MFG – Das Magazin – Der Zwischen-Reiche


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St. Pöltens gute Seite

Der Zwischen-Reiche

Text Thomas Fröhlich
Ausgabe 04/2009

Derzeit gibt es im Stadtmuseum St. Pölten die hervorragend kuratierte Ausstellung „God: The Fossil Record“ zu bewundern. Einer der Künstler, die im Rahmen dieser ihre Interpretation zu Charles Darwin zum Besten geben, ist der Wahl-Niederösterreicher Mark Rossell. Doch das ist nicht der einzige Grund, sich mit dem hageren und auf manche Zeitgenossen etwas sinister wirkenden Herrn näher zu beschäftigen.

Kennen Sie Wallace? Nein, nicht Edgar. Vielmehr Alfred Russel Wallace. Letzterer war ein Zeitgenosse Charles Darwins, der sich so seine Gedanken zum Thema menschliches Bewusstsein machte. Zwei Jahre vor dem Erscheinen von Darwins Hauptwerk „Die Entstehung der Arten“ anno 1859 meinte Wallace sinngemäß, das höhere Bewusstsein von Menschen (und zum Teil auch von Tieren) hätte seinen Ursprung definitiv nicht in der physischen Welt. Sondern irgendwo außerhalb. Darwin schätzte allerdings eher die greifbaren, messbaren Dinge. Was ihn aber nicht daran hindern sollte, seine Evolutionstheorie unter Bedachtnahme auf und in Absprache mit Wallace zu entwickeln. Was das mit Mark Rossell zu tun hat? Viel.
Der 1960 in Australien geborene in Prinzersdorf bei St. Pölten lebende bildende Künstler versucht nämlich in seinen Skulpturen und Objekten nicht zuletzt darauf hinzuweisen, was sich außerhalb des Lebendigen, Körperlichen befindet. Oder befinden könnte. Und das tut er auf eine Weise, die den Betrachter mitunter ganz schön herausfordert: tote, zum Teil verweste Tiere, in Harz gegossen. Konstruktionen aus Schaum, Holz und Latex, die Assoziationen zu Mumien hervorrufen und einen seltsam untot-organischen Eindruck vermitteln. Oder in Harz gegossene Handabdrücke, die, an die Wand gehängt und bei richtiger Beleuchtung, gleichsam zu schweben beginnen.
„A bissl unheimlich“, meint eine befreundete Malerin zu Rossells Kunstwerken – und das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Dabei wäre das überhaupt nicht so gemeint, so der hagere, stets freundlich und präzise formulierende Rossell. Es ginge ihm vielmehr um das Nebeneinander, das Ineinandergreifen von Leben und Tod, Geist und Materie – und um die Transzendenz dazwischen.
Klar: Brave Behübschungskunst ist das nicht.
Rossell, der in Neuseeland aufgewachsen ist, Geologie und Biologie studiert, an der Otago School of Art in Dunedin unterrichtet und mit geistig behinderten Kindern gearbeitet hat, hat einiges von der Welt gesehen. Seit Anfang der Neunziger Jahre der Anthroposophie und dem Buddhismus zugeneigt, begann er 2000 Bildhauerei in Großbritannien zu studieren. Polyesterharz und Fiberglas wurden zu Hauptwerkstoffen für seine Körperlandschaften, die verzerrte, ein wenig an die Alptraum-Geschöpfe aus den von Clive Barker inspirierten Hellraiser-Filmen erinnernde Gesichtsabdrücke genauso umfassen wie den in jüngster Zeit fertig gestellten Ampelbaum, der mit einer Ähnlichkeit zu amputierten (grün und rot blutenden) Beinen aufwartet.
Kalt lassen seine Werke niemanden. In Zeiten wachsender Wischiwaschi-Beliebigkeit schafft es Rossell, Kunst zu machen, die im besten Sinne arschkickt und gleichzeitig die kleinen grauen Zellen zum Arbeiten  anregt.
Was übrigens auch der Leiter des Stadtmuseums St. Pölten, Thomas Pulle, gleich erkannt hat. Als Rossell Pulle eines Tages ein paar Fotos seiner Werke zeigte, um vielleicht das eine oder andere in der Rathausgalerie unterzubringen, meinte dieser umgehend: „Sie gehören ins Stadtmuseum!“ Und zwar mit einer Einzelausstellung, die den bezeichnenden Titel „Zwischenreich“ trug. Ausgehend vom Totenkult des Alten Ägyptens und dem Umgang mit dem Sterben heutzutage entwarf Rossell unter anderem eigenwillige Gefäße, die den Betrachter vom Materiellen zum Immateriellen führen sollten: ein tönernes Seelenbehältnis etwa oder einen in Frischhaltefolie verpackten Sarg. Archaische Gestalten wie Gletschermann, Götter oder gefallene Engel verwob Rossell mit Hilfe von Holz, Haaren, Federn, Gips, Latex und Kunststofffolien zu fantastischen Gebilden. Rossells Objekte waren – und sind – oft nach anthroposophischem Vorbild ohne Kanten, in weicher Form gehalten, was die auf den ersten Blick mitunter klobige Anmutung in beinahe filigrane Eleganz münden lässt. 
Wesentliche Ausstellungen, u. a. in Wien, folgten. Und eine Beteiligung an der derzeit laufenden Darwin-Hommage God:The Fossil Record im Stadtmuseum ist inzwischen genauso selbstverständlich wie eine Einladung, im Herbst 2009 einen Teil seiner Werke im Wiener Künstlerhaus zu zeigen.
Rossell ist dankbar dafür: seinem Mentor Joseph Teufl, der ihm sein Atelier in der alten Mirimi-Fabrik in Prinzersdorf kostenlos überlässt. Thomas Pulle, „klar und of course!“, wie Rossell in seiner unnachahmlichen deutsch-englischen Mischung ergänzt. Don Ferguson, der ihm den Kontakt zur St. Pöltner Künstlerszene ermöglicht hat. Und – last but not least – seine Helga, die es immer wieder schafft, „to stop my crazyness, meine Verrücktheiten in Grenzen zu halten.“
Denn Rossell gehört sicher nicht zu den Menschen, die nach einem 9 to 5-Job nach Hause kommen und sich mit einem Bier selbstzufrieden vor die Glotze setzen. Stattdessen stellt er Überlegungen an, was wir wahrnehmen, wenn wir klinisch gestorben sind. Oder welche Erfahrungen der Seele („Of course gibt es die!“) in einem toten Körper zuteil werden.
Rossell, dessen erste Faszination der Architektur und der Spiritualität der großen englischen gotischen Kathedralen gehörte, und auch an Dinge wie Auferstehung glaubt, „allerdings nicht eine rein körperliche, das wäre Bullshit“, geht den Dingen gerne auf den Grund. Weil er das muss.Reich haben ihn seine Zwischenreiche allerdings noch nicht gemacht.
Warum er sich das alles eigentlich antue, fragt er sich manchmal. Und erteilt sich selbst die Antwort: „Love, Liebe.“ Etwas Derartiges zu schaffen wäre halt ein „faszinierender schöpferischer Akt“, oder schlichtweg „fuckin’ great“, um’s auf den Punkt zu bringen. Klar und of course, bleibt da noch anzumerken. Was denn sonst. Alles andere wäre ja Bullshit.