MFG - Her mit der Marie!
Her mit der Marie!


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Her mit der Marie!

Text Rosa
Ausgabe 01/2005

Die Cinema Paradiso-Diskussion hat auch eine Diskussion um die Kultursubventionspolitik losgetreten. Wir machten uns schlau.

„Förderungskaiser“ ist das nunmehrige Landestheater mit insgesamt 3,35 Millionen Euro öffentlicher Betriebssubvention, wohingegen sich das Paradiso mit seinen rund 98.000 Euro im Jahr 2004 (womit man aber nicht durchkam!) minimal gibt. Keine explizite Betriebssubvention erhielt das VAZ St. Pölten, mit über 370.000 Besuchern „Quotenkaiser“ (freilich inklusive nichtkulturellen Veranstaltungen), allerdings wurde man von der Tourismuskommission mit 20.000 Euro bedacht!  Der größte Batzen des Stadtkulturbudgets, über 320.000 Euro, fließt in die KUSZ (Festspielhaus, Bühne im Hof). Bereits an zweiter Stelle folgt das Cinema Paradiso mit 53.000 Euro. Die restlichen Fördergelder reichen von 216 Euro bis 3.000.  Offizielle Förderrichtlinien vermisst man, diese sollen aber „amtsintern existieren. Es ist aber so, dass ein Großteil der Fördermittel für die kulturelle Jahrestätigkeit von Vereinen und Institutionen fix gebunden ist - der Betrag für freie Projekte ist dadurch sehr eingeschränkt. Prinzipiell bemühen wir uns um Vergabe von Förderungen auf breitester Ebene. Tatsächlich weisen wir nur in ganz wenigen Fällen Ansuchen ab.“, so Kulturamtsleiter Dr. Thomas Karl. Das Förderspektrum reicht von Beiträgen zu Ausstellungen, Konzert-, Literatur- und Theaterprodukionen über den Ankauf von CD’s und Büchern bis hin zur Unterstützung von Festen oder der Vergabe von Förderpreisen. Nachzulesen ist dies übrigens, was von Transparenz zeugt, im statistischen Jahresbericht der Stadt! Stadttheater - Where Have All The Euros Gone? Was auch nachzulesen war, aber offensichtlich nicht wirklich realisiert wurde, ist die Tatsache, dass mit Übergabe des Stadttheaters an das Land zwar 1,387 Millionen vermeintliche Kultureuros freiwurden, diese aber sogleich im Budgetloch der Stadt verschwanden. Für Clemens Kopetzky vom cinema paradiso der eigentliche „Skandal. Wo waren die Leute, die hier aufgeschrieen haben?“ Dass sich die Stadt damit von ihrem Kulturauftrag verabschiedet hat, weist Dr. Karl entschieden zurück: „Die Stadt ist weiterhin Ansprechpartner für das gesamte kreative Künstlerpotential und tritt als Veranstalter auf. Außerdem setzen wir mit der Errichtung des Jugendkulturzentrums, der Erneuerung des Stadtmuseums, der Schaffung einer neuen zeitgemäßen Zentrale der Stadtbibliothek eine Reihe richtungsweisender Akzente.“ Eines bleibt trotzdem Tatsache: Mit den verbleibenden 4,3 Millionen Euro Kulturbudget liegt man im Städtevergleich einigermaßen zurück. Während St. Pölten 2005 knapp 3,5% des Gesamtbudgets in die Kultur pumpt (etwas mehr als Wr. Neustadt mit 3,35%), hat Krems dafür 5,6% budgetiert – ein As im Ärmel des „Kulturhauptstadt-Poker“. Im Vergleich zu anderen Landeshauptstädten wird der Unterschied noch krasser: Linz beispielsweise ist die Kultur 6,83% wert, der Festspielstadt Salzburg 5,83% und Graz 6,91 %. Was das Land in St. Pölten fördert „Seitens des Landes Niederösterreich sind in St. Pölten keine Kürzungen vorgesehen.