MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Ein Engel

Text Roul Starka
Ausgabe 11/2021

Ich war gerade dabei, meine Corona-Lockdown-Kolumne zu kürzen, war über die Impfgegner und Demonstranten hergezogen, jetzt musste ich nur mehr meine Wut auf die Hälfte zusammenschrumpfen. Doch es wurde immer mehr statt weniger. Zunächst machte mich das Aufstampfen mit den Wörtern putzmunter, dann aber wurde ich müde, müde vor lauter Ärger. Ich kippte kopfüber weg, versank in einen merkwürdigen Traum:
Ein Engel flog durchs Zimmer, so mit durchsichtigen Flügeln wie bei Elfen aus den Märchenbüchern. Auch war überall Engelsstaub, klitzekleine glitzernde Sterne. Ich ging vom ersten Stock runter in die Küche, alle Adventlichter auf zarten Ketten leuchteten, die Kerzen brannten in den Laternen. Meine Frau, die wie jedes Jahr dies alles gestaltete, lag vor der Sendung ‚Voice Of Germany‘ und schlief. Daneben unser Kater und unser Hunzi. Alles schien normal zu sein, doch sah ich dieses Engelchen ganz genau. Ich wusch mir mit kaltem Wasser das Gesicht, im Glauben jetzt aufzuwachen.
Doch der Traum hörte nicht auf. Ich ging leise durchs Vorzimmer, die Stiegen wieder rauf und setzte mich hin. Die Heizung atmete schwer, vor den Fenstern war die Nacht. Eine wie viele, doch kam mir vor, als würde ich sie zum ersten Mal sehen. Da draußen war St. Pölten, kein Betlehem oder so, da war der Mond und die Josefstraße, kein Komet oder Maria und Josef. Das Engelchen hatte ein flackerndes Licht um mich gelegt, ein Band aus Zuversicht und Geduld. „Schatzi?“, rief leise meine Frau von unten. „Ja?“, sagte ich und legte mich zu ihr.