MFG - Das Magazin
St. Pöltens gute Seite

Bissal

Text Tina Reichl
Ausgabe 11/2021

Ich, 9 Jahre, mit einem Gänseblümchen bewaffnet, an meinen ersten Schwarm Michael denkend: „Er liebt mich, von Herzen, mit Schmerzen, a bissal, a wengal, oder gor net!“ Und am Ende fand sich immer noch ein minikleines Blütenblättchen, das zur gewünschten Antwort führte. Bissal ist seitdem zu einem meiner absoluten Lieblingswörter geworden.
Kein Wort drückt auf so liebevolle Weise selbst niederschmetternde Wahrheiten aus. Als ich nämlich einmal meinen Freund Flo mit Iris verkuppeln wollte und ihn nach dem Treffen fragte, wie er sie fand, antwortete er charmant: „Wirklich sehr nett, aber a bissal vü Iris!“
Dieser österreichische Weg, die Dinge nicht beim Namen zu nennen, zieht sich durch alle Bereiche – auch die Intensivstationen waren in den letzten Wochen schon a bissal vü belegt und was mach ma jetzt dagegen? A bissal Lockdown! Aber die Schulen bleiben a bissal offen?
Ich bin ja wirklich gerne Lehrerin! Was ich gerne mache sind Sachen wie unterrichten, mit den Kindern plaudern, singen, turnen, basteln, in die Natur gehen, über ihre Sprüche lachen, ihre Zahnlücken ausgiebig bewundern, Pflaster auf unsichtbare Wunden kleben, Geschichten vorlesen, Sternderl verteilen…
Was ich nicht gerne mache, ist durchgehend durch eine Maske mit ihnen reden, Notfalllisten und Sitzpläne erstellen für Corona-Verdachtsfallmeldungen, Testprotokolle führen, Zeit im Bild schauen und auf Pressekonferenzen warten, Elternfragen beantworten, auf die ich selbst keine Antwort weiß …
Ich geh jetzt mal auf die Suche nach dem letzten Blütenblatt!