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KUNSTHALLE KREMS: Arbeit an der Kunstgeschichte

Text Stefan Weiss
Ausgabe 02/2015

Die Kunsthalle Krems feiert ihr 20-jähriges Bestehen. Das einst gewagte Projekt ist heute international renommiert.

Hans-Peter Wipplinger kommt gerade aus Rio. Die Woche in Südamerika merkt man dem Kunsthallen-Direktor noch an, als er sich wieder an seinen Kremser Schreibtisch setzt. Der 47-Jährige wirkt tiefenentspannt, ausgeglichen, aber in der Sache energisch und zielgerichtet. Für das Gespräch nimmt er sich Zeit, spricht mit uns über 20 Jahre Kunsthalle, Vergangenes und Kommendes. „Die Geschichte der Kunsthalle Krems ist eine Geschichte des Erfolges“, schickt der Direktor voraus und hält danach kurz inne. Es ist ein Satz, der auch auf Wipplingers eigene Karriere zutrifft: Der gebürtige Schärdinger gilt als bestens vernetzt, arbeitete unter anderem am New Museum of Contemporary Art in New York, gründete ein Kulturmanagement-Unternehmen und war vier Jahre Direktor des Museums Moderner Kunst in Passau, bevor er zur Kunsthalle Krems stieß. Hier ist er nun in seinem siebenten Jahr und damit längstdienender Direktor in der Geschichte des Hauses. Mit Erfolg.
Über die letzten Jahre hat Wipplinger die Kremser Kunsthalle verstärkt internationalisiert und an die zeitgenössische Kunst herangeführt. Entsprechend sind die Pläne des Ausstellungsmachers auch im Jubiläumsjahr voll nach vorne gerichtet. Die Dienstreise nach Rio de Janeiro etwa, galt dem Brasilianer Ernesto Neto. Der international angesagte Bildhauer, der 2010 im New Yorker Museum of Modern Art ausstellte, wird von Wipplinger im Sommer 2015 nach Krems und damit erstmals nach Österreich geholt. Es sind Vorstöße wie diese, die den Kunststandort Krems in den letzten Jahren zu weltweiter Branchenbekanntheit verhalfen. Dabei beginnt die Erfolgsgeschichte jener malerischen Örtlichkeit zwischen Krems und Stein eigentlich mit einer Sache, die mit hochkulturellem Treiben nur sehr entfernt zu tun hat: Mit Zigaretten.

Mutige Entscheidung
Egal ob Kaiser Franz-Joseph, Sigmund Freud oder Julius Raab – ihr Bezug zu jenem Gebäude, in dem heute die Kunsthalle untergebracht ist, war derselbe und hatte vor allem mit einem Laster zu tun: Dem Zigarren-Paffen. Von der Monarchie bis weit in die Zweite Republik hinein wurden in der Tabakfabrik Krems-Stein in Millionen-Stückzahl Rauchwaren hergestellt. Gebaut wurde die Fabrik 1850. Der Ort in Rufweite zur Donau und Nähe zu Wien erschien geradezu ideal, um den „Wasserkopf“ der Monarchie mit den damals beliebten Virginia-Zigarren zu versorgen. Den Höhepunkt der Produktion erlebte die Fabrik um 1930, in den 1990er-Jahren war Schluss.
Mit dem Niedergang der Tabakerzeugung begann Stück für Stück die kulturelle Erschließung des Areals. Auch die Donauuniversität und das Programmkino im Kesselhaus befinden sich heute zum Teil in den ehemaligen Fabrikgemäuern. Die Errichtung der Kunsthalle ist eng mit der Person Wolfgang Denk verbunden, Künstler, Ausstellungsmacher und Gründungsdirektor des Hauses. „Denk hatte Anfang der 90er-Jahre in der Minoritenkirche ehrgeizige und höchst erfolgreiche Ausstellungen gemacht“, erzählt Hans-Peter Wipplinger. „Dann hat er angeregt, in der alten Tabakfabrik eine fixe Ausstellungshalle zu bauen, was von der Landes- und Stadtpolitik positiv aufgenommen wurde.“ 1994 fiel dann der Entschluss. „Eine mutige Entscheidung der Kulturpolitik“, meint Wipplinger. Den Auftrag dazu erhielt der Salzburger Architekt Adolf Krischanitz, der die alte Bausubstanz aus dem 19. Jahrhundert mit modernen Zubauten versah. Besonders die zentrale Halle mit der Rampe und der Oberlichtsaal machten das Haus zum damals modernsten seiner Art in Österreich. Nicht nur für die Ausstellung klassischer Bilder, sondern auch für installative und videografische Arbeiten seien die Räumlichkeiten heute voll geeignet, also „multimedial bespielbar.“, so Wipplinger.

