MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

So ein Wirbel!

Text Thomas Fröhlich
Ausgabe 09/2021

Wenn Christoph Ransmayr am 7. Oktober im Stadtmuseum den diesjährigen „Blätterwirbel“ eröffnet, mag man gar nicht so recht glauben, dass besagtes Literatur- und Theaterfestival schon ins 16. Jahr geht, also sich gleichsam mitten in der Pubertät befindet.

Und obwohl sich der „Blätterwirbel“ frisch wie eh und je präsentiert, darf man inzwischen durchaus von einer lieb gewonnen Tradition sprechen, die auch die St. Pöltner Bevölkerung jedes Mal mit sehr guten Auslastungen und ebensolcher Stimmung quittiert.
Angefangen hat’s, ja wie so oft, im Wirtshaus – im damals noch existierenden EGON, um genau zu sein, an einem lauschigen Augustabend des Jahres 2005. Eine Gruppe, bestehend aus Kunstschaffenden und -vermittlern, sollte hier auf Anregung des ehemaligen St. Pöltner Kulturchefs Thomas Karl einen Kulturentwicklungsplan (KEP) für den Bereich Literatur/Theater schmieden.

Gesagt, getan.
Doch stand der Gruppe, zu der maßgeblich auch die damalige Intendantin des Landestheaters Niederösterreich Isabella Suppanz und der zeitlebens äußerst umtriebige und in diesem Jahr leider verstorbene Hugo Schöffer zählten, nicht der Sinn nach grauen Theoriepapieren für amtliche Schubladen. Man entwickelte, gleichsam als „Kollateralnutzen“ und ausgehend von der Landesbuchausstellung, die Idee eines unkonventionellen, Spielstätten und Ausdrucksformen übergreifenden Literaturfestivals, den „Blätterwirbel“. Von Anfang an lag die Intention des Festivals in der Förderung zeitgenössischer regionaler und überregionaler Literatur auf der Grundlage unterschiedlicher Vermittlungsweisen, vom Poetry Slam über Autorenlesungen, Literaturverfilmungen, dramatisierter Prosa bis hin zu Workshops mit Jugendlichen und Kindern. Stadt und Land zeigten sich interessiert – und so gestaltete die „EGON-Runde“ im Oktober 2006 unter der Ägide des Landestheaters die erste derartige literarische Woche der Stadt.

Und die war ein Riesenerfolg. Und ging in Serie.
Renate Kienzl, ebenfalls Blätterwirbel-Urgestein, erinnert sich an den vor Kurzem erst verstorbenen Hugo Schöffer, den sie seit Jahrzehnten kannte und schätzte und ohne den es wohl keinen „Blätterwirbel“ in der Form, wie wir ihn kennen, gegeben hätte. „Er vermittelte, er war der geborene Mediator, er spielte sich nie in den Vordergrund, konnte zuhören, konnte erklären, konnte seine Meinung schlüssig darlegen und konnte lachen. Seine Meinung galt viel und sein umfangreiches Wissen zu allem, was mit BUCH zu tun hatte, war beeindruckend. Hugo hielt Wort, nicht selbstverständlich heutzutage. Wenn er sagte: ‚Mach ich. Ich bin da. Ich kümmere mich darum.‘ Dann wusste ich, wir kriegen das hin, er hilft mir. Ein Fels im Blätterwirbel.“
Kienzl, selbst Autorin und Kunstvermittlerin, ist nach wie vor eine jener Personen, die schon bei der „Blätterwirbel“-Gründung dabei waren, und stellt jedes Jahr viele der Einzelveranstaltungen von der Idee bis zur Durchführung auf die Beine: „Für mich muss es einen Grund und einen Bogen von der Thematik her geben, auch wenn er zunächst nur für mich sichtbar ist. Zur Eröffnung Christoph Ransmayr, das macht mir schon eine große Freude, dass es mir gelungen ist, diesen Ausnahmeschriftsteller nach St. Pölten ins Stadtmuseum zu bekommen. Der Grund ist sein neuer Roman, der ein Manifest gegen den Wahnsinn der Welt ist, wie sie ist und wie sie sein wird und die Faszination des Archaischen in seinen Romanen. Seine Wucht des Erzählens ist sicher nicht nur für mich einzigartig.“ Die von Kienzl kreierte Schiene „Hubert Wachter im Gespräch mit ...“ wartet diesmal mit Herbert Lackner auf. Und um noch eine ihrer Veranstaltung heraus zu greifen: „Um mystische Frauenfiguren und abbrechende Eismassen geht es im Gedichtband ‚kalben‘ von Maria Seisenbacher. Vertont wurden die Gedichte von 3 knaben schwarz. Hier schließt sich der Kreis zu Ransmayr, schrieb er doch auch über die Schrecken des Eises und der Finsternis.“ Sie ergänzt: „Na ja, das ist vielleicht ein bisschen weit hergeholt.“
Doch auch abseits der von Kienzl organisierten Events präsentiert sich Spannendes. Im Cinema Paradiso etwa heißen der frisch gebackene Sherlock Holmes-Autor Tibor Zenker (Sohn des „Kottan“-Erfinders Helmut Zenker) und der Multiinstrumentalist Marcus Hufnagl ihr Publikum im Rahmen von schön schaurigen (Schwarzweiß-)Filmnächten willkommen. Das Landestheater Niederösterreich lädt unter anderem zu außergewöhnlichen Autorenabenden, etwa mit Thea Dorn. Dazu kommen als Locations Startraum, Thalia und die NÖ Landesbibliothek. Vieles davon gibt‘s bei freiem Eintritt.

Ein Wirbel: aber einer, der sich lohnt.