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Hainburg und die Freiheit

Text Stefan Weiss
Ausgabe 11/2014

Vor 25 Jahren fiel der Eiserne Vorhang und mit ihm die befestigte Grenze zur Tschechoslowakei. In Hainburg kam es zum ersten massenhaften Grenzübertritt der slowakischen Bürger. Welche Hoffnungen und Ängste brachte das mit sich? Wie erlebten die Menschen diesen Umbruch? Und wer hat profitiert?

Die Geschichte der Freiheit ist die Geschichte des Widerspruchs.“ Zu dieser Einsicht gelangte einst Woodrow Wilson, jener US-Präsident, in dessen Amtszeit der Erste Weltkrieg tobte. Wilsons nobler Versuch, mit dem Völkerbund von 1920 dauerhaften Frieden in Europa und der Welt herzustellen, scheiterte. Aus dem „Großen Krieg“ ging der Kontinent ideologisch zersplittert hervor. Auf die Frage der Freiheit folgte ein Kampf der Systeme. Dem Faschismus in Teilen Europas stand die kommunistische Sowjetdiktatur gegenüber.
1945 war zwar der Faschismus besiegt, aber die ideologische Spaltung Europas blieb. Auf einer Strecke von 8.500 km, von der Barentsee bis zum Schwarzen Meer, verschwand der Osten Europas hinter einer zur Festung ausgebauten Grenze aus Stacheldraht, Sprengfallen, Wachtürmen und Hochspannungszäunen. Ein großer Teil davon grenzte an Nieder­österreich. Zwischen der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik (CSSR) und Österreichs größtem Bundesland entstand einer der tödlichsten Abschnitte des Eisernen Vorhangs. Rund 730 Menschen ließen an dieser Grenze ihr Leben.

Das andere Hainburg
Am 24. November 1989 erreichte die Wende als einen der letzten Ostblock-Staaten auch die Tschechoslowakei. Den Protestbewegungen gelang das, was zuvor schon in Ungarn, der DDR und Polen erreicht wurde. Die „Samtene Revolution“, wie man die Wende in der Tschechoslowakei später nennen sollte, hatte gesiegt, die kommunistischen Machthaber mussten abdanken. Zum ersten massenhaften Grenzübertritt tschechoslowakischer Bürger sollte es im Dezember bei Hainburg an der Donau kommen. Fünf Jahre zuvor hatte das verschlafene Städtchen an der Grenze zur Slowakei in einem anderen Zusammenhang historische Bedeutung erlangt. Die Hainburger Au-Besetzung markierte einen Wendepunkt der österreichischen Zivilgesellschaft. Nun sollte auch die tschechoslowakische Bevölkerung in der kleinen Grenzstadt ein Zeichen setzen.
Der überraschende Friedensmarsch traf Hainburg völlig unvorbereitet und blieb medial wie politisch weitgehend unbeachtet. Nur an eine Person waren die slowakischen Organisatoren im Vorfeld herangetreten: Den damals 27-jährigen Hainburger Thomas Häringer. In einem Café in Hainburg erzählt Häringer wie es zu dem Ereignis kam: „Mein Vater war Kommunist. Mit ihm reiste ich noch vor der Wende nach Prag. Und offenbar dürfte ich mich dort etwas zu kritisch geäußert haben, weil mich der Geheimdienst gar nicht mehr auslassen wollte. Über Umwege wurde aber auch die slowakische Bürgerbewegung auf mich aufmerksam. Und im November 1989 ist man dann an mich herangetreten.“
Häringer traf sich mit Wortführern der Bewegung „Öffentlichkeit gegen Gewalt“, darunter Jan Budaj, eine Ikone der Samtenen Revolution und Milan Knažko, Schauspieler und späterer Kulturminister der Slowakei. Die Aktivisten offenbarten dem jungen Hainburger ihr Vorhaben, nach einer Demonstration in Bratislava bis nach Hainburg gehen zu wollen, um an der Thebener Überfuhr am Donauufer eine Kundgebung zu veranstalten. Häringer sprach also beim Bürgermeister vor, der ihn, den „Kommunisten-Bua“, überraschenderweise beim Wort nahm, etwas, das Häringer dem Bürgermeister bis heute hoch anrechnet. „Beim nächsten Treffen waren dann schon Leute von den Ministerien und vom Militär dabei“, sagt Häringer. Der zeitgeschichtlichen Dimension sei man sich aber trotzdem nicht ganz bewusst gewesen, meint er weiter. „Es ging eher darum, nur ja keinen diplomatischen Skandal zuzulassen.“ Auch das Risiko etwaiger Ausschreitungen wurde diskutiert. Und hartnäckig hält sich in Hainburg das Gerücht, dass am besagten Tag hunderte Jagdkommando-Soldaten des Bundesheeres im Grenzbereich in Bereitschaft gewesen wären. Bis zuletzt wusste man nämlich auf westlicher Seite nicht, wie die Grenzsoldaten auf den Marsch reagieren würden. Als es am 10. Dezember so weit war, blickten die Hainburger aus sicherer Entfernung mit Ferngläsern auf die Grenze. Doch alles blieb ruhig, es fiel kein Schuss.

