MFG – Das Magazin – Lebensmittelretter


MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Lebensmittelretter

Text Thomas Winkelmüller
Ausgabe 11/2019

Was Supermärkte an Essen in die Mülltonne kippen würden, sammelt Foodsharing St. Pölten aus der Kühlkammer und verteilt es an die Allgemeinheit. Warum der Aufwand, und wie geht das überhaupt?

St. Pölten an einem Montagabend. Im Löwenhof versucht gerade ein junger Mann mühevoll etwas aufzuhängen, das einer tibetischen Gebetsfahne ähnelt. Durch die Glasfront des STARTraums können ihn dabei alle gut beobachten. Drei neue Leute sind zum Infoabend von Food­sharing St. Pölten gekommen. Letztes Mal seien mehr dagewesen. Sie hätten ihren Vortrag mit Powerpoint gehalten, meint Kathrin Leitner.
Diesmal verzichten sie darauf. Gemeinsam mit einer Handvoll anderer FH-Studentinnen und Studenten hat sie das Projekt zur Rettung von Lebensmitteln gestartet. Mit Manuel Binder, wie Kathrin im Studiengang für Diätologie, erklärt sie im Interview wie ihr Verein eigentlich funktioniert und appelliert an das Bewusstsein der Menschen.

Also zu Beginn einmal ganz knapp: Was ist Foodsharing?
Kathrin Foodsharing kommt eigentlich aus Deutschland. Der Verein legt seinen Fokus darauf, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren. Es gibt aber auch andere Organisationen, die eine Menge eigenständige Vereine europaweit gegründet haben und unter ähnlichen Namen arbeiten. Das sind einfach Privatpersonen, die dasselbe Ziel wie wir verfolgen und in der Regel nur untereinander Lebensmittel tauschen. Nach dem System Äpfel gegen Birnen oder so. Wir als Foodsharing kooperieren mit Betrieben, die Lebensmittel nicht mehr verkaufen würden, weil sie nicht mehr für den Verkauf geeignet sind, also leicht beschädigt oder offiziell abgelaufen sind. Bevor sie in den Müll kommen, retten wir sie und stellen sie in meist frei zugänglichen Kühlschränken der Öffentlichkeit zur Verfügung.
Manuel Der Begriff „retten“ ist immer leicht gesagt. Wir retten die Lebensmittel für den menschlichen Verzehr. Nicht alles wird nach dem Wegschmeißen verbrannt. Der Großteil kommt nachher in die Verwertung für Tierfutter. Allerdings stellen wir den Anspruch, dass wir das Essen für die Menschen retten, weil uns das im größeren Bild doch um einiges sinnvoller erscheint.

War das Essen in der Mülltonne?
Manuel Nein. Das ist der große Unterschied zum „Dumpstern“, wo man sich ja ohne Abkommen mit dem Supermarkt das weggeworfene Essen aus der Mülltonne holt. Unsere Lebensmittel haben keinen Mistkübel gesehen und sind nicht durch irgendetwas anderes kontaminiert. Wir nehmen das konkret aus den grünen Kisten vom Gemüsehändler und es ist deswegen mit noch nichts anderem in Berührung gekommen.

Wie viele Gruppen gibt es denn von dem offiziellen Verein Food­sharing in Österreich?
Kathrin Ich weiß von Wien, Graz, Linz Salzburg, den Hauptstädten eben. Die sind aber auch immer wieder in kleinere Bezirksgruppen verteilt. Also Baden, Mödling, St. Pölten Land.
Manuel Das kommt immer auf die Manpower an. Es gibt oft mal eine kleine Gruppe, die Interesse an der Idee hat und dann Verträge mit lokalen Betrieben eingeht, aber niemals eine flächendeckende Wirkung haben kann, weil sie einfach nicht genug Leute hat und das Ganze dann wieder einschläft. Wenn man das aber mit Kirche oder Bildungseinrichtungen macht und dann dort Verteiler aufstellt, geht es viel besser.

Apropos einschlafen. Euch gibt es jetzt etwa ein Jahr. Schläft das Ganze bei euch schon wieder ein?
Kathrin Nein. Es geht gerade immer mehr auf. Wir haben zwei öffentliche und einen privaten Kühlschrank. Einer steht im Studentenwohnheim Wihast und floriert richtig. Da warten die Menschen, die nicht im Haus wohnen, vor verschlossener Tür und wollen rein, um sich Sachen zu holen. Nachdem wir ein paar rechtliche Fragen abklären konnten, ging auch der fairteiler an der FH vor Kurzem in Vollbetrieb. Der Private steht in einem Betrieb.

So ganz im Auge der Öffentlichkeit seid ihr aber noch nicht. Ein Kühlschrank in der Innenstadt fehlt noch. Warum?
Manuel Das wissen wir, und deswegen wollen wir unbedingt einen öffentlichen Kühlschrank, der in der Innenstadt steht und 24 Stunden zugänglich ist, dazu noch einen Kasten.

