christoph Schlingensiefs im Burgtheater inszeniertem Kulturhappening „Area 7”. Moshammer blickt ein wenig versonnen drein, als er weiter erzählt: „Wir haben eine dreiviertel Stunde in der Garderobe geübt – und dann raus auf die Bühne. Es war wunderbar. Sie ist eine meiner großen Heldinnen, ich bewundere sie sehr, auch wie sie – würdevoll – altert.”

Wider die Klischees
Moshammers Zukunft sieht jedenfalls auch nicht übel aus. Ein „Heimspiel“ findet demnächst im Cinema Paradiso statt, eine weitere Börn-CD ist im Fertigwerden, sein „Kurzer Roman über die Liebe” wird  demnächst das Licht der Buchhandlungen erblicken – und das Wichtigste seien sowieso „meine Frau und meine zwei Kinder.”
Wieso man sich von Pop-Künstlern eigentlich immer irgendwelche Exzess-Geständnisse oder wenigstens gewichtige Vorschläge zur Weltverbesserung erwartet?
Bei Moshammer ist man bei derlei definitiv an der falschen Adresse: „Was ich loswerden will, schreibe ich in meine Songs und meine Bücher.”

„So what if we meet / Somewhere in space? / And what if we win / The fucking human race?”
Aus "Wir spielen hier keine Blockbuster
"

Alles klar – Botschaft angekommen.
Und jetzt zur Ukulele …