“, stellt Landeskulturchef HR Dr. Joachim Rössl klar. Im Gegenteil hat man mit der Übernahme des Stadttheaters einen großen Kulturbrocken übernommen. Weiters werden am Standort das Landesmuseum, das Festspielhaus, die Bühne im Hof, das Nö Dokumentationszentrum für Moderne Kunst sowie das Cinema Paradiso unterstützt. „Nach Investitionskosten von rund 101 Millionen Euro werden nun seitens des Landes jährlich etwa 10,3 Millionen an Subventionsmittel gegeben.“, erläutert Rössl. Auch eine mögliche Förderung des geplanten Jugendkulturzentrums scheint möglich. „Wenn das Thema mit den notwendigen Unterlagen am Tisch liegt, werden wir uns konstruktiv damit befassen.“ Grundlage für die Förderpolitik ist das NÖ Kulturförderungsgesetz 1996, wobei das Land in vielen Fällen quasi nur im Verband fördert. „Förderungen anderer Gebietskörperschaften sind wesentlich.“, so HR Dr. Rössl. Vertreibung aus dem Paradiso? Im Anfang war... eine NÖN-Headline „Cinema droht mit Schließung“, und zwar dann – so war im Inneren nachzulesen – wenn die Stadt ihre Betriebssubvention nicht von 22.000 auf 65.000 Euro aufstockt. Was folgte war ein Kulturkrimi, in dem noch immer nicht klar ist, wer Opfer und Täter ist. Wir hörten uns um. Von den heftigen Reaktionen auf den Artikel waren die Paradiso-Masterminds Clemens Kopetzky und Alexander Syllaba selbst überrascht. „Wenn in einem Internet-Forum steht, ‚diesen Geschäftsführern muss in die Goschn gehaut werden’, hört sich der Spaß auf!“ Als Spaß empfand freilich auch die Stadt die medialen Grüße nicht. „Sicherlich mag das auch ein Weg sein, Dinge – noch dazu sehr einseitig und nicht immer den Tatsachen entsprechend – zu transportieren. Die feine Art ist es freilich nicht!“, so Kutluramtsleiter Dr. Thomas Karl.  Zweigeteilt reagierte die Politik: Die SPÖ verschnupft (Vizebürgermeister Hans Kocevar: „So kann es aber wirklich nicht gehen!“), die ÖVP (unterstützt von den Grünen) mit einem Dringlichkeitsantrag, in dem gefordert wurde, den jährlichen Zuschuss „um einen noch auszuverhandelnden Betrag zu erhöhen.“  Relativ gelassen sieht Landeskulturchef HR Dr. Joachim Rössl den medialen Schlagabtausch: „Ich schätze das überlegte und ruhige Gespräch. Wenn dies zu keinen Ergebnissen führt, dann werden die Gesprächspartner meist lauter. Das Land hat den Zuschuss 2005 erhöht, die Stadt steht dem Wunsch offen gegenüber und prüft den Sachverhalt.“  Tatsächlich wurde der Fördervertrag für das Cinema Paradiso (inkl. Film am Dom, Bauinvestitionen etc.) seitens des Landes gegenüber dem Voranschlag erhöht, wie die Landeskorrespondenz berichtete: „Die Förderung für das Jahr 2004 beträgt 188.398,63 Euro und für das Jahr 2005 133.304,63 Euro.“ Wirte im Aufruhr Gerade die Höhe der Subvention „schreckte“ manch Wirte auf. Sie nahmen das „Paradiso“ sogar auf die Tagesordnung der monatlichen „Wirte 3100“-Sitzung auf. Dazu Obmann Leo Graf: „Prinzipiell möchte ich festhalten, dass das Cinema Paradiso ok ist und das Programmkino gefördert gehört. Auch das Lokal ist eine tolle Bereicherung! Es wäre aber nicht ok, wenn es quasi versteckte Subventionen für das Lokal gibt.“ Allein die Mutmaßung darüber treibt Kopetzky die Zornesröte ins Gesicht: „Ganz ehrlich, ich begebe mich nicht auf dieses Niveau, wo es nur um Neid, aber nicht um Fakten geht. Das Lokal finanziert die Kultur mit! Von einem Kinoticket im Wert von 7 Euro bleiben uns gerade einmal 2,80 Euro!