Woran scheitert das?
Manuel Daran, dass wir noch nicht mit den Leuten in Kontakt sind, die das entscheiden können. Wir kennen die noch nicht.
Kathrin Außerdem müssen wir erst einen Kühlschrank auftreiben. Das braucht viel Organisation und da hat sich noch keiner so ganz drüber getraut. Zusätzlich würden wir Angebote für einen Standort brauchen und das haben wir auch noch nicht.

Das Projekt steckt also noch ein wenig in den Kinderschuhen. Wie funktioniert das eigentlich mit dem Warten der Schränke, Strom, Pflege etc.?
Kathrin Logischerweise können wir den Strom nicht selbst liefern, indem wir ein Aggregat aufstellen. Elektrizität brauchen wir von Seiten des jeweiligen Standorts. Was das Warten angeht: Wir sind dafür zuständig, dass der Schrank sauber ist und nichts Schlechtes drinnen liegt.
Manuel Pro Kühlschrank gibt es mindestens zwei Leute, die für ihren jeweiligen Kühlschrank zuständig sind. Die sind online eingetragen. Wenn man die Schränke befüllt, dann reinigt man sie sowieso und abseits davon gehen die Zuständigen mindestens zwei bis dreimal die Woche zu ihrem Kühlschrank und kümmern sich um die notwendige Wartung, schauen durch, ob denn eh nichts zu schimmeln begonnen hat und das Ablaufdatum nur zu einem vertretbaren Maß überschritten worden ist.

Wenn jetzt jemand etwas Schimmeliges isst, wer haftet dann dafür?
Kathrin Wir als Bereitsteller können nicht dafür haften. Wir sind kein Lebensmittelbetrieb und es gibt weder Kontinuität noch die nötige Nachvollziehbarkeit bei den Verteilern. Die Kühlschränke sind öffentlich. Wir können nicht kontrollieren, wer Essen in den Kühlschrank legt. Wir schreiben das auch auf die Türen.
Manuel Es war aber noch nie ein Thema. Wenn etwas Schlechtes im Kühlschrank liegt, schauen das maximal drei Leute an und spätestens der Vierte entsorgt das, weil er „weg damit“ sagt. Das Ganze ist momentan einfach ein rechtlicher Graubereich in Niederösterreich, weil es dafür noch keine gesetzlichen Regelungen gibt.

Gibt es bei euch eigentlich Regeln, welche Produkte in den Kühlschrank dürfen und welche nicht?
Manuel Alle Lebensmittel mit einem erhöhten mikrobiellen Risiko. Frischfleisch, Frischfisch, rohe Eier sind zum Beispiel ab dem Legedatum 28 Tage essbar und wenn dieses Datum dann zu nahekommt, schmeißen wir sie weg. Wie bei vielen anderen Produkten gibt es da eben ein erlaubtes Verkaufs- und ein empfohlenes Verzehrsdatum.

Daraus kann man schließen, dass ziemlich viel Essen aus den Supermarktregalen im Müll landet bzw. landen würde. Wie funktioniert das Konzept von Foodsharing konkret?
Manuel Zuerst schließt man einmal eine Kooperation. Erst vor ein paar Tagen bin ich zufällig in eine Bäckerei, hab dort konsumiert und den Chef angesprochen. Bei Unternehmen mit bis zu drei Standorten dürfen wir den Kontakt selbst aufnehmen. Bei größeren Ketten mit mehr Betrieben gibt es dann auf Bundesebene eine jeweils zuständige Person, die das für die einzelnen Gruppen übernimmt, wie beim Denn’s oder Prokopp. Das sind die Key-Account-Manager, die direkten Kontakt zum Management haben. So haben wir eben den Denn’s in St. Pölten bekommen. Um mit Kleinbetrieben eine Kooperation zu beginnen, absolvieren Foodsaver das Betriebsverantwortlichen-Quiz, in dem das Wissen über Lebensmittel und der ordnungsgemäße Umgang mit Lebensmittelbetrieben abgeprüft wird. Dann spricht man die jeweiligen Betriebe an und fragt, was denn mit ihrem Lebensmittelüberschuss passiert. Die landen eben oft bei Bauern oder in kleinen Mengen bei Freunden, Nachbarn oder Tafeln. Wenn die ein funktionierendes System haben, tragen wir das in unserem Netzwerk ein, da wir die nicht mehr ansprechen müssen. Wenn das Essen aber einfach weggeschmissen wird, dann bieten wir ihnen eine Alternative. Essen für Menschen, denen das immer noch etwas wert ist.

Wenn dann die Kooperation unter Dach und Fach ist, wie läuft das Abholen in weiterer Folge ab?
Manuel Dann gibt es bei uns einen Betriebszuständigen, der sich mit dem jeweiligen Markt die bestmöglichen Wochentage und Uhrzeiten ausmacht. Manche Betriebe rufen uns aber auch einfach an, wenn sie etwas herzugeben haben. Dann bilden wir ein Team, um sicherzugehen, dass auch immer jemand die Lebensmittel abholen kann. Wie gesagt, muss jeder eben einen Online-Test absolviert haben, um Abholer zu werden. Sie bekommen einen Ausweis und tragen sich selbstständig für die jeweiligen Termine ein.

