MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Die Chance vom Fass aus Elfenbein

Text Michael Müllner
Ausgabe 06/2022

Psychotherapie, Soziale Arbeit, Pädagogik und Wirtschaft: an der Bertha von Suttner Privatuniversität wird fleißig geforscht und gelehrt. Das geht ins Geld und kostet die Stadt St. Pölten jährlich hunderttausende Euro. Wann gelingt der Break-Even?

Auch mehr als hundert Jahre nach ihrem Tod ist Bertha von Suttner als gesellschaftskritische Schriftstellerin und pazifis­tische Denkerin weithin bekannt. Den schwedischen Dynamit-Fabrikanten Alfred Nobel soll sie einst inspiriert haben, den Friedensnobelpreis zu stiften – welcher ihr schließlich im Jahr 1905 sogar verliehen wurde, als einziger Österreicherin bis dato. Und wir wissen alle, wie sie aussah – denn ihr Portrait ziert die 2-Euro-Münze. Ihr Leben war definiert vom Verstoß gegen Konventionen. Die junge Adelige lehnte mehrere standesgemäße Anträge ab und heiratete schließlich gegen den Wunsch ihrer Eltern einen sieben Jahre jüngeren Mann, mit dem sie danach in den Kaukasus fliehen musste. Es folgte ein knappes Jahrzehnt in „materieller Bescheidenheit“, wie Biografien es höflich nennen, wenn sie von Armut sprechen. Finanzielle Turbulenzen in jungen Jahren, zugleich hoffnungsvolle Zukunftspläne? Womit wir bei St. Pöltens jüngster Privatuniversität sind, die sich just nach dieser feministischen Ikone benannt hat. 
Die salopp „Suttner-Uni“ genannte Bildungseinrichtung wurde 2017 von der Stadt St. Pölten (bzw. ihrer Hochschul-Holding) und dem Österreichischen Arbeitskreis für Gruppentherapie und Gruppendynamik (kurz: ÖAGG) gegründet, einem privaten Verein mit jahrzehntlanger Erfahrung im Anbieten von Psychotherapie-Ausbildung. Bereits 2019 inskribierten die ersten Studierenden, mittlerweile bewohnt man den neuen „Campus St. Pölten“ – gemeinsam mit der weitaus älteren und größeren Schwester, der Fachhochschule St. Pölten. Auf einer schicken Website finden sich Studien aus den Bereichen Psychotherapie, Soziales, Pädagogik, Digitalisierung und Wirtschaft. Auch über konkrete Forschungsprojekte wird informiert. Dennoch wurde in der St. Pöltner Gemeinderatssitzung vom April 2022 über die Bildungseinrichtung diskutiert. Als Eigentümerin musste die Stadt (zusätzlich zu den geplanten und budgetierten Zuschüssen über die Hochschul-Holding) nochmals mit 835.000 Euro einspringen, um angelaufene Verluste des laufenden Betriebs auszugleichen.
ÖVP-Mandatarin Susanne Binder-Novak sieht die finanzielle Entwicklung der Suttner-Uni mehrfach kritisch. Einerseits steige die Zahl der Studierenden nur zögerlich, manche „Orchideenfächer“ können ihre Studierenden an einer Hand abzählen, der Personalaufwand sei in den letzten Jahren jedoch deutlich angestiegen. Andererseits sei der Mittelbedarf nicht vollständig im städtischen Budget veranschlagt worden, sondern musste in Form eines Nachtragskredites vom Gemeinderat genehmigt und der Universität als nachrangiges Gesellschafterdarlehen zugeschossen werden, weshalb die Entwicklung offenbar nicht nach Plan laufe. „Wir sehen auch skeptisch, dass die Stadt als Hälfte-Eigentümerin diese zusätzlichen Mittel allein aufbringt und die ÖAGG nicht mitzahlt. Der Gesellschaftervertrag sieht vor, dass die Stadt dann in dieser Relation ihre Stimmrechte erhöhen könnte, aber auf diese Verwässerungsklausel wurde großzügig verzichtet“, kritisiert Binder-Novak, die auch vorrechnet, dass in den Jahren 2020, 2021 und 2022 jeweils durchschnittlich 728.000 Euro an zusätzlichen Darlehen nötig waren, damit die Gesellschaft überhaupt bilanzieren kann: „Mit den 1,8 Millionen Euro Startkapital haben wir bereits 3,7 Millionen Euro in diese Privat-Uni investiert.“