“ Zornig reagierte allerdings auch EGON-Betreiber Teczan Soylu, der regelmäßig Konzerte veranstaltet und die Forderungen des Paradiso als „Frechheit“ empfindet. „Wenn man mit soviel Geld nicht auskommt, versteh’ ich die Welt nicht mehr. Ich sehe wirklich nicht ein, dass ein Kulturbetrieb – nur weil er vielleicht gute Beziehungen zum Land hat – den Kulturtopf ausschöpft. Wichtig wäre, die Individualität der Szene zu fördern, nicht ein, zwei Monopolisten wie das Paradiso oder die Bühne im Hof.“ Wie es scheint, muss das Paradiso in gewisser Weise auch eine Art ungewollten Stellvertreterkrieg für die Subventionsgeberpolitik bestreiten, denn auch Ilhan Orhan vom Kuckucksnest räumt ein. „Das Nest macht seit 24 Jahren regelmäßig Veranstaltungen. Ich habe von der Stadt hierfür noch keinen Groschen Subvention bekommen, mit dem Hinweis, dass man als Betrieb eben selbst verantwortlich ist. Ich denke, ein Veranstaltungstopf, aus dem auch Lokale, die regelmäßig veranstalten, bedacht werden, wäre ein gerechtes Modell.“ Dr. Karl meint auf den Vorschlag angesprochen „Man muss sich das von Fall zu Fall ansehen.“ Eine Quersubvention im Paradiso zur Gastro „gibt es meinem Wissensstand zufolge sicher nicht! Um diesen Zweifeln zu begegnen, werden Stadt und Land die Bilanzen prüfen, so dass völlige Transparenz gewährleistet ist.“ Fischen in fremden Gewässern? Auch Vorwürfe, dass man im kleinen St. Pöltner Kulturteich im Gewässer von Mitbewerbern fische, können die Cinema-Betreiber nicht nachvollziehen: „Wir bekommen bekannte Leute durch unsere guten persönlichen Kontakte - und deshalb im Vergleich auch zu einem Spottpreis. Das sind Acts, die entweder gar nicht nach St. Pölten kommen würden oder sonst zwar schon etwa in einer Bühne im Hof spielen, dort aber halt 20 bis 25 Euro kosten – das möchte ich aber keinem HTL-Schüler erzählen, der auch gern einmal Stermann und Grissemann sehen möchte, dafür aber nur 10 Euro berappen kann. Das seh’ ich durchaus als Kulturauftrag, jungen Leuten den Konsum von Kunst zu ermöglichen! Wir wollen aber sicher niemandem etwas wegnehmen.“ Mimi Wunderer, auf die Diskussion angesprochen, meint nur: „Ich mach dazu keinen Mucks!“ Auch das Kinoprogramm ist Kritik ausgesetzt. „Im Gegensatz zu den Programmkinos der anderen Landeshauptstädte spielt das Cinema Paradiso immer wieder aktuelle Blockbuster, noch dazu in deutscher Fassung, was zu einer unnötigen Konkurrenzsituation vor Ort führt.“, meint Dr. Karl. Auch Konzerte und DJ-Nightlines werden von der Stadt mit gemischten Gefühlen beäugt: „Solange sich das Konzept mit den vorhandenen Geldern ausgeht, ist es ok. Aber man kann nicht immer mehr und mehr machen, wenn man es sich nicht leisten kann. Die Aufwendungen für die Veranstaltungen abseits des Kinobetriebes haben 2004 immerhin rund 35.000 Euro ausgemacht!“ Von einer Änderung der Programmatik oder möglichen Einsparungen möchte man im Paradiso aber nichts hören. „Es kann doch nicht die Konsequenz sein, dass die Qualität des Programmes leidet. Darüber, das haben wir immer gesagt – gibt es von unserer Seite keine Diskussion!“ Aber auch von einer Schließung wird nicht mehr geredet. Was aber, wenn die Stadt abblockt? „Das glauben wir einfach nicht. Die Stadt steht hinter dem Projekt, das wissen wir. Es gibt deshalb auch keinen Plan B.“ Auch HR Rössl ist zuversichtlich. „Das Haus wird von allen gewollt, der Betrieb steht derzeit nicht in Frage. Ich bin von einer positiven Lösung überzeugt.