MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Das Schweigen der Glocken

Text Thomas Winkelmüller
Ausgabe 11/2021

Schulglocken fehlt es überwiegend an Daseinsberechtigung. Das klingt zuerst einmal absurd, aber ich möchte diesen Gedanken ausführen. Für eine Recherche kam ich fünf Jahre nach meiner Matura wieder an eine Schule. Was mir dort besonders störend auffiel, waren die Glocken. Für mich haben sie weder vor noch nach dem Unterricht etwas verloren. Das sehen auch manche Lehrkräfte so, wenngleich die noch in der Unterzahl sind.
Ihr Punkt: Beim Läuten der Glocken schwingt eine Bevormundung mit, die zumindest im weitesten Sinne nicht fördernd für das Lernen steht. Vielmehr repräsentieren Schulglocken das – vielleicht unterbewusst – fehlende Vertrauen in unsere Jugendlichen. An der Uni läutet kein Alarm. In der Arbeit halten wir unsere Termine ein. Menschen haben die Uhr erfunden und zumindest ab der Unterstufe können Schüler sie lesen.
Schulglocken suggerieren ein Misstrauen in die Selbstständigkeit. Sie verhindern diese sogar. Und welcher Erwachsene würde beim Lernen einen Alarm auf genau 50 Minuten stellen, fünf Minuten Pause machen und sich dann etwas völlig Konträrem widmen? Sie sehen: Schulglocken sind nur der Eisberg eines viel größeren Problems. Wir sollten nicht stumpf unterrichten, sondern Schülern das Lernen lernen. Wenn Menschen Unabhängigkeit erst in der Arbeitswelt erfahren, macht es das unnötig hart für sie. Deswegen glaube ich: Schule kann ihren Jugendlichen ruhig mehr zutrauen. Rechtzeitig in die Klasse zu finden, wäre ein Anfang.