Ein Herz aus Stacheldraht
Auch Erna Frank, Hainburgs Stadthistorikerin, erinnert sich an jenen sonnigen Dezembertag, als die Slowaken die Grenze überschritten: „Wir standen bereit, um sie traditionell mit Salz und Brot zu begrüßen. Ich habe noch das Bild eines alten Mannes vor mir, der mir weinend in die Arme fiel.“ Ein paar Paletten Mineralwasser, ein provisorisches WC im Auwald und einen Traktoranhänger für die Tonanlage – mehr hatten die Hainburger Gastgeber zunächst nicht anzubieten. Die Stadt hatte mit ein paar hundert Teilnehmern gerechnet, doch dann waren es plötzlich tausende. Laut Thomas Häringers späteren Schätzungen müssten es zwischen 50.000 und 70.000 gewesen sein. Am Abend schifften Slowaken ein drei Meter hohes Herz aus Stacheldraht ans Hainburger Ufer, um es als Denkmal aufzustellen. Auf slowakischer Seite steht noch immer ein solches Herz. „Bei uns hat es irgendwann das Hochwasser unter sich begraben“, ärgert sich Häringer. Für Erna Frank hat dieses Versinken des Herzes aber auch eine schöne Symbolik: „Das steht jetzt eben für eine überwundene Zeit. Außerdem ist es da ja immer noch irgendwo.“
Eine von den zehntausenden Teilnehmern am Hainburger Friedensfest war Alena Heribanová, damals beliebte Fernsehsprecherin in der Tschechoslowakei, heute Direktorin des Slowakischen Kulturinstituts in Wien. Sie erinnert sich: „Wir erwarteten etwas Neues, ein neues Leben. Für mich gilt das doppelt, denn ich war im vierten Monat schwanger. Wir weinten und haben uns umarmt. Unsere fünfjährige Tochter dachte, es sei jemand gestorben, bis wir ihr erklärten, dass wir einfach glücklich sind.“ „Wirklich stolz“ ist Heribanová heute vor allem auf die „Idee einer sanften Revolution. Es war alles sehr friedlich und die Leute waren glücklich, ohne Ärger. Alle waren für etwas und nicht gegen etwas. Es war ein fantastischer Anfang. Meine Tochter hatte immer gesagt: ‚Stimmt’s Mama? Dort drüben ist Österreich. Dort ist es schöner.’ Und ich antwortete: ‚Ja, ich glaube dort gibt es Freiheit.’ Als dann ein Hainburger meiner Tochter Schokolade geschenkt hat, war das der Moment, an dem wir wussten, dass jetzt alles besser wird, dass das gute Leute sind.“
Und wie blicken die Hainburger heute auf die Grenzöffnung zurück? „Mit gemischten Gefühlen“, meint Häringer, denn verkehrstechnisch sei die Wende eine Zäsur für diese Stadt gewesen. Vor allem ihr mittelalterlicher Kern leide unter der fehlenden Umfahrung. Und während Hainburg vor der Öffnung eine Stadt mit sinkender Bevölkerung war, steigt sie seither ungebremst an. Etwa 1.000 Slowaken leben heute in Hainburg. Tendenz steigend. „Das gefällt vielleicht manchen nicht, aber ich glaube, spätestens in 50 Jahren wird hier slowakisch gesprochen. Denn erstens sind wir überaltert, zweitens viele latent fremdenfeindlich und drittens wandert die ursprüngliche Bevölkerung ab“, sagt Thomas Häringer. Erschreckend findet er diesen Befund aber nicht. Denn Hainburg habe schließlich schon öfter die Sprache gewechselt. „Wir sind ein historischer Schmelztiegel, schau dir den Friedhof an und welche Namen du dort liest! Da ist vieles dabei.“