“ Die nächsten Wochen werden eine (Auf)Lösung des Krimis bringen... Interview mit Kulturamtsleiter Dr. Thomas Karl "Man muss helfen, wo notwendig" Das Paradiso hat 68.000 Besucher statt prognostizierter 18.000  – gehört das nicht goutiert? Man muss dort helfen, wo es notwendig ist. Es kann aber nicht sein, dass die Betreiber nach dem Motto „irgendjemand wird es schon zahlen“ beträchtliche Forderungen richten und sich ihrerseits keinen Millimeter bewegen. Im Gegenteil denkt man an einen weiteren Ausbau. So steigt seit Betriebsbeginn allein der Personalaufwand um 272%, und dies bei lediglich 17% Umsatzsteigerung!  Das Paradiso behauptet, dass St. Pölten im Vergleich zu anderen Städten zu wenig unterstützt? In keiner anderen Landeshauptstadt liegt die Kinoförderung in der Höhe der vom Paradiso geforderten 65.000 Euro, das stimmt schlichtweg nicht. In manchen Städten ist sie sogar bedeutend niedriger. In Bregenz beträgt sie lediglich 7.200 Euro plus 3.900 Euro für das Kinderprogramm. Linz hat vor einigen Jahren eine Investitionsförderung in Höhe von 2 Millionen Schilling gegeben, gibt aber keine Jahressubvention! Abgesehen von Wien ist Salzburg Spitzenreiter mit 44.000 Euro. Erwähnt sei auch, dass die Stadt im Zuge des Kinoumbaus ihre ursprünglich vereinbarte Investitionsunterstützung von 750.000 Schilling um 1 Million Schilling aufgestockt hat. Des weiteren konnten wir durch interne Umschichtungen auch die Unterstützung für „Film am Dom“ in Höhe von 10.900 Euro aufrechterhalten.  Das Paradiso beklagt, dass nach Abzug der Steuern lediglich 6.000 Euro von der Betriebssubvention bleiben – ist die Stadt da nicht knausrig? Nein, denn die Zahlen stimmen nicht. Von den 15.691 Euro Steuern fällt der größte Teil auf den nicht kinobezogenenen Bereich. 30% kommen in etwa aus der Gastronomie, ein weiterer großer Brocken betrifft die vorwiegend musikalischen Zusatzveranstaltungen, für welche ohnehin der ermäßigte Lustbarkeitsabgabesatz gewährt wird. Interview mit Cinema-Paradiso-Macher Alexander Syllaba und Clemens Kopetzky "Sind Sankt Pölten deppert" Warum kommt ihr mit den Subventionen nicht durch? Einfach weil aufgrund des Erfolges die Kostenschere aufgegangen ist. Wir haben mit 18.000 Besuchern gerechnet, nun haben wir 68.000, das zieht erhöhte Kosten – etwa beim Personal – nach sich! Damit steigt bei einem Subventionsbetrieb aber auch der Förderbedarf.  War der Gang in die Medien kein Eigentor?  Es war für uns ein letzter Ausweg, um eine Öffentlichkeit für das Problem zu bekommen. Die Causa hat sich ja schon vier Monate hingezogen. Es gab im übrigen auch schon vorher Versuche von Neidern, irgendetwas gegen uns zu unternehmen.  Vielen scheinen eure Forderungen überzogen. Wir verlangen nichts Übertriebenes, haben auch Vergleiche, was kulturell anderswo passiert. Letztlich geht es darum, wie sich der eingesetzte Kultureuro rechnet. Diesbezüglich schneidet das Paradiso sicher gut ab, da braucht man nur die Zahlen durchzurechnen und zu vergleichen - wie viele Spieltage hat etwa eine Bühne im Hof, wie viel Geld erhält sie, wie viel kann sie einspielen und wie sieht das bei uns aus. Der Erfolg des Programmkinos bringt allen etwas, wer das nicht begreift, kennt sich wirtschaftlich nicht aus. Man hat den Eindruck, dass ihr stetig kämpft. Warum tut ihr euch das an? Wir machen das Paradiso aus Idealismus – sicher nicht wegen 500 Euro im Monat - und weil wir einfach ein wenig ‚St. Pölten deppert’ sind. Außerdem gibt man nach 14 Jahren nicht einfach auf!