MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Waldgang

Text Thomas Fröhlich
Ausgabe 11/2020

Da zumindest das Spazierengehen während des Lockdowns erlaubt ist, beschloss ich also, mir wieder einmal den Kaiserwald zu ergehen. Inspiriert von Ernst Jüngers „Waldgänger“ drehte ich meine Runden. Ein pittoresker Nebel hüllte die Wege aufs Geheimnisvollste ein, im Gegenzug lüftete das Hirn aus, die Gedanken wurden zahlreich, klar und leicht bis … bis mir jemand entgegenkam, von Kopf bis Fuß mit High-End-Virtual-Reality-Tools angetan. Eine körperlose Stimme machte ihn soeben lautstark darauf aufmerksam, dass seine „Cherzfchequenz chunderchtundzwo“ betrage. Aha, dachte ich, der geht nicht zum Spaß spazieren. Dann entschwand er samt cherzlicher Notfallmedizinerin im Nebel, um daraufhin im Minutentakt von humanoiden Gestalten verfolgt zu werden, die laufend auf ihre Smartmegaphone starrten, um den lebensnotwendigen Anweisungen zur Durchmessung des Terrains nachzukommen. So manche lauschte auch hingebungsvoll der wohltönenden und nebelspaltenden Stimme ihres virtuellen Trainers, während sie sich gleichsam bocksprunghaft vorwärtsbewegte, freilich nicht ohne nebenbei unsagbar wichtige sozialmediale Einträge abzusetzen. Die einzige Ausnahme in dieser seltsamen Kavalkade bot ein Hundehalter mit frei laufendem, analogem Mondkalb, für welches der Wald in erster Linie ein Hundeklo darstellte. Immerhin.
Ich erkannte: Gehen um des Gehens und um des Natur-Erlebens willen interessiert kein Schwein. Reumütig schlich ich mich nach Hause. Ohne Bildschirm oder Hund werde ich selbiges auch nimmer verlassen, versprochen!