Wie viele Mitglieder habt ihr denn aktuell in St. Pölten?
Kathrin Also 53 Foodsaver, möchte ich nur gesagt haben. 25 aktive, und fünf weitere machen gerade ihre Einarbeitungen. Die müssen neben dem Test drei Abholungen gemeinsam mit uns machen, damit sie dann selbstständig ihr Essen abholen können.

Mit welchen Betrieben habt ihr in St. Pölten Verträge?
Kathrin Denn’s, Prokopp, Bäckerei Fröstl und mit einem Betrieb, der das nicht öffentlich machen will.

Und warum gibt es keine Verträge mit größeren Supermarktketten?
Kathrin Wir selbst dürfen sie wie gesagt wegen ihrer Größe nicht anfragen und uns wurde noch keiner aus der Umgebung vom Bundesverein zugeteilt. Außerdem ist unser Fokus momentan auf kleinere Läden gerichtet, die ihre Produkte einfach wirklich nicht wegwerfen wollen und die sich Gedanken darüber machen, wie viel Energie die Produktion kostet und den ökologischen Faktor für wichtig erachten.

Was hätten große Supermarktketten überhaupt von einer Zusammenarbeit mit euch?
Manuel Sie haben zuerst einmal einen sehr guten Werbewert für ihr Unternehmen. Als Lebensmittelkette kann man so schlüssig den Nachhaltigkeits­aspekt bewerben, der ja immer mehr in den Köpfen der Menschen steckt. Wenn sie uns ihre Lebensmittel in eigenen Taschen oder Säcken geben, dann haben sie in unseren Kühlschränken sogar einen direkten Werbewert. Außerdem fallen natürlich die Entsorgungskosten ganz weg.

Jetzt muss man sagen, jedes Produkt, das nicht verkauft wird, aber trotzdem an potenzielle Kunden gelangt, wird nicht mehr bei den jeweiligen Supermärkten vor Ort gekauft. Rein wirtschaftlich gesehen spricht das eigentlich gegen die Unterstützung von Foodsharing durch große Betriebe.
Manuel Das sticht sich nicht gegenseitig. Der Denn’s zum Beispiel ist im Süden und die Kühlschränke stehen im Norden. Die Leute würden da gar nicht spontan zum Denn’s gehen. Bei kleinen Bäckereien in St. Pölten ist es wohl eher der Werbewert. Die sind relativ unterrepräsentiert und können so die Marke pushen. Da haben wir beide einen großen Gewinn.

Warum tut ihr euch die Arbeit an? Geht es um den ökologischen Aspekt oder um das gratis Essen?
Manuel Das ist zumindest ein netter Bonus.
Kathrin Ich würde auch sagen, dass die Lebensmittel umsonst nur ein praktischer Nebeneffekt für uns sind. Angefangen hat das ja dadurch, dass wir den Kühlschrank aufstellen wollten, weil wir früher Dumpstern gegangen sind und wir so nicht so viel retten konnten. Da sind ja Unmengen an Gemüse und Brot in den Mülltonnen der Supermärkte. Ich habe dann immer das Bedürfnis gehabt alles von dem Essen zu retten, um es zu verteilen, auch wenn ich nur einen kleinen Rucksack dabeihatte. Der Kühlschrank ermöglicht uns das.

Geht ihr jetzt mit anderen Augen in einen Supermarkt?
Kathrin Also ich geh schon lange nicht mehr wirklich einkaufen. Das meiste bekomm ich ja durch Foodsharing und für mich fühlt es sich auch einfach „oag“ an. Alleine in der Obst- und Gemüseabteilung schaut alles so perfekt aus und jeder nimmt sich nur das Perfekte raus, obwohl so viel mehr essbar wäre und das dann alles in die Tonne wandert.
Manuel Man muss sich das vorstellen. Alleine bei der Herstellung bleibt so viel am Feld, weil es zu groß oder zu klein ist. Das ist irre schade. Auch bei Kleinbauern vergammeln die Äpfel auf der Wiese, weil ihnen die Zeit fürs Einsammeln fehlt. Letztens meinte eine Bäuerin zu mir, sie hätten so viele übergehabt und nächstes Mal können wir kommen, um sie einzusammeln. Auch die Überbleibsel vom eigenen Garten kann man ja gerne in den Kühlschrank geben.

Jetzt habt ihr bald die FH abgeschlossen. Wie soll das Projekt dann weitergehen?
Kathrin Wir schauen, dass wir Leute finden, die mit Herzblut bei der Sache sind und Foodsharing weiterführen. Wir haben das ja langsam gemacht und viele Menschen involviert, die in kleinen Abständen Abholungen machen, um nicht in Stress zu geraten. Über das Jahr haben wir das alles ganz organisch wachsen lassen und nicht auf schnell-schnell. Davon hätte ja keiner was, wenn da wegen dem Zeitdruck keiner mehr mitmachen will. Ich glaub wir haben das wirklich effizient gelöst.