Fünf Handschriften
Inhaltlich habe jeder der bisher fünf Direktoren dem Haus einen gewissen Stempel aufgedrückt. Wolfgang Denk leitete die Kunsthalle nach ihrer Gründung im Jahr 1995 zwei Jahre lang. Mit der Eröffnungsausstellung „Wasser und Wein“ oder der Schau „Chaos und Wahnsinn“ fokussierte Denk in den ersten Jahren verstärkt auf kulturhistorische Themenausstellungen. Dazu arbeitete er auch mit renommierten Kuratoren wie Werner Hofmann oder Johannes Gachnang zusammen. Sein Nachfolger Carl Aigner, Direktor in den Jahren 1997 bis 2003, richtete den Blick hingegen mehr auf Fotografie. In seiner Zeit zeigte die Kunsthalle aber auch beeindruckende Gemäldeausstellungen wie „Russland. Repin und die Realisten“.
Tayfun Belgin (2003-2008) und Dieter Buchhart (2008-2009) legten ihre Schwerpunkte verstärkt auf die klassische Moderne. Gauguin, Nolde, Jawlensky und Renoir waren in diesen Jahren zu sehen. Hans-Peter Wipplinger übernahm 2009. „Meine Motivation war es, die schon damals national wichtige Einrichtung zu einem international renommierten Ausstellungshaus zu machen.“ Die bis dahin geprägten Identitäts-Aspekte habe er in sein Programm aufgenommen: Sowohl kulturgeschichtliche Themen („Lebenslust und Totentanz“) als auch monografische und retrospektive Ausstellungen (zuletzt: Kiki Kogel­nik, Yoko Ono, Martha Jungwirth und Dominik Steiger) hätten bei ihm ihren festen Platz. Unbekanntere österreichische Positionen zur Moderne seien ihm dabei ein ebenso großes Anliegen wie „etwas zu zeigen, was man in diesem Land noch nicht gesehen hat.“
Mit Kogelnik und Steiger legte man 2014 den Fokus auf Österreich, ins Frühjahr 2015 startet die Kunsthalle mit der Schweizer Video- und Objektkünstlerin Pipilotti Rist, die in Rankings unter die zehn wichtigsten lebenden Künstler der Welt gewählt wurde. „Künstler von diesem Rang sind Multiplikatoren, die haben ihre Netze zu den wichtigsten Häusern der Welt, zu Kuratoren und Sammlern – und das ermöglicht auch uns andere Netzwerke zu kreieren“, so Wipplinger. In internationalen Kunstzeitschriften werde man mittlerweile regelmäßig unter bedeutende europäische Häuser gelistet. Positive Medienresonanzen und international vertriebene Publikationen der Kunsthalle würden stark dazu beitragen. „Es geht eben auch um Arbeit an der Kunstgeschichte“, so Wipplinger.