Erfüllte Hoffnungen?
Für Alena Heribanová haben durch die Öffnung ganz klar beide Seiten profitiert. So wurden etwa sehr bald die ersten grenzüberschreitenden Schüleraustausche ermöglicht. Auch ihre eigenen Kinder gingen in Österreich zur Schule. „Die österreichische Wirtschaft, vor allem die Banken, haben sehr stark profitiert“, meint sie. Und die Slowaken seien etwa für das österreichische Gesundheitssystem sehr wichtig geworden, vom Pflegepersonal bis zu den Ärzten.
Stefan Eminger, Historiker des Niederösterreichischen Landesarchivs, sieht die Ostöffnung mit Blick auf die Grenzregionen differenzierter. Nicht alle Hoffnungen, die man zunächst hegte, hätten sich damals erfüllt, so Eminger. „Die Abwanderungen im Waldviertel und teilweise auch im Weinviertel gehen leider ungebremst weiter.“ Vor allem Jüngere würden stark in die Bezirkszentren oder gleich weiter nach Wien ziehen. Für die Grenzgebiete habe die Ostöffnung zunächst vor allem enorme Kaufkraftabflüsse in die Nachbarstaaten gebracht, so Eminger. Dazu kam, dass neben Großkonzernen vermehrt auch Mittelbetriebe ihre Produktion nach Osten auslagerten. „Die Reallöhne lagen dort 1996 bei 36 Prozent der österreichischen – klar, dass Unternehmen hier nicht lange überlegen“, so der Historiker. Es waren also in erster Linie wirtschaftliche Entwicklungen, die den euphorischen Jubel nach der Ostöffnung, zumindest in der Grenzbevölkerung, erst einmal dämpfen sollten.
„Dazu kam aber noch die innenpolitisch veränderte Situation durch den Erfolg der FPÖ“, so Stefan Eminger. Das sogenannte Anti-Ausländer-Volksbegehren, das 1992 von einer halben Million Menschen unterzeichnet wurde, habe zu einem Klima beigetragen, in dem große Unsicherheit und Ängste wachsen konnten. Auch der EU-Beitritt von 1995 stand vor der Tür. Da die österreichische Politik zunächst den eigenen EU-Beitritt geordnet über die Bühne bringen musste, habe man sich erst ab dem neuen Jahrtausend mit Nachdruck den östlichen Nachbarn zuwenden können, so der Historiker. Erst mit der EU-Osterweiterung 2004, im Zuge derer auch Tschechien und die Slowakei beitraten, wurde eine Trendwende erreicht. Das schlug sich auch in den persönlichen Einstellungen der Menschen nieder, wie eine Langzeitstudie der Gesellschaft für Europapolitik zeigt. Der in den Grenzräumen von Ober- und Niederösterreich durchgeführten Studie zufolge, waren im Jahr 2001 nur 46 Prozent der Befragten der Meinung, dass die Grenzöffnung etwas Positives war – 2011 waren es schon 65 Prozent.
Bei der Frage nach einem Resümee über den Zusammenbruch des Ostblocks verweist Stefan Eminger auf den Historiker Eric Hobsbawm. Folgt man dessen These, so habe sich der Kapitalismus, so lange es die Konkurrenz des Ostblocks gab, eine stärkere soziale Seite leisten müssen und konnte sich nicht so unumschränkt manifestieren, wie er es heute teilweise in seiner neoliberalen Ausformung tut. Die Frage nach der Freiheit, das wusste schon der eingangs zitierte Woodrow Wilson, wird also auch in Zukunft immer wieder aufs Neue gestellt werden müssen. 1989 aber – und das hat die Geschichte gezeigt – hat man sie für den Moment richtig beantwortet.