Ist die Bertha von Suttner Privatuniversität nun ein vielversprechender Eckpfeiler des zukünftigen Bildungsstandortes St. Pölten oder ein sinnloses Fass ohne Boden? Im Geschäftsjahr 2020 betrug der Jahresverlust 572.997 Euro, der Bilanzverlust lag bei 1,8 Millionen Euro. Die jährlichen Abgänge dürften sich auch in den Folgejahren noch in etwa dieser Größenordnung fortsetzen, was mit der Höhe der nachrangigen Darlehen zusammenpasst, die die Stadt als Eigentümerin aufbrachte. Im Lagebericht kann man nachlesen, dass 2020 „bereits 60 aktive Studierende in zwei Studiengängen“ verzeichnet wurden. Das ist wenig, aber der Studienbetrieb lief erst Anfang 2019 an – mit rund zehn Studierenden. Man befindet sich ganz am Anfang. 
Silvia Weigl ist Kanzlerin der Suttner-Uni und für die kaufmännische Geschäftsführung zuständig. Rund 200 Studierende sind für 2022 geplant. Ein kostendeckender Betrieb, bei dem keinen Zuschüsse mehr nötig sind, soll bei rund 450 Studierenden erreichbar sein. Diesen Break-Even-Point will man 2025 schaffen. Das Relevante bei der Suttner-Uni sei, dass die Studien modular angeboten werden und man diese berufsbegleitend absolvieren kann. Einstiege sind im laufenden Jahr möglich – nicht wie an herkömmlichen Unis meist nur zum Semesterstart. Der springende Punkt: Das „Privat“ in der Suttner-Uni bedeutet, dass man als Student zur Kasse gebeten wird, da die Uni eben nicht vom Staat finanziert wird, sondern von den Erlösen, die sie über Studierende oder Forschungsaufträge einnimmt. Ein echtes Geschäft also, das aufgebaut werden muss und erst nach entsprechendem Wachstum Früchte trägt. 
Hat sich St. Pölten also womöglich verrechnet? Wer studiert an der Suttner-Uni „Soziale Arbeit“ und zahlt dafür 19.200 Euro, wenn das Studium nebenan an der FH auf knapp 2.200 Euro kommt? Doch „Soziale Arbeit“ an der Suttner-Uni kommt tatsächlich gut an. Für 2022 werden 108 Studierende erwartet, 2024 sollen es im vorläufigen „Vollausbau“ dieses Bachelorstudiengangs schon 180 sein. Modulare Angebote mit Online-Fernlehre und knappe Präsenzmodule vor Ort – dafür zahlen oft ältere, im Berufsleben stehende Menschen, die Studium, Beruf und Familie vereinbaren wollen. Die FH bietet hingegen klassische Vollzeitstudien in Präsenz – unterschiedliche Zielgruppen also. 
Gernot Kohl ist Geschäftsführer der FH St. Pölten, aber auch der Hochschulen St. Pölten Holding und zudem ein Mastermind hinter der Suttner-Uni. Auch er sieht die Entwicklung positiv. Es sei stets klar gewesen, dass man anfangs erst mal investieren muss. Dass in einem Bericht des Stadtrechnungshofs angemerkt wurde, dass der Break-Event-Point erst in 15 Jahren zu erwarten sei, führt Kohl auf unterschiedliche Annahmen zurück. Der kostendeckende Betrieb soll 2025 möglich sein, aber bis Darlehen an Gesellschafter zurückbezahlt sind, das kann länger dauern. Überzeugt ist Kohl auch von der Grundidee der Suttner-Uni, der Psychotherapie-Ausbildung: „In unserer Gesellschaft steigt der Bedarf an Fachkräften mit dieser Ausbildung stark. Zugleich finanziert die öffentliche Hand aber keine einschlägige Ausbildung, diese liegt seit jeher bei privaten Anbietern. Es wäre uns nicht möglich gewesen, Psychotherapie im Rahmen der Fachhochschule anzubieten. Der Bund sieht da offenbar keine Notwendigkeit eine solche Ausbildung zu finanzieren. Deshalb kam es zur Partnerschaft mit der ÖAGG, die ihr jahrzehntelanges Know-how einbringt. Die Suttner-Uni bietet Psychotherapie auf universitärem Niveau, zukünftig sogar ein Doktorat. Das ist einzigartig in Österreich, ein großartiges Potential!“