Der Stolz der Bevölkerung
Seine Stellung unter internationalen Kunstexperten hat Krems also mittlerweile sicher. Aber wie wird das Haus von Besuchern und der Kremser Bevölkerung angenommen? „Mittlerweile sehr gut“, so der Direktor. Besucherzahlen seien aber oft relativ. „Nur weil eine Ausstellung gut besucht ist, heißt das noch nicht, dass sie auch wirklich gut ist. Ich habe eine Dali-Ausstellung gesehen, bestehend aus Druckgrafiken mit 1.000er-Auflage, wo ich mir sicher bin, dass die Hälfte der Blätter gefälscht ist. Und trotzdem laufen die Leute zu Tausenden da rein.“ Noch immer ganz ergriffen zeigt sich Hans-Peter Wipplinger hingegen vom Überraschungserfolg seiner Ausstellung „Paula Modersohn-Becker. Pionierin der Moderne“ aus dem Jahr 2010: „Die kannte in diesem Land zuvor niemand und am Ende mussten wir Kataloge nachdrucken. Die Leute waren einfach berührt vom Werk und Leben der Künstlerin. Zusammen mit guten Rezensionen und Besucherzahlen hat sich da eine Dynamik entwickelt, die man auch als Ausstellungsmacher nicht abschätzen konnte.“
Bei der örtlichen Bevölkerung habe sich außerdem mittlerweile so etwas wie Stolz entwickelt, meint Wipplinger. Das hänge eng mit positiven Medienberichten über das Haus und damit auch über die Stadt Krems zusammen. Kulturstadtrat und Vizebürgermeister Wolfgang Derler schlägt in dieselbe Kerbe: „Die Kunsthalle hebt den Stellenwert von Krems als Kulturstadt enorm und bringt viele Gäste und mediale Aufmerksamkeit.“ Auch die oft negativ gesehene provinzielle Lage sei in Wahrheit eine Stärke: Der Schiffstourismus steigt, Radverkehr boomt und die Nähe zu Wien bringe viele Wochenend- und Tagesausflügler, die Kultur mit einem Naturerlebnis in der Wachau verbinden würden. Trotzdem, so Wipplinger, versuche man mittels Veranstaltungen wie „Die Nacht der Kremser“ oder „Art in our City“ die ansässige Bevölkerung noch stärker ins Museum zu locken. Auch an Schulen in Krems und ganz Niederösterreich wende man sich stark. Dazu braucht es aber „intelligente Vermittlungsstrategien“, so Wipplinger, „denn wenn man Kinder mit falschen Methoden in die Ausstellungen treibt, kann man auch sehr viel zunichte machen.“

Bald zu dritt
Wirtschaftlich habe die Kunsthalle, zumindest unter Wipplingers Direktion, in jedem Jahr positiv bilanziert. Bei rund 50.000 Besuchern jährlich habe man ein vom Land gesichertes Ausstellungsbudget von 700.000 Euro. „Damit kommen wir aus, obwohl andere Häuser in Österreich diesen Betrag alleine fürs Marketing zur Verfügung haben“, so Wipplinger. Als ehemaliger Selbstständiger sei er es aber gewohnt, Bilanzen zu lesen und aufs Geld zu schauen.
Bis 2017 ist geplant, die Gemäldegalerie des Landes Niederösterreich von St. Pölten in die Kunstmeile Krems zu verlegen. Direkt gegenüber von der Kunsthalle soll dazu ein Museumsneubau um etwa 35 Millionen Euro errichtet werden. Der Architektenwettbewerb soll bis März entschieden sein. Wipplinger sieht das Vorhaben positiv: „Die drei großen Häuser der Kunstmeile werden dann sein: Das Karikaturmuseum, die Kunsthalle – die sich wahrscheinlich noch stärker auf Zeitgenössisches spezialisieren wird – und die Landessammlung, die den Fokus auf die Kulturgeschichte des Landes, vom 16. Jahrhundert bis hin zu zeitgenössischen niederösterreichischen Künstlern, haben wird. Drei sehr unterschiedliche Häuser, die sich vom Profil her nicht in die Quere kommen, aber bei bestimmten Dingen gut ergänzen können.“
Den Unmut mancher St. Pöltner über die geplante Verlegung der Galerie teilt Wipplinger nicht: „Man fährt zwischen den Städten gerade einmal 20-25 Minuten mit dem Auto. Ich kann bei diesen kurzen Distanzen die Aufregung nicht verstehen, zumal es ja nicht um ein Auswandern in ein anderes Bundesland geht.“ Außerdem sei die langfristige Strategie, Krems noch mehr als Stadt der bildenden Kunst und St. Pölten mit dem Festspielhaus und Landestheater als Stadt der darstellenden Kunst zu etablieren, sicher die richtige. Es sei eine weise Entscheidung diesen Schritt zu machen, weil man nicht zuletzt auch in ökonomischer Hinsicht Vorteile erwarten könne, meint der Kunsthallen-Direktor.
Einen Ausblick auf die nächsten 20 Jahre will Hans-Peter Wipplinger nicht geben. „Es ist derzeit so vieles im Ungewissen – denken wir an die Ukraine, Eurokrise, Griechenland, Migrationsbewegungen.“ Der Kunstbetrieb sei nun einmal zu abhängig von politischen und wirtschaftlichen Systemen, um Vorhersagen über die Zukunft treffen zu können. Sicher ist für Wipplinger aber, „dass man die Identität der Kultureinrichtungen immer neu anpassen und adaptieren muss, um auf Gegenwartsphänomene reagieren zu können.“ Und dass die Gesellschaft gerade in schwierigeren Zeiten das Ohr weit aufmachen solle, um Künstlern und Querdenkern zuzuhören.